mini|hochkant=1.2|Innenraum der Aegidienkirche in Hann. Münden, 2006 entwidmet, seit 2010 Café Aegidius mini|hochkant=1.2|Grundstück der St.-Barbara-Kirche in Goslar-Sudmerberg nach dem Abriss (Oktober 2019)

Eine Kirchenschließung ist das Ende der Nutzung einer Kirche als sakrales Gebäude. Die Aufgabe eines Kirchengebäudes ist in der Regel mit einem gottesdienstlichen Akt verbunden, der in der römisch-katholischen Kirche als Profanierung und in den evangelischen Kirchen als Entwidmung bezeichnet wird. Vor einem Abriss wird häufig nach Umnutzungsmöglichkeiten Ausschau gehalten. Dafür gibt es in den einzelnen Kirchen unterschiedliche Vorschriften und Empfehlungen.

Die Schließung einer Kirche kann verschiedene Gründe haben, so etwa der Umzug in ein anderes Gebäude, Geldmangel auf Grund von rückläufigen Kirchensteuereinnahmen, demographischer Wandel, die Schließung eines Klosters, Umstrukturierungspläne innerhalb eines Bistums oder einer Landeskirche oder der Rückgang der Besucherzahlen von Gottesdiensten. Auch bei großflächigen Umsiedlungen wie der Errichtung von Talsperren und bei der Anlage von Tagebauen kommt es zu Kirchenschließungen. Mitunter erfolgt der Neubau einer Kirche oder Kapelle im Umsiedlungsgebiet.

Historische Kirchenschließungen Temporäre Kirchenschließungen waren insbesondere während der größeren Kriegsereignisse sowie bei Besetzungen und Einquartierungen durch Armeen üblich. Kirchen wurden zu Pferdeställen, Lazaretten und anderem umfunktioniert. Auch die Umwidmungen von Kirchen in der islamischen Episode Europas oder der sozialistischen Zeit wurden mittlerweile größtenteils wieder beendet und erwiesen sich somit als temporär.

Islamische Expansion Die Islamische Expansion bedeutete das Ende der christlichen Herrschaft in Nordafrika, dem vorderen Orient und in Spanien. Im religiösen Bereich waren die Araber anfangs relativ tolerant: Anhänger der Buchreligionen – darunter auch Christen – mussten eine spezielle Kopfsteuer (Dschizya) entrichten, durften ihren Glauben behalten, jedoch nicht in der Öffentlichkeit ausüben und keine Waffen tragen bzw. wurden auch nicht zum Wehrdienst einberufen. Dieser Status wird als Dhimma bezeichnet. Abgesehen von Übergriffen während der Eroberungszüge, kam es erst später (so spürbar im 9. Jahrhundert, wo Kirchen geplündert und zerstört wurden) zu größeren Ausschreitungen von Seiten der Moslems.Vgl. etwa Geschichte des Christentums. Bd. 4: Bischöfe, Mönche und Kaiser (642-1054). Hrsg. von G. Dagron/P. Riché/A. Vauchez. Dt. Ausgabe hrsg. von Egon Boshof. Freiburg u. a. 1994, S. 395f. und S. 430. Ebenso nahm später auch die Steuerbelastung zu. Eine wichtige Quelle für diese Repressionen stellt unter anderem die Chronik des Pseudo-Dionysius von Tell Mahre dar.Zur „Sicht der Besiegten“: Kennedy, The Great Arab Conquests, S. 344ff. Auch wenn Christen geduldet wurden, gingen im Laufe der Jahrhunderte, durch die Nachteile des Bekenntnisses zur christlichen Religion, die weitaus größte Zahl der Kirchengemeinden unter. Die Diözesen wurden zu reinen Titulardiözesen, die Kirchen wurden geschlossen.

Die Kreuzzüge und die Reconquista führten umgekehrt zu einer Reduzierung und Beendigung des islamischen Lebens in den für das Christentum zurückgewonnenen Ländern. Am Beginn der Neuzeit war es die Expansion des Osmanischen Reiches, das zu einer Zurückdrängung des Christentums und damit zu Kirchenschließungen in den eroberten Ländern Europas führte. Zahlreiche Kirchen wurden zu Moscheen umgewandelt, darunter die Hagia Sophia in Istanbul (Türkei, damals Konstantinopel im Byzantinischen Reich), die Sophienkirche in Ohrid (Nordmazedonien) oder die Matthiaskirche in Budapest.Siehe auch Liste von in Moscheen umgewidmeten Kirchengebäuden und Heiligtümern. Umgekehrt wurden aber später auch Moscheen in Kirchen verwandelt. Etwa die Mezquita-Catedral de Córdoba.

Wüstungsperiode Im Spätmittelalter kam es in Mitteleuropa zur sogenannten Wüstungsperiode, einem Prozess, der verschiedene Ursachen hatte, aber insbesondere durch die spätmittelalterliche Agrarkrise, die Pest, Naturkatastrophen und Kriege ausgelöst wurde. Die Sakralbauten der Orte blieben oft unangetastet stehen und waren später die letzten Zeugen der Dörfer. Dangelsdorf (Brandenburg) fiel zum Beispiel im 14. Jahrhundert wüst, wofür sowohl die Pest als auch das katastrophale Magdalenenhochwasser 1342 als Gründe angenommen werden. Die seitdem nicht mehr genutzte Kirche verfiel langsam, hat sich aber bis heute als Ruine erhalten. Im wenige Kilometer südlich zu findenden Schleesen (Sachsen-Anhalt) setzte der Wüstungsprozess im späten 14. Jahrhundert ein; die aufgegebene Kirche steht heute nur noch als Ruine im Wald. Von der Wüstungskirche beim Hof Harmuthshausen oder der Wüstungskirche bei Asche ist nur noch das Fundament vorhanden.

Die Pirkenreuther Kapelle ist das letzte Zeugnis des während der Hussitenkriege im Jahr 1430 zerstörten Dorfes. Sie wurde zunächst erhalten, aber später geschlossen und zum Großteil abgerissen. Leisenberg (Niedersachsen) wurde letztmals 1449 erwähnt und fiel spätestens nach 1460 wüst. Die Pfarrstelle blieb aber zunächst bestehen und erst 1618 entfernte man u. a. die Glocken und Teile des Inventars. Bei einigen Orten wurde die Wüstungskirche zum Gotteshaus eines benachbarten Dorfes, etwa im Fall von Nietleben (Sachsen-Anhalt), wo die westlich vom Ort zu findende Kirche von Granau erst 1886 aufgegeben wurde, nachdem Nietleben einen Kirchneubau erhalten hatte. Die Glocke der Kirche wurde ins Schulhaus von Nietleben überführt, die ehemalige Kirche wurde eine Friedhofskapelle und später eine Gedenkstätte. Die Mehrzahl dieser aufgrund der Entvölkerung aufgegebenen Kirchen ist hingegen nicht mehr erhalten (etwa in Remmigheim oder Vöhingen).

Reformation und Säkularisation mini|Entwidmete Kirche Santa Filomena in Ugento (Italien), heute Sitz der Gemeindeverwaltung

Auch die Reformation führte zu zahlreichen Kirchenschließungen. Mancherorts wurden wie bei den Goslarer Unruhen 1527 Kirchen im Zuge von Aufständen oder Bilderstürmen zerstört. Meistens wurden Kirchen, die für den evangelischen Gottesdienst nicht mehr genutzt werden konnten, geschlossen. Diese betrafen insbesondere Kapellen und Klosterkirchen. Da es häufig mehr Klöster und Kapellen in einer Stadt gab, als Pfarrkirchen gebraucht wurden, wurden die überzähligen Gebäude als Ställe oder Lager verwendet oder auch als Steinbrüche genutzt. So verschwanden in Halle (Saale) Kapellen wie die Martinskapelle, aus deren Steinen die Friedhofsmauern des Stadtgottesackers erbaut wurden, die Michaeliskapelle am Alten Markt, die zum Wohnhaus umgebaut wurde, und die Kapelle St. Mathiae, die als Garküche diente. Andere Kapellen (St. Nikolai, St. Lamperti, St. Andreae) wurden ebenfalls geschlossen, dann aber verkauft und abgebrochen, um Baumaterialien zu liefern.Vgl. Carl Christian Lebrecht Franke: Geschichte der Hallischen Reformation, Halle 1841, S. 226–231. Ähnlich lässt sich das für fast jede evangelisch gewordene Stadt feststellen. Selbst in dem kleinen Harzstädtchen Wippra wurden zwei der drei Sakralbauten geschlossen und umgewandelt.Vgl. Cyriakus Spangenberg: Mansfeldische Chronica: St. Vitus und St. Nikolaus wurden geschlossen. St. Vitus war bis dahin die Stadtkirche, diese wurde nun von der Kapelle St. Marien abgelöst.

mini|Abriss des Hamburger Doms 1806

Ähnliche Folgen zeigt die Säkularisation in Bayern in den Jahren 1802–1803, etwa in Bamberg, wo – ähnlich wie in Halle 300 Jahre zuvor – zahlreiche Kapellen und Klöster geschlossen und verkauft wurden.Vgl. Renate Baumgärtel-Fleischmann: Bamberg wird bayerisch. Die Säkularisation des Hochstifts Bamberg 1802/03, Bamberg 2003. Im Reichsdeputationshauptschluss von 1803 wurden geistliche Territorien und reichsunmittelbare Klöster aufgelöst und den weltlichen Staaten einverleibt. Viele dieser Kirchen und Klöster wurden in den folgenden Jahren abgerissen, darunter der Hamburger Dom.

Kriege Temporäre Kirchenschließungen sind in den Kriegsgebieten immer wieder zu beobachten. So wurde im Siebenjährigen Krieg die Liebfrauenkirche in Frankenberg im Jahr 1759 zum LazarettKarl-Hermann Völker: Schlachtfeld und Lazarett. Im Siebenjährigen Krieg wäre das gotische Gotteshaus fast zerstört worden, in: Hessische/Niedersächsische Allgemeine am 25. Februar 2011, abgerufen am 28. September 2016. oder die Abtei Marienmünster im Jahr 1761 zum Pferdestall. Ähnliche Vorgänge sind auch aus dem Dreißigjährigen Krieg bekannt.Beispielsweise von der Kirche Bartow im Jahr 1726 oder der Stadtkirche „Zur Gotteshilfe“ in Waltershausen.

Während der Franzosenzeit wurden viele Kirchen in den französisch besetzten Gebieten kurzfristig oder auch über mehrere Jahre hinweg zweckentfremdet als Pferdeställe, Munitionslager oder Lazerette. In Hamburg wurde der Pesthof vor der Stadt samt Kirche niedergebrannt, um ein freies Schussfeld zu erhalten. Im Zusammenhang mit der Völkerschlacht bei Leipzig im Jahr 1813 wurde das nahgelegene Halle (Saale) zu einer Lazarettstadt und unter anderem wurden alle Kirchen (außer St. Ulrich) zu Lazaretten umgewandelt.Werner Gottschalk: Halle im Jahr der Völkerschlacht 1813 (2. Teil), in: Ekkehard N.F. 13 (2006) 2, S. 33–50, hier S. 36–39. Fotos von Kirchen, die im Ersten Weltkrieg als Krankensäle genutzt wurden, gibt es zum Beispiel aus Montcornet, Chambley oder Frankfurt-Sachsenhausen.Da solche Bilder oft nur temporär im Internet verfügbar sind, sei nur auf das Bild aus verwiesen. Ein Bild mit Bericht gibt es von der Lukaskirche in Frankfurt-Sachsenhausen von der Frankfurter Rundschau: .

Sozialistische Staaten Die Verfolgung der Religionsgemeinschaften in der Sowjetunion, dem Ostblock und den anderen sozialistischen Staaten führte zu einer hohen Zahl an erzwungenen Kirchenschließungen. Trotz Unterstützung aus dem „freien Westen“ wie der Ostpriesterhilfe war es oft nicht möglich, die Kirchengemeinden zu erhalten.

In Russland hatte der Zar besonders großen Einfluss auf die Kirche genommen, da diese ihm seit Peter dem Großen unterstellt war. Nach der Oktoberrevolution wuchs der antireligiöse Druck in der Sowjetunion, denn die Russisch-Orthodoxe Kirche wurde als Verbündeter des alten Systems angesehen, so dass es nicht nur zu vereinzelten Kirchenschließungen kam, sondern zu groß angelegten Aktionen. Mitte der 1920er Jahre formierte sich eine Gruppierung unter Jemeljan Michailowitsch Jaroslawski, aus der schließlich der Verband der kämpfenden Gottlosen wurde, der großen Einfluss besaß. Dieser sah in der Schließung der Kirchen einen der wesentlichen Aspekte des Kampfes gegen die „Ausbeuterklassen“ und verbreitete antireligiöse Propaganda. Ende der 1920er Jahre begannen die Massenschließungen.

Vor der Oktoberrevolution besaß die Russisch-Orthodoxe Kirche im Jahr 1914 54.174 Kirchen und 25.593 Kapellen sowie 1.025 Klöster. Im Jahr 1928 waren es noch über 30.000 Gemeinden, den abgespalteten Erneuerungsbewegungen gehörten noch ca. 9.000 Gemeinden an. Damit ist ein deutlicher Rückgang erkennbar, der zirka 30 Prozent betrug. Allein im Jahr 1928 wurden 534 Kirchen geschlossen, 1929 weitere 1119. In Moskau gab es ursprünglich zirka 500 Kirchen, 1930 noch 224, 1932 nur noch 87. Der Verband der kämpfenden Gottlosen verfolgte intern ab 1932 den Gottlosen Fünfjahresplan (), der seit 1929 diskutiert wurde. Er sah unter anderem vor, dass bis 1936 die restlichen Gotteshäuser der Sowjetunion geschlossen sein sollten. Jaroslawski hatte bereits 1930 in einem Arbeitsbericht (О пятилетнем плане работы безбожников, ) geschrieben, dass die „Liquidierung … eines bedeutenden Teils der Kirchen“ angestrebt werden müsse.