miniatur|hochkant|Friedrich Hölderlin um 1797. Kennzeichnend der hochgestellte Rockkragen und das modisch kurzgeschnittene, in die Stirn fallende HaarAdolf Beck und Paul Raabe: Hölderlin. Eine Chronik in Text und Bild. Insel-Verlag, Frankfurt am Main 1970, S. 381. Der Winkel von Hahrdt ist ein Gedicht von Friedrich Hölderlin. Es ist das letzte von neun Gedichten eines Zyklus, den Hölderlin brieflich als Nachtgesänge bezeichnet hat.

Entstehung und Überlieferung Der Keim des Gedichts entstand in Hölderlins früher Jugend. Sein späterer Herausgeber Christoph Theodor Schwab (1821–1883) berichtet 1846:Christoph Theodor Schwab (Hrsg.): Friedrich Hölderlin’s sämmtliche Werke. Zweiter Band. J. G. Cotta’scher Verlag, Stuttgart/Tübingen 1846, S. 267. „In der Felsenspalte bei dem benachbarten, durch Wilh. Hauffs Pfeifer bekannt gewordenen Dörfchen Hart, wo einst Herzog Ulrich von Württemberg sich vor den Spähern des schwäbischen Bundes geborgen, las er dem zärtlich geliebten Halbbruder manchmal begeistert aus Klopstocks Hermannsschlacht vor und dem ‚Winkel von Hart‘ war auch eines seiner ersten Gedichte gewidmet, das jedoch mit vielen andern durch die Nachlässigkeit eines Freundes verloren gegangen seyn soll.“ An diese Ausflüge mit dem jüngeren Halbbruder Karl Gok erinnerte sich Hölderlin im August und September 1796 auf einer Reise mit der Familie Susette Gontards, seiner Diotima, nach Bad Driburg, nah dem vermuteten Ort der „Hermannsschlacht“ im Teutoburger Wald. Am 15. Oktober 1796 schrieb er an Karl Gok:Stuttgarter Ausgabe Band 6,1, S. 217. „Was Dich besonders freuen wird, ist, daß ich sagen kann, daß wir wahrscheinlich nur eine halbe Stunde von dem Thale wohnten, wo Hermann die Legionen des Varus schlug. Ich dachte, wie ich an dieser Stelle stand, an den schönen Maitagnachmittag, wo wir im Walde bei Hahrd bei einem Kruge Obstwein auf dem Felsen die Hermannsschlacht zusammen lasen. Das waren doch immer goldne Spaziergänge, Lieber, Treuer“.

Das im Gegensatz zu jenem frühen überlieferte Gedicht entstand dann spätestens Anfang 1804. Eine Handschrift ist nicht bekannt. Der erste Textzeuge ist der Druck der Nachtgesänge im Taschenbuch für das Jahr 1805. Der Liebe und Freundschaft gewidmet des Frankfurter Verlegers Friedrich Wilmans. Im Taschenbuch sind die Gedichte allerdings nicht Nachtgesänge, sondern einfach „Gedichte. Von Fr. Hölderlin“ überschrieben. Der Winkel von Hahrdt ist das letzte der neun. Das nächste Mal wurde es wie alle Nachtgesänge 1846 in Christoph Theodor Schwabs „Friedrich Hölderlin’s sämmtliche Werke“ gedruckt, und zwar im zweiten Band in einer Abteilung „Gedichte aus der Zeit des Irrsinns“,Christoph Theodor Schwab (Hrsg.): Friedrich Hölderlin’s sämmtliche Werke. Zweiter Band. J. G. Cotta’scher Verlag, Stuttgart/Tübingen 1846. dann wieder in der Propyläen-Ausgabe von Norbert von Hellingrath, Friedrich Seebaß (1887–1963) und Ludwig von Pigenot (1891–1976).

Text Der folgende Text ist der historisch-kritischen Stuttgarter Ausgabe von Friedrich Beissner, Adolf Beck und Ute Oelmann (* 1949) entnommen. Er weicht vom Taschenbuch ab, weil Beissner Hölderlins originale Schreibweise zu rekonstruieren versuchte. Beissner druckte deshalb „nemlich“ und „Schicksaal“ statt wie das Taschenbuch „nämlich“ und „Schicksal“ und setzte hinter „Nicht gar unmündig“ einen Punkt. Die neueren „Leseausgaben“ von Jochen Schmidt und Michael Knaupp bieten wieder (minimal) andere Versionen.

Der Winkel von Hahrdt

Hinunter sinket der Wald, Und Knospen ähnlich, hängen Einwärts die Blätter, denen Blüht unten auf ein Grund, 5Nicht gar unmündig Da nemlich ist Ulrich Gegangen; oft sinnt, über den Fußtritt, Ein groß Schicksaal Bereit, an übrigem Orte.

Württembergische Geschichte, Ort und Sage

Die Eigennamen „Hahrdt“ und „Ulrich“ erschließen nur einem mit der württembergischen Geschichte Vertrauten das Äußere des Gedichts. Im Jahr 1519 vertrieb der Schwäbische Bund den Herzog Ulrich von Württemberg. Ulrich wurde verbannt und Württemberg dem Haus Habsburg unterstellt. 1534 erhielt Ulrich sein Herzogsamt zurück. Gleich darauf führte er in Württemberg die Reformation ein. Auf der Flucht 1519 war er durch „Hahrdt“ gekommen, heute „Hardt“ geschrieben und Stadtteil von Nürtingen. Auf der Gemarkung des Dorfs liegen nördlich des Flüsschens Aich Felsen aus Rhätsandstein über Knollenmergel, auf dem sie langsam zu Tal gleiten. Ein großer Klotz trägt den Namen Ulrichstein. In seiner Nähe wurde bis Mitte des 20. Jahrhunderts der Rhätsandstein abgebaut.Hans Schwenkel (Hrsg.): Hardt. In: Heimatbuch des Kreises Nürtingen Band II, S. 318–327. Kreisverband Nürtingen 1953. Die Sage, wie der Ulrichstein zum „Winkel“, Schlupfwinkel Herzog Ulrichs wurde, hat 1787 ein Oberensinger Pfarrer festgehalten:Nach Wagner-Gnan 2007. „<...> die Ulrichs-Höhle, oder der hohle Stein, ein waldichter Grund, wenige Schritte hinter Hardt, westwärts gegen Grötzingen gelegen. Herzog Ulrich verbarg sich daselbst einige Tage auf der Flucht, und wurde von 4 Hardter Bürgern (aus so vielen bestand der ganze Hof damals) mit Lebensmitteln erhalten; er bot ihnen dafür eine Gnadenbezeugung an.“

Gustav Schwab gestaltete die Sage 1815 zu der Ballade Der Hohlenstein in Schwaben. Die Verbannung wird darin zu einer Zeit der Läuterung, in der sich Ulrich nach einer maßlosen, unbeherrschten Jugend zu einem guten Fürsten wandelt. Wilhelm Hauffs Roman von 1826 Lichtenstein fügte den „Pfeifer von Hardt“ hinzu, der Ulrich in allen Gefahren treu zur Seite steht. In einer Sagensammlung von 1926 schließlich spinnt eine Spinne ihr Netz über Ulrichs Versteck und rettet ihm so das Leben.Wagner-Gnan 2007. „Die moderne Geschichtsschreibung <...> vermeidet jegliche Verherrlichung Ulrichs, und zeichnet das bedrückende Portrait eines jähzornigen Machtmenschen, der allerdings nicht frei von Charisma war.“Gehrmann 2009, S. 120–121.

Interpretation Abgesehen von den Kommentaren der Gesamtausgaben der Gedichte – grundlegend Friedrich Beissner – ist Der Winkel von Hahrdt von Wolfgang Binder und später Martin Anderle, Michael Gehrmann, Christine Ivanovic, Karl Maurer, Peter Härtling und Angela Wagner-Gnan interpretiert worden. Kenntnisse von Geschichte, Ort und Sage, schreibt Binder, „beseitigen die äußere Dunkelheit des Gedichts, aber die eigentümliche Faszination seiner Verse verstärken sie eher“.Binder 1970, S. 351–352.

Wie die in den Nachtgesängen vorangehenden Gedichte Hälfte des Lebens und Lebensalter und im Gegensatz zu den ersten sechs Gedichten, die Oden sind, ist Der Winkel von Hahrdt in einem freien Rhythmus geschrieben. Das Gedicht gliedert sich in zwei Teile von je vier Versen (1–4 und 6–9), dazwischen der Mittelvers 5. Dessen Nachbarverse 4 und 6, die als einzige im Gedicht sechs Silben zählen, heben ihn rahmend hervor.Gehrmann 2009, S. 119. Die ersten vier Verse geben ein Naturbild, die letzten vier eine Reflexion. Darin entspricht Der Winkel von Hahrdt der viel bekannteren Hälfte des Lebens, wo aber das Naturbild der ersten Hälfte von der Reflexion der zweiten Hälfte nicht durch einen Mittelvers getrennt (oder mit der Reflexion der zweiten Hälfte nicht durch einen Mittelvers verbunden) ist.Ivanovic 2009, S. 3.

Die ersten vier Verse zeichnen nach Binder und den späteren Interpreten ein Herbstbild. Der heruntersinkende Wald meine das fallende Laub, die noch nicht abgefallenen Blätter hängen nach dem ersten Frost geschrumpft „einwärts“, der Boden blühe im Rot des Herbstlaubs. Doch trage dieser Herbst auch Züge des Frühlings, auf den die „Knospen“ und das „Blüht“ verweisen, „ein sehr Hölderlinscher Gedanke“.Binder zitiert Hölderlins Hyperion: „Ein Bruder des Frühlings war uns der Herbst, voll milden Feuers, eine Festzeit für die Erinnerung an Leiden und vergangne Freuden der Liebe. Die welkenden Blätter trugen die Farbe des Abendroths.“ Stuttgarter Ausgabe Band 3, S. 93. Der Herbst nehme die Farbe des Frühlings an wie das Abendrot die des Morgens. Er sei eine Zeit der Erinnerung, und um Erinnerung gehe es in dem Gedicht.Binder 1970, S. 352.

Zur Mittelzeile „Nicht gar unmündig.“, deren Punkt von ihm stammt, schreibt Beissner, der Vers beschließe das Landschaftsbild und leite zugleich, wie ein Doppelpunkt, zur „Deutung des sich hier aussprechenden ‚Schicksaals‘“ über. „Deswegen ist der ‚Grund‘ des Aichtals, durch das der Herzog über Nürtingen und Güterstein auf die Alb floh, nicht ganz ‚unmündig‘: er weiß etwas zu erzählen, obgleich er so unscheinbar sich darstellt.“ Binder ergänzt, Hölderlin meine mit „nicht unmündig“ wohl „nicht sprachlos“, doch gebe auch die etymologisch richtige Bedeutung „nicht schutzbedürftig, also selbständig“ einen guten Sinn. Seine Geschichte verleihe dem Ort „ein Selbstsein, das ihn vom bloßen Naturort unterscheidet.“Binder 1970, S. 352.

Der „Grund“ erzählt vom Schicksal Herzog Ulrichs, zu dessen „Fußtritt“ (Vers 7) der Volksmund eine Vertiefung im Fels des Ulrichsteins gemacht hat.Binder 1970, S. 351. Doch fehlen alle Ausschmückungen der Sage. Das „Schicksaal“ wird in der zweiten Gedichthälfte selbst Subjekt, „verselbständigt sich“:Härtling 1977. „oft sinnt <...> Ein groß Schicksaal“. Es sinnt, und der Dichter und der Leser sinnen mit ihm,Anderle 1986, S. 40. über die Schicksale von Menschen und Ereignissen. Zunächst ist nach Christine Ivanovic „der im Gedicht erinnerte Ort für Hölderlin noch mit einem anderen, für die deutsche Geschichte weitaus bedeutenderen historischen Ereignis verbunden, dessen einstiger Vermittler ihm Klopstock gewesen war: die Hermannsschlacht.“ Jedoch greift die Reflexion weiter: „Über das in der Perspektive Hölderlins an diesen Ort geknüpfte Paradigma der Hermannsschlacht tritt zugleich mit dem vergangenen Schicksal des Herzogs Ulrich in potenzierter Weise die Idee des Vaterländischen hervor.“Ivanovic 2009, S. 6–7. Hölderlin rang in diesen Jahren um eine Gesamtdeutung der Geschichte. Die Kultur war ihm von Ost nach West, von Kleinasien über Griechenland nach Rom und schließlich über die Alpen gewandert, um hier, in „Hesperien“Das Wort leitet sich von den Hesperiden ab, die in ihrem Garten im fernsten Westen einen Baum mit goldenen Äpfeln bewachten. Hölderlin meinte damit etwa in Brod und Wein Vers 150 – „Siehe! wir sind es, wir, Frucht von Hesperien ists!“ – das außergriechische Abendland, besonders Deutschland. Griechenland bezeichnete für ihn den vergangenen, Hesperien den künftigen Göttertag des Abendlandes. Stuttgarter Ausgabe Band 2, 2, S. 619–620. – so seine Hoffnung – in einem neuen Göttertag zu kulminieren. In den Vaterländischen Gesängen sprach er diese Geschichtssicht feierlich, begeistert, in den Nachtgesängen still, melancholisch aus. Das „groß Schicksaal“ sinnt – und liegt bereit – „an übrigem Ort“, irgendwo schlechthin, an einem unscheinbaren Ort, an dem sich gleichwohl ein „groß Schicksaal“ ereignen kann.

„Jetzt versteht man den Sinn des Herbstbildes: Wie der Herbst an den Frühling erinnert und seine Wiederkehr verheißt, so erinnert sich das große Schicksal eines andern vor ihm und erhofft beider Erfüllung in einem künftigen Vaterland.“Binder 1970, S. 353. Binder schließt:Binder 1970, S. 361. „Bereit zu sein und sich fürs Kommen des Morgens offen zu halten, ist das Äußerste, wozu ‚Nachtgesänge‘ zuletzt gelangen können.“ Ivanovic begleitet den „Winkel“ in die Gegenwart:Ivanovic 2009, S. 15. „Gut zweihundertfünfzig Jahre nachdem der Herzog von Württemberg in der Felsspalte Unterschlupf gefunden hatte, sinnt Hölderlins Gedicht dessen ‚Fußtritt‘ nach; noch einmal zweihundert Jahre später ist das ursprüngliche Aussehen nur noch zu erahnen: Der weiche Boden hat den Felsen einstürzen lassen, die Spuren verschüttet. Was aber bleibt, ist das Gedicht, ‚[b]ereit, an übrigem Orte‘.“

„Editorenkrieg“