mini|Margot Käßmann auf der Frankfurter Buchmesse 2023

Margot Käßmann (* 3. Juni 1958 als Margot-Renate Schulze in Marburg an der Lahn) ist eine deutsche evangelisch-lutherische Pfarrerin, die verschiedene kirchliche Leitungsämter innehatte. Sie war Mitglied im Exekutivausschuss des ÖRK, Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentags (DEKT), Präsidentin der Zentralstelle für Recht und Schutz der Kriegsdienstverweigerer aus Gewissensgründen, Landesbischöfin für die Evangelisch-lutherische Landeskirche Hannovers, Ratsvorsitzende der EKD und EKD-Botschafterin für das Reformationsjubiläum 2017.

Herkunft, Ausbildung, Familie Margot Käßmann wurde als jüngstes von vier Kindern der Krankenpflegerin Gertraut Schulze und des Kraftfahrzeugmechanikers Robert Schulze geboren.Uwe Birnstein: Margot Käßmann, München 2018, S. 18 Sie wuchs in Stadtallendorf auf und erwarb 1977 an der Elisabethschule Marburg ihr Abitur.Uwe Birnstein: Margot Käßmann, München 2018, S. 58 Bis 1983 studierte sie dann Evangelische Theologie an der Eberhard Karls Universität Tübingen, der University of Edinburgh, der Georg-August-Universität Göttingen und der Philipps-Universität Marburg mit einem Stipendium des Evangelischen Studienwerks Villigst. 1978 nahm sie an mehrwöchigen archäologischen Ausgrabungen in Israel teil.Uwe Birnstein: Margot Käßmann, München 2018, S. 63

1981 heiratete sie ihren Mitstudenten Eckhard Käßmann.Uwe Birnstein: Margot Käßmann, München 2018, S. 81 Nach dem zweijährigen Vikariat in Wolfhagen bei KasselUwe Birnstein: Margot Käßmann, München 2018, S. 97ff. wurde sie 1985 zum Pfarramt ordiniert und teilte sich mit ihrem Mann bis 1990 eine Pfarrstelle in Frielendorf und Spieskappel im Schwalm-Eder-Kreis.Uwe Birnstein: Margot Käßmann, München 2018, S. 110 1989 erhielt sie mit der Arbeit „Armut und Reichtum als Anfrage an die Einheit der Kirche“ die Promotion. Ihr Doktorvater an der Ruhr-Universität Bochum war der spätere ÖRK-Generalsekretär Konrad Raiser.Uwe Birnstein: Margot Käßmann, München 2018, S. 105

Aus ihrer Ehe gingen vier Töchter hervor. 2006 gab Käßmann eine Erkrankung an Brustkrebs bekannt und ließ ihr damaliges Bischofsamt zwei Monate lang ruhen.Uwe Birnstein: Margot Käßmann, München 2018, S. 183 2007 ließ sie sich von ihrem Mann scheiden.Uwe Birnstein: Margot Käßmann, München 2018, S. 189 Sie informierte die Pastoren und Führungsgremien ihrer Kirche vorab darüber und konnte ihre Ämter behalten, ebenso ihr Mann sein Pfarramt.Uwe Birnstein: Margot Käßmann, München 2018, S. 186; Evangelischer Pressedienst, 16. Mai 2007 2009 erklärte Käßmann, ihre Krebserkrankung habe ihr den Mut zum Eingeständnis ihrer gescheiterten Ehe und zur Scheidung gegeben.

2014 wurde Käßmanns Jugendliebe Andreas Helm ihr neuer Partner. Er brachte ebenfalls vier Kinder in die Partnerschaft mit. Gemeinsam verfassten sie das Buch Mit mutigem Schritt zurück zum Glück (erschienen 2021) über ihre Beziehung.SWR1 Leute mit Margot Käßmann und Andreas Helm. SWR, 22. Oktober 2021

Kirchliche Ämter ÖRK-Mitglied (1983–2002) Als Jugenddelegierte der Landeskirche Kurhessen-Waldeck wurde Käßmann 1983 in Vancouver (Kanada) als jüngstes Mitglied in den Zentralausschuss des ÖRK gewählt, dem sie bis 2002 angehörte. Von 1991 bis 1998 gehörte sie zum Exekutivausschuss des ÖRK.Uwe Birnstein: Margot Käßmann, München 2018, S. 120

1990 wurde sie Beauftragte für den Entwicklungsdienst ihrer Landeskirche. Von 1990 bis 1992 hatte sie mehrere Lehraufträge zur Ökumene an der Kirchlichen Hochschule Leipzig und der Philipps-Universität in Marburg. Von 1992 bis 1994 war sie Studienleiterin an der Evangelischen Akademie in Hofgeismar.Uwe Birnstein: Margot Käßmann, München 2018, S. 122

Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentags (1994–1999) Von 1994 bis 1999 war Käßmann Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentages, der in Fulda sein zentrales Büro hat. Als erste Frau in diesem Amt folgte sie dem zum Landesbischof der Evangelisch-lutherischen Landeskirche in Braunschweig gewählten Christian Krause; sie hatte ihrerseits zwei weibliche Amtsnachfolger.Pressemitteilung der EKD, 24. März 2006: Neue Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentages In ihre Amtszeit fielen drei Kirchentage (1995, 1997 und 1999).mini|Margot Käßmann, Reformationstag, Straßburg, 31. Oktober 2015

Landesbischöfin (1999–2010) 1999 wurde Käßmann zur Bischöfin der Landeskirche Hannovers – der mit über drei Millionen Mitgliedern größten Kirche in der EKD – gewählt.Erstmals Frau an der Spitze der EKD. Käßmann zur neuen EKD-Ratsvorsitzenden gewählt. EKD, 28. Oktober 2009 Themenschwerpunkte ihres Bischofsamtes waren die Ökumene, Strukturveränderungen in der EKD, Kinder, Erziehung und Bildung, Frauen, Familien, Sterbebegleitung, Behindertenförderung, Kirchenasyl, Reich und Arm, Krieg und Frieden und andere. Als Landesbischöfin hatte Käßmann den Vorsitz im Landeskirchenamt, im Bischofsrat und im Kirchensenat inne.

Von 2001 bis 2004 gehörte sie dem Rat für Nachhaltige Entwicklung an, der die deutsche Bundesregierung in Fragen der Nachhaltigkeit berät sowie mit Beiträgen und Projekten zur Weiterentwicklung der Nachhaltigkeitsstrategie beiträgt und den gesellschaftlichen Dialog darüber fördert.Ralf Tils: Politische Strategieanalyse. Konzeptionelle Grundlagen und Anwendung in der Umwelt- und Nachhaltigkeitspolitik. Springer VS, Wiesbaden 2005, ISBN 3-531-14461-8, S. 214–216

Als Landesbischöfin war Käßmann auch Autorin der Göttinger Predigten im Internet. Ab 2002 war sie zudem Präsidentin der Zentralstelle für Recht und Schutz der Kriegsdienstverweigerer aus Gewissensgründen und führte diese bis Ende 2014, als die Stelle sich auflöste.Der Vorstand der Zentralstelle KDV. zentralstelle-kdv.de, 31. Dezember 2014 (Archivlink)

mini|Bischöfin Margot Käßmann beim Deutschen Evangelischen Kirchentag (hier 2009 in Bremen).

EKD-Ratsvorsitzende (2009–2010) Am 28. Oktober 2009 wurde Käßmann als Nachfolgerin von Wolfgang Huber zur neuen Ratsvorsitzenden der EKD gewählt.Peter Wensierski: Evangelische Kirche: Käßmann ist neue Chefin der deutschen Protestanten. Spiegel, 28. Oktober 2009; Thomas Klug: 28.10.2009 - Margot Käßmann wird EKD-Ratsvorsitzende. ZeitZeichen (Hörfunksendung), 28. Oktober 2014 (Podcast) Die Russisch-Orthodoxe Kirche, die keine Priesterweihe und Führungsrolle von Frauen erlaubt, stellte daraufhin die Fortsetzung ihres seit 1959 geführten Dialoges mit der EKD in Frage. Dies sahen russische Menschenrechtler wie Lew Ponomarjow als Zeichen für ideologische Radikalisierung und Abkopplung von westlicher Modernität an. Während Käßmann dafür warb, unterschiedliche Amtsverständnisse gegenseitig zu respektieren, nannte der Chefsekretär der evangelisch-lutherischen Kirche Russlands die Wahl Käßmanns ein „Krisenzeichen in der westlichen Gesellschaft“.Käßmann-Wahl: Russisch-Orthodoxe beenden Dialog mit evangelischer Kirche. Spiegel, 12. November 2009

Rücktritt Am 20. Februar 2010 gegen 23:00 Uhr fuhr Käßmann nach einem Kinobesuch in Hannover mit ihrem Dienstwagen nach Hause und bog bei einer auf Rot umspringenden Ampel nach rechts ab. Ein Polizist folgte ihr und stellte eine Blutalkoholkonzentration von 1,1 Promille bei ihr fest.Uwe Birnstein: Margot Käßmann, München 2018, S. 210f. Die spätere Blutprobe ergab nach Angaben eines Polizeisprechers 1,54 Promille.Alkohol am Steuer - Polizei stoppt Bischöfin Käßmann. EKD, 23. Februar 2010 Sie musste ihren Führerschein abgeben. Am Folgetag informierte sie die EKD-Gremien darüber und erklärte öffentlich: Sie sei erschrocken über ihren „schlimmen Fehler“. Ihr sei bewusst, dass Alkohol am Steuer „gefährlich und unverantwortlich“ sei.

Am 24. Februar 2010 sprach der Rat der EKD Käßmann einstimmig sein Vertrauen aus und sicherte ihr seinen vollen Rückhalt zu, falls sie sich für den Verbleib im Amt entscheide.Rat der EKD spricht Margot Käßmann sein Vertrauen aus. EKD.de, 24. Februar 2010 Innerkirchliche Gegner wie Ulrich Rüß warnten vor negativen Folgen ihres Verbleibens.Joachim Frank: Käßmanns Kritiker – Krokodilstränen in Strömen. Frankfurter Rundschau (FR), 24. Februar 2010 (Archivlink)

Am 25. Februar 2010 trat Käßmann von Bischofsamt und Ratsvorsitz zurück: Ihr Fehler habe ihre Führungsämter beschädigt, und sie könne diese künftig nicht mit der notwendigen Autorität ausüben. Sie wolle in der ihr eigenen Geradlinigkeit frei bleiben. Sie bleibe Pastorin der Hannoverschen Landeskirche.Erklärung der Vorsitzenden des Rates der EKD, Landesbischöfin Dr. Margot Käßmann. EKD, 24. Februar 2010 Die am 23. März 2010 verfügte Geldstrafe wegen fahrlässiger Trunkenheit im Verkehr bezahlte sie sofort und verzichtete auf Rechtsmittel. Ihre Fahrerlaubnis blieb neun Monate entzogen.Uwe Birnstein: Margot Käßmann, München 2018, S. 220 Ihr damaliger Stellvertreter Nikolaus Schneider übernahm den EKD-Ratsvorsitz, der Lüneburger Landessuperintendent Hans-Hermann Jantzen übernahm das Bischofsamt.Schneider tritt Käßmann-Nachfolge an EKD-Spitze an. Hannoversche Allgemeine Zeitung (HAZ), 8. November 2010

Medienkommentare begrüßten Käßmanns Rücktritt teils als folgerichtig oder vorbildlich, andere bedauerten ihn als unnötig. Laut Marc Polednik und Karin Rieppel benutzten meist männliche Kommentatoren die Alkoholfahrt zur „perfekten Skandalisierung“, um Käßmanns Überforderung in ihren Leitungsämtern, Doppelmoral und ethische Unglaubwürdigkeit nahezulegen. Mit dem raschen Rücktritt und Fehlereingeständnis habe sie den Schaden begrenzt, ihre Beliebtheit bewahrt und ihre Rehabilitation ermöglicht. Sie sei daraufhin unfreiwillig zur „Rücktrittsikone“ stilisiert worden. Dies unterscheide den Vorgang von anderen Skandalen in Deutschland.Marc Polednik, Karin Rieppel: Die dunkle Nacht der Bischöfin In: Marc Polednik, Karin Rieppel: Gefallene Sterne, Stuttgart 2011, S. 18–31; Zitat S. 27

Tätigkeiten seit 2010 mini|2015 in der Marktkirche von Hannover beim Signieren des gemeinsam mit Konstantin Wecker vorgestellten Buches Entrüstet Euch!

Margot Käßmann trat im Mai 2010 als Referentin beim Ökumenischen Kirchentag in München erstmals nach ihrem Rücktritt wieder öffentlich auf.Frank Vollmer: Kirchentag feiert Käßmann. Rheinische Post, 14. Mai 2010 Eine erneute Kandidatur zur Landesbischöfin, die eine Initiative aus der Hannoverschen Landeskirche wünschte, schloss sie Anfang Juni 2010 definitiv aus.Margot Käßmann: Es bleibt beim Rücktritt. Focus, 2. Juni 2010

Von Ende August bis Dezember 2010 war sie Gastdozentin an der von Methodisten gegründeten Emory University in Atlanta, Georgia.Joachim Frank: „Jetzt bin ich erst mal weg“. FR, 3. Februar 2019 Von Januar 2011 bis März 2012 war sie Gastprofessorin an der Ruhr-Universität Bochum für Ökumene und Sozialethik („Max-Imdahl-Gastprofessur“).Andreas Platthaus: Der Name zählt: Ikone Käßmann. FAZ, 4. August 2010

Käßmann war von 2005 bis 2018 Mitherausgeberin und Kolumnistin des evangelischen Monatsmagazins Chrismon.Christof Vetter: Rat der EKD beruft Margot Käßmann in Herausgeberkreis „chrismon“. EKD, 4. Oktober 2005 In diesem Amt traf sie unter anderen den Fußballnationalspieler Philipp Lahm und setzte sich für stärkere Bezüge der EKD zum Sport ein.Susanne Oswald: Margot Käßmann: Kleine Anekdoten, München 2016, S. 36 Ab April 2019 startete Käßmann ihre eigene Monatszeitschrift Mitten im Leben.Die Theologin und Bestsellerautorin Margot Käßmann startet im April eine eigene Monatszeitschrift mit dem Titel "Mitten im Leben". Chrismon Nachrichten, 1. März 2019

Am 8. Juli 2011 stellte die EKD Käßmann als „Botschafterin des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland für das Reformationsjubiläum 2017“ vor und benannte besonders die „Vermittlung und Vernetzung kirchlicher und weltlicher Belange“ als ihre Aufgabe.Käßmann wieder im Dienst der evangelischen Kirche in Deutschland. EKD, 8. Juli 2011 Seit dem 27. April 2012 übte sie dieses Amt aus. Käßmann als Luther-Botschafterin eingeführt. berlin.de, 27. April 2012