Volksmiliz (, ; auch als „Volkswehr“ übersetzt) ist die Eigenbezeichnung paramilitärischer Truppen in der Ostukraine. Sie wurden gleichzeitig und ausgehend von russischen Agitatoren in verschiedenen Städten aktiv, nachdem sich Präsident Wiktor Janukowytsch aus der Hauptstadt abgesetzt hatte. Seit dem April 2014 kämpfen sie für die nicht anerkannten Volksrepubliken Donezk und Lugansk und damit gegen ukrainische Regierungseinheiten im russischen Krieg in der Ukraine. Mit dem Neunten Sanktionspaket wurden Vermögenssperren und EU-Einreiseverbote gegen mehrere Anführer verhängt.

Wie auf der Krim waren aus Russland eindringende bewaffnete Sondertruppen beteiligt.Andreas Kappeler: Kleine Geschichte der Ukraine. Beck, München 2014, ISBN 978-3-406-67019-0, S. 361 Im November 2014 sagte Igor Girkin, dass der Krieg in der Ostukraine von ihm und seiner Einheit ausgelöst worden sei: „Den Auslöser zum Krieg habe ich gedrückt. Wenn unsere Einheit nicht über die Grenze gekommen wäre, wäre alles so (folgenlos) ausgegangen wie in Charkiw und in Odessa“. Girkin, zeitweilig Verteidigungsminister der Volksrepublik Donezk, hatte im Mai 2014 erklärt, zwei Drittel der Rebellen seien Ukrainer.

Russland unterstützte den bewaffneten Kampf durch das Einsickernlassen von Freischärlern und durch Lieferungen von schweren Waffen bis hin zu Kampfpanzern:Russia redeploying more troops along Ukraine border, U.S. officials say. Washington Post.Amerika: Russland soll Panzerlieferungen stoppen. FAZ, 21. Juni 2014. Anführer der Kämpfer bestätigten im Sommer 2014Separatisten bestätigen Rüstungslieferung aus Russland. Zeit Online, 16. August 2014. die Anwesenheit aktiver russischer Soldaten „auf Urlaub“. Deren Ausrüstung verriet immer wieder, dass sie aktive russische Soldaten waren.Im Frühjahr 2015 trugen zwei gefangene russische Soldaten in der Ukraine das Wintores-Scharfschützengewehr auf sich, obwohl Russland behauptete, die zwei Männer wären zu diesem Zeitpunkt nicht mehr im aktiven Dienst gewesen: In Kiew fand sich das Gewehr „Vintorez“ bei gefangenen „Russischen Militärs“, slon.ru, 18. Mai 2015 Die ukrainische Regierung bezeichnete die Bewaffneten zeitweise als Terroristen.

Am 28. Juli 2014 meldete das UNHCHR den totalen Zusammenbruch von Recht und Ordnung, von einer Terrorherrschaft bewaffneter Gruppen über die Bevölkerung der Ostukraine mit Freiheitsberaubungen, Entführungen, Folterungen und Exekutionen.Erklärung des UNHCHR am 28. Juli 2014: A total breakdown of law and order and a reign of fear and terror have been inflicted by armed groups on the population of eastern Ukraine. The report documents how these armed groups continue to abduct, detain, torture and execute people kept as hostages in order to intimidate and “to exercise their power over the population in raw and brutal ways.”

Zusammensetzung und Unterstützung aus der Russischen Föderation Die Milizen gaben zunächst an, mehrheitlich aus Bürgern der Ostukraine zu bestehen. Eine aus Russland in die Ukraine eingedrungene Gruppe von 52 Mann von Girkin fand jedoch keine lokalen Anführer und anfangs nur etwa 150 bis 200 Unterstützer.Russian rebel leader claims he started Ukraine war in: The Times, 24. November 2014, Seite 24; „However, because no local leaders came foreward and initially only 150-200 locals supported him in Slovyansk, he started a war himself.“ Girkin bestätigte später, dass nicht eine „Landwehr“ aus Bürgern der Region, sondern die „reguläre Armee“ Russlands dort kämpfe.Früherer Separatist kritisiert prorussische Kräfte, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14. März 2017, S. 5.

Die Ukraine ging von Anbeginn davon aus, dass es sich zum Teil um ehemalige oder aktive Angehörige der russischen Streitkräfte handelte und legte dafür schon am 22. April 2014 Bildervergleiche vor, die diese Behauptung stützen sollten. Auch NATO- und EU-Stellen erklärten, dass die Volksmiliz von russischen Spezialkräften aus dem Umfeld des militärischen Geheimdienstes GRU unterstützt werde. Die Süddeutsche Zeitung berichtete schon im Mai 2014 von Augenzeugen, denen zufolge tschetschenische Kämpfer, die der Landessprache kaum mächtig sind, der Volksmiliz angehörten und aus dem Umfeld des Gouverneurs der Oblast Donezk Serhij Taruta hieß es, es stammten nur noch 20 % der kämpfenden Aufständischen aus der Region selbst, die restlichen 80 % der „Söldner“ seien „importiert“. Die Zeit sah die gezielte Plünderung von militärischen, polizeilichen und geheimdienstlichen Waffendepots und anderen Einrichtungen als Indiz, dass die Volksmilizen militärisch oder geheimdienstlich geschult sein mussten. Dafür spreche auch das koordinierte Vorgehen der Gebäudebesetzer, die sogar in der Lage seien, in verminte Waffendepots einzudringen.

Spätestens im August waren reguläre russische Soldaten in Armeefahrzeugen der russischen Streitkräfte in der Region Donezk getötet worden., WDR, 6. Oktober 2014. Ende August 2014 meldeten auch Medien, dass nicht nur russische Freiwillige über die Grenze in die Ukraine kamen, sondern auch Soldaten der russischen Armee. Das offizielle Russland meldete, eine Einheit hätte sich „verfahren“, als sie 40 km von der russischen Grenze entfernt beschossen wurde. Berichte über tote russische Soldaten in der Ukraine häuften sich.Putins Soldaten wissen nicht, dass sie in den Krieg ziehen Die Welt, 26. August 2014 Die nächste Erklärung war, dass Soldaten sich auf „Ferienreise“ befinden würden. Diese Variante der „Freiwilligen auf Urlaub“ war zumindest von den Verhafteten schon vor dieser Erklärung falsifiziert worden. Kurz vor dem Abschluss des Protokolls von Minsk fuhr am 3. September ein großer Konvoi der russischen Truppen wieder zurück über die Grenze nach Russland.https://forensic-archithe Battle of Ilovaisk: Verifying Russian Military Presence in Eastern Ukrainetecture.org/investigation/the-battle-of-ilovaisk The Battle of Ilovaisk: Verifying Russian Military Presence in Eastern UkraineNew evidence emerges of Russian role in Ukraine conflict – Research group Forensic Architecture collected images to use in ECHR case, The Guardian, 18. August 2019 Russland bestritt jede Beteiligung, obwohl sie anderen Erklärungen widersprach.Putin will Feinde Kiews unterstützen, Handelsblatt, 15. November 2014; "Russland wolle nicht, dass sämtliche politischen Gegner und Widersacher der Regierung in Kiew vernichtet würden, sagte Putin (…) Der Westen wirft Russland vor, die Rebellen im Osten des Landes militärisch zu unterstützen. Russland weist dies entschieden zurück. Vor seiner Ermordung trug Boris Nemzow schon im Jahr 2014 verschiedene öffentlich zugängliche Quellen zusammen und befragte Zeugen, das gewonnene Bild bestätigte eine umfangreiche Tätigkeit des russischen Militärs im Donbass. Mitarbeiter Nemzows veröffentlichten den Bericht posthum.

Bei den Kämpfen im Februar 2015 kamen wiederum Kampfpanzer vom Typ T-72 der russischen Streitkräfte zum Einsatz. Die Besatzungen bestanden aus russischen Soldaten, welche wussten, dass es zum Kampf in der Ukraine geht, als ihre Gruppen zusammengestellt worden waren.«Wir wussten, es geht in die Ukraine» NZZ, 3. März 2015Bericht eines russischen Soldaten aus der Ukraine FAZ.net 12. Mai 2015, abgerufen am 12. Mai 2015 Die russische Zeitung Kommersant beschrieb das Vorgehen, professionelle russische Soldaten für den Kampf einzusetzen und danach für die Presse lokale Milizionäre auf den Straßen zu zeigen. Im Mai 2015 war es erstmals möglich, auch entsprechend der Meinung der OSZE gefangene russische Soldaten direkt zu befragen. Auch einer von ihnen hatte angegeben, auf Befehl der Einheit dort gewesen zu sein. Gemäß Schätzungen hätten bis im Jahr 2018 bis 50.000 Russen als „Freiwillige“ in der Ukraine gekämpft.[https://www.srf.ch/play/tv/10vor10/video/serie-meine-letzten-fragen-kaempfer-alexander-negrebezkich?id=30b9d803-2795-45d5-9559-8db1e29b9eb2&station=69e8ac16-4327-4af4-b873-fd5cd6e895a7 srf.ch Serie «Meine letzten Fragen»: Kämpfer Alexander Negrebezkich], 10vor10, 8. Juni 2018

Nach Einschätzung der International Crisis Group stand die Volksmiliz seit 2016 faktisch unter dem Befehl von Offizieren des russischen Staates, welche die Miliz militärisch formalisiert und geordnet hätten, ab Bataillonsebene würden die Volksmiliz-Einheiten direkt von ihnen kommandiert werden, örtliche Politiker hätten keinen wirklichen Einfluss. Um diesem Umstand gerecht zu werden, verwendeten Medien den Ausdruck Vasallentruppen.Russian Proxies in Eastern Ukraine Mobilize Troops, Kill Two Ukrainian Soldiers, Wall Street Journal, 19. Februar 2022Eiskalt ist die Angst, Tages-Anzeiger, 15. Januar 2021; «Tag für Tag starren die ukrainischen Soldaten hinüber auf die andere Seite, wo die Vasallentruppen der Russen stehen.»

Je ruhiger die Lage nach 2015 wurde, desto interessanter war es, als ausländischer Söldner in der Miliz einen Vertrag einzugehen, oder in diesen Gebilden mit imitierter Staatlichkeit mit ihrer hohen Arbeitslosigkeit in der Miliz zu arbeiten, wodurch der Anteil der Russen in den Milizen sank, nicht jedoch in den qualifizierten Rängen. Für russische Offiziere war eine Dienstzeit in der Ukraine zudem förderlich für die Karriere., ukrainnianweek, 21. Februar 2018

Vor Beginn der russischen Invasion in die Ukraine 2022 wurde Männern die Ausreise untersagt; die große Mehrheit wurde zwangsmobilisiert und nach einer militärischen Kurzeinführung ohne Verpflegung an die Front gegen ihre eigenen Landsleute geschickt.«Нас взяли в рабство в XXI веке и делают с нами, что хотят» („Wir wurden im 21. Jahrhundert versklavt und sie machen mit uns, was sie wollen“). Nowaja gaseta, 12. März 2022.Russia throws untrained civilians from occupied Donbas into hot spots of its war in Ukraine. Kyivindependent, 19. März 2022.Eskalation nach altem Drehbuch. WOZ, 24. Februar 2022. Nachdem die Mobilisierungsrate vom russischen Militär als ungenügend kritisiert worden war, befürchteten sich versteckende Männer, dass das Militär von Tür zu Tür gehen würde.«Всех мужчин пускают на пушечное мясо». Многие жители ДНР уже 50 дней прячутся от принудительной мобилизации на войну. Вот рассказ одного из них („Alle Männer dürfen Kanonenfutter sein“. Viele Bewohner der DVR verstecken sich schon seit 50 Tagen vor der Zwangsmobilmachung für den Krieg. Hier ist die Geschichte von einem von ihnen). Meduza, 12. April 2022. Die Behörden der selbsternannten Volksrepublik Donezk gaben Mitte Mai die Zahl der Todesopfer seit dem 1. Januar mit 1.713 an, von diesen starben nur vier vor dem 24. Februar. Zusätzliche rund 2000 Männer wurden von Angehörigen in sozialen Netzwerken gesucht. Aus Lugansk gab es keine Zahlen.„Ich bin Brot holen gegangen – ich bin in der Nähe von Mariupol gelandet.“ Wie die Zwangsmobilisierung in der Armee der nicht anerkannten DVR und LVR funktioniert, BBC, 18. Mai 2022 (russisch)

Bewaffnete Formationen Seit der Aufstellung im April 2014 aufgetretene Formationen sind:

Die folgenden Einheiten der russischen Streitkräfte hatten gemäß verschiedener Quellen im Oktober 2014 Verluste zu beklagen, welche als Verluste im Kampf bezeichnet wurden: Südlicher Militärbezirk: Einheiten der siebten Militärbasis in Abchasien; die achte Garde (Gebirgs) Motorisierte Infanterie Borzoy, Tschetschenien; 19. Motorisierte Infanterie, Vladikavkaz, Nordossetien und Inguschetien; 33. Unabhängige (Gebirgs) Aufklärungs-Brigade, Maykop, Adygea; 136te Motorisierte Infanterie, Botlikh, Dagestan Westlicher Militärbezirk: Sechste Panzer Brigade, Mulino; Neunte Motorisierte Infanterie, Nizhniy Novgorod; Abteilungen des 275. Artillerie Regiments der vierten Garde-Panzer-Division, Naro-Fominsk Zentraler Militärbezirk: Fünfzehnte Motorisierte Brigade (sogenannte „Friedenstruppen“), Roschinskyy (Samara); 21. Motorisierte Brigade, Totskoye; 23. Motorisierte Brigade, Samara; 74. Motorisierte Brigade, Yurga, Novosibirsk (Militärische Einheit 21005) Russische Marine: 200. Motorisierte Infanterie der Nordflotte, Pechenega, Murmansk Region