mini|Johann Wolfgang von Goethe, Ölgemälde von Joseph Karl Stieler
Ein Großteil der Lyrik Johann Wolfgang von Goethes hat Weltgeltung erlangt und gehört zum umfangreichsten und bedeutendsten Teil des lyrischen Kanons der deutschen Literatur. Von seiner Jugend bis ins hohe Alter war er Lyriker und prägte die Epochen des Sturm und Drang und der Weimarer Klassik. Im Laufe von etwa 65 Jahren schrieb er mehr als 3000 Gedichte, die teils eigenständig, teils in Zyklen wie den Römischen Elegien, dem Sonnettenzyklus oder dem West-östlicher Divan erschienen.
Dieser äußere Umfang spiegelt sich in einer erstaunlichen Formen- und Ausdrucksvielfalt und entspricht der Weite des inneren Erlebens. Neben langen, mehrere hundert Verse umfassenden Gedichten stehen kurze Zweizeiler, neben Versen mit hoher sprachlicher und metaphorischer Komplexität einfache Sprüche, neben strengen und antikisierenden Metren liedhafte oder spöttische Strophen sowie reimlose Gedichte in freien Rhythmen.Bernd Witte: Gedichte von Johann Wolfgang von Goethe. (= Universal-Bibliothek. 17504 : Literaturstudium : Interpretationen). Reclam, Stuttgart 2005, S. 5.
Mit diesem Gesamtwerk hat Goethe das deutschsprachige Gedicht „erst eigentlich geschaffen“ und Vorbilder hinterlassen, an denen sich nahezu alle nachfolgenden Dichter gemessen haben.So etwa Bernd Witte: Gedichte von Johann Wolfgang von Goethe. (= Universal-Bibliothek. 17504 : Literaturstudium : Interpretationen). Reclam, Stuttgart 2005, S. 5. Seine Phantasie entzündet sich an den kleinsten wie den größten Dingen, geht von der Blume am Wegesrand bis zu den Sternen, vom Antlitz der Geliebten bis zu Geistern und Vampiren, besingt Einsamkeit, Schuld und Verzweiflung, bis sie endlich die Ruhe des Alters erreicht, das sich in belehrenden, häufig formelhaften weltanschaulichen Gedichten und abgeklärten, symbolischen Spruchdichtungen äußert.
Entwicklung und Merkmale Goethes Schaffen durchläuft mehrere Phasen, die von der Forschung immer wieder neu beleuchtet und dargestellt worden sind.
Nach Empfindsamkeit, Sturm und Drang, Weimarer Klassik und Romantik, der Goethe kritisch gegenüberstand, erreichte er eine Spätphase. Die Trilogie der Leidenschaft zeigt, dass er sich auch im hohen Alter noch mit werkimmanenten Problemen befasste und so den individuellen Schmerz um Ulrike von Levetzow auf neuen Wegen zu transzendieren suchte.Hierzu: Marianne Wünsch: Zeichen – Bedeutung – Sinn, Zu den Problemen der späten Lyrik Goethes am Beispiel der „Trilogie der Leidenschaften“. In: Bernd Hamacher, Rüdiger Nutt-Kofoth (Hrsg.): Johann Wolfgang von Goethe. Lyrik und Drama. Neue Wege der Forschung. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2007, S. 130–145. Der Mystizismus des Alters hatte zahlreiche Wurzeln. In einem Brief an Zelter erklärte er, warum ihn die altpersische geistige Welt ansprach: „Unbedingtes Ergeben in den unergründlichen Willen Gottes, heiterer Überblick des beweglichen, immer kreis- und spiralartig wiederkehrenden Erde-Treibens, Liebe, Neigung zwischen zwei Welten schwebend, alles Reale geläutert, sich symbolisch auflösend…“Zit. nach Erich Trunz: Anmerkungen. In: Johann Wolfgang von Goethe: Gedicht und Epen I. (= Goethes Werke, Hamburger Ausgabe. Band IX). C.H. Beck, München 1998, S. 679.
Im Vergleich zu einem Dichter wie etwa Heinrich Heine mit dem Buch der Lieder begann Goethes lyrische Wirksamkeit nicht mit einem fest umrissenen Auftakt. Seine stete Produktivität und ein proteischer Zug seines Wesens unterwarfen sein Werk einer ständigen Metamorphose und Entwicklung, so dass es nie als etwas Abgeschlossenes, Stabiles gelten konnte. Erich Trunz formulierte, er sei „bis zum Schluß ein Schaffender und Sich-Wandelnder“ gewesen, ein Zug, der sich auch in der Wirkungs- und Editionsgeschichte seiner Lyrik zeigt und durch die „lässliche Gruppierung“ seiner Gedichte gefördert wurde.Zit. nach: Joseph Kiermeier-Debrein: Goethe. „Das lyrische Werk“. In: Kindlers Neues Literatur-Lexikon. Band 6, München, 1989, S. 433.
Zur geschmeidigen Wandlungsfähigkeit gesellt sich die Einfachheit der Sprachgebung, die sich im Einstieg des Gedichts zeigt, der unmittelbar in die lyrische Situation führt. Hierzu gehören Ausrufe („Wie herrlich leuchtet / Mir die Natur!“), Imperative („Bedecke deinen Himmel ...“), sachliche oder erregte Berichte, intime Anreden, sehnsüchtige Wünsche oder Fragen wie „Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn?“ oder „Was soll ich nun vom Wiedersehen hoffen ...?“ Der jähe Beginn zieht den Leser über die verborgene Schwelle des Gedichts und konfrontiert ihn mit der Persönlichkeit des Dichters.Zit. nach: Terence James Reed: Goethe als Lyriker In: Bernd Witte (Hrsg.): Goethe-Handbuch. Band 1: Gedichte. Metzler, Stuttgart 1996, S. 2
mini|hochkant|Georg Wilhelm Friedrich Hegel In seiner späten Autobiographie Dichtung und Wahrheit beleuchtete Goethe selbststilisierend seine Entwicklung und bettete dies in ein Geflecht persönlicher Jugenderfahrungen – wie die Liebe zu Anna Katharina Schönkopf während seiner Leipziger Studienzeit –, Anekdoten und dem Hintergrund zeitgenössischer Literatur wie Dramen Gotthold Ephraim Lessings. Die produktive Quelle steht so zwischen eigenen Erfahrungen und tradierten Formen, die er bis ans Lebensende weiterentwickeln konnte. Er wollte das, was ihn „erfreute oder quälte, oder sonst beschäftigte in ein Bild, ein Gedicht“ verwandeln. „Alles, was daher von mir bekannt geworden, sind nur Bruchstücke einer großen Konfession…“Johann Wolfgang von Goethe: Autobiographische Schriften, Aus meinem Leben, Dichtung und Wahrheit. (= Goethes Werke, Hamburger Ausgabe. Band IX). C.H. Beck, München 1998, S. 283.
Auf diese Weise gab Goethe selbst den Ansatz der künftigen Forschung vor: Indem sich gerade in der Lyrik die Persönlichkeit des Dichters in höherem Grade unmittelbar offenbart als etwa in seinem epischen oder dramatischen Werk, handelt es sich meist um keine distanzierte Rollenlyrik.Joseph Kiermeier-Debrein: Goethe. „Das lyrische Werk“. In: Kindlers Neues Literatur-Lexikon. Band 6, München, 1989, S. 433.
Georg Wilhelm Friedrich Hegel bestätigte die Einschätzung Goethes in seinen Vorlesungen über die Ästhetik, die sich von Kants subjektbezogener Kritik der Urteilskraft durch den deutlichen Werkbezug unterscheiden und bis zu einer inhaltlichen Bestimmung des Schönen reichen. Hegel wies Goethe auf dem Felde der Poesie den überragenden Rang zu. In der Gesamtheit der lyrischen Gedichte zeige sich „die Totalität eines Individuums seiner poetischen inneren Bewegung nach dar. Denn der lyrische Dichter ist gedrungen, alles, was sich in seinem Gemüt und Bewußtsein poetisch gestaltet, im Liede auszusprechen ... In dieser Rücksicht ist besonders Goethe zu erwähnen, der in der Mannigfaltigkeit seines reichen Lebens sich immer dichtend verhielt. Auch hierin gehört er zu den ausgezeichneten Menschen.“Zit. nach: Joseph Kiermeier-Debrein: Goethe. „Das lyrische Werk“. In: Kindlers Neues Literatur-Lexikon. Band 6, München, 1989, S. 433.
Nach ersten Leseerfahrungen mit Shakespeare und Klopstock und einigen konventionellen eigenen Versuchen bedurfte es einiger katalytischer Anstöße, die seine Schaffenskraft aktivierten. Bereits in den Jahren der Jugend hatte er, unter dem Eindruck der Liebe zu „Käthchen“ einige kürzere Sammlungen wie das Buch Annette und die Neuen Lieder geschrieben. Sturm und Drang In Straßburg traf Goethe auf Johann Gottfried Herder, der ihn in tief beeinflussen sollte. So wies er ihn auf die Volkspoesie, Shakespeare und Ossian hin, sprach kritische Fragen an und bewog ihn, sich als Dichter weiterzuentwickeln. Er störte sich an Goethes „spechtische(m) Wesen“ – er würde überall nur hineinsehen, ohne wirklich zuzugreifen. Das „Dreingreifen, Packen“ sei aber gerade das Wesen der Meisterschaft.
Goethes Gedichte überwanden in dieser Zeit die traditionellen Ordnungen, machten seine Liebeslyrik zur Naturlyrik, das Lehrgedicht zur Liebeslyrik – eine Vielfalt von Themen (Liebe, Natur, Religion, Kunst, Mythos), die eine Einkreisung nicht einfach macht. Bereits die Sesenheimer Lieder, in deren gefühlvoll-einfacher Sprache sich seine Leidenschaft für Friederike Brion Luft machte, zeigen mit Willkommen und Abschied bereits eines seiner berühmtesten Werke und den Beginn der Erlebnislyrik.So Eckhardt Meyer-Krentler: Willkomm und Abschied – Herzschlag und Peitschenhieb. In: Bernd Hamacher, Rüdiger Nutt-Kofoth (Hrsg.): Johann Wolfgang von Goethe. Lyrik und Drama. Neue Wege der Forschung. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2007, S. 34.
Als erste der großen, freirhythmischen Hymnen des Sturm und Drang entstand Wandrers Sturmlied, das er erst 40 Jahre später veröffentlichte und von dem er sich distanzierte. Hier wie in den Werken der Frankfurter Zeit, zu denen Prometheus, Mahomets Gesang und Ganymed gehören, war der dithyrambische Stil Pindars spürbar, dessen Form Goethe übernahm, ohne sich an die strengen Anforderungen zu halten.Christian Schärf: Singen und Schreiben, Goethes Gedicht „Wandrers Sturmlied“ als kulturgeschichtliche Innovation. In: Gedichte von Johann Wolfgang von Goethe. Reclam, Stuttgart 2005, S. 31.
Wie Wandrers Sturmlied wurde auch Prometheus unautorisiert veröffentlicht, dafür aber bereits 1789 in Band 8 seiner Schriften aufgenommen. Der rebellisch-provozierende Charakter seiner berühmtesten Hymne war ebenso leicht zu erkennen wie ihre mythologische Bildersprache, die sich auf die weltliche Autorität übertragen ließ.Inge Wild: Prometheus. In: Gedichte von Johann Wolfgang von Goethe. Reclam, Stuttgart 2005, S. 49. mini|Der gefesselte Prometheus, links sein Bruder Atlas (Trinkschale aus Cerveteri, um 560/550 v. Chr., Vatikanische Museen, Rom) Der begeisterte Herder sprach vom „Ausfließen der poetischen Wuth“ und glaubte den „Pulsschlag des Genius“ zu hören.Inge Wild: Prometheus. In: Gedichte von Johann Wolfgang von Goethe. Reclam, Stuttgart 2005, S. 52. Seine emphatische Odentheorie schien durch diese Werke verwirklicht zu sein. Die jugendliche Kraft und die Selbstbehauptung Prometheus’ gegenüber Zeus deuten auf ein neues Menschenbild des jungen Bürgertums. Der Glaube an das Genie und die individuelle, weltschaffende Schöpferkraft weist die überkommenen Regelästhetik von sich. Die freien Rhythmen knüpften auch an Verse Friedrich Gottlieb Klopstocks an, der sie als erster moderner Lyriker verwendet hatte.Wertherzeit in Wetzlar. In: Karl Otto Conrady: Goethe, Leben und Werk. Patmos, Düsseldorf 2006, S. 173.
Nach Auffassung David E. Wellberys betonen Goethes frühe Texte die Intensität des Augenblicks, den es zu feiern gilt. Sie bewegen sich auf den poetischen Ursprung zu und wollen die lyrische Bewegung selbst schöpferisch nutzen. In der frühen Hymne An Schwager Kronos spornt das lyrische Ich den Kutscher an, schneller und gewagter den holpernden Weg entlang zu galoppieren. Indem es den Schwager als Kronos anspricht, weist es ihm, mythologisch überhöht, die Rolle des Zeitgottes zu und kann sich so aus der Alltäglichkeit entfernen und selbst in den Himmel schwingen.David E. Wellbery: „Spude dich Kronos“, Zeitsemantik und poetologische Konzeption beim jungen Goethe. In: Bernd Hamacher, Rüdiger Nutt-Kofoth (Hrsg.): Johann Wolfgang von Goethe. Lyrik und Drama. Neue Wege der Forschung. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2007, S. 77. Die gloriose Ankunft in der Unterwelt am Ende des Werkes spielt auf den Homerischen Apollohymnus an, bei dem sich die Götter aus der Runde Jupiters erheben, um dem zukünftigen Sieger ihren Respekt zu erweisen.David E. Wellbery: „Spude dich Kronos“, Zeitsemantik und poetologische Konzeption beim jungen Goethe. In: Bernd Hamacher, Rüdiger Nutt-Kofoth (Hrsg.): Johann Wolfgang von Goethe. Lyrik und Drama. Neue Wege der Forschung. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2007, S. 80.