Eugen Scheuermann (* 12. September 1856 in Riga, Gouvernement Livland, Russisches Kaiserreich; † 22. Mai 1919 in Riga, Lettische SPR), mit vollem Namen Eugen Otto Scheuermann, lettisch Eižens Šeuermans oder Eižens Šeiermanis, war ein deutsch-baltischer Pastor. Er gilt als evangelisch-lutherischer Märtyrer und ist auf dem Rigaer Märtyrerstein verzeichnet.
Die Datumsangaben in diesem Artikel richten sich, wenn nicht anders angegeben, für den Zeitraum bis 1918 nach dem julianischen Kalender.
Leben Jugend und Ausbildung Eugen Scheuermanns Mutter war sehr religiös und starb früh. Eugen Scheuermann besuchte von 1871 bis 1877 das Gouvernements-Gymnasium in Riga. Sein gymnasialer Religionslehrer war der Oberpastor Alexander Jentsch. Beide genannte Personen gaben ihm den Anlass, Theologie zu studieren. Sein Vater war der Kaufmann August Scheuermann, der aus Ostpreußen stammte. Während er sein Abitur ablegte, verstarb auch sein Vater.
Seine finanziellen Möglichkeiten waren sehr beschränkt, als er sich 1877 an der Landesuniversität Dorpat immatrikulierte. Hier übte Professor M. von Engelhardt, der als gewissensbildend galt, den maßgeblichen Einfluss auf ihn aus. Auch für Eugen Scheuermann genoss das Gewissen einen sehr hohen Stellenwert; er galt als äußerst pflichtbewusst. Am 4. Oktober 1877 wurde er Mitglied des Theologischen Vereins Dorpat. Ferner war er Mitglied der Fraternitas Rigensis. Er schloss sein Studium 1881 als graduierter Student ab.
1882 bestand er die Prüfungen vor dem Konsistorium in Riga. 1882 bis 1883 verbrachte er sein Probejahr bei Pastor Keussler in Schwanenburg und bei Pastor Kählbrandt in Neu-Pebalg in Livland. 1883 heiratete er Adele Barbara Pawlowsky.
Pastor in Lubahn Nach seiner Zeit als Vikar wurde Eugen Scheuermann am 29. Mai 1883 in Riga von General-Superintendent Girgensohn zum Pastor von Lubahn ordiniert. Diese Gemeinde lag am äußersten Ende Livlands an der Grenze zu den russischsprachigen Gouvernements des Russischen Kaiserreichs. Für einige Jahre konnte er sein Leben hier genießen. Er bemühte sich religiös motiviert mit all seinen Möglichkeiten um das lettische Volk. Für kranke und alte Gemeindemitglieder baute er ein kleines Siechenhaus. Die von der Gemeinde errichteten Siechenhäuser waren als Altenheime ungeeignet; sie waren eher eine Art Wartezimmer für den Tod, da die Verwaltung demjenigen übertragen wurde, der die Versorgung für den geringstmöglichen finanziellen Aufwand anbieten konnte.
Die Zeiten sollten für Eugen Scheuermann schwerer werden. So kam es zu Konflikten mit dem örtlichen russisch-orthodoxen Priester und mit nationalistischen Gemeindemitgliedern, die ihn als Deutsch-Balten ablehnten. Hinzu kamen finanzielle Probleme; so war der Pfarrer auf Naturalienlieferungen von Erträgen des Gemeindelandes angewiesen. Dies stellte zunächst kein Problem dar, was sich aber änderte, als die Regierung des Gouvernements die Verpflichtung der Gemeinden zu solchen Lieferungen aufhob. Gegen diese Entscheidung wurde erfolgreich prozessiert, was allerdings 4½ Jahre in Anspruch nahm. Scheuermann hatte sechs schulpflichtige Kinder, was seine wirtschaftliche Not in dieser Zeit immer mehr verschlimmerte. Das Urteil belastete die Landwirte, was sie gegen die Pastoren aufbrachte.
Im Mai 1895 bat Scheuermann um Aufklärung hinsichtlich der Ausgaben für die Armenpflege, mit dem Hinweis, dass man in Deutschland mit geringeren Beträgen pro Person auskomme.Inland. in der Düna-Zeitung, Nr. 108, 15. Mai 1895, online unter
Amtseinführung in Riga mini|rechts|Luther-Kirche in Riga Die im vorangehenden Unterkapitel genannten Probleme veranlassten Eugen Scheuermann, im Jahre 1898 erleichtert einem Ruf an eine andere Gemeinde zu folgen: Nun diente er als Pastor in der Luther-Gemeinde in Riga-Thorensberg. Diese setzte sich überwiegend aus Fabrikarbeitern lettischer Ethnie und sozialistischer Gesinnung zusammen.
Scheuermanns Ernennung zu ihrem Pastor fand gegen den Willen der Gemeinde statt, was deren Verhältnis zu ihm für längere Zeit belastete. Scheuermanns Verhalten führte aber im Laufe der Zeit zu einer Besserung, beispielsweise, indem er Honorarzahlungen durch mittellose Personen zurückwies. Die Arbeitslast für den Pastor war hoch, was seine Gesundheit angriff, ihn aber nicht an der Erfüllung seiner Pflichten hinderte.
Nebentätigkeiten Kollekten, die er für besondere Zwecke in seiner Gemeinde gesammelt hatte, wurden des Öfteren in der Presse quittiert.Quittung. in der Düna-Zeitung, Nr. 83, 13. April 1900, online unter Quittung. in der Düna-Zeitung, Nr. 88, 19. April 1900, online unter Ein freudloses Dasein! in der Rigaschen Rundschau, Nr. 274, 4. Dezember 1902, online unter Ein freudloses Dasein! in der Düna-Zeitung, Nr. 275, 5. Dezember 1902, online unter Auf die Weihnachtscollecte des Vereins gegen Bettel in der Düna-Zeitung, Nr. 283, 16. Dezember 1902, online unter Verein gegen den Bettel. in der Düna-Zeitung, Nr. 288, 21. Dezember 1902, online unter Quittung. in der Düna-Zeitung, Nr. 9, 13. Januar 1903, online unter
Am Montag, dem , weihte er das erste Tee- und Speisehaus des Rigaer Mäßigkeitsvereins „Sonne“ in lettischer und deutscher Sprache ein.Notizen. in den Rigaschen Stadtblättern, Nr. 52, 30. Dezember 1900, online unter
Neben seiner geistlichen Tätigkeit war Eugen Scheuermann, ebenso wie der 1905 ermordete Pastor Karl Schilling, der 1906 ermordete Propst Ludwig Zimmermann, die 1919 von Bolschewiki hingerichteten Geistlichen Hans Bielenstein, Alexander Bernewitz, Xaver Marnitz, Arnold von Rutkowski, Paul Fromhold-Treu, Christoph Strautmann, Karl Schlau, Eberhard Savary und Wilhelm Gilbert und wie die Pastoren Gustav Cleemann und Erwin Gross, die an den Folgen ihrer Gefangenschaft bei den Bolschewiki starben, ordentliches Mitglied der Lettisch-Literärischen Gesellschaft, die sich der Erforschung der lettischen Sprache, Folklore und Kultur widmete. Diese Gesellschaft wurde überwiegend von deutsch-baltischen Pastoren und Intellektuellen getragen. Für die Letten selbst war eine höhere Bildung zur Zeit der kaiserlich-russischen Vorherrschaft noch kaum zugänglich, ihre Kultur führte ein Schattendasein.
Am Freitag, dem , hielt er in der Lutherkirche zwei Festgottesdienste anlässlich des 700-jährigen Jubiläums der Stadt Riga, um 9 Uhr in lettischer und um 11 Uhr in deutscher Sprache.Notizen. in den Rigaschen Stadtblättern, Nr. 32, 9. August 1901, online unter
Am Sonntag, dem , beteiligte er sich am Jahresfest der Unterstützungskasse für evangelisch-lutherische Gemeinden in Russland, indem er beim lettischen 18-Uhr-Gottesdienst in der Lutherkirche Bericht erstattete.Notizen. in den Rigaschen Stadtblättern, Nr. 51, 24. Dezember 1903, online unter
Der Russischen Revolution von 1905 mit ihren atheistischen und gewalttätigen Aspekten stand Scheuermann als Gegner gegenüber. Er verteidigte den christlichen Glauben und ein geordnetes Rechtssystem.
Am Freitag, dem , hielt er die Grabrede bei der Beerdigung des damals in Riga bekannten ehemaligen Waisenvaters Wilhelm Lang zu Psalm 103, dem Lieblingspsalm des Verstorbenen, und sprach ein Gebet.Zur Bestattung des weiland Waisenvaters Lang in der Rigaschen Rundschau, Nr. 37, 14. Februar 1906, online unter
Gottesdienste, auch Kindergottesdienste, welche wochentags stattfanden, und Konfirmationen hielt er sowohl in deutscher als auch in lettischer Sprache.Gottesdienste in der Rigaschen Rundschau, Nr. 176, 4. August 1906, online unter Gottesdienste. in der Rigaschen Rundschau, Nr. 103, 5. Mai 1907, online unter Gottesdienste in der Rigaschen Rundschau, Nr. 86, 13. April 1907, online unter Kirchliches. in der Düna-Zeitung, Nr. 69, 22. März 1908, online unter Lokales. in der Rigaschen Zeitung, Nr. 102, 3. Mai 1908, online unter Lokales. in der Rigaschen Zeitung, Nr. 114, 17. Mai 1908, online unter Lokales. in der Rigaschen Zeitung, Nr. 237, 11. Oktober 1908, online unter Kirchliches. in der Düna-Zeitung, Nr. 254, 1. November 1908, online unter Lokales. in der Rigaschen Zeitung, Nr. 254, 1. November 1908, online unter Kirchliches. in der Düna-Zeitung, Nr. 278, 29. November 1908, online unter Kirchliches. in der Düna-Zeitung, Nr. 284, 6. Dezember 1908, online unter Kirchliches. in der Düna-Zeitung, Nr. 216, 19. September 1909, online unter Kirchliches. in der Düna-Zeitung, Nr. 222, 26. September 1909, online unter Kirchliches. in der Düna-Zeitung, Nr. 228, 3. Oktober 1909, online unter Kirchliches. in der Düna-Zeitung, Nr. 234, 10. Oktober 1909, online unter Kirchliches. in der Düna-Zeitung, Nr. 294, 19. Dezember 1909, online unter Lokales. in der Rigaschen Zeitung, Nr. 10, 13. Januar 1912, online unter
Illegale Konfirmation Am 30. April 1906 konfirmierte Eugen Scheuermann die 16-jährige Pauline Grajew, deren Mutter evangelisch-lutherisch war, während ihr Vater der russisch-orthodoxen Staatskirche angehörte, was Scheuermann in Konflikt mit den Behörden bringen sollte.
Im Anschluss an die Russische Revolution von 1905 Am Morgen des 19. August 1906, einem Sonnabend, betraten zwei Männer Scheuermanns Wohnung, angeblich um ihn in Amtsangelegenheiten sprechen zu wollen. Scheuermann selbst und seine Tochter waren anwesend. Die Männer bedrohten Scheuermann mit einer Waffe, forderten ihn auf, die Hände hoch zu nehmen und erbeuteten vier Rubel von ihm. Die Eindringlinge verlangten noch mehr Geld und Waffen. Scheuermann antwortete, dass in den oben gelegenen Wohnräumen noch mehr Geld vorhanden sei. Nach Erhalt dieser Auskunft flohen die Räuber.Überfall. in der Düna-Zeitung, Nr. 189, 19. August 1906, online unter Inland. in der Libauschen Zeitung, Nr. 189, 21. August 1906, online unter
Nach der Russischen Revolution von 1905 setzte sich Scheuermann im November 1906 für einen ehemaligen Zögling des Strasdenhofer Blindeninstitutes ein, der während der Revolution seine kleine Bürstenwerkstatt verloren hatte. Für die Geldsammlung mit einem Zielbetrag von 100 Rubeln stand Scheuermann zur Verfügung, um Auskünfte über den Notleidenden an potentielle Spender zu erteilen und die Spenden in Empfang zu nehmen.Dringende Bitte! in der Rigaschen Rundschau, Nr. 276, 30. November 1906, online unter Dringende Bitte. in der Düna-Zeitung, Nr. 57, 9. März 1907, online unter
Meinung zur Reform des Religionsunterrichts Am 31. Januar 1907 erschien in der Rigaschen Zeitung ein Leserbrief Scheuermanns mit dem Titel „Reformenfieber“ zur Reform des Religionsunterrichts und der Berichterstattung in verschiedenen Zeitungsartikeln darüber. Einzelne Zweige des Religionsunterrichts hielt er durchaus für reformbedürftig, lehnte aber eine umfassende Reform ab. Er vertrat die Ansicht, ein Zeitungsartikel zum Thema, der auf Aussagen eines reformierten Pastors zurückging, stelle den Religionsunterricht falsch dar und wecke unberechtigte Zweifel an dessen Notwendigkeit. Es ginge im evangelischen Religionsunterricht nicht, wie behauptet, um eine Beugung unter ein Religionsgesetz, dies würde dem evangelischen Glauben widersprechen. Ein Auswendiglernen von Luthers Artikeln in der Sprache des 16. Jahrhunderts finde zwar statt, aber begleitet von Erklärungen des Religionslehrers. Im Religionsunterricht gehe es nicht nur, wie behauptet, um Achtung vor der Person Christi und dem Jenseitigen, sondern um das Erwecken eines Glaubens, der durch das Leben trage. Das Auswendiglernen rechtfertigte Scheuermann mit dem Trost, den auswendig gelernte Bibelworte schon so Manchem gespendet hatten. Der Religionslehrer müsse dafür sorgen, dass das Auswendiglernen nicht mechanisch würde, sondern mit Inhalt gefüllt werde. Besonders kritisierte Scheuermann die Äußerungen eines Vaters, dessen Kritik er für unqualifiziert hielt. Wer Unverständnis für ein Bibelwort habe, solle sich mit anderen Christen darüber austauschen. Theologische Fortschritte beispielsweise in der Frage der Inspiration der Bibel würden durch die Kritiker ignoriert. Die Berichterstattung sei zu oberflächlich.