Unter Bewegungsspielen verstehen Spielwissenschaft und Sportwissenschaft Spielformen, bei denen die Motorik des Menschen und die körperliche Bewegung im Mittelpunkt stehen.Peter Röthig, Robert Prohl (Hrsg.): Bewegungsspiel. In: Sportwissenschaftliches Lexikon. (Reihe Beiträge zur Lehre und Forschung im Sport.) 7. Auflage. Hofmann, Schorndorf 2003. „Es handelt sich dabei um sogenannte ‚Ganzkörperbewegungen‘, die nicht nur einzelne Körperteile, sondern den Großteil des menschlichen Bewegungsapparats und die inneren Leistungsorgane aktivieren.“Siegbert A. Warwitz, Anita Rudolf: Spielend sich bewegen – Bewegungsspiele. In: Dies.: Vom Sinn des Spielens. Reflexionen und Spielideen. 5. Auflage, Verlag Schneider, Baltmannsweiler 2021, S. 45.
Formen Die Bezeichnung „Bewegungsspiel“ dient als Sammelbegriff für eine Reihe sehr unterschiedlicher Spielformen wie Laufspiele, Hüpfspiele, Wurfspiele, Ballspiele, Staffelspiele, Tanzspiele oder Sportspiele. In der Spielpraxis gibt es vielfältige Überschneidungen mit anderen Einteilungen, etwa mit den Kennenlernspielen, den Kreativspielen oder den Kooperativen Spielen,Ekkehard Blumenthal: Kooperative Bewegungsspiele. Schorndorf 1993. die auch Bewegungselemente enthalten können. Die jeweiligen Bezeichnungen drücken aus, welche spezifischen Inhalte mit ihnen verbunden sind oder welche Zielsetzung mit ihnen vorrangig verfolgt werden soll.
Die Bezeichnung Bewegungsspiel deckt eine breite Palette an Spielformen ab, die von einfachen Straßenspielen mit wechselndem Regelwerk bis zu hoch komplexen, auch als Beruf betriebenen Großen Sportspielen reichen.
Straßenspiele mini|hochkant=1.1|Pieter Brueghel der Ältere: Die Kinderspiele 1560
Zu den sogenannten „Straßenspielen“ gehören Spielformen, die ursprünglich aus spontanen Spielentscheidungen auf öffentlichen Spielflächen wie Straßen, Plätzen, Höfen, Stränden, Wiesen entstanden wie Hinkelkastenhüpfen, Steckenpferdreiten, Bockspringen, Reifenschlagen oder Pinneken kloppen.Siegbert A. Warwitz, Anita Rudolf: Spielgelände Straße. In: Dies.: Vom Sinn des Spielens. Reflexionen und Spielideen. 5. Auflage, Verlag Schneider, Baltmannsweiler 2021, S. 210–214 Bewegungsspiele dieser Art waren schon im Mittelalter bei der bäuerlichen und bürgerlichen Gesellschaft beliebt. Sie dominieren auch das Spielgeschehen auf dem berühmten Bild „Die Kinderspiele“ des flämischen Bauernmalers Pieter Bruegel der Ältere.Pieter Brueghel: Kinderspiele. 1560, im Kulturhistorischen Museum Wien.
Spiele wie „Ball-über-die-Schnur“, „Schlagball“, „Faustball“, „Brennball“ oder „Völkerball“ entwickelten ihr Regelwerk zu anspruchsvollen Formen, die inzwischen in überregionalen Wettkämpfen ausgetragen werden oder sogar schon als olympische Disziplin anerkannt sind wie das Beachvolleyball (Strandvolleyball).
Aus der Erkenntnis, dass Kinder trotz des dichter und schneller gewordenen Straßenverkehrs in ihrem unmittelbaren Wohnumfeld gefahrenentschärften Spielraum brauchen, wurden seit 1980 von den Kommunen in bestimmten Wohnbereichen sogenannte „verkehrsberuhigte Bereiche“ eingerichtet, Verwaltungsvorschriften (StVO § 42, Abs. 2) erlassen und Verkehrszeichen (325.1 und 325.2) angebracht, wo Kinderspiele grundsätzlich erlaubt sind und der Straßenverkehr darauf Rücksicht nehmen muss.
Sportspiele Kleine Bewegungsspiele mini|Bewegungsspiele bei Basedow: Steckenpferd- und Schaukelpferdreiten, Schaukeln im Seile. Kupferstich von Daniel Chodowiecki
In Sportdidaktik und Sportmethodik wird zwischen den sogenannten „Kleinen Bewegungsspielen“ und den „Großen Sportspielen“ unterschieden. Beiden kommt in Sportunterricht und Training eine wichtige Rolle zu. Die „Kleinen Bewegungsspiele“ reichen von einfachen Laufspielen wie „Fuchs und Hase“, Hüpfspielen wie „Seilspringen“, Staffeln verschiedener Art wie „Pendelstaffeln“ oder Fangspielen wie „Der schwarze Mann“ bis zu Parteienspielen wie z. B. Schlagball, Faustball, Prellball, Ringtennis, Indiaca oder Korfball.
Viele der einfachen Bewegungsspiele finden sich schon in der ersten systematischen Spielsammlung des Philanthropen Johann Christoph Friedrich Guts Muths.Johann Christoph Friedrich Guts Muths: Spiele zur Übung und Erholung des Körpers und des Geistes. Schnepfental 1796. (Berlin 1959). Auch die Pädagogen Jean-Jacques Rousseau, Johann Heinrich Pestalozzi und Friedrich Wilhelm August Fröbel ordneten dem Bewegungsspiel in ihren Erziehungskonzepten eine hohe Bedeutung zu. Friedrich Ludwig Jahn, der Schöpfer der deutschen Turnbewegung, gab den von ihm als Turnspiele bezeichneten Spielformen einen eindeutig wehrertüchtigenden Charakter und Auftrag.Walter Stuhlfath: Volkstümliche Turnspiele und Scherzübungen aus allen deutschen Gauen. Beltz, Langensalza 1928 (mit einem Geleitwort von Friedrich Ludwig Jahn).
Heute erfüllen die „Kleinen Bewegungsspiele“ didaktisch und methodisch bei der systematischen Hinführung zu den „Großen Sportspielen“ eine unverzichtbare Funktion. Sie bilden vom Kindergarten über den Sportunterricht der Schulen bis zum Training der Profisportler das methodische Fundament für den Aufbau sportlicher Leistungen, dienen aber oft auch „nur“ dem entspannenden Miteinander der Spielenden.
Große Sportspiele Zu den sogenannten „Großen Sportspielen“ zählen Spiel- und Sportwissenschaft Spielformen, die ein kodifiziertes, meist international gültiges Regelwerk aufweisen. Verbindlich festgelegte Spielfeldmaße, normierte Spielabläufe, Sanktionen bei Verstößen und Schiedsrichter, die über die Einhaltung der Regeln wachen, bestimmen diese Spielformen.
mini|Kampfszene aus dem World Cup der Rugby League New Zealand 2008
Als solche werden etwa die Sportarten Fußball, Volleyball, Hallenhandball, Basketball, Eishockey, Rugby oder Tennis angesehen. Ihr Leistungsniveau kann bis zur Professionalität gesteigert werden. Hoch bezahlte Athleten, als Berufsspieler in Vereinen organisiert, werden als Wirtschaftsware gehandelt, treten in Wettkämpfen gegeneinander an, tragen nationale und internationale Meisterschaften aus und werden mit Prämien für ihre Leistungen honoriert. Die Spitzenspieler avancieren aufgrund der öffentlichen Aufmerksamkeit in den Medien zu gefeierten Stars in den Stadien und Arenen.
Geländespiele mini|Kinder beim Ritterspiel mit Holz- und Pappschwertern
Unter die Kategorie Geländespiel zählen alle Bewegungsspiele, die im Freien stattfinden wie Schnitzeljagd, Räuber und Gendarm oder Paintball.Manfred Kaderli: Geländespiele, Stuttgart 1997. Der dafür bevorzugte Spielraum sind abenteuerträchtige Gelände wie Wald, Burgruinen, Schluchten, Höhlen. Doch auch das Stadtgebiet mit möglichst unbebauten Freiflächen oder ungenutzten Gebäuden bietet sich für Geländespiele an. Sie lassen sich in historischem Gewand als „Indianerspiele“, „Ritterspiele“ oder „Kriegsspiele“ gestalten sowie in natürlicher Umgebung, z. B. in einem Waldgebiet unterhalb einer Burgruine,Siegbert A. Warwitz, Anita Rudolf: Robin Hood – erleben und gestalten. (=Projektunterricht in Schule und Hochschule, 8). Karlsruhe 1995. oder in einem künstlich geschaffenen Erlebnisraum wie einer zum Dschungel ausgestalteten Sporthalle organisieren.Nadine Kutzli, Sabine Weiß: Erlebnis Dschungel. (=Projektunterricht in Schule und Hochschule, 7). Karlsruhe 1994.Nadine Kutzli: Erlebnis Dschungel. Mit Schülern ein Dschungelfest gestalten. Wissenschaftliche Staatsexamensarbeit GHS. Karlsruhe 1998.
Geländespiele gewinnen ihren Reiz vor allem durch die Atmosphäre des Abenteuers, die ihnen anhaftet und durch die aufgrund der räumlichen Ausdehnung beträchtlichen Handlungs- und Bewegungsmöglichkeiten.
Exergames mini|Wii Sports als Beispiel für ein Exergaming
Als Exergaming (Kofferwort aus dem englischen Wort „exercise“ für „Übung“ und „Gaming“) werden Computerspiele bezeichnet, die zu körperlichen Bewegungen und Reaktionen auffordern. Statt der üblichen Computerspiele, die sitzend mit Tastatur und Maus oder einem Gamepad gespielt werden, setzen Exergames als Steuerungselement auf verschiedene Bewegungssensoren (Beschleunigungssensor, Drucksensor), sowie teilweise auf spezielle Bilderkennungsverfahren und/oder Motion-Capture-Techniken, die es dem Spieler ermöglichen, sich im Raum zu bewegen und diese Bewegungsmuster auszuwerten.
Sinngebungen und gesellschaftliche Bedeutung Die Spielwissenschaftler Siegbert Warwitz und Anita Rudolf unterscheiden beim Umgang mit Bewegungsspielen zwischen Nutzdenken und Sinnerleben.Siegbert A. Warwitz, Anita Rudolf: Vom Sinn des Spielens. Reflexionen und Spielideen. 5. Auflage, Verlag Schneider, Baltmannsweiler 2021, S. 37–126. Nach ihrer Spielsystematik, die sich an den verschiedenen „Sinngebungen des Spiels“ orientiert, lässt sich Spielen aller Art einerseits einem außerhalb des Spiels liegenden Nutzeninteresse unterordnen und damit instrumentalisieren. Spielen kann andererseits aber auch einen Sinn in sich selbst tragen und als ein in sich sinnvolles Tun entdeckt und erlebt werden, wie es sich idealtypisch im unbeeinflussten Kinderspiel präsentiert. Beide Aspekte haben ihre Berechtigung und gesellschaftliche Funktion. Sie müssen einander nicht widersprechen und sollten nicht gegeneinander ausgespielt werden, wie die Autoren ausdrücklich betonen.
Sekundärmotivierte Nutzenorientierung Während sich Kinder und Jugendliche beim Spielen noch eher vom unmittelbaren Sinnerleben leiten lassen, tendieren Erwachsene wie Eltern, Erzieher, Lehrer, Therapeuten, -vor allem wenn sie sich einer bestimmten Aufgabe verpflichtet sehen,- dazu, das Spielen bestimmten Zwecken dienstbar zu machen:
Dies kann der Gesundheitsaspekt sein, unter dem ein Ausgleich zu der übermäßigen sitzenden Tätigkeit und der daraus folgenden Bewegungsarmut geschaffen werden soll.siehe: Hanns Petillon: 130 Bewegungsspiele für die Grundschule. Beltz Verlag, Weinheim-Basel 2013.
Es kann ein Trainingsaspekt sein, da sich mit methodischen Spielreihen der mühsame Aufbau von Muskelkraft, Ausdauer und Koordinationsfähigkeit in Schule und Verein attraktiver gestalten lässt als mit arbeitsähnlichen Übungsreihen. Bewegungsspiele fließen üblicherweise auch in die Aufwärm-, Einstimmungs- und abschließende Anwendungsphase des Sportunterrichts ein.Volker Döhring: Kleine Spiele zum Beginn und Ende der Sportstunde. 2. Auflage. Wiebelsheim 2014.
Der ökonomische Aspekt verbindet sich mit der Ausübung eines Sportspiels als Beruf. Profifußballer genießen neben der Freude an dem Mannschaftsspiel vor allem die Möglichkeit eines hohen finanziellen Einkommens.A. Scherwolfe: Entlohnung von Profisportlern. Grin Verlag, München 2010. Kinder aus den Armenvierteln Afrikas oder Südamerikas nutzen gern die Chance des gesellschaftlichen Aufstiegs über eine erfolgreiche Profilaufbahn wie etwa die brasilianischen Fußballspieler Pelé und Ronaldo.