mini|Phillip Roth - 1973 The Conversion of the Jews (deutsch: Die Bekehrung der Juden) ist eine Kurzgeschichte des jüdisch-amerikanischen Schriftstellers Philip Roth, die nach der Erstveröffentlichung im Frühjahr 1958 in The Paris Review zusammen mit einem Kurzroman und vier weiteren Erzählungen im selben Jahr in den Sammelband Goodbye, Columbus and Five Short Stories im Bostoner Houghton Mifflin Verlag 1959 aufgenommen wurde.Vgl. die Angaben bei Peter Freese (Hrsg.): The American Short Story I: Initiation. Texts for English and American Studies 16. Schöningh Verlag, Paderborn 1984, ISBN 3-506-41083-0, S. 127. Die Sammlung Goodbye, Columbus wurde seitdem in verschiedenen Ausgaben und Verlagen mehrfach neu aufgelegt.
Die deutsche Erstausgabe erschien 1962 in der Übersetzung von Herta Haas unter dem Titel Die Bekehrung der Juden in der Sammlung Goodbye, Columbus. Ein Kurzroman und fünf Stories im Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg.Die deutsche Ausgabe wurde 2004 und 2012 im Rowohlt Verlag neu aufgelegt und ebenso 2010 im Hanser Verlag publiziert. Vgl. die Angaben im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek unter .
Inhaltsangabe Die Bekehrung der Juden schildert in drei Schlüsselepisoden die adoleszenten Rebellionsversuche und Auflehnung eines dreizehnjährigen jüdisch-amerikanischen Jugendlichen gegen überkommene grundlegende Dogmen bzw. Doktrinen des jüdischen Glaubens und die daraus im Zuge seiner Selbstfindung und Selbstbehauptung entstehenden Konflikte mit dem Rabbiner seiner Gemeinde.Vgl. Pierre Michel: Philip Roth: “The Conversion of the Jews”. In: Klaus Lubbers (Hrsg.): Die englische und amerikanische Kurzgeschichte. Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt 1990, ISBN 3-534-05386-9, S. 427f., und Peter Freese: Philip Roth: “The Conversion of the Jews”. In: Peter Freese: The American Short Story I: Initiation - Interpretations and Suggestions for Teaching. Schöningh Verlag, Paderborn 1986, ISBN 3-506-41084-9, S. 347f. und 364.
Die Erzählung spielt im Nachkriegsamerika der 1950er Jahre in New York City oder Umgebung, wahrscheinlich in Roths Geburtsort Newark, acht Meilen westlich von New York.Vgl. zur Rekonstruktion von Handlungsort und -zeit aus textualen Detailangaben sowie kommentierenden Äußerungen von Roth die eingehende Analyse bei Peter Freese: Philip Roth: “The Conversion of the Jews”. In: Peter Freese: The American Short Story I: Initiation - Interpretations and Suggestions for Teaching. Schöningh Verlag, Paderborn 1986, ISBN 3-506-41084-9, S. 342–344.
Der Protagonist dieser Erzählung Roths, Oscar Freedman (genannt „Ozzi“) nimmt zur Vorbereitung seiner Bar Mitzvah am Religionsunterricht in der Hebräischschule der Synagoge bei dem noch jungen und unerfahrenen dreißigjährigen Rabbiner Marvin Binder teil.
In seiner ersten Auseinandersetzung mit dem Rabbiner stellt der wissensdurstige, aufgeweckte Ozzi im Unterricht die Vorstellung der Juden als des von Gott auserwählten Volkes in Frage, da diese nicht mit den Grundsätzen der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung übereinstimme, dass alle Menschen von Geburt gleich seien. Die anschließenden Bemühungen des Rabbiners, zwischen politischer Gleichheit und geistigem Erwähltsein zu unterscheiden, können ihn nicht überzeugen; selbst die Einflussnahme und körperliche Bestrafung durch seine Mutter, die der Rabbiner zuvor zu einem Gespräch in die Synagoge bestellt hat, können ihn nicht von seiner hartnäckigen Kritik abbringen.Siehe dt. Textausgabe, S. 176–178. Vgl. auch Peter Freese: The American Short Story I: Initiation - Interpretations and Suggestions for Teaching. Schöningh Verlag, Paderborn 1986, ISBN 3-506-41084-9, S. 348.
In der zweiten Konfrontation mit dem Rabbiner hinterfragt Ozzi in einer Diskussionsrunde in der Hebräischen Schule die Reaktionen seiner Mutter und Großmutter auf einen Flugzeugabsturz: er fragt sich, warum seine Angehörigen nur an der Liste der jüdischen Opfer der Katastrophe interessiert sind, und möchte wissen, warum der Tod eines Juden eine größere „Tragödie“ darstelle als der eines christlichen Amerikaners. Die anschließenden abstrakten Erklärungsversuche und abschweifenden Ausführungen des Rabbis über „kulturelle Einheit“ bleiben für ihn unbefriedigend und beantworten, wie Ozzi dem Rabbi vor der Klasse mitteilt, nicht seine eigentliche Frage; wiederum wird seine Mutter zum Rabbiner bestellt.Siehe dt. Textausgabe, S. 176. Vgl. auch Peter Freese: The American Short Story I: Initiation - Interpretations and Suggestions for Teaching. Schöningh Verlag, Paderborn 1986, ISBN 3-506-41084-9, S. 348.
In der dritten und entscheidenden Konfrontation zwischen Ozzi und dem Rabbiner Binder geht es um die Erklärung des Rabbis im Unterricht, dass Christus nicht der Sohn Gottes sein könne, da es nicht möglich sei, dass Maria ihn als Jungfrau zur Welt gebracht habe. Ozzi stellt dem die Behauptung gegenüber, dass, wenn Gott allmächtig sei und die Erde in sechs Tagen habe erschaffen können, es für ihn ebenso möglich gewesen sein müsse, Maria auch ohne Geschlechtsverkehr ein Kind empfangen zu lassen. Wie zuvor bittet der Rabbiner Ozzis Mutter zu sich. Noch vor ihrer Ankunft fordert er jedoch den Jungen in der Fragestunde noch einmal heraus, um „Ozzi die Mucken ein für alle Mal auszutreiben“.Siehe dt. Textausgabe, S. 180f.
Als Ozzi dem Rabbiner in der Auseinandersetzung daraufhin vorwirft, dieser verstehe nichts von Gott, schlägt ihm der aufgebrachte Rabbi die Nase blutig. Ozzi beschimpft danach den Rabbiner und flüchtet, in die Enge getrieben, durch eine Falltür auf das Dach der Synagoge, wohin der Rabbiner ihm nicht folgen kann.Siehe dt. Textausgabe, S. 181f.
Der Rabbi versucht nun von der Straße aus, Ozzi dazu zu bewegen, vom Dach herunterzukommen. Es gibt einen großen Menschenauflauf; die Feuerwehr erscheint und spannt ein Sprungtuch auf. Trotz der Drohungen und flehenden Bitten ist Ozzi zunächst nicht bereit, das Dach zu verlassen, da er erkennt, welche Macht er plötzlich gewonnen hat.Siehe dt. Textausgabe, S. 183ff. Vgl. auch Pierre Michel: Philip Roth: “The Conversion of the Jews”. In: Klaus Lubbers (Hrsg.): Die englische und amerikanische Kurzgeschichte. Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt 1990, ISBN 3-534-05386-9, S. 430f.
Erst als der Rabbi, seine inzwischen dazu gekommene Mutter und die anderen Zuschauer auf Ozzis Forderung hin auf den Knien bekennen, dass „Gott ohne Geschlechtsverkehr ein Kind machen kann“, dass „sie an Jesus Christus glaubten“ und dass der Rabbi und seine Mutter nie mehr „jemand wegen Gott schlagen“ würden, springt er in das aufgespannte Sprungtuch.Siehe dt. Textausgabe, S. 193–195. Vgl. auch die Inhaltsangabe bei Franz Link: ”The Conversion of the Jews“, 1959. In: Franz Link: Amerikanische Erzähler seit 1950 · Themen · Inhalte · Formen. Schöningh, Paderborn 1993, ISBN 3-506-70822-8, S. 138, und Peter Freese: Philip Roth: “The Conversion of the Jews”. In: Peter Freese: The American Short Story I: Initiation - Interpretations and Suggestions for Teaching. Schöningh Verlag, Paderborn 1986, ISBN 3-506-41084-9, S. 348.
Interpretationsansatz Die Bekehrung der Juden thematisiert anhand einer vergleichsweise einfachen Ausgangssituation die für das Werk Roths zentrale Problematik der Identitätssuche des Juden in der modernen amerikanischen Gesellschaft im Konflikt mit seinem jüdischen Umfeld und Milieu, hier im Rahmen einer Initiationsgeschichte in der Adoleszenzphase des Protagonisten.Peter Freese: The American Short Story I: Initiation - Interpretations and Suggestions for Teaching. Schöningh Verlag, Paderborn 1986, ISBN 3-506-41084-9, S. 348, 352f., 357f. und 364. Siehe auch Pierre Michel: Philip Roth: “The Conversion of the Jews”. In: Klaus Lubbers (Hrsg.): Die englische und amerikanische Kurzgeschichte. Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt 1990, ISBN 3-534-05386-9, S. 427ff.
In der Auseinandersetzung des jugendlichen Protagonisten mit der religiösen Überlieferung und Autorität entfaltet Roth dabei zugleich die grundlegende Thematik des Aufeinanderprallens nicht nur von jüdischer Orthodoxie und liberaler Assimilation in die zeitgenössische amerikanische Wirklichkeit, sondern ebenso von menschlicher Individualität und sozialer Konformität, von Toleranz und Intoleranz.Siehe Pierre Michel: Philip Roth: “The Conversion of the Jews”. In: Klaus Lubbers (Hrsg.): Die englische und amerikanische Kurzgeschichte. Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt 1990, ISBN 3-534-05386-9, S. 427ff. Vgl. auch Peter Freese: The American Short Story I: Initiation - Interpretations and Suggestions for Teaching. Schöningh Verlag, Paderborn 1986, ISBN 3-506-41084-9, S. 347ff., und S. 364.
Ozzis beständige Versuche, die Aussagen und Erläuterungen des Rabbi kritisch zu hinterfragen, um gegenüber dem ihm Vorgegebenen, aber seiner Einsicht Entgegenstehenden, zu einer begründeten eigenen Anschauung zu gelangen, bringen den Rabbiner immer wieder aus dem Gleichgewicht und enthüllen zugleich seine letztlich bornierte Geisteshaltung sowie Intoleranz anderen politischen, philosophischen oder religiösen bzw. theologischen Sichtweisen gegenüber.Pierre Michel: Philip Roth: “The Conversion of the Jews”. In: Klaus Lubbers (Hrsg.): Die englische und amerikanische Kurzgeschichte. Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt 1990, ISBN 3-534-05386-9, S. 428f.
Im Gegensatz zu seinem Freund Itzie und den übrigen Klassenkameraden, die sich im Unterricht völlig indifferent bzw. teilnahmslos und anpassungsbereit verhalten, nimmt Ozzi den Hebräischunterricht und die Aussagen des Rabbi sehr ernst und ist um ein eigenes tieferes Verständnis bemüht. Als der Rabbi Ozzi ärgerlich fragt, warum dieser so langsam aus dem hebräischen Buch vorlese, entgegnet Ozzi, er könne auch schneller lesen, würde dann aber den Text nicht verstehen.
Seine „subversiven“ Fragen entspringen mithin nicht einem Unglauben, sondern den Widersprüchen, die er in seiner alltäglichen Erfahrungswirklichkeit in einer vornehmlich christlich geprägten Gesellschaft erlebt, und spiegeln insoweit seine gedankliche Verwirrung sowie sein Bestreben nach Klärung und Wahrheitssuche. Rabbi Binder besteht dagegen auf mechanischer Lesegeschwindigkeit; in seinem formalen, dogmatischen Glauben ignoriert er ungeduldig alle Widersprüchlichkeiten, die den Jungen beschäftigen; seine abstrakten, abschweifenden Erklärungsversuche liefern keine Antworten auf dessen Fragen. Da er den Zweifeln des Dreizehnjährigen gegenüber keine überzeugenden Argumente vorbringen kann, um die Unvereinbarkeit der Vorstellung eines auserwählten jüdisches Volkes mit dem Gleichheitsdenken, das die amerikanische Gesellschaft ideologisch prägt, aufzulösen bzw. um die Göttlichkeit Christi zu leugnen, versucht er seine angeschlagene Autorität durch Druck und Zwang wiederherzustellen. Ozzi kritische Fragen sind aus seiner Sicht nur eine zusätzliche innere Bedrohung für die jüdische Religionsgemeinschaft, die bereits grundsätzlich in der mehrheitlich christlich ausgerichteten amerikanischen Gesellschaft in ihrer religiösen Identität gefährdet ist. Die selbstgerechten Versuche des Rabbi Binder, Ozzi notfalls mit Gewalt in lächerlich „diktatorisch“ wirkender Weise zum richtigen Glauben zu zwingen, dokumentieren jedoch einzig seine eigene Engstirnigkeit, Starrheit, Intoleranz und Unfähigkeit.Vgl. dt. Textausgabe, S. 179f., 184f. Siehe auch eingehender Pierre Michel: Philip Roth: “The Conversion of the Jews”. In: Klaus Lubbers (Hrsg.): Die englische und amerikanische Kurzgeschichte. Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt 1990, ISBN 3-534-05386-9, S. 428–432. Ebenso detaillierter Peter Freese: The American Short Story I: Initiation - Interpretations and Suggestions for Teaching. Schöningh Verlag, Paderborn 1986, ISBN 3-506-41084-9, S. 348–350 und 353f.