mini|Pannonien in römischer Zeit Das Binnenkastell Ságvár gehörte zu einem System wehrhafter spätantiker Garnisons- und Siedlungsschwerpunkte in den pannonischen Provinzen auf dem Gebiet des heutigen ungarischen Staates.

Der Fundort liegt unmittelbar in Ságvár, einem Dorf im Komitat Somogy, das rund zehn Kilometer südlich der am Plattensee gelegenen Stadt Siófok liegt. Ein Informationspunkt an der Kirche von Ságvár erinnert an die römische Vergangenheit dieses Ortes. Antike Baureste sind hier nicht mehr zu sehen.

Insbesondere als Nachschub- und Versorgungsbasen für die Grenztruppen erfüllten die schwer befestigten Fortifikationen eine wichtige Aufgabe. Die Anlage gehört zu den kleinsten der bisher bekannten pannonischen Binnenkastelle. Aufgrund der modernen Überbauung gelang es lediglich, Teile im Norden der Anlage genauer zu erkunden.

Lage Das Gebiet um Ságvár war schon früh besiedelt. Durch ältere Grabungen ist unter anderem eine fundreiche altsteinzeitliche Lößstation nachgewiesen. Diese Siedlung, die zwei Kulturschichten aufwies, wird aufgrund ihrer Lage im Würm-II-Löß zeitlich dem östlichen Gravettien zugeschrieben.Grabungsbericht: Sándor Gallus: Ásatások Ságvárott 1932 es 1935-ben (Ausgrabungen in Ságvár im Jahre 1932 und 1935). In: Archaeologiai Értesitö. 49, 1936, S. 67–70; Jan Filip: Enzyklopädisches Handbuch zur Ur- und Frühgeschichte Europa, Band 2, Kohlhammer, 1966, S. 1188; Joachim Hahn: Aurignacien. Das ältere Jungpaläolithikum in Mittel- und Osteuropa. (= Fundamenta. Reihe A, Bd. 9), Böhlau, Köln u. a. 1977, S. 19. Daneben konnten im Raum von Ságvár auch deutliche Siedlungsspuren der Bronzezeit gesichert werden.

Das römische Ságvár lag an einer Fernstraße, die im wahrscheinlich zu Beginn des 3. Jahrhunderts n. Chr. entstandenen Itinerarium Antonini wiedergegeben ist. Diese Straße führte von der damaligen Colonia Sirmium (Sremska Mitrovica) über Sopianae (Pécs) zum Grenzort Arrabona (Győr) und von dort weiter nach Carnuntum (Petronell-Carnuntum).Wolfgang Schmidt: Spätantike Gräberfelder in den Nordprovinzen des Römischen Reiches und das Aufkommen christlichen Bestattungsbrauchtums. Tricciana (Ságvár) in der Provinz Valeria. In: Saalburg-Jahrbuch, 50, 2000. S. 213–441; hier: S. 357. Das flache Umland von Ságvár war in der Antike noch wesentlich stärker durch die Hydrologie des Plattensees (lat. Pelso) geprägt als heute. Es war und ist vielfach sumpfig und morastig. Unter den Bodenerhebungen, die einen festen Untergrund bilden, stehen teilweise sehr mächtige Lößlagerstätten an.

Name Ob die früher festgelegte Gleichsetzung Ságvárs mit der im Itinerarium Antonini genannten Station Tricciana richtig ist, wird in neuerer Zeit diskutiert. Der Archäologe Sándor Soproni (1926–1995) versuchte den antiken Namen Ságvárs anhand der Streuung von spätantiken Ziegelstempeln mit dem Namen Quadriburgium zu fixieren. Nach seiner Aussage waren die Ziegelstempel besonders häufig zwischen den Grenzgarnisonen Kastell Szentendre und Kastell Intercisa zu Tage gekommen – also im nördlichen Teil der Provinz Valeria. Außerdem zog er hierzu auch – die wohl zwischen 425 und 433 n. Chr. endgültig festgelegte – Notitia Dignitatum heran und analysierte die dort in Frage kommenden Militärstandorte. Für Soproni stand letztlich die Gleichsetzung von Quadriburgium mit Ságvár fest, wobei er die Überlegung mit einschloss, ob es in Ságvár – entsprechend der spätantiken Umbenennung des Kastells von Szentendre (Ulcisia Castra in Castra Constantia) – nicht auch zu so einer Namensänderung kam. Somit hätte der ältere Ortsname des römischen Ságvárs durchaus Tricciana lauten können.Sándor Soproni: Der Spätrömische Limes zwischen Esztergom und Szentendre. Akadémiai Kiadó, Budapest 1978, S. 172–173.

Forschungsgeschichte Seit dem 19. Jahrhundert ist Ságvár als Fundstelle bekannt. Bereits Flóris Rómer (1815–1889) stellte vor Ort Forschungen an. 1937 wurde der Archäologe István Paulovics (1892–1952) vom Ungarischen Nationalmuseum beauftragt, die Überreste des Kastells zu untersuchen. Die Leitung der Grabungen wurden später von Aladár Radnóti (1913–1972) übernommen und auf eine steile Uferböschung östlich des Dorfes ausgedehnt. Am südöstlichen Abhang der Tömlöchegy (Kerkerberg) genannten Böschung konnte ein reichhaltiges spätrömisches Gräberfeld (Gräberfeld I) ermittelt werden.Zentrum des spätantiken Gräberfelds I ungefähr bei ; Dorottya Gáspár: Spätrömische Kästchenbeschläge in Pannonien. Band 1, (Acta Universitatis de Attila József Nominatae, Acta Antiqua et Archaeologica, 15), Széged 1971, S. 24; Aladár Radnóti: Römische Forschungen in Ságvár. Vorbericht. In: Archaeologiai értesítő, 52, 1939, S. 268–276; hier: S. 269. Insgesamt 342 Grabstätten wurden dort zwischen 1937 und 1939 sowie 1942 in mehreren Grabungskampagnen aufgedeckt.Wolfgang Schmidt: Spätantike Gräberfelder in den Nordprovinzen des Römischen Reiches und das Aufkommen christlichen Bestattungsbrauchtums. Tricciana (Ságvár) in der Provinz Valeria. In: Saalburg-Jahrbuch, 50, 2000. S. 213–441; hier: S. 357, 411. Die Untersuchungen der 1930er Jahre in Ságvár blieben für die nächsten Jahrzehnte das einzige Leuchtturmprojekt der ungarischen provinzialrömischen Archäologie am südlichen Plattensee. Noch 1970 galt das Gebiet für die römerzeitliche Forschung als wissenschaftliche „terra incognita“.Károly Sági: Das Problem der pannonischen Romanisation im Spiegel der völkerwanderungszeitlichen Geschichte von Fenékpuszta. In: Acta Antiqua Academiae Scientiarum Hungaricae 18, 1970, S. 147–196, hier: S. 150. Im Bereich der Binnenfestung führte Endre Tóth zwischen 1971 und 1979 erneut Ausgrabungen durch.Endre Tóth: Die spätrömische Militärarchitektur in Transdanubien. In: Archaeologiai Értesitö. 134, 2009, S. 31–61; hier: S. 31. Da die südliche Hälfte sowie der westliche Rand des Kastellareals überbaut und damit unzugänglich waren, mussten sich diese Untersuchungen auf Teilbereiche konzentrieren.Endre Tóth: Zur Chronologie der militärischen Bautätigkeiten des 4. Jh. in Pannonien. In: Mitteilungen des Archäologischen Instituts der Ungarischen Akademie der Wissenschaften 14, 1985, S. 121–l36. Ziel der Grabungen war es, neben dem Grundriss auch die Chronologie dieses Garnisonsplatzes fassbar zu machen.

Auch aus dem näheren Umfeld des Kastells sind römische Fundstellen bekannt, die direkt und indirekt mit dem Garnisonsort Ságvár in Verbindung stehen. Rund sechs Kilometer westlich der Fortifikation konnten bei Grabungen in Ságvár, Ali-rétSágvár, Ali-rét bei an einer bronzezeitlichen Siedlung eine spätrömische Abfallgrube sowie spätrömische Öfen untersucht werden. Aus den Öfen kamen Keramikscherben des 4. Jahrhunderts, darunter ein sogenannter „dakischer Napf“, den karpische Töpfer hergestellt haben könnten. Auch in der Abfallgrube fand sich Keramik der gleichen Zeitstellung. Es stellte sich in weiterer Folge heraus, dass die Stücke aus der Abfallgrube mit dem Material, das sich in den obersten Schichten des Binnenkastells von Ságvár fand, übereinstimmten. Somit ließen sich auch andere Funde aus der Grube, wie eine Omega-Gürtelschließe, der Spätantike zuordnen.Endre Tóth: Karpen in der Provinz Valeria. Zur Frage der spätrömischen eingeglätteten Keramik in Transdanubien. In: Communicationes Archaeologicae Hungariae, 2005, S. 363–391; hier: S. 371. Rund acht Kilometer südwestlich von Ságvár wurde 1893 bei JabapusztaJabapuszta bei ein Altarstein aus dem Jahr 225 n. Chr. entdeckt, den ein Benefiziarier der in Brigetio stationierten Legio I Adiutrix hinterlassen hatte.András Graf: A Pannonia ókori Fóldrajzára Vonatkozó Kutatások áttekintó Osszefoglalása. Übersicht der antiken Geographie von Pannonien. (Dissertationes Pannonicae I 5). Budapest 1936. S. 40; , Foto des Altarsteins unter Ubi erat lupa Radnóti vermutete, dass dieser Stein ursprünglich zu einer mutmaßlichen Benefiziarierstation gehört hat, die während des Prinzipats in Ságvár bestand.Aladár Radnóti: Römische Forschungen in Ságvár. Vorbericht. In: Archaeologiai értesítő, 52, 1939, S. 268–276; hier: S. 269.

Baugeschichte Zur Zeit des Prinzipats stand an Stelle des Kastells eine Villa Rustica. Mittelkaiserzeitliche Keramikscherben kamen südlich der Anlage ans Licht. Aus dem Gebiet nördlich davon sind spätantike Scherben bekannt. Tóth ging davon aus, dass Gräberfeld und Kastell zur selben Zeit entstanden sein müssen. Er legte sich dabei auf die Regierungsjahre des Kaisers Constantius II. (337–361) fest. Neben den Fundmünzen aus der Festung sind es auch einzelne militärische Grabbeigaben, welche diesen Schluss nahelegen. An der Fortifikation können zwei Bauphasen unterschieden werden. Die Ausgrabungen von Tóth ergaben, dass die Wehrmauer fast überall bis auf die Fundamente herausgerissen und dem Steinraub zum Opfer gefallen war.Kurzbericht von Endre Tóth zur Grabung in Ságvár. In: Archaeologiai értesítő, 99, 1972, S. 258.

Phase I Umwehrung Das Kastell wurde mit einem rechteckigen, rund 254 × 298 Meter großen Grundriss angelegt.Julius Gyula Hajnóczi, Ferenc Redő (Hrsg.): Pannonia Hungarica Antiqua. Archaealingua Foundation, Budapest 1998, ISBN 963-8046-11-2, S. 93. Die antike Wehranlage besaß an ihrer Nord- und Südseite je ein Tor mit je zwei quadratischen Tortürmen. Durch diese Tore verlief auch die Trasse der Römerstraße.Endre Tóth: Die spätrömische Militärarchitektur in Transdanubien. In: Archaeologiai Értesitö. 134, 2009, S. 31–61; hier: S. 50. Aus dem Verband der 2 bis 2,20 Meter starken UmwehrungDorottya Gáspár: Christianity in Roman Pannonia. An evaluation of early Christian finds and sites from Hungary. BAR International Series 1010, Oxford 2002, ISBN 1-84171-288-4, S. 95. sprangen Zwischentürme hervor. Die Fundamente dieser älteren Türme wurden vor der Errichtung der jüngeren Türme sorgfältig entfernt. Die Archäologen konnten die Existenz älterer Türme lediglich anhand von rechteckigen Gruben nachweisen, die sich unter den Fundamenten der Rundtürme fanden. Ob diese Gruben unmittelbar den Umriss der älteren Türme nachzeichnen oder ob sie aus bautechnischen Gründen während der Fundamentfreilegung diese Form erhielten, ist unbekannt. Damit bleibt ebenfalls ungeklärt, ob die Türme der ersten Phase tatsächlich einen rechteckigen Grundriss besessen haben oder ob sie nicht – wie an anderen zeitgleichen Militäranlagen dieser Größe – einen hufeisenförmigen Grundriss besaßen.Endre Tóth: Zur Chronologie der militärischen Bautätigkeiten des 4. Jh. in Pannonien. In: Mitteilungen des Archäologischen Instituts der Ungarischen Akademie der Wissenschaften 14, 1985, S. 121–l36; hier: S. 133, Fußnote 31; nach früherer Ansicht Tóths waren die Türme offensichtlich eindeutig hufeisenförmig. In: Archaeologiai Értesitö. 100, 1973, S. 317. Über das Aussehen der Ecktürme kann nur spekuliert werden, da in diesen Bereichen keine Forschungen möglich waren.Endre Tóth: Die spätrömische Militärarchitektur in Transdanubien. In: Archaeologiai Értesitö. 134, 2009, S. 31–61; hier: S. 46–47. In geringem Maße fanden sich auch Spolien älterer Grabsteine und Altäre, welche bei der Errichtung mitverbaut wurden.Endre Tóth: Die spätrömische Militärarchitektur in Transdanubien. In: Archaeologiai Értesitö. 134, 2009, S. 31–61; hier: S. 49, Fußnote 179.

Praetorium Im Kastellinneren wurde östlich des Nordtores, direkt neben der Wehrmauer, das Wohnhaus des Kommandanten (Praetorium) freigelegt. Neben den ausgebrochenen Mauern des Gebäudes fanden sich von der Innenausstattung noch zahlreiche mehrfarbige Wandputzbrocken. Der Prunksaal dieses Hauses war während der ersten Bauperiode auf ganzer Fläche mit einer Hypokaustheizung ausgestattet und besaß einen monochromen Mosaikfußboden,Kurzbericht: Ságvár, spätrömische Festung. In: Folia archaeologica, 32, 1981, S. 254. außerdem war der Bau auch mit Terrazzoböden versehen worden.Kurzbericht in: Archaeologiai Értesitö. 102, 1975, S. 301.

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