Das Gebiet um die heutige Stadt Grebenau, einer Stadt im Vogelsbergkreis in Hessen, kann auf eine sehr lange Geschichte zurückblicken. Das Gründchen genannte Gebiet ist eine wiesen- und waldreiche Landschaft.

Prähistorie mini|Glockenbecher, Fundort Grebenau, Ausstellung im Oberhessischen Museum Gießen mini|Randleistenbeil Schaftkelt, Fundort Grebenau, Ausstellung Oberhessisches Museum Gießenmini|Lochhalsnadel, Fundort Grebenau, Ausstellung in oberhessisches Museum Gießen

Obwohl das Gründchen weder von den Bodenverhältnissen noch vom Klima begünstigt ist, reichen die ersten Spuren menschlicher Besiedlung im Bereich der Stadt Grebenau in die Bronzezeit, vor etwa 3.500 Jahren, zurück. Die ältesten Spuren der Besiedlung des Gebietes um Grebenau liefern Bodenfunde aus der Hügelgräberzeit des 2. Jahrtausends vor Christus. Zahlreiche, zum Teil gut erhaltene Hügelgräber zeugen davon, dass die Gegend an Jossa und Schwarza Menschen über längere Zeit eine ausreichende Lebensgrundlage bot. Von Spanien kommend breiteten sich am Übergang von der Jungsteinzeit zur Bronzezeit, von 2.600 bis etwa 2.200 v. Chr., die Glockenbecherleute in Europa aus und brachten die Kenntnisse der Kupfermetallurgie mit. Im Oberhessischen Museum in Gießen ist ein etwa 3000 Jahre alter, gut restaurierter Glockenbecher aus dem Gründchen zu bestaunen. In den 1880er Jahren wurden bei der Öffnung von bronzezeitlichen Hügelgräbern neben Skelettteilen einige gut erhaltene Metallgegenstände gefunden. Ein Randleistenbeil/Schaftkelt sowie eine fein geriffelte Keulenkopfnadel/Lochhalsnadel mit durchbohrtem, geschwollenen Hals aus Bronze zeugen vom großen handwerklichen Geschick der Gründchenbewohner vor etwa 2500 Jahren.

Frühes Mittelalter Nach den bronzezeitlichen Zeugnissen der Besiedlung des Gründchens findet sich ein erster schriftlicher Beleg im Codex Eberhardi, einem Kopiar, angelegt in der Zeit um 1150. Eine Beschreibung der Schlitz-Lauterbacher Mark datiert auf das Jahr 812. Erwähnt wird der Ort „... ad Esgenbach“ (zu Eschenbach).Ernst Friedrich Johann Dronke: Traditiones et antquitates Fuldenses. Fulda 1844. Kap. 18, S. 58. Eine weitere Datierung stammt aus der 2. Hälfte des 12. Jahrhunderts: „... ad Esginebah“.Ernst Friedrich Johann Dronke: Traditiones et antquitates Fuldenses. Fulda 1844. Kap. 45, S. 129. Der Ort, der ca. 2,5 km von Wernges entfernt lag, fiel später wüst. Der Ortsname ist erhalten in dem heutigen Flurnamen Eschelbach. Abgeleitet ist der Name vom mhd. „asch“ „esche“Friedrich Kluge: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 20. Auflage Berlin 1967. bearbeitet von Walther Mitzka. S. 174. und bedeutet „Siedlung am mit Eschen bewachsenen Bach.“Lutz Reichardt: Die Siedlungsnamen der Kreise Gießen, Alsfeld und Lauterbach in Hessen. Namenbuch. Dissertation. Göppingen 1973. S. 113.

Mit der politischen Gliederung wurde auch die Gegend von Hersfeld und Fulda aus um diese Zeit missioniert. Grebenau war wahrscheinlich bereits um 800 eine karolingische Straßenfeste. Die Geschichte von Grebenau ist eng mit der „Straße durch die kurzen Hessen“ verbunden, auf der im Mittelalter sogar Könige mit ihrem Gefolge vorbeizogen. Hochmittelalter Sicher belegt ist der Durchzug des Königs und späteren Kaisers Heinrich IV., auf dem Weg nach Mainz, im Jahr 1071. Der Mönch und Geschichtsschreiber Lampert von Hersfeld dokumentiert für dieses Jahr das Unglück von Liupold von Meersburg, als dieser im Gefolge Heinrichs IV. nach einer Mittagsrast in Utenhusen (Udenhausen (Grebenau)) so unglücklich vom Pferd in sein eigenes Schwert fiel, dass er sofort starb.

Die erste urkundliche Erwähnung Capells, des späteren Grebenaus, erfolgte im Jahr 1073 in einem Bericht Lamperts von Hersfeld: „... in villa, quae dicitur Capella, haud procul ab Hersveldia“. (Im Dorf, welches Capella genannt wird, nicht weit entfernt von Hersfeld).MGH, Script. rer. Germ. Lampert von Hersfeld. S. 157.

Nach seiner Flucht von der Harzburg traf sich Heinrich IV. zu Beginn des Sachsenkriegs auf dem Weg nach Trebur, Mainz und anderen Städten am Rhein am 18. und 19. August 1073 mit einigen Fürsten, unter ihnen Herzog Rudolf von Schwaben, in Capella bei Hersfeld, dem heutigen Grebenau.Lampert von Hersfeld beschreibt das so: „[…] quam caeteri, qui cum eo erant. Principes citato, quantum possent, itinere, sibi occurrerent in villa, quae dicitur Capella, haud procul ab Hersveldia. Quo cum venissent […]“. Erst eine Urkunde aus dem Jahre 1527 bezeugt, dass Waldkappel und Grebenau identisch sind: „... Waltkappele das itzt auch Grebenau genandt.“StAD, Urkunden Oberhessen, Grebenau.

Derartige Aufenthalte des Königs belegen, dass es im 11. Jahrhundert eine geeignete Infrastruktur für die Versorgung eines königlichen Gefolges am Zusammenfluss von Jossa und Schwarza gab, zumal auch das damalige Waltcapel zum Reichskirchengut gehörte. Die Verwendung des Begriffes Capella (Fiskalkirche) durch Lampert von Hersfeld macht dies deutlich.

Auf Dauer vor Ort lebende Ministeriale bauten sich oft kleine Anlagen aus Holz oder Stein in der Nähe von Dörfern und Höfen in der Ebene. Auf aufgeschütteten Hügeln entstanden zuweilen Turmhügelburgen, Motten genannt. Die erhöhte Lage des aus den Ruinen der ehemaligen Burg entstandenen Klostergebäudes zwischen Jossa und Schwarza sowie der bis vor wenigen Jahrzehnten noch gut sichtbare Burggraben erlauben die Vermutung, dass es hier ähnlich war.

Hoch- und Spätmittelalter mini|Rathaus der Stadt Grebenau im ehemaligen Johanniterkloster

Im Laufe der Geschichte gab es bedingt durch die herrschaftlichen Verhältnisse im Gründchen oft mehr Trennendes als Gemeinsames. Bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts waren die Grafen von Ziegenhain sowohl als Lehnsnehmer der Fuldaer als auch der Hersfelder Äbte für die Orte im Gründchen verantwortlich. Um 1264 befehdete der Hersfelder Abt Heinrich III. mit Hilfe einiger Ritter – darunter Graf Gottfried V. von Ziegenhain – den Fuldaer Abt Bertho II., wegen seiner geringen Körpergröße genannt „Abt Fingerhut“. Auch von der Grebenauer Burg Capelle aus, die damals Fuldaer Vogtei der Ziegenhainer Grafen war, versuchten die Ritter während des Interregnums im Reich (1254 bis 1273) ihren Einfluss gegenüber den mächtigen Reichsabteien auszudehnen. Die Niederlage der Ritterschaft endete mit der Zerstörung von 15 Burgen durch Abt Fingerhut in Rhön und Vogelsberg, darunter die Burg Capelle. Gottfried V. von Ziegenhain verlor infolge der Niederlage einen Teil seiner Besitzungen und Privilegien im Gründchen. So zwang Abt Bertho II. 1270 ihn und mit ihm verbündete Adelige, ihre Güter und die Dörfer Eulersdorf (Ailhardesdorph), Reimenrod (Reinmerode), Udenhausen (Udenhusen) und die jetzige Wüstung Winden an die Johanniter zu Nidda zu veräußern. Die Ordensbrüder machten das zerstörte Burggebäude wieder bewohnbar und gründeten um 1278 eine Kommende in Grebenau.

Landesherren Bereits 1265 wurde in einer Hainaer Urkunde erstmals der Ortsname Grevenhowa genannt: „... bona mea in Winden apud Greuenhowa“ (meine Güter in Winden bei Grebenau).StAM, Urk. Kloster Haina. Der Ort Winden fiel später wüst. Spätestens nach der Zerstörung der Burg Capelle und deren Wiederaufbau als Johanniterkommende kam dem Ort, der sich in direkter Nähe befand, eine größere Bedeutung zu. 1285 heißt es in einer anderen Urkunde: „... domus s. Johannis in Grebenawe“.Ludwig Baur: Hessische Urkunden aus dem Großherzoglich Hessischen Haus- und Staatsarchive. Band 1–5. Band 1. Darmstadt 1860–1873. Nr. 253, S. 184. 1320 schreibt man den Ortsnamen „Grevenowe“.Ludwig Baur: Hessische Urkunden. Band 1. Nr. 499, S. 344. Die Johanniterkommende wird 1344 erneut belegt: „... s. Johanns Ordens zu Grefenawe ...“Ludwig Baur: Hessische Urkunden. Band 1. Nr. 829, S. 569. 1436 heißt es: „Grebinauwe, Greffinawe“.Eduard Erwin Becker: Riedeselsches Urkundenbuch. 1200–1500. Offenbach 1924. Regest, Nr. 530, S. 147.

Der Ortsname leitet sich vom mhd. grave, grebe ab und bezeichnet „Inhaber richterlicher Gewalt“: Graf, Schultheiß Dorfvorstand.Friedrich Kluge: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 20. Auflage Berlin 1967. bearbeitet von Walther Mitzka. S. 296 f. Die Namensforschung sieht eine Benennung nach den Grafen von Ziegenhain, den Fuldaer Vögten. Diese erbauten hier wahrscheinlich um die Mitte des 13. Jahrhunderts.Georg Landau: Beschreibung des Hessengaues. Halle/Saale 1866, S. 135. Der Ort ist nicht zu verwechseln mit Grebenau (Guxhagen).

Die Ortsbezeichnungen Capelle, Capella oder Waltcapel verschwanden danach gänzlich aus den Schriften. Auch wenn „daz hus zu Grebenouwe“ in den folgenden 250 Jahren immer wieder in andere Hände fiel (Landgraf Heinrich von Hessen, Friedrich von Lißberg, Rohrich von Eisenbach, Frytschin von Schlitz), war es jedoch meistens der Komtur der Johanniter, der vor Ort die Entscheidungen traf.

In Schwarz übten die Grafen von Ziegenhain, anders als in Grebenau, die Vogteirechte auch nach 1270 weiter aus. Als deren Lehnsnehmer traten in Schwarz die Herren von Romrod, Fink von der Altenburg, die Herren von Liederbach und die von Merlau in Erscheinung.

Die „Hainischen Dörfer“ mini|Abzeichnung des Siegels der Stadt Grebenau aus 1624

Wallersdorf (1200) und Bieben (1231) mit Merlos (1280) waren durch Verkauf und andere Akte von adligen und kirchlichen Besitzern bereits früh an das Kloster Haina gefallen und dabei erstmals urkundlich erwähnt worden. Sie werden in der Geschichtsschreibung folglich die „Hainischen Dörfer“ genannt.

1372 kam Grebenau unter landgräflich-hessischen Einfluss, als der Johanniterorden sein Haus in Grebenau für 3000 Schillinge an Landgraf Hermann II. verkaufte. Der Orden erhielt es als Pfand aber wieder zurück.

Die Einführung der Reformation in Hessen durch Landgraf Philipp I. brachte für die beiden größten Ortschaften im Gründchen eine weitere Zäsur. In Grebenau nutzte der Landgraf die Gelegenheit, sich den Ordensbesitz der Kommende Grebenau anzueignen und 1527 Dietrich den Jüngeren von Plesse damit zu belehnen. In diesem Jahr wurde das Gründchen evangelisch. Heinrich Schröder war in dieser Zeit einer der ersten evangelischen Pfarrer in Grebenau.

Mit der Zusammenlegung der beiden Gerichte der sogenannten „hainischen Dörfer“ (Wallersdorf, Hof Merlos und Bieben) mit dem Gericht Grebenau zum „Amt Grebenau“ erhielt Grebenau am 10. Juni 1605 unter der Regentschaft des Landgrafen Ludwig V. von Hessen-Darmstadt die Stadtrechte und das Privileg, jährlich drei Kram- und Jahrmärkte abzuhalten. Das SIGILLUM REI PUB GREBENAUIENSIS zeigt – wie auch das Wappen der Stadt – einen mittelalterlichen Greben auf einer grünen Aue.

Neuzeit 17. bis 19. Jahrhundert Die Verleihung der Stadtrechte konnte keine große Wirkung mehr entfalten, denn bereits wenige Jahre später begann der Dreißigjährige Krieg. Die Bilanz von 30 Jahren Krieg war erschreckend: 70 bis 90 Prozent der ansässigen Bevölkerung fielen dem Krieg und kriegsbedingten Auswirkungen zum Opfer, eine Vielzahl der Ortschaften lag gänzlich wüst oder konnte nur noch wenige Jahrzehnte existieren. Landwirtschaft, Handwerk und Handel waren ruiniert. Reimenrod zählte nur noch sechs Einwohner.

Die Bevölkerung hatte kaum zwei Generationen Zeit, sich zu erholen, als mit dem Österreichischen Erbfolgekrieg (1740–1748), dem Siebenjährigen Krieg (1756–1763) und den französischen Revolutionskriegen (1792–1815) erneut große Not über die Menschen hereinbrach.

Über viele Jahrhunderte gab es in Grebenau und Schwarz Amt und Gericht der jeweiligen Herren. Mit der Auflösung der Ämter in Grebenau (1812) und Schwarz (1821) verloren beide Orte stark an Bedeutung.