Macrocranion ist eine heute ausgestorbene Gattung insektenfresserartiger Säugetiere, die im Unteren und Mittleren Eozän 56 bis 38 Millionen Jahren in Europa und Nordamerika verbreitet war. Bekannt wurde die Gattung hauptsächlich über mehrere, sehr gut erhaltene Skelette aus der Grube Messel. Es handelt sich um kleinwüchsige Tiere mit langem Schwanz und kurzen vorderen sowie langen hinteren Gliedmaßen. Aufgrund der Skelettmerkmale kann von einer schnellen, hüpfenden Fortbewegung ausgegangen werden. Die Anatomie des Gebisses aber auch Reste der Nahrung lassen eine allesfresserische Ernährung annehmen. Bedeutend ist weiterhin bei einigen aufgefundenen Skelettresten der Nachweis von Stacheln als Teil des Fellkleides, was zu den frühesten Hinweisen überhaupt in der Fossilgeschichte der Säugetiere gehört. Die systematische Stellung von Macrocranion ist nicht gesichert. Allgemein wird die Gattung der Familie der Amphilemuridae zugewiesen, die wiederum möglicherweise den heutigen Igeln nahesteht. Andere Untersuchungen lassen eine engere Beziehung der Amphilemuridae zu den Rüsselspringern vermuten. Die Erstbeschreibung von Macrocranion erfolgte 1949.

Beschreibung Macrocranion war ein kleines, grazil gebautes insektenfresserartiges Säugetier, dessen kleinere Vertreter eine Kopf-Rumpf-Länge von 9, größere aber von 14 bis 16 cm aufwiesen. Hinzu kam ein bis zu 15 cm langer Schwanz, der somit etwa die Länge des übrigen Körpers erreichte. Typisch waren zudem die gegenüber den vorderen Gliedmaßen sehr langen hinteren. Der Schädel wurde 3 bis 4,9 cm lang und glich in seinem Äußeren mit dem großen Gehirnschädel und der schlanken Schnauze etwa dem der heutigen Eigentlichen Spitzhörnchen (Tupaia). Es können aber auch Vergleiche zum ebenfalls ausgestorbenen Leptictidium gezogen werden, doch war die Schnauze bei Macrocranion nicht ganz so stark ausgezogen. Der Mittelkieferknochen war gut entwickelt und besaß vorne eine Erhebung, die etwa 1 mm über die Schneidezähne hinaus ragte. Diese Erhebung trug wohl Teile des Knorpelgewebes der Nase und zeigt somit eine ausgeprägte Nasenregion an, ähnlich wie das große, oberhalb des vierten Prämolaren gelegene Foramen infraorbitale. Im hinteren Teil schloss der Mittelkieferknochen an das lange und schmal gebaute Nasenbein an. Die Augenfenster waren klein, etwa 5 mm im Durchmesser und nach vorn gerichtet. Die Scheitelbeine formten einen kleinen Scheitelkamm, die Jochbögen setzten oberhalb des zweiten Molaren an und kragten weit auseinander.

Der Unterkiefer war schlank und etwa 2,2 bis 3,5 cm lang. Die Symphyse erstreckte sich dabei bis zum ersten Prämolaren. Vorn waren typischerweise drei paarige Foramina mentalia ausgebildet. Das Gebiss umfasste die vollständige Zahnanzahl der frühen Höheren Säugetiere, die Gebissformel lautete demzufolge: . In der Ausprägung des Gebisses zeigen sich starke Spezialisierungen mit zwei funktionalen Bereichen. Das vordere Gebiss bis hin zu den mittleren Prämolaren war kaum differenziert und die einzelnen Zähne deutlich homodont. Im Unterkiefer standen die Zähne dabei geschlossen, im Oberkiefer aber in kleinen Abstände zueinander. Alle vorderen Zähne wiesen eine spatelförmige Gestaltung auf, so dass eine weitgehend durchgängige Scherlinie entstand. Der Eckzahn hob sich nur selten über die anderen Zähne heraus. Ab dem dritten oder vierten Prämolar nahm die Zahngröße sprunghaft zu, von 1 bis 1,7 mm im vorderen Gebissteil auf 2,7 bis 3,5 mm im hinteren. Die Molaren besaßen den typischen tribosphenischen Aufbau der frühen Insektenfresser. Auf den Kauflächen waren mehrere Zahnschmelzhöcker ausgebildet, wobei eine charakteristische Dreiergruppe (Trigon) durch eine tiefe Rinne dahinter von den weiteren, aber deutlich kleineren Höckern (Talon) getrennt wurde. Die Zahnhöcker besaßen dabei teils eine eher buckelige Gestaltung, so dass ein bunodonter Aufbau entstand, einige Vertreter wiesen aber auch deutlich spitze Höckerchen auf. Die Zahnreihe vom Eckzahn bis zum letzten Backenzahn konnte bis zu 1,9 cm lang sein.

Überwiegend durch die zahlreichen, teils vollständigen Skelette aus Messel ist das Körperskelett von Macrocranion gut bekannt. Dieses spiegelt mit seinem nicht sehr voluminösen Rumpf den grazilen Bau der Tiere wider. Die Wirbelsäule war im Rückenbereich deutlich nach oben durchgebogen, im Halsbereich nach unten, wobei dieser Eindruck teilweise durch die Leichenstarre verstärkt sein kann. Sie umfasste 7 Hals-, 11 rippentragende Brust-, 7 Lenden-, 3 Kreuzbein- und 21 bis 25 Schwanzwirbel. Die ersten Halswirbel (Atlas und Axis) waren kräftig ausgebildet. Die rippentragenden Halswirbel erreichten am 10. den höchsten Punkt des Rückenverlaufes, wobei sie bis zu diesem durch lange, schmale Dornfortsätze charakterisiert waren, danach wurden sie eher kurz und breit. Die ersten vier oder fünf Schwanzwirbel hatten kurze Wirbelkörper mit kräftigen Querfortsätzen als Muskelansatzstellen, die übrigen waren lang und schmal. Bemerkenswert war die Gestaltung des Bewegungsapparates, der durch kurze vordere und lange hintere Gliedmaßen gekennzeichnet war. Der Oberarmknochen besaß mit bis zu 2,8 cm Länge eine kurze und grazile Gestalt. Ebenfalls leicht gebaut waren Elle und Speiche, wobei ersterer Langknochen mit 3,3 cm den Oberarmknochen an Länge übertraf. Beide lagen eng aneinander, waren aber nicht fest miteinander verbunden. Der Oberschenkelknochen erreichte bis zu 3,9 cm Länge und wies am geraden Schaft einen deutlichen Dritten Trochanter auf, der teilweise auch kammartig erschien. Das Schienbein besaß eine Länge von bis zu 4,4 cm und war mit dem Wadenbein verwachsen. Sowohl Arme als auch Beine endeten in jeweils fünfstrahlige (pentadactyle) Hände und Füße, die einzelnen Strahlen standen dabei eng beieinander. Die äußeren Strahlen (jeweils I und V) waren eher kurz, die drei mittleren Strahlen (jeweils II bis IV) deutlich in der Länge gestreckt, was hauptsächlich bei den Hinterfüßen besonders deutlich erscheint, wobei dies weitgehend über die Verlängerung des Mittelhand- und Mittelfußknochen erreicht wurde. Der dritte Metacarpus erreichte dabei 1 cm, der dritte Metatarsus 2 cm Länge. Die Finger- und Zehenglieder dagegen wiesen eine deutlich kurze, hohe und dreieckige Gestaltung auf. Die jeweiligen Endglieder schlossen stumpf ab und weisen darauf hin, dass keine spitzen Krallen, sondern wohl hufartige Klauen ausgebildet waren.

Fossilfunde miniatur|Skelett von Macrocranion mit erhaltenem Weichteilgewebe Macrocranion ist ein relativ häufig gefundenes kleines Säugetier, das vor allem im Unteren und Mittleren Eozän vor 56 bis 38 Millionen Jahren in Europa und Nordamerika vorkam. In Europa beschränkt sich die Fundverbreitung auf die mittleren und westlichen Bereiche des Kontinentes. Von herausragender Bedeutung hier ist die Grube Messel bei Darmstadt in Hessen, von wo mehr als ein Dutzend, teils vollständige Exemplare erhalten sind. Alle Skelette liegen in Seitenlage vor, was typisch ist für einen Großteil der Messeler Säugetierfunde. Einige der aufgefundenen Individuen weisen zusätzlich noch eine durch Bakterien hervorgerufene, feine Nachzeichnung der ehemaligen Körperkonturen auf (Bacteriographie). Dabei kann mit M. tupaiodon ein größerer und mit M. tenerum ein kleinerer Vertreter unterschieden werden. Insgesamt stellt Macrocranion nach den Fledermäusen, hier vor allem Palaeochiropteryx, das häufigste, in Messel vorkommende Säugetier dar. Die Fundstelle datiert ins beginnende Mitteleozän und ist etwa 47 Millionen Jahre alt. Nur wenig jünger ist ein rechter Unterkiefer aus dem Geiseltal bei Halle in Sachsen-Anhalt, an dem noch einige Zähne anhaften. Dieser wurde in der unteren Mittelkohle geborgen und stellt den einzigen Nachweis dieser Gattung hier dar.

In Westeuropa ist Macrocranion ebenfalls recht häufig belegt, allerdings beschränken sich die meisten Funde auf Schädel- und Gebissteile. Bedeutende Reste stammen hier aus Bouxviller im Elsass, das etwas jünger ist als Messel und von wo knapp 30 Fundobjekte vorliegen, weitere, etwa ein Dutzend Reste sind aus dem gleichalten Aumelas berichtet worden (beide Frankreich). Bereits in das Untere Eozän gehören rund ein halbes Dutzend Zähne aus der Blackheath-Formation des Abbey Wood in London. Zu den ältesten Funden in Europa können jene von Dormaal in Belgien gezählt werden, die in den Beginn des Unteren Eozän fallen und somit ein Alter von gut 56 Millionen Jahren erreichen. Hier wurden mit M. vandebroeki und M. germonpreae ebenfalls zwei Arten bekannt, erstere ist mit über 100 Zähnen belegt, zusätzlich auch noch mit einigen postcranialen Skelettelementen wie Fußwurzelknochen. In den gleichen geologischen Zeitabschnitt fallen auch Zahnfragmente aus Erquelinnes an der französisch-belgischen Grenze.

Nordamerikanische Funde von Macrocranion sind überwiegend aus dem westlichen Teil bekannt und umfassen bisher ebenfalls weitgehend nur Schädel- und Gebissteile. Bereits Anfang des 20. Jahrhunderts wurde ein gut erhaltener Unterkieferrest aus dem Unteren Eozän des Bighorn-Beckens im US-Bundesstaat Wyoming entdeckt. Weiterhin ist aus dem Beghorn-Becken ein Teilschädel mit zugehörigem Unterkiefer mit nahezu vollständiger Bezahnung bekannt, der der Willwood-Formation des Unteren Eozäns angehört. Der Fund repräsentiert wie der von William Diller Matthew beschriebene Unterkiefer die Art M. nitens, die sehr ähnlich zum europäischen M. tenerum war. Aus der gleichen Formation im nördlichen Bighorn-Becken ist zudem die stammesgeschichtlich ältere Art M. junnei anhand mehrerer isolierter Zähne beschrieben worden. Mehr als 70 Zähne dieser Art sind wiederum aus Castle Gardens im südöstlichen Bighorn-Becken überliefert, welche dort eine der häufigsten Säugetiernachweise überhaupt ist. Ein weiterer Teilschädel stammt aus der San-Jose-Formation in New Mexico.

Paläobiologie miniatur|Lebendrekonstruktion von Macrocranion Allgemein war Macrocranion ein grazil gebautes Tier. Einige der Skelettfunde aus Messel lassen die Umrisszeichnungen des Weichteilgewebes erkennen, wodurch insgesamt große Ohren, das Vorhandensein von Tasthaaren und ein nackter, nur gelegentlich mit Knochenplättchen bedeckter Schwanz nachgewiesen sind. In Bezug auf die Fellbedeckung scheint es Unterschiede zwischen den einzelnen Arten gegeben zu haben. So ist beim größeren M. tupaiodon ein kurzes, dichtes und wolliges Fell überliefert, beim kleineren M. tenerum dagegen bestand am Rücken ein Stachelkleid mit kurzen, dicken und spitz endenden Borsten, die nach hinten gerichtet waren, während am Bauch ein eher flauschiges Fell ausgebildet war. In den äußeren Merkmalen ähnelte M. tupaiodon dadurch den heutigen Haarigeln (Hylomyinae), M. tenerum aber den Stacheligeln (Erinaceinae). Vor allem im Schädelbereich zeigte Macrocranion spezielle Anpassungen. Die Schnauze lief nach vorn spitz zu. Das sehr groß ausgeprägte Foramen infraorbitale verweist einerseits auf die Ausprägung von Vibrissen – die bereits als Weichteilzeichnung erkannt wurden –, andererseits auf eine kräftige Schnauzenmuskulatur, der es neben einer weiteren Grube als Ansatzstelle diente, etwa dem Musculus levator nasi. Dadurch lässt sich eine gut ausgeprägte und bewegliche Nase annehmen. Zusätzlich deutet der kleine Vorsprung am Mittelkieferknochen auf eine deutlich entwickelte Nasenknorpelstruktur. In Verbindung mit den sehr kleinen Augenfenstern als Hinweis auf nur kleine Pupillen, etwa vergleichbar zu heutigen Igeln, kann aufgrund dieser Merkmale wohl eine Dominanz des Geruchs- und Tastsinns über den Sehsinn angenommen werden. Demnach suchte Macrocranion seine Nahrung am Erdboden, den es mit der feinen Nase sondierte.