mini|220px|Titelblatt des Kleinen Destillierbuchs. Straßburg 1500
Das Kleine Destillierbuch des Straßburger Wundarztes Hieronymus Brunschwig ist ein spätmittelalterliches Lehrbuch der Destillation einfacher Heilmittel.Karl Sudhoff: Deutsche medizinische Inkunabeln; bibliographisch-literarische Untersuchungen. J. A. Barth, Leipzig 1908, S. 61 (Digitalisat) Brunschwig vollendete es am 8. Mai 1500 unter dem Titel Liber de arte distillandi. de Simplicibus. Das buch der rechten kunst zü distilieren die eintzigen ding. 1512 folgte sein Großes Destillierbuch unter dem Titel Liber de arte Distillandi. de Compositis. Das büch der waren kunst zü distillieren die Composita vnd simplicia […]. Brunschwigs Bücher wurden durch den Straßburger Verleger Hans Grüninger herausgegeben.Hieronymus Brunschwig: Liber de arte distillandi de simplicibus. (Digitalisat)Hieronymus Brunschwig: Liber de arte Distillandi de Compositis: Das bũch der waren kunst zu distillieren die Composita vñ simplicia, vnd dz Bůch thesaurus pauperũ, Ein schatz d' armẽ genãt Micariũ, die broesamlin gefallen võ dẽ büchern d' Artzny, vnd durch Experimẽt võ mir Jheronimo brũschwick vff geclubt vñ geoffenbart zů trost denẽ die es begerẽ (Digitalisat)
Das Kleine Destillierbuch ist in drei Bücher unterteilt. Im ersten Buch (nicht nummeriertes BlattDigitalisat: nicht nummeriertes Blatt bis Blatt (X)IIIIrDigitalisat: Blatt (X)IIIIr) beschreibt Brunschwig verschiedene Destillationsgeräte und -techniken. Im zweiten Buch (Blatt XVrDigitalisat: Blatt XVr bis Blatt CXXIIIrDigitalisat: Blatt CXXIIIr) präsentiert er Arzneimittelmonographien in alphabetischer Reihenfolge. Im dritten Buch (Blatt CXXIIIIrDigitalisat: Blatt CXXIIIIr bis Blatt CCXrDigitalisat: Blatt CCXr) werden Krankheiten in Form eines Rezeptars „von Kopf bis Fuß“ aufgezählt und es werden mit Bezug zum zweiten Buch, dem eigentlichen Herbar, die zu diesen Krankheiten passenden Arzneimittel angegeben.
Inhalt des Ersten Buchs über Destillation (Geräte und Methoden) Zitat. Was distillieren ist
Abbildungen von Gerätschaften zur Destillation
Destillations-Methoden mit und ohne Kosten Im ersten Buch behandelt Brunschwig Destillationsgeräte und -methoden. Er beschreibt die notwendigen Gerätschaften und gibt detaillierte Anweisungen zum Bau verschiedener Öfen.Vgl. auch Geoffrey Chaucer: Canterbury Tales. Mit einer Einführung, Anmerkungen und einem Glossar von John Matthews Manly, London / Kalkutta / Sydney , S. 467 („And sondry vessels maad of erthe and glas - Oure urynals and our descensories, Violes, crosletz, and sublymatories, Cucurbites, and alambikes eek, And other swich, deere ynough a leek!“).
Fünf Destilliermethoden werden aufgezählt „Destillation“ durch ein Filter () (Blatt 6v-7r). Dreieckige Schafswollfilze wurden drei Querfinger tief mit dem breiten Ende in ein offenes, glasiertes Gefäß eingetaucht, in dem sich die zu filternde („distillierende“) Flüssigkeit befand. Das spitze Ende des Filzes tauchte in ein tiefer gesetztes Gefäß („viole“) ein, in dem das Destillat aufgefangen wurde. Dieses Verfahren wurde vornehmlich zur Reinigung („rectifizierung“) von Wässern genutzt, die man mit anderen Verfahren gewonnen hatte. Das Verfahren ähnelte unserer Filtration, konnte aber auch zur Trennung nicht mischbarer Flüssigkeiten eingesetzt werden. „Destillation“ in der Sonne () (Blatt 7r). Ein Glas, das oben und unten etwa gleich groß war („urinal“), wurde zu mehr als der Hälfte mit Blüten aufgefüllt und die Öffnung wurde mit einer durchlöcherten Holzschindel verschlossen. Ein zweites Glas mit gleich großer Öffnung wurde so aufgesetzt, dass sich die Öffnungen beider Gläser berührten. Die Verbindung wurde mit Lehm luftdicht abgeschlossen und die Gläser um 180° gedreht, sodass das Destilliergut sich im oberen Glas befand. Dieses Gebinde hängte man in die volle Sonne. Der austretende Saft tropfte („destillierte“) in das untere Gefäß. „Destillation“ im Brotteig () (Blatt 7r-7v). Ein langes, enges Glas () wurde mit dem zu „destillierenden“ Material aufgefüllt, mit einem Holzzapfen verschlossen, ganz mit Teig umhüllt und zusammen mit Broten im Ofen gebacken. Nach dem Erkalten wurde die Brothülle vom Glas entfernt, die erhaltene Flüssigkeit in ein zweites Gefäß entleert und der Vorgang wiederholt. Um Eintrübungen zu entfernen, sollte anschließend noch eine „destillatio per filtrum“ (Verfahren 1) durchgeführt werden. „Destillation“ im Rossmist () (Blatt 7v). Ein „circulatorium“Als Circulatorium (auch Pelikan) bezeichnete man einen Destillationsapparat, bei dem das Destillat wieder auf das Destillationsgut zurücktropft. Vgl. Udo_Benzenhöfer: Johannes’ de Rupescissa „Liber de consideratione quintae essentiae omnium rerum“ deutsch. Studien zur Alchemia medica des 15. bis 17. Jahrhunderts mit kritischer Edition des Textes (= Heidelberger Studien zur Naturkunde der frühen Neuzeit. Band 1). Steiner, Wiesbaden/Stuttgart 1989, ISBN 3-515-05388-3 (Zugleich Philosophische Dissertation, Universität Heidelberg, 1988), S. 182 (Distillatorium). oder ein wurde zu einem Drittel mit Blumen gefüllt. Die Öffnung des „circulatoriums“ wurde mit einem Holzzapfen und mit Lehm luftdicht verschlossen. Das befüllte Gefäß wurde für vier Wochen im als Wärmequelle dienenden Rossmist eingegraben. Der Rossmist war alle 14 Tage zu erneuern.Friedrich Dobler: Der Fimus als Wärmequelle in der alten Pharmazie. In: Pharmaceutica Acta Helvetica. Band 32, 1957, S. 66–67. „Destillation“ im Ameisenhaufen () (Blatt 7v-8r). Ein enges Glas („gutterolff“) wurde mit Blumen ganz gefüllt, luftdicht verschlossen und vierzehn Tage oder länger in einem Ameisenhaufen vergraben. Die abgesonderte Flüssigkeit wurde danach in der Sonne (Verfahren 2) oder im Rossmist (Verfahren 4) geläutert.
Fünf Destilliermethoden Diese Verfahren erfüllten die heute gültige Vorstellung von „Destillation“. Destillation im Marienbad () (Blatt 8r-v). Ein cucurbit (Destilliergefäß bzw. Brennhut in Kürbis- oder Flaschenkürbisform, genannt auch Kukurbite (lateinisch cucurbita „Kürbis“) und in Bezug auf den nach oben abgehenden Schnabel (lateinisch nasus) auch „Zagelglas“; siehe auch Kalebasse und vgl. Alembik)Robert James Forbes: A Short History of the Art of Distillation: from the beginnings up to the death of Cellier Blumenthal. E. J. Brill, Leyden 1948 (Reprint 1970), S. 22 und 37.Wilhelm Hassenstein: Das Feuerwerksbuch von 1420. 600 Jahre deutsche Pulverwaffen und Büchsenmeisterei. Neudruck des Erstdrucks aus dem Jahr 1529 (erschienen im gleichen Jahr bei Egenolph in Straßburg unter dem Titel Büchsenmeysterei) mit Übertragung ins Hochdeutsche und Erläuterungen, München 1941, S. 73 („tu es in ein Kukurbit“) und 75. wurde zur Hälfte mit klein gehackten Kräutern, Blumen, Blättern oder Früchten gefüllt und in einen auf dem Feuer stehenden, teilweise mit Wasser aufgefüllten, Kessel gesetzt. Auf der Öffnung des „cucurbit“ wurde ein „alembic“ befestigt. Das Wasser sollte nur so weit erhitzt werden, . Mit diesem und den drei folgenden Verfahren war eine gleichmäßige Erhitzung des „cucurbit“ gewährleistet und Spannungsbrüche wurden weitgehend vermieden. Destillation im Pferdebauch () (Blatt 8v). Dies war eine Abwandlung des Verfahrens der Destillation im Marienbad. Dem warmen Wasser des Kessels wurde von Strohbeimengungen befreiter Pferdekot zugesetzt. Dadurch sollte das Verfahren werden. Destillation in der Asche () (Blatt 8v). In den trockenen Kessel wurde eine drei Querfinger starke Schicht von rein gesiebter Asche eingefüllt, ein „cucurbit“ mit aufgesetztem „alembic“ wurde auf die Asche gestellt und zu einem Drittel mit der Asche umgeben. Eine weitere Steigerung des Hitzegrads war die Folge. Destillation im Sand () (Blatt 8v-9r). Die Asche wurde durch Sand ersetzt. Dadurch wurde der zweithöchste Hitzegrad erreicht. Destillation im Feuer () (Blatt 9r). Der „cucurbit“ wurde direkt auf das Feuerloch aufgesetzt. Dies war die Methode mit dem höchsten Hitzegrad.
Grundregeln zur Materialauswahl für die Destillationsgeräte Hieronymus Brunschwig 1500 Text Übersetzung mini|Blatt 9va–9vbHieronymus Brunschwig: Kleines Destillierbuch, Straßburg 1500, Blatt 9va-9vb (Digitalisat) Nota bene. Es iſt zů mercken alle waſſer die in gleſser gebrant werden ſint die beſten. Dar nach die in verglaſurtem geſchirr / als pfannen vnden vnd die helm oben. Darnach zynnen helm vnd vunden blyhen pfannen. Darnach blyhen helm vnd blyhen pfannen / als etliche cloſter frowen brennent / als ich zu Straßburg ſelber geſehen hab das die pfannen vnden blyhen warend vnd mit holtz brantent. Aber vaſt cleyn vnd ſubtile füer / vnd die pfannen ſtundent in geredener eſchen eyner hend dick vnd nit in ſandt / vff dz ſie nit ſchmiltzen. Dar nach kupfern helm yndendig verzynnet. Dar nach eren helm. Es iſt ſich alwegen zu beſorgen vor dem kupffer vnd beſunder vor dem ere in zweierlei weg. Der eyn das ſie gern geben rotfar waſſer / als wer es gebrochen wyn / vnnd brentzen oder ſchmacken nach dem brant gern. Der ander das dem kupffer oder er alwegen eyn gifft anhangen iſt me dan eynem andern metall. Darumb iſt ſich etwas dar vor zů hüeten / als do ſpricht Criſtoferus de honeſtis ſup. Anthidotarium Meſue. Christophorus Georgius De Honestis: Expositio super antidotario Mesue. Bibliotheca Apostolica Vaticana, Pal. Lat. 1147, Blatt 249ra–295vb: (Digitalisat) Beachte. Alle Wässer, die in Gläsern gebrannt werden, sind die besten. Danach folgen die in glasiertem Geschirr gebrannten, das heißt in einer glasierten Pfanne unten und in einem glasierten Helm oben. Danach oben Helme aus Zinn und unten Pfannen aus Blei. Danach Helme aus Blei und Pfannen aus Blei, wie etliche Klosterfrauen brennen. Das habe ich in Straßburg selbst gesehen, dass die Pfannen unten aus Blei waren und mit Holz beheizt wurden. Aber mit sehr kleinen und subtilen Feuern. Und die Pfannen standen in einer Handbreit gesiebter Asche und nicht im Sand, damit sie nicht schmelzen. Danach kupferne, innen verzinkte Helme. Danach eiserne Helme. In zweifacher Hinsicht musst du beim Kupfer und besonders beim Eisen Sorge tragen. Erstens bewirken sie eine Rotfärbung der Wässer wie bei gebrochenem Wein und sie riechen oft brenzlich nach dem Brant. Zweitens hängt dem Kupfer oder dem Eisen immer ein Gift an, mehr als bei einem anderen Metall. Daher muss man sich davor etwas hüten, wie Christopherus de Honestis in seiner Schrift über das Antidotarium des Mesue spricht.Gerhard Pfeiffer: Technologische Entwicklung von Destilliergeräten vom Spätmittelalter bis zur Neuzeit. Regensburg 1986.Thomas Gleinser: Anton Trutmanns „Arzneibuch“. Medizin-und sozialgeschichtlicher Kommentar. Philosophische Dissertation, Universität Würzburg, 1996, S. 242–243.Astrid Müller-Grzenda. Pflanzenwässer und gebrannter Wein als Arzneimittel zu Beginn der Neuzeit. Herstellungsverfahren, Hersteller und Handel, Beschaffenheit und Bedeutung für die Materia medica. Stuttgart 1996, S. 64–69.Heike Will. Vergleich der Indikationen des 'Kleinen Destillierbuchs’ des Chirurgen Hieronymus Brunschwig (Straßburg 1500) mit den nach derzeitigem wissenschaftlichen Erkenntnisstand belegten Indikationen. Würzburg 2009, S. 28–29.Lawrence M. Principe: Arbeitsmethoden. In: Claus Priesner und Karin Figala: Alchemie. Lexikon einer hermetischen Wissenschaft. Beck, München 1998, S. 51–57.
Arbeitsweise Die Angaben zur Zubereitung der Destillate waren im Kleinen Destillierbuch komprimiert gefasst. Wurzeln, Stängel und Blätter wurden . Oft – insbesondere bei zarten Pflanzenteilen – lautete die Vorschrift: , oder . Selten wurden weitere Vorschriften angegeben. So sollten Ackerbohnen (Blatt 26v) und das aus den Trichtern der Stängelblätter der Wilden Karde (Blatt 64) gesammelte Wasser destilliert werden. Zwei Methoden zur Destillation von Honig-Wasser wurden im Detail beschrieben.Blatt 75r: Vnd der beste hung ist … Hie will ich dir ein ander ler geben hunig zu dystillieren … (Digitalisat)