Whataboutism oder Whataboutismus (von englisch „Was ist mit …?“, und „-ismus“) ist ein rhetorisches Verfahren, das eine Kritik durch den Verweis auf andere Missstände relativiert oder vom eigentlichen Thema ablenkt. Diese Technik wird häufig verwendet, um unangenehme Fragen oder Vorwürfe zu umgehen, indem man stattdessen auf vermeintliche oder tatsächliche Verfehlungen anderer verweist.Enno Park: „Und was ist mit …?“ Perfider Trick aus der Mottenkiste der Rhetorik. Deutschlandfunk Kultur, 27. April 2017. Eine kritische Frage oder ein kritisches Argument wird nicht beantwortet oder erörtert, sondern mit einer kritischen Gegenfrage erwidert. Die Gegenfrage kann zu einem anderen Sachthema wechseln oder als Ad-hominem-Argument die angesprochene Person angreifen und diskreditieren. Philosophisch ist Whataboutism eine holistische Antwort auf ein reduktionistisches Argument und an sich weder diskriminierend noch abwertend.

Whataboutism wird unter logischem und argumentativem Gesichtspunkt als Ausprägung des Tu-quoque-Musters eingeordnet (lat. ‚du auch‘, Bezeichnung für einen Gegenvorwurf), wonach das eigene unlautere Verhalten durch die Unlauterkeit des anderen entschuldigt wird.Christian Glaser: Tu quoque. In: Risiko im Management. 100 Fehler, Irrtümer, Verzerrungen und wie man sie vermeidet. Springer, 2019, S. 181–184. Der Vorwurf an den Gesprächspartner, Whataboutism zu betreiben, kann auch selbst manipulativer Natur sein und der Diskreditierung dienen. Für den Ausgangspunkt des Gesprächs können von vornherein kritische talking points selektiv und zielgerichtet eingesetzt werden (vgl. Agenda Setting, Framing, Framing Effect, Priming, Cherry picking), die Abweichung von ihnen wird dann als Whataboutism gebrandmarkt.

Verwandte Manipulationstechniken im Sinne eines rhetorischen Ausweichmanövers sind der Themenwechsel und die Falsche Ausgewogenheit (bothsideism). Whataboutism und der Vorwurf, diesen zu betreiben, sind beides Formen des strategischen Framings und haben einen Framing-Effekt.Michael Oswald: Framing als strategische Tätigkeit. In: Springer eBooks. 2019, S. 37–132, hier S. 83 .

Beispiel A: „Wir müssen auch in Europa einen Beitrag zur Klimarettung leisten.“

B: „Solange andere Kontinente unkontrolliert CO₂-Emissionen produzieren, bringt es auch nichts, wenn wir uns in Europa damit befassen.“

In dem Beispiel ist die Äußerung A das Ausgangsargument, B ist eine Entgegnung entsprechend der Technik des Whataboutism.

Logischer Fehlschluss und rhetorisches Mittel Das Ziel des als rhetorischen Mittels eingesetzten Verfahrens ist oft, aber nicht immer, die Position des Gegners zu diskreditieren, ohne seine Argumente zu widerlegen. Als klassisches und zum Sprichwort gewordenes Beispiel des Whataboutism gilt der in der Sowjetunion als Erwiderung auf Kritik am Sozialismus häufig geäußerte Satz „Und in Amerika lynchen sie Schwarze“.

Durch diese Art der Entgegnung bleibt der Gesprächspartner B die sachliche Antwort auf die vorgehaltene Kritik von A schuldig, kann dadurch aber auch die Korrektheit der Vorwürfe direkt oder indirekt eingestehen. Die oft vorwurfsvoll geäußerte Frage „Und was ist mit …?“ spricht dem Kritiker A in der Regel nicht die sachliche Korrektheit, sondern in erster Linie die moralische Berechtigung zu seiner Kritik ab.

Erster Vorwurf und der Gegenvorwurf „Und was ist mit …?“ verlagern das Thema von der Inhalts- auf die Beziehungsebene, zu ethischen und politischen Aspekten des Themas, A und B versuchen jeweils von sich aus das Gespräch zu organisieren und dabei Themen zu priorisieren und zu hierarchisieren. Insofern ist eine rein sachlogische Betrachtung („B ist nicht auf die kritische Aussage von A eingegangen“) nicht angemessen, um die Kommunikation und die soziale Beziehung zwischen A und B im Ganzen zu beurteilen.

Geschichte der Verwendung

Der Begriff entstand laut dem Lexikographen Ben Zimmer 1974 in Nordirland. und wurde in den 1970er Jahren in den USA als sowjetkritischer Topos verwendet. Ursprünglich bezeichnete er den als polemisch beurteilten Umgang der Sowjetunion mit westlicher Kritik. Nach der Definition des Oxford Living Dictionary ist Whataboutism „die Technik oder Praxis, auf eine Anschuldigung oder eine schwierige Frage mit einer Gegenfrage zu antworten oder ein anderes Thema aufzugreifen“. Der Begriff ist synonym zu dem Begriff whataboutery, der in den 1970er Jahren aufkam. Er wird auch in deutschsprachigen Artikeln verwendet.

Nordirland Eine frühe Verwendung findet sich in einem Leserbrief eines gewissen Sean O’Conaills in The Irish Times. O'Connaill beklagte sich über „die Whatabouts“, womit er Menschen meinte, die Fehler der IRA verteidigten, indem sie auf Verfehlungen der Briten wie am Blutsonntag hinwiesen. Drei Tage danach nahm John Healy Bezug auf O’Conaill und benutzte den Begriff „Whataboutery“. Dieser Austausch wurde von Ben Zimmer als früheste Verwendung des Ausdrucks ermittelt.

1978 wandte der Australier Michael Bernard in der Tageszeitung The Age den Begriff Whataboutism auf die Taktik der Sowjetunion an, von jeglicher Kritik an ihren Menschenrechtsverletzungen abzulenken.

Kalter Krieg Zimmer sieht in Edward Lucas den Urheber der regelmäßigen Verwendung des Wortes Whataboutism, nachdem es in einem russlandkritischen Blogpost am 29. Oktober 2007 aufgetaucht war. 2008 wurde es durch einen einschlägigen Artikel des The Economist über Whataboutism populär gemacht. Lucas schrieb in dem Artikel Whataboutism als Propaganda-Taktik Russland zu und hielt den neuerlichen Gebrauch des Ausdrucks für ein Zeichen der Wiederkehr des Kalten Krieges und der Mentalität der Sowjetzeit bei Russlands derzeitiger Regierung. Dieses taktische Verfahren wurde seinerzeit der Sowjetunion für ihren Umgang mit Kritik aus der westlichen Welt vorgehalten. Diese Verwendung des Begriffs seit dem Kalten Krieg wurde mehrfach dargestellt und auch systematisch analysiert.Thomas Ambrosio: Tu Quoque: How The Kremlin Redirects External Criticism Through Rhetorical Attacks. North Dakota State University, 2008, (PDF).

Russland heute Im modernen Russland, speziell im Zusammenhang mit dem Vorwurf von Menschenrechtsverletzungen und anderer Kritik an der russischen Regierung, lebte die Praxis des Whataboutism wieder auf. Hinweise auf Menschenrechtsverletzungen in Russland wurden mit Hinweisen auf Verbrechen im Gefangenenlager Guantanamo durch die USA gekontert, die Krim-Annexion wurde mit der militärischen Konfliktlösung im Kosovo gleichgesetzt.Christian Weisflog: Warum die Krim nicht Kosovo ist. In: Neue Zürcher Zeitung. 18. November 2014 (nzz.ch).

Whataboutism wird auch mit sogenannten „aktiven Maßnahmen“ kombiniert.Peter Pomerantsev, Michael Weiss: The Menace of Unreality: How the Kremlin Weaponizes Information, Culture and Money. In: Institute of Modern Russia. 2014, (PDF; englisch). Miriam Elder von The Guardian erörterte, wie diese Taktik insbesondere von der Regierung Wladimir Putins und seinen Sprechern angewendet wurde, womit die meiste Kritik an Menschenrechtsverletzungen in der Regel unbeantwortet blieb. Im Juli 2012 schrieb Konstantin von Eggert, ein Kolumnist bei RIA Novosti, einen Artikel über die Verwendung von Whataboutism in Bezug auf die russische und amerikanische Unterstützung für verschiedene Regierungen im Nahen Osten.The Economist schlägt angesichts der geschilderten Fälle zwei rhetorische Gegenmethoden vor: zum einen „Argumente anzuführen, die die russische Führung selbst gebraucht“, so dass sie nicht auf eine westliche Nation angewendet werden können, zum anderen die Empfehlung, dass westliche Nationen verstärkt Selbstkritik in ihren Medien und an Regierungsaussagen ausüben.

In Euromaidanpress veröffentlichte Alex Leonor eine ausführliche Analyse der russischen Propaganda mit einer Vielzahl von Beispielen.

Bei einem Interview Wladimir Putins mit NBC im Sommer 2021 musste jener sich mehrfach unterbrechen lassen und anhören, dass dieser Diskussionstrick Whataboutismus genannt werde.. Nowaja gaseta, 15. Juni 2021.

Ein CNN-Reporter fragte eine russische Pressesprecherin wiederholt, ob der Angriff Russlands auf die Ukraine nicht eine „Verletzung internationalen Rechts“ ist. Sie antwortete stereotyp mit der Gegenfrage, ob der Einmarsch der USA im Irak nicht ebenso eine Verletzung internationalen Rechts sei.Anna Lindemann: CNN-Reporter Pleitgen treibt Lawrow-Sprecherin mit Zitaten von Putin in die Enge. In: Der Tagesspiegel, 17. Juni 2022.

Vergleich mit dem Zarenreich Joshua Keating stellte 2014 anhand des Buches über den Krimkrieg von Orlando Figes das Phänomen des Whataboutism in den größeren Kontext der russischen Geschichte seit jener Zeit und fand Übereinstimmungen zeitgenössischer Äußerungen mit denen Wladimir Putins während der Annexion der Krim 2014. Schon im Vorfeld des Krimkriegs wollte Zar Nikolaus I. aus religiösen und geopolitischen Erwägungen Krieg gegen das Osmanische Reich führen; die europäischen Mächte Frankreich und Großbritannien verfolgten indes ihre eigenen, durchaus eigennützigen Partikularinteressen, was schließlich in einen kriegerischen Konflikt mündete, der einen Vorgeschmack auf die folgenden, industriell geprägten Abnutzungskriege des 20. Jahrhunderts liefern sollte.

Der Ärger des Zaren über die nicht vorhergesehene Konfrontation mit den Westmächten wurde vom Panslawisten Michail Pogodin bestärkt, indem er die vermeintliche Doppelmoral der europäischen Kolonialmächte kritisierte, die ihnen erlaube, Kriege zu führen und Länder zu besetzen, während dies Russland wiederum untersagt sei (wobei anzumerken ist, dass Russland währenddessen in Mittel- und Ostasien weiter kräftig expandierte).Joshua Keating: The Long History of Russian Whataboutism. In: Slate, 21. März 2014 (slate.com). Vgl. für Details und Zitate Orlando Figes: Krimkrieg: Der letzter Kreuzzug. Berlin Verlag, Berlin 2011, ISBN 978-3-8270-1028-5, S. 152 f. (Google Books).

Kritik an „Russophobie“ Die Praxis, Whataboutism als typisch russisch oder sowjetisch zu kennzeichnen, wird teilweise als russophob zurückgewiesen. Glenn Diesen hält diesen Gebrauch für einen Versuch, die Politik Russlands zu delegitimieren. Schon 1985 habe Ronald Reagan das Konstrukt eines „falschen ethischen Gleichgewichts“ eingeführt, um jeden Versuch des Vergleichs zwischen den USA und anderen Ländern zu „denunzieren“. Jeane Kirckpatrick habe 1986 in ihrer Schrift Der Mythos der moralischen Äquivalenz im Whataboutism der Sowjetunion den Versuch gesehen, sich über moralische Argumentationen gegenüber den USA als gleichberechtigte legitime Supermacht darzustellen. Der Vergleich sei prinzipiell nicht statthaft, da es nur eine legitime Supermacht gebe, die USA, und diese nicht für Machtinteressen einstehe, sondern für Werte. Glenn Diesen sieht in dieser Interpretation Jeane Kirkpatricks ein Framing der amerikanischen Politik, das das Ziel verfolge, das Verhältnis von Ländern zueinander analog zu einem Lehrer-Schüler-Verhältnis zu definieren, wobei im politischen Rahmen die USA der Lehrer sei. Kirkpatrick berief sich auf Harold Lasswells Verständnis der Durchsetzung eines ideologischen Rahmens mithilfe politischer Dominanz, um die semantischen Manipulationen der Sowjetunion zu analysieren. Jedes Land versuche, so Lasswell, seinen Deutungsrahmen durchzusetzen, auch mithilfe von Revolution und Krieg. Für Kirkpatrick sind diese Deutungsrahmen aber nicht gleichwertig.

Allgemeine Verwendung als Propagandamethode Das Verfahren ist nicht auf die politische oder speziell russlandkritische Verwendung beschränkt, auch wenn die Bezeichnung eher in russlandkritischen Kontexten benutzt wurde. Bereits 1938 war die Technik von der nationalsozialistischen Presse verwendet worden. Nach der Reichspogromnacht schrieb die Oesterreichische Volks-Zeitung als Schlagzeile am 12. November 1938: „Londoner Hetze wegen Glasscherben. Aber kein Wort über zerstörte Araberdörfer! Wieder empörende Anpöbelungen in der jüdischen ‚Weltpresse‘.“