George Smiley ist eine literarische Figur des britischen Schriftstellers John le Carré (1931–2020). Er ist die Hauptfigur der fünf Romane Schatten von gestern (Call for the Dead, 1961), Ein Mord erster Klasse (A Murder of Quality, 1962), Tinker Tailor Soldier Spy (1974), Eine Art Held (The Honourable Schoolboy, 1977) und Agent in eigener Sache (Smiley’s People, 1979) sowie eine Nebenfigur in den Romanen Der Spion, der aus der Kälte kam (The Spy Who Came in from the Cold, 1963), Krieg im Spiegel (The Looking Glass War, 1965), Der heimliche Gefährte (The Secret Pilgrim, 1990) und Das Vermächtnis der Spione (A Legacy of Spies, 2017). Mit Ausnahme von Ein Mord erster Klasse, einem klassischen Whodunit-Krimi, sind alle Bücher der Spionageliteratur zuzurechnen. Im Jahr 2024 setzte le Carrés Sohn Nick Harkaway die Reihe mit Smiley (Karla’s Choice) fort.

Smiley ist ein Agent des britischen Auslandsgeheimdienstes MI6, der in den Romanen am Cambridge Circus beheimatet ist und daher den Beinamen Circus (je nach Übersetzung auch Rondell) trägt. Im Verlauf der Romane steigt er bis zum Leiter des Circus auf. Smiley ist ein Antiheld. Er ist klein, dick, bebrillt, liebt deutsche Barocklyrik und führt eine unglückliche Ehe, in der er regelmäßig von seiner Frau Ann betrogen wird. Auf der anderen Seite zeichnet er sich durch die brillante Planung seiner Einsätze sowie seine Menschlichkeit aus, die ihn immer wieder in Konflikte mit der nachrichtendienstlichen Tätigkeit bringt. In Verfilmungen wurde die Figur von fünf Schauspielern dargestellt; am bekanntesten wurde die Interpretation von Alec Guinness in zwei Fernsehserien der BBC.

Chronologie

Vorgeschichte

mini|Cambridge Circus, die fiktive Heimat des MI6 in den Smiley-Romanen mini|Bywater Street in Chelsea, Smileys Wohnort

Dem Roman Schatten von gestern ist Smileys Curriculum Vitae vorangestellt. Sein Geburtsdatum bleibt ungenannt, lässt sich jedoch auf ca. 1907 festlegen,David Monaghan: Smiley’s Circus. Die geheime Welt des John le Carré. Heyne, München 1992, ISBN 3-453-05629-9, S. 243. in Der heimliche Gefährte wird es ins Jahr 1915 verschoben. Smiley entstammt einer bürgerlichen britischen Familie. Einen Teil seiner Kindheit verbrachte er im Schwarzwald in Deutschland. Er besuchte eine kleinere Public School und das Blackwells (in der BBC-Serie von 1982 Lincoln College, le Carrés tatsächliches College in Oxford), ein veraltetes College in Oxford, mit dem Ziel einer akademischen Karriere im Bereich der deutschen Barockliteratur. 1928 (in Tinker Tailor Soldier Spy wird das Datum auf 1937 verlegt, um Smileys Auftritte in den 1970er Jahren plausibler zu machenDavin Monaghan: The Novels of John le Carré. The Art of Survival. Basil Blackwell, New York 1985, ISBN 0-631-14283-5, S. 127.) wurde er, auf Empfehlung seines Lehrers, vom britischen Geheimdienst unter Leitung Steed-Aspreys angeworben. In dessen Auftrag sichtete er als Dozent an einer kleinen deutschen Universität potentielle britische Spione, während er zunehmende Verachtung für die Umtriebe der Nationalsozialisten und ihre Bücherverbrennungen entwickelte. In den Kriegsjahren spionierte er in der Tarnung eines Waffenhändlers in Schweden, der Schweiz und Deutschland, bis er 1943 als ausgebrannter Spion nach England zurückkehrte.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs heiratete Smiley zur allgemeinen Überraschung Lady Ann Sercomb(e), die schöne Sekretärin Steed-Aspreys, die im Gegensatz zu ihrem Mann aus einer gesellschaftlich hochangesehenen Familie stammte. Das Ehepaar bezog ein georgianisches Reihenhaus in Chelsea, Bywater Street 9. Zwei Jahre arbeitete er als Dozent in Oxford, bis ihn seine Frau 1947 zugunsten des kubanischen Rennfahrers Juan Alvida verließ. Smiley kehrte zurück zum Geheimdienst; ab 1951 war er bei der Spionageabwehr und warb auf Reisen in alle Welt Spione an. Der Dienst hatte sich inzwischen stark gewandelt. Maston, ein Karrierist und Weisungsempfänger des Außenministeriums, hatte den ehemals akademischen Führungszirkel beerbt. Zu alt für Agenteneinsätze gelangte Smiley bald aufs Abstellgleis.

Schatten von gestern

Im Roman Schatten von gestern (Call for the Dead, 1961) quittiert Smiley den Dienst beim Circus, um den vermeintlichen Selbstmord Samuel Fennans, eines Beamten des britischen Außenministeriums, aufzuklären. Er enttarnt einen ostdeutschen Agentenring unter Leitung seines ehemaligen Studenten Dieter Frey, den er selbst einst zur Spionage führte. Während der Ermittlung wird Smiley von dem Agenten Peter Guillam und dem Polizeiinspektor Mendel unterstützt, die in der Folge zu seinen engsten Vertrauten werden.

Ein Mord erster Klasse

In Ein Mord erster Klasse (A Murder of Quality, 1962) befindet sich Smiley noch immer außer Dienst. Auf Bitten einer früheren Kollegin untersucht er als privater Ermittler einen Mordfall in der Carne School in Dorset. Smiley blickt hinter die Fassade der britischen Eliteschule, die einst auch seine Frau Ann besuchte, und er überführt den Mörder einer Lehrersgattin.

Der Spion, der aus der Kälte kam

In Der Spion, der aus der Kälte kam (The Spy Who Came in from the Cold, 1963) erscheint Smiley zum ersten Mal in der Rolle des undurchsichtigen Strippenziehers für den Circus und dessen Leiter Control. Vorgeblich missbilligt er die Aktion, in der ein britischer Agent namens Alec Leamas einen Überläufer markieren soll, um Hans-Dieter Mundt auszuschalten, den Chef der DDR-Gegenspionage. Scheinbar bringt er das Komplott gegen Mundt sogar durch sein Mitgefühl mit Leamas’ Geliebter in Gefahr. Es stellt sich jedoch heraus, dass dieses Verhalten Smileys Teil eines viel komplexeren Plans war, welcher sich in Wahrheit nicht gegen Mundt, sondern gegen dessen internen Konkurrenten Josef Fiedler richtete.

Smiley

Der Roman Smiley (Karla’s Choice, 2024) von le Carrés Sohn Nick Harkaway ist zwischen Der Spion, der aus der Kälte kam und Tinker Tailor Soldier Spy angesiedelt. Smiley hat nach den Ereignissen um Alec Leamas den Dienst quittiert, kehrt aber vorübergehend zurück, um nach einem verschwundenen ungarischen Emigranten zu suchen, der sich als russischer Spion entpuppt und eine Verbindung zu Smileys späterem Gegenspieler Karla hat. Am Ende lehnt Karla Smileys Vorschlag eines Gentlemen’s Agreement ab, und dieser kehrt im Wissen um die Skrupellosigkeit seines Kontrahenten dauerhaft in den Circus zurück, um ihm das Handwerk zu legen.

Krieg im Spiegel

Auch in Krieg im Spiegel (The Looking Glass War, 1965) ist Smiley nur am Rande beteiligt, doch er ist wieder fester Mitarbeiter des Circus. Mit wachsender Skepsis beobachtet er die Versuche des konkurrierenden Inlandsgeheimdienstes, einen britischen Spion in die DDR einzuschleusen, um Aufklärung über eine vermutete Stationierung von Raketenwaffen zu erhalten. Obwohl er das doppelte Spiel seines Vorgesetzten Control durchschaut, stellt er sich am Ende in den Dienst der Sache.

Tinker Tailor Soldier Spy

Tinker Tailor Soldier Spy (1974, auch als Dame, König, As, Spion bekannt) ist der Auftakt der so genannten Karla-Trilogie (englisch: The Quest for Karla), die sich um Smileys Kampf gegen den sowjetischen Geheimdienstchef mit dem Decknamen Karla dreht. Nach Controls Tod scheidet auch Smiley aus dem Circus aus, der nun von einem Kleeblatt unter der Leitung Percy Allelines angeführt wird. Doch als sich die Gerüchte verdichten, ein sowjetischer Maulwurf habe sich im innersten Zirkel des Circus eingenistet, übernimmt Smiley auf Bitten des Ministeriums die geheime Untersuchung. Am Ende entlarvt er einen doppelten Verräter, der nicht nur im Auftrag Karlas die Aktionen des Circus sabotiert, sondern auch eine Affäre mit Smileys Frau Ann hat.

Eine Art Held

Nach der Enttarnung des Maulwurfs übernimmt Smiley selbst in Eine Art Held (The Honourable Schoolboy, 1977) die Leitung des zerrütteten Circus, den er von Grund auf neu aufbauen muss. Ein erster erfolgreicher Gegenschlag gegen den sowjetischen Geheimdienstchef Karla gelingt in Hongkong. Dennoch muss Smiley im Moment seines Triumphs die Leitung des Circus Saul Enderby überlassen, der über bessere Kontakte zum Ministerium und zu den amerikanischen Verbündeten verfügt. Mit Smiley werden auch all seine Weggefährten kaltgestellt. Von seiner untreuen Ehefrau trennt er sich endgültig.

Agent in eigener Sache

In Agent in eigener Sache (Smiley’s People, 1979) stößt der pensionierte Smiley nach dem Mord an einem estnischen Agenten noch einmal auf eine Spur Karlas. Zum ersten Mal zeigt der unnahbare sowjetische Geheimdienstchef Gefühle und damit eine Schwäche, als er einer jungen Russin ohne Wissen des Kremls eine Tarnidentität im westlichen Ausland aufbaut. Ohne Unterstützung des Circus ermittelt Smiley auf eigene Faust. Der Sturz des Widersachers wird zu seinem persönlichen Triumph, doch im Verlauf der Auseinandersetzung haben sich die Mittel der beiden Kontrahenten zunehmend angenähert.

Der heimliche Gefährte

Der Roman Der heimliche Gefährte (The Secret Pilgrim, 1990) setzt nach dem Ende des Kalten Krieges ein. Smiley, inzwischen zur Legende geworden, leitet das Komitee für Angelrecht, eine informelle Arbeitsgruppe zwischen sowjetischem und britischem Geheimdienst. Er hält eine Rede vor Rekruten der Agentenschule in Sarratt, in der er für den britischen Geheimdienst neue Herausforderungen in einer veränderten Weltordnung prophezeit.

Das Vermächtnis der Spione

Im Roman Das Vermächtnis der Spione (A Legacy of Spies, 2017) wird Smiley, der sich nach seiner Pensionierung in Freiburg im Breisgau niedergelassen hat, durch seinen ehemaligen Freund und Mitarbeiter Peter Guillam noch einmal mit seiner Vergangenheit konfrontiert, insbesondere mit der misslungenen „Operation Windfall“ aus Der Spion, der aus der Kälte kam. Smiley verteidigt sich, dass er all seine Taten nicht im Namen des Weltfriedens, des Kapitalismus oder des Christentums begangen habe, nicht einmal für England, sondern stets für Europa, für das er sich ein neues Zeitalter der Vernunft erhofft.

Beschreibung

mini|Theodor W. Adorno (1964), mit dem Rudi Kost Smiley in seiner Biografie illustrierteRudi Kost: Über George Smiley. Poller, Stuttgart 1985, ISBN 3-87959-227-6, S. 68. Vgl. auch: Gerhard Henschel: Der melancholische Held. George Smiley – Rückblick auf einen Meisterspion. In: du Nr. 3/1998, S. 56.

In der einleitenden Beschreibung von Schatten von gestern heißt es über Smiley: „Klein, dick und von ruhiger Gemütsart schien er eine Menge Geld für wirklich miserable Anzüge auszugeben, die auf seinem viereckigen Gestell wie die Haut einer verschrumpelten Kröte wirkten.“ Seine Frau Ann belegt ihren „direkt atemberaubend gewöhnlichen“ Ehemann mit dem Spitznamen „Frosch“. Im Circus erwirbt er sich wegen seines gekrümmten Ganges und seiner zwinkernden Kurzsichtigkeit den Beinamen „Maulwurf“, seine Sekretärin nennt ihn „Teddybär“,Alle Zitate nach: John le Carré: Schatten von gestern. Ullstein, Berlin 2013, ISBN 978-3-8437-0857-9, Kapitel 1. andere Kollegen „Eule“.Myron J. Aronoff: The Spy Novels of John le Carré. Balancing Ethics and Politics. St. Martin’s Press, New York 1999, ISBN 0-312-21482-0, S. 16. Seine Bewegungen wirken unbeholfen, er wird leicht rot und zeigt verschiedene Ticks, so ein nervöses Zucken des Augenlids und das häufige Putzen seiner dicken Brille mit der Krawatte.David Monaghan: Smiley’s Circus. Die geheime Welt des John le Carré. Heyne, München 1992, ISBN 3-453-05629-9, S. 253.