Erwin Gross (* 24. September 1870 in Riga, Gouvernement Livland, Russisches Kaiserreich; † 10. Februar (?) 1920 in Welikije Luki, Russische Sozialistische Föderative Sowjetrepublik), eigentlich Johann Erwin Groß, auch Erwin Johann Gross geschrieben, lettisch Ervins Johans Gross, war ein deutsch-baltischer Geistlicher. Er gilt als evangelischer Bekenner und ist auf dem Rigaer Märtyrerstein verzeichnet.

Die Datumsangaben in diesem Artikel richten sich, wenn nicht anders angegeben, für den Zeitraum bis 1918 nach dem julianischen Kalender.Kalenderreform durch die Bolschewiki zum , Unabhängigkeitserklärung Lettlands am

Leben Jugend und Ausbildung Erwin Gross war ein Sohn des Oberlehrers Dr. phil. Robert Gross (* 22. März 1832, † 1902). Er wurde in der Rigaer Petri-Kirche getauft.Aus den Kirchengemeinden. in den Rigaschen Stadtblättern, Nr. 44, 22. Oktober 1870, online unter

Von 1877 bis 1880 ging er auf die Frommsche Elementarschule und von 1880 bis 1888 auf das Rigaer Stadtgymnasium, das er mit dem Abitur abschloss. Von 1888 bis 1893 studierte er Theologie an der Kaiserlichen Universität Dorpat. Am 6. März 1892 trat er dem Theologischen Verein Dorpat bei. Er war Mitglied der Fraternitas Rigensis. Sein Studium schloss er kandidatenmäßig ab.

Am 8. Oktober 1893 wurde er nach einer entsprechenden Prüfung vor dem livländischen Konsistorium vereidigt.Notizen. in den Rigaschen Stadtblättern, Nr. 50, 16. Dezember 1893, online unter Von 1894 bis 1895 verbrachte er sein Probejahr bei Pastor Pohrt in Rodenpois in Livland.

Am 24. September 1895 wurde er in Riga von Generalsuperintendent Friedrich Hollmann ordiniert. Er diente dann von 1895 bis 1896 als Pastorvikar in Lennewarden in Livland und von September bis Oktober 1896 als Pastoradjunkt in Roop in Livland.

Pastor von Katlekaln und Olai Nach seiner Einsetzung durch die Rigaer Stadtgüterverwaltung, die als Patron fungierte, wurde Erwin Gross am 6. Dezember 1898 von Propst Gaehtgens in sein Amt als Pastor der Landgemeinde von Katlekaln und Olai ganz in der Nähe von Riga eingeführt. Dem Propst assistierten dabei die Pastoren Walter und Schröder. Die Stadt Riga wurde vom Stadthauptkollegen und Kirchenvorsteher von Boetticher und anderen Mitgliedern der Stadtgüterverwaltung vertreten. Anschließend fand ein gemeinsames Essen statt.Im Patrimonialgebiet der Stadt Riga in der Düna-Zeitung, Nr. 277, 8. Dezember 1898, online unter Mit Gross´ Amtseinführung waren sämtliche vorherigen Vakanzen in der Pastorenschaft beseitigt.Aus dem Kirchenbericht des Rigaschen Stadtpropstes in der Rigaschen Rundschau, Nr. 22, 28. Januar 1900, online unter

Im Dezember 1898 heiratete Erwin Gross Marie Kügler,Aufgeboten. in den Rigaschen Stadtblättern, Nr. 48, 3. Dezember 1898, online unter eine Tochter Paul Küglers.

Am Sonntag, dem um 10 Uhr, veranstaltete er ein Bibelfest in der Katlekalnschen Kirche, wobei ihn Wilhelm Taurit unterstützte.Locales in der Rigaschen Rundschau, Nr. 174, 7. August 1899, online unter

1901 geriet Erwin Gross in einen Konflikt um Adolf von Harnacks Wesen des Christentums, das er im Widerspruch zur üblichen lutherischen Lehre sah und das er als wissenschaftlich ungenau ansah. Die Kraft Christi beschränke von Harnack auf seine Bedeutung als Religionsstifter und Vorbild, seine Inkarnation, die Sündenvergebung durch seinen stellvertretenden Kreuzestod, seine Auferstehung, seine Himmelfahrt, seine Allgegenwart, seine wirkmächtige Anwesenheit bis zum Ende der Zeiten und die Kraft des Heiligen Geistes lehne von Harnack ab.

So kritisierte Gross eine Buchbesprechung über Wilhelm Walthers Buch Adolf Harnacks Wesen des Christentums für die Christliche Gemeinde geprüft, da diese von Gross sehr empfohlene kritische Auseinandersetzung Walthers mit von Harnack durch die Besprechung in ein zu ungünstiges Licht gestellt würde. Magister E. von Schrenck, dem Verfasser der Besprechung, warf er Voreingenommenheit für von Harnack und Auslassungen vor. Von Schrenck bezeichne von Harnack als den größeren Gelehrten und manipuliere dadurch den Leser.Leserbrief Gross’ zu Ad. Harnack’s Wesen des Christenthums in der Düna-Zeitung, Nr. 209, 13. September 1901, online unter E. von Schrenck: Antwort an den Verfasser der Broschüre „Dein Reich komme!“ in der Düna-Zeitung, Nr. 224, 1. Oktober 1901, online unter

Von Schrenck nahm dazu Stellung, indem er darauf hinwies, dass die Frage in einer Tageszeitung nicht in der von Gross gewünschten Ausführlichkeit diskutiert werden könne. Man solle weder wie ein Verteidiger noch wie ein Ankläger urteilen, sondern wie ein Richter.E. von Schrenck: Kurze Erklärung in Sachen Walther contra Harnack. in der Düna-Zeitung, Nr. 212, 17. September 1901, online unter

In der Urlaubszeit hielt Erwin Gross in Bilderlingshof Strand-Gottesdienste ab, am selben Sonntag einmal in deutscher und einmal in lettischer Sprache.Strandgottesdienste. in der Düna-Zeitung, Nr. 177, 8. August 1903, online unter Strandgottesdienste. in der Düna-Zeitung, Nr. 159, 16. Juli 1904, online unter Strandgottesdienste. in der Rigaschen Rundschau, Nr. 146, 8. Juli 1905, online unter

Am 20. August 1903 wurde in Katlekaln sein Sohn Walter Robert Gross geboren, der später als Paläontologe bekannt wurde.

Erwin Gross sorgte mit einer Geldsammlung für die Renovierung der Kirche von St. Olai. Spender waren Mitglieder seiner Gemeinde, er selbst und, zu einem großen Anteil, die Stadt Riga, die als Kirchenpatronin fungierte. Rechtzeitig zur Feier ihres 150-jährigen Jubiläums am Sonntag, dem 20. September 1903, konnte die Kirche nach halbjähriger Pause wieder für Gottesdienste geöffnet werden.Locales in der Rigaschen Rundschau, Nr. 212, 18. September 1903, online unter Dabei hielt Gross in dem zuerst stattfindenden lettischen Gottesdienst eine Altarrede über Ps 84,1.11. (Siehe .) Danach folgte der deutsche Gottesdienst, in dem er über predigte. Nach der Predigt berichtete er über die Geschichte der Kirche. (Das eigentliche Jubiläum war am 25. Juli.)Locales in der Rigaschen Rundschau, Nr. 231, 10. Oktober 1903, online unter

Bibelanthologie 1904 verfasste Erwin Gross ein Buch mit von ihm ausgewählten Bibeltexten über Gott und die Menschenseele (siehe Kapitel „Werke“). Seine Intention war dabei, aufzuzeigen, dass die Seele des Menschen seit Urzeiten nach Gott suche. So begründet sich die fast vollständige Aufnahme des Buches Hiob in die Auswahl, in dem dieses am deutlichsten wird. Ferner wählte er Bibeltexte aus, die sich auf das Entgegenkommen Gottes dieser Suche gegenüber und das göttliche Geschenk der Gotteserkenntnis beziehen, von den Propheten bis zu Christus als Zentrum dieser Erkenntnis. Gross verwendete dabei die Übersetzung Martin Luthers. Die Texte aus den Psalmen, den Prophetenbüchern und Hiob waren dabei in Strophenform abgedruckt.Vom Weihnachtsbüchermarkt - für Erwachsene in der Düna-Zeitung, Nr. 282, 11. Dezember 1904, online unter

Russische Revolution 1905 Erwin Gross wandte sich energisch gegen die Russische Revolution 1905 mit ihren atheistischen und antiklerikalen Auswüchsen. Es gab zahlreiche Drohungen gegen ihn, die er nicht beachtete. Er blieb kühl und ruhig, dennoch belastete ihn die Situation sehr. Er stellte unter diesem Eindruck bei der 71. livländischen Provinzial-Synode im August 1905 die Frage, mit welchen Mitteln die Pastoren die sozialistisch-anarchistische Bewegung bekämpfen sollten. Am Mittwoch, dem 24. August, hielt er in diesem Zusammenhang ein Referat über die sozialistische Bewegung und nannte die Mittel, die seiner Meinung nach anzuwenden seien. Er vertrat die Ansicht, die Bewegung sei durch nationale Bestrebungen ausgelöst worden, was in der anschließenden Diskussion von anderen Synodalen bestätigt wurde. Als Bekämpfungsmittel wurden Predigten, die Presse und Traktate genannt.Die Verhandlungen der livländischen Synode über die revolutionäre Bewegung. in der Düna-Zeitung, Nr. 213, 27. September 1905, online unter Die Frage wurde an die Sprengelsynoden weitergeleitet.Inland. in der Düna-Zeitung, Nr. 160, 17. Juli 1906, online unter

Auf der 72. Synode im August 1906 wurde Gross´ Frage ausführlich diskutiert. Die Verlesung der Sprengelsvota zeigte, dass das von Gross zuerst genannte Mittel der Verkündigung des Evangeliums einmütige Zustimmung fand.Inland. in der Rigaschen Rundschau, Nr. 199, 31. August 1906, online unter

Pastor in Roop Ab Oktober 1907 diente Erwin Gross als Nachfolger von Pastor Peter Rosenberg in Roop,Roop. Pastorenwechsel in der Rigaschen Rundschau, Nr. 240, 15. Oktober 1907, online unter Aus der Umgebung Rigas in der Rigaschen Zeitung, Nr. 237, 14. Oktober 1913, online unter das abgelegen mitten im ländlichen Gebiet lag. Anfangs misstraute ihm die Gemeinde, da er deutsch-baltischer Abkunft war. Dem trat er mit seiner pflichtbewussten Tätigkeit entgegen. Tatsächlich nahm ihn die Gemeinde zunehmend an. Seine Freizeit widmete er der Theologie, insbesondere studierte er die sozialen Probleme.

Am 26. Dezember 1907 hielt er eine Rede beim geselligen Abend des Roopschen Geselligkeitsvereins, die einigen Beifall fand.Der Roopsche Geselligkeitsverein in der Rigaschen Zeitung, Nr. 2, 3. Januar 1908, online unter

Neben seiner geistlichen Tätigkeit war Erwin Gross, ebenso wie der 1905 ermordete Pastor Karl Schilling, der 1906 ermordete Propst Ludwig Zimmermann, die 1919 von Bolschewiki hingerichteten Geistlichen Hans Bielenstein, Alexander Bernewitz, Xaver Marnitz, Arnold von Rutkowski, Christoph Strautmann, Karl Schlau, Eberhard Savary, Eugen Scheuermann und Wilhelm Gilbert und wie Pastor Gustav Cleemann, der an den Folgen seiner Gefangenschaft bei den Bolschewiki starb, ordentliches Mitglied der Lettisch-Literärischen Gesellschaft, die sich der Erforschung der lettischen Sprache, Folklore und Kultur widmete. Gross wurde zum livländischen Direktor der Gesellschaft gewählt.Die lettische Literatur im Jahre 1912. in der Rigaschen Zeitung, Nr. 273, 13. Dezember 1912, online unter Die Gesellschaft wurde überwiegend von deutsch-baltischen Pastoren und Intellektuellen getragen. Für die Letten selbst war eine höhere Bildung zur Zeit der kaiserlich-russischen Vorherrschaft noch kaum zugänglich, ihre Kultur führte ein Schattendasein.

Im Februar 1914 stellte ein Korrespondent zweier lettischer Zeitungen die Behauptung auf, Gross sei bei einer Schulfeier in Rosenbeck beim Singen der Kaiserhymne nicht aufgestanden und dafür mit sechs Wochen Hausarrest bestraft worden. Gross ging gerichtlich gegen diese Behauptung vor.Wolmarscher Kreis. Eine empörende Lügengeschichte in der Rigaschen Zeitung, Nr. 39, 17. Februar 1914, online unter

Mit dem Ersten Weltkrieg begann für Erwin Gross die schwere Zeit. 1915 sollten er und seine Familie wegen angeblicher „Germanophilie“ nach Sibirien deportiert werden. Kurz vor der Vollstreckung wurde der Befehl widerrufen. Je mehr die Front sich Roop näherte, desto mehr verschlechterte sich die Situation. Gross´ Nerven waren bereits angegriffen; er konnte die Belastung nicht mehr ertragen. Mehrmals gelang es ihm, sich wieder zu seiner Arbeit zu zwingen, am Ende wurde er dabei von seinem dienstbeflissenen Adjunkten Wilhelm Grüner unterstützt. Die erste Vorherrschaft der Bolschewiki wurde für Gross zur Gefangenschaft, aus der ihn der Einmarsch der deutschen Streitkräfte befreite.

Während des nun folgenden Lettischen Unabhängigkeitskrieges, der etwa zeitgleich mit dem Abzug der deutschen Truppen begann, gelangten die Bolschewiki wieder an die Macht. Erwin Gross versuchte, sich ihnen zu entziehen, indem er im Dezember 1918 nach Riga ging.

Am 3. Januar 1919 gelangte auch Riga unter die Vorherrschaft der Bolschewiki. Gross ging daraufhin wieder zu seiner Gemeinde und nahm sein Predigtamt wieder auf.

Haft, Verschleppung und Tod