mini|Blick in den Saal der Novembergruppe, Große Berliner Kunstausstellung 1919 mini|Vorbereitung zur Eröffnung der Großen Berliner Kunstausstellung, Juni 1924 mini|Musikabend 1927
Die Novembergruppe war eine am 3. Dezember 1918 in Berlin gegründete Künstlervereinigung,Zehn Jahre Novembergruppe. Sonderheft Kunst der Zeit. Zeitschrift für Kunst und Literatur, Jg. 3, 1928, Nr. 1–3, S. 10 die zumeist mehr als 120 Mitglieder hatte. Namengebend war die Novemberrevolution 1918. Nach der Machtübergabe an Hitler 1933 musste die Künstlergruppe ihre Arbeit einstellen. 1935 wurde ihr Ende mit der Streichung aus dem Vereinsregister der Stadt besiegelt.
Geschichte der Künstlergruppe Nach ihrer Gründungsversammlung vom 3. Dezember 1918 veröffentlichte die Novembergruppe in der expressionistischen Zeitschrift Die schöne Rarität einen Aufruf, der am 13. Dezember 1918 auch als Rundschreiben an Künstler in ganz Deutschland verschickt wurde und in dem um weitere Mitglieder geworben wurde.Arbeitsrat der Novembergruppe, „Aufruf“, in: Die schöne Rarität, Jg. 2, 1918, Nr. 9, Anzeigenteil, unpag.; Novembergruppe, Rundschreiben, 13. Dezember 1918, in: Zehn Jahre Novembergruppe, Sonderheft Kunst der Zeit. Zeitschrift für Kunst und Literatur, Jg. 3, 1928, Nr. 1–3.
In der Potsdamer Straße 113 (im Zweiten Weltkrieg zerstört, auf Höhe der heutigen Nr. 81) befand sich die erste Geschäftsstelle der Vereinigung. Das Haus gehörte dem Kunsthändler und Verleger Wolfgang Gurlitt. Die Künstler und Gründungsmitglieder César Klein und insbesondere Max Pechstein waren schon länger mit dem Kunsthändler verbunden.Brief von Heinrich Campendonk an Walter Dexel, 16. Dezember 1918, Museum Penzberg, Sammlung Campendonk, Brief 192.
In den ersten Monaten traten 170 Künstler der neugegründeten Novembergruppe bei: Allein 49 von ihnen kamen aus dem Redaktionsumfeld von Herwarth Waldens Zeitschrift Sturm. Zu Beginn schlossen sich der Künstlergruppe italienische Futuristen, bedeutende DADA-Künstler sowie wichtige Bauhaus-Mitglieder, von denen einige zum älteren Werkbund gehörten, an.Helga Kliemann: Die Novembergruppe. Gebr. Mann, Berlin 1969.
Weimarer Republik Die Künstler der Novembergruppe bezeichneten sich selbst als radikal und revolutionär. Ihre Arbeit, ähnlich wie die des Arbeitsrats für Kunst, zu dem sie in engem Verhältnis standen, sollte die soziale Revolution in Deutschland unterstützen. In der Satzung vom 16. Dezember 1918 wurden grundlegende „Richtlinien“ der Vereinigung definiert, dessen maßgebliches Ziel der Künstler war die Vereinigung von Kunst und Volk. In den Richtlinien der Novembergruppe vom Januar 1919 hieß es u. a.:
I. Die „Novembergruppe“ ist die (deutsche) Vereinigung der radikalen bildenden Künstler.
II. Die „Novembergruppe“ ist kein wirtschaftlicher Schutzverband, kein (bloßer) Ausstellungsverein.Will Grohmann: 10 Jahre Novembergruppe. In: Kunst der Zeit. Berlin, 1928, Nr. 1–3, S. 11
Darüber hinaus versuchte die Gruppe, Einfluss auf öffentlich kulturelle Aufgaben zu nehmen, u. a. forderten sie ein Mitspracherecht bei öffentlichen Bauaufgaben, bei der Reform der Kunsthochschulen und bei der Neuorganisation von Museen.
Um sich in das Vereinsregister eintragen zu lassen, formulierte die Vereinigung in der Satzung als Zweck ihres Zusammenschlusses die „Vertretung und Förderung ihrer künstlerischen Interessen“ und gab sich eine Organisationsform, die in den folgenden Jahren mit leichten Modifikationen Bestand hatte. Der Vorstand bestand aus einem Vorsitzenden, einem Schriftführer und einem Kassierer. Die Vereinigung ließ sich am 20. August 1920 in das Berliner Vereinsregister eingetragen.
Charakteristisch für die Künstler der Novembergruppe war ein Stil-Synkretismus, der häufig als Kubofutoexpressionismus bezeichnet wurde. Die Wortschöpfung bezieht sich auf Kubismus, Futurismus und Expressionismus. Die Novembergruppe war für die Vielfalt ihrer Stile und Disziplinen bekannt, wird allerdings auch für diese Uneinheitlichkeit und die damit verbundene schwierige stilistische Einordnungsmöglichkeit kritisiert. Diese Vielfalt reichte vom Expressionismus und Kubismus bis zum Konstruktivismus und repräsentierte „eine Mitte zwischen visionärer und lyrischer Expressivität, konstruktiver Bildorganisation und einer empfindsamen und milieubetonten Sachlichkeit“.
Von Juli bis Dezember 1920 gab die Novembergruppe sechs Hefte der Zeitschrift Der Kunsttopf heraus. In den Texten wurde die liberale Haltung der Autoren, die aus Mitgliedern der Vereinigung als auch aus Gästen bestand, wiedergeben. Die zahlreichen Abbildungen dokumentierten das heterogene stilistische Spektrum, das die Novembergruppe vertrat. Wiederkehrende Themen waren die gesellschaftliche Verantwortung der Kunst und die Öffnung der Disziplinen zu gemeinschaftlicher Arbeit.Alfred Gellhorn et al.: Die Richtung. In: Der Kunsttopf, Jg. 1, 1920, Nr. 3.
Anfang 1921 versuchte Raoul Hausmann eine Führungsrolle in der Novembergruppe einzunehmen.Janina Nentwig: Art and Anti-Art in Berlin Around 1920. Dada and the Novembergruppe, in: Olaf Peters (Hrsg.): Berlin Metropolis 1918–1933 (Ausst.-Kat. New York, Neue Galerie). München / London / New York 2015, S. 36–57. Er entwarf im Januar eine Skizze zur Neugestaltung des Kunsttopfs. Zusammen mit Hans Siebert von Heister gab Hausmann eine neue Zeitschrift mit dem Titel NG. Veröffentlichung der Novembergruppe heraus, deren Umschlang durch die Künstlerin Hannah Höch gestaltet wurde. Das Projekt wurde bereits nach einem Heft eingestellt.Raoul Hausmann: Der Kunsttopf. Berlinische Galerie, 1995, 2. Abt, 21.54, S. 42 f.
Mit der Auflösung des Arbeitsrates für Kunst im Frühjahr 1921 traten viele Architekten, die bislang in dieser Vereinigung organisiert waren, der Novembergruppe bei. Im gleichen Jahr formulierten besonders Künstler aus dem linken Flügel der Novembergruppe einen Aufruf, der sich gegen die Verbürgerlichung der Künstlervereinigung wandte. Der Aufruf war von Otto Dix, George Grosz, Raoul Hausmann, John Heartfield, Hannah Höch, Rudolf Schlichter und Georg Scholz unterzeichnet und in der Zeitschrift Der Gegner veröffentlicht worden.
Am 20. Januar 1922 wurde von der Generalversammlung der Novembergruppe die Aufnahme von Schriftstellern und Tonkünstlern beschlossen. Die Musiksektion war mit der Leitung durch Max Butting (später von Hans Heinz Stuckenschmidt abgelöst) mit ihrer Workshop-Arbeit eine der produktivsten Kräfte. Zudem wurde 1922 die dezentrale Arbeit der Novembergruppe mit den Ortsgruppen aufgegeben.
Auf Initiative der Künstlervereinigung Das Junge Rheinland kam es im März 1922 in Düsseldorf zur Gründung des Kartells fortschrittlicher Künstlergruppen Deutschlands, dem sich neben der Dresdener Sezession, der Darmstädter Sezession sowie der Dresdener Gruppe Die Schaffenden auch die Novembergruppe anschloss. Die Novembergruppe wurde als wichtiger Bestandteil in das Kartell integriert.
Ende 1924 übernahm Ludwig Mies van der Rohe den Vorsitz der Vereinigung.Brief der Novembergruppe (Arbeitsausschuss) an die Mitglieder, 29. November 1924, Library of Congress, Washington D.C., Ludwig Mies van der Rohe Papers, MSS32847, Correspondence, Box 2. Dieser schlägt im Januar 1925 vor, die Geschäftsführung der Gruppe in kaufmännischer Hinsicht zu professionalisieren. Daraufhin wurde Hugo Graetz zum Geschäftsführer und die Geschäftsstelle der Vereinigung wurde in seine Galerie (Kunsthandlung Hugo Graetz) verlegt, die sich in der Achenbachstraße 21 (auf Höhe der heutigen Lietzenburger Straße 33) in Berlin-Schöneberg befand.
Am 3. und 10. Mai 1925 veranstaltete die Novembergruppe in Zusammenarbeit mit der Kulturabteilung der UFA die Matinée Der absolute Film im Ufa-Palast am Kurfürstendamm. Es wurden abstrakte und surrealistische Avantgardefilme von deutschen und französischen Künstlern u. a. von Ludwig Hirschfeld-Mack und Francis Picabia präsentiert.Holger Wilmesmeier: Deutsche Avantgarde und Film. Die Filmatinee „Der Absolute Film“ 3. und 10. Mai 1925. Münster 1994. Die Matinee gilt als die erste öffentliche Vorführung des abstrakten Films in Deutschland und zugleich als Höhepunkt der Experimente zum absoluten Film. Die Künstler waren überzeugt, dass die Erfahrung der beschleunigten Bewegung des technischen Zeitalters eine neue Kunst erforderten und sie suchten durch den Film nach neuen, innovativen Darstellungsformen, um eine echte Bewegungskunst zu schaffen. Die Berliner Presse verurteile die Vorführung scharf.
Anfang des Jahres 1927 verließen bis auf Alfred Gellhorn sämtliche Architekten die Novembergruppe und versuchten ihr Interesse in der Architektenvereinigung Der Ring zu vertreten. Auch einige bildende Künstler und Musiker traten 1927 aus der Novembergruppe aus. Der Verlust so vieler prominenter Mitstreiter stürzte die Vereinigung, die ab diesem Zeitpunkt aus rund 72 festen Mitgliedern bestand, in eine ernsthafte Krise.
Die Gruppe trennte sich im Frühjahr 1930 von ihrem Geschäftsführer Hugo Graetz und verlegte ihre Geschäftsstelle in die Räume der Galerie Die Kunststube, die sich in der Königin-Augusta-Straße 22 (heute: Reichpietschufer, auf Höhe der Hausnummer 48) befand. Hier präsentierten bereits mehrfach Mitglieder ihre Werke, u. a. Otto Möller und Arthur Segal. Die Leitung der Kunsthandlung lag in den Händen von Ludwig Hermann Schütze und Charlotte Luke.Werner J. Schweiger: Kunststube G.m.b.H. (Eintrag für geplante Publikation Lexikon des Kunsthandels der Moderne im deutschsprachigen Raum 1905–1937), Berlinische Galerie, Kunstarchiv Schweiger, BG-WJS-M-1,39.
Die Novembergruppe veranstaltete regelmäßig Künstlerfeste, Kostümfeste, Atelierbesuche, literarische und musikalische Veranstaltungsreihen.
Ausstellungen Als wichtigstes Mittel der Selbstdarstellung wurden regelmäßig Ausstellungen organisiert. Alljährlich waren die Mitglieder der Künstlergruppe auf der Großen Berliner Kunstausstellung mit einem eigenen Raum Novembergruppe vertreten. Darüber hinaus stellten sie gemeinsam mit den Künstlern ihrer über die Republik verstreuten Ortsgruppen (Hallische Künstlergruppe, Kräfte, Die Kugel) aus.Christoph Wilhelmi: Künstlergruppen in Deutschland, Österreich und der Schweiz seit 1900. Ein Handbuch. Stuttgart 1996, S. 274–284.
Zu ihren Ausstellungen lud die Novembergruppe bedeutende internationale Künstler oder Vertreter von Künstlergruppen ein. So waren 1919 Marc Chagall, 1920 Georges Braque, Fernand Léger und Marie Laurencin, 1922 Henryk Berlewi und 1923 El Lissitzky (mit seinem legendären Proun-Raum) in der Abteilung der Novembergruppe auf der Großen Berliner Kunstausstellung vertreten. Ebenfalls 1923 gehörten Iwan Puni und László Péri zu den Ausstellenden.
Im Frühjahr 1922 beteiligte sich das Kartell fortschrittlicher Künstlergruppen, zu der auch die Novembergruppe gehörte, geschlossen an der Ersten internationalen Kunstausstellung in den Räumen des Düsseldorfer Warenhauses Leonhard Tietz.Bernd Finkeldey: Die ‚I. Internationale Kunstausstellung‘ in Düsseldorf 28. Mai bis 3. Juli 1922. In: Konstruktivistische internationale schöpferische Arbeitsgemeinschaft. 1922–1927. Utopien für eine europäische Kultur (Ausst.-Kat. Düsseldorf, Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen; Halle, Staatliche Galerie Moritzburg). Stuttgart 1992, S. 23–30.
Zu den wichtigsten internationalen Ausstellungskooperationen gehörte eine Grafikausstellung, die in Zusammenarbeit mit den italienischen Futuristen in der Casa d’Arte in Rom vom 23. Oktober bis Ende November 1920 stattfand und von Filippo Tommaso Marinetti und dem Novembergruppen-Mitglied Enrico Prampolini arrangiert wurde.Helga Kliemann: Die Novembergruppe. Gebr. Mann, Berlin 1969, S. 22–24.