mini|Frontispiz der Erstausgabe von 1861 Erlebnisse aus dem Leben eines Sklavenmädchens (Originaltitel: Incidents in the Life of a Slave Girl) ist eine US-amerikanische Sklavenerzählung (slave narrative), die 1861 von Harriet Jacobs unter ihrem Pseudonym Linda Brent veröffentlicht wurde. Bei dem Buch handelt es sich um einen ausführlichen, chronologischen Bericht über Jacobs’ Leben als Sklavin und die Entscheidungen, die sie traf, um für sich und ihre Kinder die Freiheit zu gewinnen. Jacobs spricht den sexuellen Missbrauch an, dem Sklavinnen ausgesetzt waren.

Das Manuskript entstand im Wesentlichen in den Jahren 1853–57, während Jacobs in Idlewild, dem Landsitz des Schriftstellers und Verlegers Nathaniel Parker Willis, als Kindermädchen arbeitete.

Harriet Jacobs

Die Afroamerikanerin Harriet Jacobs kam 1813 oder 1815 in Edenton (North Carolina) als Sklavin zur Welt. Ihre Besitzerin brachte ihr Lesen und Schreiben bei, was für Sklaven damals äußerst ungewöhnlich war. Nach deren Tod kam sie mit 12 Jahren in den Haushalt von Dr. James Norcom, der bald begann, Harriet Jacobs sexuell zu bedrängen. In der Hoffnung, der Zudringlichkeit Norcoms zu entkommen, ließ sich Jacobs auf eine Beziehung mit dem weißen Rechtsanwalt Samuel Sawyer ein, aus der zwei Kinder hervorgingen.

1835 entschloss sich Jacobs zur Flucht und versteckte sich fast sieben Jahre lang in einem Raum unter dem Dach des Hauses ihrer Großmutter, der weniger als einen Meter hoch war. Erst 1842 gelang es ihr, in den Norden der USA zu entkommen, wohin auch ihre beiden Kinder und ihr Bruder gelangen konnten.

Sie fand noch im selben Jahr eine Anstellung als Kindermädchen bei Mary Stace Willis, der Frau des Schriftstellers Nathaniel Parker Willis. Nach dem Tod von Mary Stace Willis begleitete sie den Witwer und seine kleine Tochter Imogen auf einer Reise nach England. Sie zeigte sich positiv beeindruckt durch die Abwesenheit des – in den USA allgegenwärtigen – Rassismus dort.

Harriets Bruder John engagierte sich zunehmend für den Abolitionismus, d. h. für die Anti-Sklaverei-Bewegung. 1849 übernahm er in Rochester (New York) das „Anti-Slavery Office and Reading Room“ (Anti-Sklaverei-Büro und -Lesesaal). Seine Schwester Harriet unterstützte ihn dabei.Jean Fagan Yellin: Harriet Jacobs. A Life. Cambridge (Massachusetts), S. 102f.

Das ehemalige „Sklavenmädchen“ ohne Schulbildung fand sich nun in Kreisen wieder, die sich anschickten, mit ihren – damals – radikalen Ideen und ihren politischen Aktionen Amerika zu verändern. Der Lesesaal befand sich im selben Gebäude wie die Zeitschrift „North Star“ von Frederick Douglass, der heute als einflussreichster Afroamerikaner des 19. Jahrhunderts gilt. Jacobs wohnte bei dem weißen Ehepaar Amy und Isaac Post. Sowohl Douglass als auch die Posts waren überzeugte Gegner der Sklaverei und der Rassendiskriminierung und Anhänger des Frauenwahlrechts.

251x251px|mini|links|Amy Post (Foto von circa 1885)

Zu Amy Post fasste Jacobs bald das Vertrauen, das es ihr ermöglichte, ihre bisher verschwiegene Geschichte zu erzählen. Post beschrieb später, wie schwer es der traumatisierten Jacobs fiel, von ihren Erlebnissen zu erzählen, weil sie den Schmerz beim Erzählen von neuem durchlitt."Though impelled by a natural craving for human sympathy, she passed through a baptism of suffering, even in recounting her trials to me. ... The burden of these memories lay heavily on her spirit", zitiert nach Jean Fagan Yellin: Harriet Jacobs. A Life. Cambridge (Massachusetts), S. 104.

1850 gelang es der zweiten Frau von Willis, Cornelia Grinnell, die sich von der Geburt ihres zweiten Kindes nicht recht erholt hatte, Jacobs davon zu überzeugen, wieder als Kindermädchen für Familie Willis zu arbeiten.Jean Fagan Yellin: Harriet Jacobs. A Life. Cambridge (Massachusetts), S. 108–110.

Abfassung der Autobiographie

Jacobs’ Bruder hatte sie schon seit längerem gedrängt, ihre Lebensgeschichte aufzuschreiben. Um die Jahreswende 1852/53 machte Amy Post denselben Vorschlag.Jean Fagan Yellin: Harriet Jacobs. A Life. Cambridge (Massachusetts), S. 118f. Jacobs rang sich trotz ihrer Scham und ihres Traumas dazu durch, diese Idee in die Tat umzusetzen.

Mitte 1857 ist die Arbeit endlich so weit abgeschlossen, dass sie Amy Post in einem Brief um ein Vorwort bitten kann. Sogar in diesem Brief erwähnt sie die Scham, die ihr das Schreiben der Autobiographie erschwert hat, indem sie schreibt, dass „viele schmerzliche Dinge“ in dem Buch enthalten seien, die sie zögern lassen, jemanden, der „so gut und rein“ sei wie Post, um das „Opfer“ zu bitten, seinen „Namen mit dem Buch zu verbinden.“"as much pleasure as it would afford me and as great an honour as I would deem it to have your name associated with my Book –Yet believe me dear friend there are many painful things in it – that make me shrink from asking the sacrifice from one so good and pure as your self–." Jean Fagan Yellin: Harriet Jacobs. A Life. Cambridge (Massachusetts), S. 135

Auf der Suche nach einem Verleger erlebte Jacobs zunächst einige Enttäuschungen. Schließlich wandte sie sich an den Verlag Thayer and Eldridge. Der Verlag erklärte sich zur Veröffentlichung bereit, wenn die bekannte Schriftstellerin Lydia Maria Child ein Vorwort schreiben würde.

Jacobs und Child trafen sich persönlich in Boston, und Child erklärte sich nicht nur bereit, das Vorwort zu schreiben, sondern auch, als Herausgeberin zu fungieren. Child brachte das Material in dem Manuskript in eine andere, meist chronologische, Reihenfolge, und gab den Rat einiges zu streichen und dafür mehr Informationen über die Gewaltausbrüche gegen Schwarze nach dem Nat-Turner-Aufstand von 1831 einzufügen. Dies tat sie in brieflicher Abstimmung mit Jacobs, aber ein geplantes zweites persönliches Treffen kam nicht zu Stande, da Cornelia Willis eine lebensbedrohliche Schwangerschaft durchmachte und auf Jacobs’ Hilfe nicht verzichten konnte.

Nachdem die Buchdruckplatten im Stereotypie-Verfahren gegossen worden waren, ging der Verlag in Konkurs. Jacobs gelang es, die Platten zu kaufen und für den Druck und das Binden zu sorgen.

Im Januar 1861, fast vier Jahre nach der Fertigstellung des ersten Entwurfs, erschien schließlich Incidents in the Life of a Slave Girl. Im folgenden Monat erschienen in London die viel kürzeren Lebenserinnerungen ihres Bruders John unter dem Titel A True Tale of Slavery. Beide Geschwister erzählen in ihren Erinnerungen sowohl gemeinsam Erlebtes als auch Ereignisse aus dem Leben des jeweils anderen.

Sowohl Vor- als auch Nachnamen sämtlicher Personen sind in Harriet Jacobs’ Erzählung verändert, sie schreibt unter dem Pseudonym Linda Brent, und wird im Buch regelmäßig mit „Linda“ angeredet. John (von Harriet "William" genannt) gibt in seinem Buch die korrekten Vornamen, nennt aber von allen Nachnamen nur den ersten Buchstaben, mit der Ausnahme von Sawyer, dessen Namen er anfangs abkürzt, später aber vollständig ausschreibt.

Anerkennung als Autorin Incidents in the Life of a Slave Girl fand zunächst wohlwollende Aufnahme beim Publikum, aber aufgrund der Abschaffung der Sklaverei 1865 ließ das Interesse an diesem Thema stark nach, und gegen Ende des 19. Jahrhunderts war das Buch weitgehend vergessen. Wenn es überhaupt beachtet wurde, dann lautete die Meinung – auch der Gelehrten – dass es sich um eine erdachte Geschichte handelte, die der Feder von Lydia Maria Child entsprang.

Erst im Zuge der Bürgerrechtsbewegung und der Frauenbewegung setzte ein neues Interesse an dem Buch ein. Die Forscherin Jean Fagan Yellin beschäftigte sich seit den 1970er Jahren mit der Frage der Autorschaft des Buches. Im Nachlass von Amy Post und von Jacobs’ Sklavenhalterfamilien Norcom und Horniblow fand sie genügend Belege für die Autorschaft von Harriet Jacobs und die Glaubwürdigkeit ihrer Angaben in der Autobiographie. 1987 veröffentlichte sie eine Neuausgabe der Incidents (die auch John Jacobs’ A True Tale of Slavery einschloss) und 2004 eine wissenschaftliche Biographie über Harriet Jacobs.

Rezeption Das Buch wurde über das Netzwerk der Abolitionisten beworben und erhielt gute Kritiken. Jacobs arrangierte eine Veröffentlichung in England, die Anfang 1862 erschien, bald gefolgt von einem Raubdruck, der dadurch möglich wurde, dass es zwischen Großbritannien und den USA kein Copyright-Abkommen gab.

Durch die Veröffentlichung des Buches fiel Harriet Jacobs nicht etwa der von ihr befürchteten Verachtung des Publikums anheim, sondern gewann im Gegenteil an Ansehen. Trotz des Pseudonyms war ihre Autorschaft bald allgemein bekannt, und sie wurde in Kreisen der Abolitionisten regelmäßig als "Mrs. Jacobs, die Autorin von Linda" oder ähnlich vorgestellt, womit ihr auch die Anrede "Mrs." zuerkannt wurde, die sonst nur verheirateten Frauen zustand.Jean Fagan Yellin: Harriet Jacobs. A Life. Cambridge (Massachusetts), S. 161. Die "London Daily News" schrieb Anfang 1862, Linda Brent sei eine wahre "Heldin", die Durchhaltevermögen im Kampf für die Freiheit mit moralischer Rechtschaffenheit ("moral rectitude") verbinde.Jean Fagan Yellin: Harriet Jacobs. A Life. Cambridge (Massachusetts), S. 152.

Incidents in the Life of a Slave Girl gilt heute in den USA als ein Schlüsseltext des 19. Jahrhunderts ("a key nineteenth-century American text")Jean Fagan Yellin: Harriet Jacobs. A Life. Cambridge (Massachusetts), S. 262., steht auf den Leselisten vieler Schulen und Colleges, und ist in zahlreiche Sprachen übersetzt, darunter Deutsch, Französisch, Spanisch, Portugiesisch und Japanisch.

Inhaltsangabe mini|Titelbild der nicht autorisierten britischen Ausgabe von 1862: Ein Sklavenfänger kommt zu Jacobs’ Großmutter. Auf dem Dachboden liegt Jacobs im Versteck. Hier folgt eine Zusammenfassung der Haupthandlung der Autobiographie von Harriet Jacobs. Eine Übersicht über ihre Lebensgeschichte findet sich im Artikel Harriet Jacobs.