Germanistik bezeichnet in der Regel diejenige akademische Disziplin der Geisteswissenschaften, die sich mit der deutschen Sprache und deutschsprachigen Literatur in ihren historischen und gegenwärtigen Formen beschäftigt. In diesem Sinn ist Germanistik gleichbedeutend mit der Fachbezeichnung Deutsche Philologie oder Deutsche Sprach- und Literaturwissenschaft.Deutscher Germanistenverband. In einer weiter gefassten (aber selteneren) Bedeutung des Wortes kann sich Germanistik auch auf die germanischen Sprachen, Kulturen und Literaturen insgesamt beziehen.Helmut Glück, Michael Rödel (Hrsg.): Metzler Lexikon Sprache. 5. Auflage. Verlag J. B. Metzler, Stuttgart 2016, ISBN 978-3-476-02641-5. Lemma: „Germanistik“ S. 236f. Mit einem Verständnis von Germanistik als Deutsche Philologie bilden hingegen Skandinavistik, Niederlandistik, Frisistik und Jiddistik eigene Fächer neben der Germanistik, und die Anglistik sowieso.

Die moderne Germanistik im engen Sinn setzt sich aus mehreren Teilfächern zusammen, etwa der Germanistischen Linguistik, dem Fach Neuere deutsche Literaturwissenschaft, der Germanistischen Mediävistik sowie der Deutschdidaktik. Seit den 1980er Jahren wird die Germanistik auch in eine Inlandsgermanistik und Auslandsgermanistik eingeteilt. Zuweilen gibt es eine Verschränkung germanistischer Teildisziplinen mit denen der Kulturwissenschaft.

Begriff Die Germanistik entstand im 19. Jhd. und wurde stark durch die deutsche Nationalstaatsbildung und die Identitätssuche im deutschsprachigen Raum geprägt. Ziel war in erster Linie die Erforschung der deutschen Sprache und der Aufbau eines deutschen Literaturkanons. Die Germanistik ist daher im Unterschied zur Romanistik und Slawistik sehr viel weniger vergleichend ausgelegt, wogegen insbesondere in der Romanistik Latein als gemeinsame Ursprache eine überragende Rolle einnimmt und in der Slawistik Altkirchenslawisch als Brückensprache zu Urslawisch bedeutend ist. Die Germanistik entwickelte sich in deutschsprachigen Ländern institutionell vor allem als Nationalphilologie, wobei andere germanische Sprachen eigene Abteilungen bildeten. Die vergleichende Erforschung germanischer Sprachen ist mehr in der Indogermanistik und in der historischen Sprachwissenschaft verankert.

Außerhalb deutschsprachiger Länder ist die Germanistik häufig stärker vergleichend zwischen germanischen Sprachen und weniger kanonfixiert oder didaktischer z. B. in Form von Deutsch als Fremdsprache und Deutsch als Zweitsprache angelegt.

Der Begriff „Deutsche Sprache“ in der Germanistik Die Germanistik untersucht, allgemein gesprochen, verschiedene Erscheinungsformen der deutschen Sprache, sowohl in ihrer historischen Entwicklung als auch hinsichtlich der räumlich unterschiedenen Ausprägungen und der Funktionsbeziehungen einzelner Sprachsysteme.

In historischer Sicht umfasst die Germanistik alle Sprachstufen des Deutschen, die meist wie folgt eingeteilt werden:Jörg Meibauer und andere: Einführung in die germanistische Linguistik. 2. Auflage. J.B. Metzler, Stuttgart 2007, ISBN 978-3-476-02141-0, S. 299. Althochdeutsch (8. bis 11. Jahrhundert) Mittelhochdeutsch (11. bis 14. Jahrhundert) Frühneuhochdeutsch (14. bis 17. Jahrhundert) Neuhochdeutsch (ab 17. Jahrhundert). Lehrbuchmäßige Einteilungen wie diese zeigen, dass oft, wenn von „der deutschen Sprache“ die Rede ist, in einem engeren Verständnis nur an „Hochdeutsch“ gedacht ist, im Unterschied zum Niederdeutschen. So wird dann, wie oben, auch bei der Sprachgeschichte Altniederdeutsch und Mittelniederdeutsch nicht mitgenannt. In der Tat wird das Niederdeutsche in der Sprachwissenschaft überwiegend als eigenständige Sprache gezählt und dem Hochdeutschen gegenübergestellt (das sich dann in die oberdeutschen und mitteldeutschen Dialekte gliedert). Insbesondere das Altniederdeutsche wird auch als „Altsächsisch“ deutlich ausgegliedert. Da in der Neuzeit das Niederdeutsche begann, sich in soziolinguistischer Sicht wie ein Dialekt des Deutschen zu verhalten, wird das Niederdeutsche in verschiedenen Quellen aber auch in „die deutsche Sprache“ einbezogen.Peter von Polenz: Geschichte der deutschen Sprache. 11., überarbeitete Auflage von Norbert Richard Wolf. De Gruyter, Berlin 2020, ISBN 978-3-11-048565-3, S. 48 f. – Zitat S. 48: „Das Oberdeutsche ist der eigentlich deutsche Typus, der alle Lautverschiebungsformen aufweist; (2) das Niederdeutsche ist ein eigener Sprachtypus, der ursprünglich kein Dialektgebiet des Deutschen war, sondern erst durch soziolinguistische Vorgänge in der frühen Neuzeit zum Dialektareal ‚degradiert‘ worden ist.“ – S. 49: „Wie dem auch sei, auch Begriffe wie ‚Althochdeutsch‘ dürfen nicht von vorneherein wörtlich genommen werden: „Unter Althochdeutsch verstehen wir die älteste Periode jener Sprache, deren jüngstes Stadium das heutige Deutsch ist.“ (Braune/Reiffenstein 2004, 1) So gesehen, kann man auch das Alt- und Mittelniederdeutsche getrost ‚deutsch‘ bleiben lassen.“

Niederdeutsche Philologie findet jedenfalls immer im Rahmen der Germanistik statt. Sie wird vor allem an Universitäten in der Nordhälfte Deutschlands betrieben – Kiel, Hamburg, Oldenburg, Münster, Bremen, Rostock und Greifswald.

Germanistische Linguistik Die germanistische Linguistik als Sprachwissenschaft des Deutschen untersucht das Deutsche sowohl in historischer (diachroner) Hinsicht als auch in den systematisch-grammatischen Blickpunkten (Lautung, Schreibung, Flexionsformen, Wörter, Sätze, Texte usw.). Dazu kommen die verschiedenen Erscheinungsformen in der sprachsoziologischen Schichtung (Umgangssprache, Schriftsprache usw.) und der sprachgeographischen Gliederung (Dialekte usw.).Vgl. die sowie das Skriptum Grundkurs Sprachwissenschaft (PDF; 1,7 MB) von Karl Heinz Wagner. Die Germanistische Linguistik beschäftigt sich wesentlich mit der Anwendung von Methoden der allgemeinen Sprachwissenschaft/Linguistik auf die deutsche Sprache, folgt aber auch eigenständigen Traditionen.

Germanistische Literaturwissenschaft Die Germanistische Literaturwissenschaft untergliedert sich in eine (früher so genannte) „Alte Abteilung“, die sich mit der deutschsprachigen Literatur von den Anfängen im Frühmittelalter bis zum Übergang zur Neuzeit (etwa 16. Jahrhundert) befasst und heute als (Germanistische) Mediävistik bezeichnet wird, und eine „Neue Abteilung“, die sich als Neugermanistik mit der „Neueren deutschen Literatur“ (mit der Literatur des 16. Jahrhunderts bis zur Gegenwart) befasst. In Zürich wird die Grenze zwischen Mediävistik und Neuerer deutscher Literatur anders gezogen: Barock und Frühe Neuzeit werden noch zur Mediävistik gerechnet.

Sie untersucht die deutsche Literatur systematisch nach Gattungen, Formen, Stoffen und Motiven sowie historisch nach Autoren und Epochen. Zentrale Arbeitsgebiete der deutschen Literaturwissenschaft sind die Editionsphilologie, die Literaturgeschichtsschreibung und die Analyse deutschsprachiger literarischer Texte.

Die Beziehungen der deutschen Literatur zu den Literaturen fremdsprachiger Länder (Rezeptions- und Wirkungsgeschichte) und zu historischen Gegebenheiten, z. B. in europäischem Kontext, bilden weitere wichtige Arbeitsgebiete, werden seitens der deutschen Germanistik aber häufig unter Zentralsetzung des eigenen Literaturwissenschaftsverständnisses betrieben.

Deutschdidaktik Die Deutschdidaktik ist die Fachdidaktik des Deutschen; dieser Teilbereich beschäftigt sich insbesondere mit der Lehre des Faches in der Schule, ist aber oft interdisziplinär angelegt (Bildungswissenschaften, Psychologie, Soziologie usw.).

Sprechwissenschaft und Sprecherziehung In der Lehramtsausbildung ist an einigen Universitäten die Sprecherziehung für Studierende des Faches Deutsch verpflichtend. Einzigartig in der Bundesrepublik Deutschland ist, dass die Hochschulen in der Germanistik einen eigenen Masterschwerpunkt in Sprechwissenschaft und Sprecherziehung anbieten. Allerdings wird derzeit nur an der Universität des Saarlandes in Saarbrücken ein Master-Studiengang Germanistik mit Schwerpunkt in Sprechwissenschaft und Sprecherziehung angeboten. Die Universität Halle-Wittenberg bietet, getrennt von der Germanistik, sowohl einen Bachelor- als auch einen Masterstudiengang im Bereich Sprechwissenschaft und Phonetik an.

HochschuleStudiengangAbschlussMartin-Luther-Universität Halle-WittenbergSprechwissenschaft und PhonetikBachelor, MasterUniversität LeipzigSprecherziehungInstitut für Germanistik der Universität Leipzig: . Sprecherziehung u. a. für Lehramtsstudierende des Faches DeutschPhilipps-Universität MarburgSprechwissenschaft und PhonetikMasterTechnische Universität DresdenSprecherziehungInstitut für Germanistik der Technischen Universität Dresden: https://tu-dresden.de/gsw/slk/germanistik/studium/sprecherziehung-fuer-lehramtsstudiengaenge . Sprecherziehung für Lehramtsstudierende des Faches DeutschRuprecht-Karls-Universität HeidelbergSprecherziehungFachgebiet Sprechwissenschaft und Sprecherziehung " Homepage. Sprecherziehung u. a. für Lehramtsstudierende des Faches Deutsch Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule AachenSprecherziehungInstitut für Sprach- und Kommunikationswissenschaft der RWTH Aachen: "http://rhetorik.isk.rwth-aachen.de/1553.html". Sprecherziehung für Lehramtsstudierende des Faches Deutsch

Germanistische Medienwissenschaft Neben der germanistischen Sprach- und Literaturwissenschaft hat sich national wie international die germanistische Medienwissenschaft als dritter Teilbereich des Faches etabliert. Die germanistische Medienwissenschaft untersucht vor allem Fragen der Textualität und der Narratologie und hat eine stärker historische Ausrichtung als die kulturwissenschaftliche Medienwissenschaft bzw. verfügt über einen stärker reflexiven Ansatz als die Informatik. Neben den Neuen Medien untersucht sie auch die Alten Medien und analysiert die medialen Dimensionen von Sprache und Literatur.

Geschichte der Germanistik

mini|Die Erforschung althochdeutscher Rechtstexte als Beginn der Germanistik: „Im Kolleg bei Jacob Grimm“, Göttingen, 28. Mai 1830 Als noch äußerst gering systematisiertes Interessengebiet einzelner Gelehrter lässt sich die Germanistik im Bereich der germanischen Altertumskunde bis zu Tacitus zurückverfolgen. Dieser deutete in seinen Annales an, dass die Germanen (ohne Angabe des Stammes) den Arminius in der Nachschau der Varusschlacht, im Jahre 9 n. Chr., in ihren Liedern besungen hätten. Im Sinne einer deutschen Sprach- und Literaturkunde setzt sie jedoch erst mit der Erforschung und Veröffentlichung alter Rechts- und Geschichtsquellen sowie mittelalterlicher Bibelübersetzungen zur Zeit des Humanismus ein. Als selbständige Wissenschaft neben der Altphilologie und als Universitätsdisziplin wurde die Germanistik Anfang des 19. Jahrhunderts durch Georg Friedrich Benecke, die Brüder Grimm und Karl Lachmann begründet. Deren wissenschaftliches Interesse an der literarischen Vergangenheit war deutlich von der romantischen Ästhetik mit ihrer Wiederentdeckung der mittelalterlichen Dichtung geprägt.

Erster außerordentlicher Professor für Germanistik war seit 1810 Friedrich Heinrich von der Hagen in Berlin. Professuren für Germanistik wurden im