Theodor August Scheinpflug, (* in Pernau, Gouvernement Livland, Russisches Kaiserreich; † 14. März 1919 im Bickernschen Wald bei Riga, Lettland) in seinem persönlichen Umfeld meist von seiner Studienzeit an der Universität Dorpat her Tutti genannt, war ein deutsch-baltischer Pastor. Er gilt als evangelischer Märtyrer und ist auf dem Rigaer Märtyrerstein verzeichnet.

Familie Theodor Scheinpflug war das älteste Kind des Pastor-Diakonus der St. Nikolai-Gemeinde zu Pernau, Friedrich August Scheinpflug (* 11. November 1832 in Riga; † 24. Februar 1902 in Pernau)Inland. in der Libauschen Zeitung, Nr. 57, 9. März 1902, online unter . Dessen Frau war Luise Amalie Scheinpflug, geborene Häussler (* 31. Juli 1842 in Ascheraden; † 6. Dezember 1916 in Pernau). Theodor Scheinpflug hatte zahlreiche Geschwister. Schwestern von ihm waren Magdalena Agnes Scheinpflug, verheiratete Schilling-Frankhaenel (* 24. Mai 1876 in Pernau; † 13. Februar 1949 in Wetzlar) und Gertrud Beate Scheinpflug, verheiratete Frankhaenel (* 28. Januar 1878 in Pernau; † 18. März 1917 in Simferopol). Magdalena Agnes Scheinpflug heiratete den Pastor Karl Schilling, der während der Russischen Revolution von 1905 getötet wurde.

Theodor Scheinpflug war ab dem verheiratet mit Elisabeth (Lisbeth) Wilhelmine, geb. Guleke (* 1. Juni 1866; † 9. März 1939), einer Tochter des Propstes Rudolf Guleke in Alt-Pebalg in Livland. Das Ehepaar hatte 7 Kinder, die alle in Pernigel geboren wurden (Geburtsdaten nach gregorianischem Kalender):

Harold August Rudolph (* 27. Februar 1892; † 16. Januar 1967), der 1922 sein Medizinstudium in Jena abschloss,Kunst- und Geistesleben. in der Rigaschen Rundschau, Nr. 170, 3. August 1922, online unter Harold Scheinpflug: Über Hungerosteopathie und Pagetsche Krankheit, Jena 1922 Lisbeth Louise, verheiratete Lauezzari (* 8. April 1895; † 4. Juli 1964), Helmut Heinrich (* 20. November 1896; † 7. Januar 1960), Eva Gertrude (* 22. Juni 1898; † 23. Juli 1917), Erika Mary, verheiratete Berkholz (* 18. Dezember 1899; † 10. März 1978 in Hannover), Hans Albert (* 5. Juli 1901; † 22. November 1926), Ilse Alma (* 4. Mai 1903; † 21. Oktober 1990 in Springe), verheiratet mit Wolfgang Bernewitz, Sohn des Pastors Theodor Friedrich Bernewitz (* 24. August 1868 in Gr. Blieden; † 26. Oktober 1940 in Posen). Theodor Bernewitz ist ein Vetter des späteren ersten Bischofs der ev.-luth. Landeskirche in Braunschweig Alexander Bernewitz und war dessen Nachfolger als Pastor in Neuenburg. Damit war er wie dieser Nachfolger seines Großvaters. Von 1806 bis 1920 waren in Neuenburg (lettisch Jaunpils) in 3 Generationen 4 Pastore Bernewitz. Ein Bruder von Theodor Bernewitz war der Bildhauer Carl Hans Bernewitz.Wolfgang Bernewitz: Die kurländische Literatenfamilie Bernewitz, in: Baltische Ahnen und Stammtafeln, 22 Jg. Köln 1978, Hrsg. Isabella v. Pantzer

Leben Die Datumsangaben in diesem Kapitel richten sich, wenn nicht anders angegeben, für den Zeitraum vor 1918Kalenderreform durch die Bolschewiki zum , Unabhängigkeitserklärung Lettlands am nach dem julianischen Kalender.

Ausbildung Theodor Scheinpflug wurde nachgesagt, er habe sich sein Leben lang eine kindhafte Gutmütigkeit bewahrt. Niemals soll er eine unanständige Ausdrucksweise benutzt haben. Er ging zur Neumannschen Elementarschule und zum Gymnasium in Pernau, das er 1881 mit dem Abitur abschloss.

Während seines von 1881 bis 1888 betriebenen Theologiestudiums an der Kaiserlichen Universität Dorpat kämpfte er mit sich selbst, bis er seinen eigenen Zugang zum Glauben an Christus fand. Vom 31. August 1883 bis 1887 war er Mitglied des Theologischen Vereins Dorpat. Ferner gehörte er der Fraternitas Rigensis an. 1886 arbeitete er als Hauslehrer in Puderküll in Livland.

Nach bestandenem Examen vor dem livländischen evangelisch-lutherischen Konsistorium im Oktober 1888Auf der Oktober-Juridik des livländischen evangelisch-lutherischen Konsistoriums in der Rigaschen Zeitung, Nr. 284, 13. Dezember 1888, online unter verbrachte Theodor Scheinpflug von 1888 bis 1889 sein Probejahr bei Propst Kaehlbrand in Neu-Pebalg und bei Pastor Keussler in Schwanenburg in Livland.

Am 19. November 1889 wurde er in Riga vom emeritierten Propst Schilling zum Pastor-Adjunkt für Erlaa in Livland ordiniert.Inland. in der Düna-Zeitung, Nr. 45, 22. Februar 1891, online unter In Erlaa blieb er bis 1891. Danach, ebenfalls 1891, war er Pastor-Vikar des Sprengels Wenden und diente als solcher in Schujen in Livland. Er war davon begeistert, predigen zu dürfen.

Amtseinführung in Pernigel und theologische Positionen

Am 8. September 1891 wurde Theodor Scheinpflug schließlich in sein Amt als Pastor im abgeschieden an der livländischen Küste gelegenen Pernigel eingeführt.Inland. in der Düna-Zeitung, Nr. 192, 26. August 1891, online unter Der deutsch-baltische Kirchenpatron hatte ihn dafür ausersehen.

In Pernigel veranlasste er den Theologiestudenten Alexander Burchard (siehe Kapitel „Literatur“), der später der letzte Propst der deutschen Gemeinde von Riga wurde, seine erste Predigt vor der kleinen deutschen Gemeinde zu halten, die nur im Sommer vorhanden war.

Burchard beschreibt Scheinpflug äußerlich als groß gewachsen und blauäugig, ferner erwähnt er seinen blonden Bart. Von der Persönlichkeit her beschreibt er ihn als reine Seele und fröhlichen, kindlich gläubigen Menschen, der ihn stark prägte. Scheinpflugs Glaube gründete sich auf der Bibel, theologische Dispute und menschliche Beifügungen schätzte er nicht. So lehnte er beispielsweise die Auseinandersetzung mit Ernst Haeckels Schrift Die Welträtsel als überflüssig ab. Er vertrat die Ansicht, dass die Botschaft der Bibel jedem Menschen zugänglich sei, unabhängig vom Bildungsgrad. Im Mittelpunkt seiner Predigten stand, wer Christus für uns ist und dass das Himmelreich in uns anbricht. Im Laufe seines Lebens kam er immer mehr zu der Ansicht, dass nicht die Worte der Predigt am wirksamsten seien, sondern was der Gemeinde als Christentum vorgelebt wird. So fragte er seine künftige Frau in Anspielung auf Martin Luthers Lied Ein feste Burg ist unser Gott:

Mit dieser Einstellung wurde sein ganzes Leben eine Vorbereitung auf Leid, Verfolgung und Tod für den Glauben. Angst äußerte er nur davor, in diesem Sinne einmal vielleicht nicht stark genug zu sein. In der Situation tröstete ihn der Vers: „Christus ist ein Siegesfürst, Schmach, wenn du geschlagen wirst“.

Pädagogische Talente Theodor Scheinpflug galt insbesondere Kindern gegenüber als guter Prediger. So verfasste er unter dem Titel „Hinauf gen Jerusalem“ zwei kleine Buchbände mit Kinderpredigten, die 1905 veröffentlicht wurden und sich großer Beliebtheit erfreuten. (Siehe Kapitel „Werke“.) Er galt als pädagogisch begabt. Als Beispiel nennt Burchard eine Begebenheit, bei der Scheinpflugs Sohn sich weigerte, seine warme Milch zu trinken, weil sich eine Haut darauf gebildet hatte. Scheinpflug bat den Jungen, ihm die „schöne Haut“ zu geben, worauf sein Sohn diese behalten wollte und schnell aufaß. Theodor Scheinpflug war oft zu Besuch bei Alexander Burchard in Riga, dessen Kinder Scheinpflugs Humor schätzten. Theodor Scheinpflugs Beliebtheit bei den Kindern seiner Gemeinde gewann auch deren Eltern für ihn. Manch einer, der ihm anfangs feindselig gegenübergestanden hatte, war später einer seiner besten Freunde.

Exil in Pernau während der Revolution von 1905 Sowohl Revolutionäre als auch lettische Nationalisten agitierten bei seiner Gemeinde gegen Scheinpflug. Während der Russischen Revolution von 1905 wurde von einigen Gemeindemitgliedern auf Gemeindeversammlungen gerufen: „Fort mit dem Pastor!“ Am 9. Dezember 1905 zwang ein Exekutivkomitee Scheinpflug schließlich, den Ort zu verlassen und die Schlüssel der Kirche und des Pfarrarchivs abzugeben. Er floh nach Pernau.

Im Jahre 1906 wurde Scheinpflug aus Pernigel eine Liste mit 250 Unterschriften von Gemeindemitgliedern und der Bitte, zurückzukehren, zugesandt. Er folgte diesem Aufruf zunächst nicht.

Einige Wochen später, im Februar, erhielt er ein weiteres Schreiben von den Kirchenvormündern und Gemeindeältesten seiner Gemeinde. Darin wurde das Bedauern der Unterzeichneten und die Reue der Gemeinde, die ihren Irrtum erkannt habe, beteuert. Die Sehnsucht der Gemeinde nach der Verkündigung des Wortes Gottes sei stark geworden, er möge diese Sehnsucht stillen. Die Unterzeichneten verpflichteten sich, keine weiteren „Irrlehren“, wie sie es nannten, mehr zuzulassen. Dieses Schreiben führte zur Rückkehr Scheinpflugs nach Pernigel.

Rückkehr nach Pernigel und Folgen der revolutionären Vorfälle Seinen ersten Gottesdienst nach der Rückkehr hielt Scheinpflug am Bußtag in der gut gefüllten Kirche. Zwei Monate lang hatte hier kein Gottesdienst mehr stattgefunden. Die Bußmahnung schien die Gemeinde zu beeindrucken, die Frage, ob die Gemeindeglieder ihre Sünden bereuten und ihr Leben erneut Gott weihen wollten, wurde mit einem lauten und einstimmigen „Ja!“ beantwortet. Der Gottesdienst fand bei schönem Frühlingswetter, das auf einen Wintersturm der vorangegangenen Tage folgte, statt. Die Düna-Zeitung drückte die Hoffnung aus, dass die Wetteränderung ein gutes Zeichen für die Besserung des Verhältnisses zwischen Gott und der Gemeinde in Pernigel sein möge.Pernigel. Rückkehr des evang.-lutherischen Predigers. in der Düna-Zeitung, Nr. 46, 25. Februar 1906, online unter

Am 13. März 1907 kamen die Vorfälle um Scheinpflug während der Revolution auf Antrag der Prokuratur vor dem Friedensgericht zu Lemsal zur Verhandlung. Scheinpflug verzichtete auf eine Anklage wegen der gegen ihn gerichteten Aktionen, so dass die Verhandlung ohne eine weitere Bestrafung der Komiteemitglieder beendet wurde. Diese waren bereits mit einer Freiheitsstrafe von zwei Monaten bestraft worden.Inland. in der Rigaschen Zeitung, Nr. 61, 15. März 1907, online unter

Die Schwierigkeiten, die Scheinpflug während der Revolution gehabt hatte, und den glücklichen Ausgang kommentierte er mit:

Mitglied des Deutschen Vereins Scheinpflug war Mitglied Deutschen Vereins. Am 19. Dezember 1906 leitete er in Lemsal am Abend den geselligen Teil eines Treffens des neugegründeten Vereins mit einem Vortrag über die Kinderzeitschrift „Der Hauslehrer“ ein. Dabei erinnerte er an das nach seinem Urteil negative Verhalten von Teilen der Jugend während der Revolution. Er nutzte dies, um auf die Wichtigkeit der Jugendarbeit hinzuweisen. Er meinte:

Den „Hauslehrer“ hielt er für ein wertvolles Hilfsmittel für die Erziehungsarbeit. Er versäumte es dabei auch nicht, für seine beiden Bände mit Kinderpredigten als Ergänzung dazu zu werben. Schließlich las er einen Artikel aus dem „Hauslehrer“ mit dem Titel „Die Hochzeit des Königs von Spanien.“ vor.Lemsal. Deutscher Verein. in der Rigaschen Zeitung, Nr. 1, 15. Januar 1907, online unter

Am 19. Februar 1907 eröffnete er im selben Ort einen Familienabend des Vereins. Dabei verglich er den Verein mit einem Reisigbündel. Wenn es dem Verein gelänge, in seinen Mitgliedern die richtige Gesinnung zu induzieren, so seien sie unzerbrechlich. Die Mitglieder sangen daraufhin begeistert das Heimatlied.Lemsal. Deutscher Verein. in der Rigaschen Zeitung, Nr. 45, 23. Februar 1907, online unter

Am 6. Dezember hielt vor dem Verein in Lemsal einen Lichtbildervortrag über Indien.Neueste Nachrichten. in der Rigaschen Zeitung, Nr. 284, 7. Dezember 1907, online unter

Kriegszeit