mini|330px|Die Banū Hāschim mit den Aliden (grün) und den Abbasiden (rötlich) Die Banū Hāschim (), auch Haschimiden oder Haschimiten, sind ein weitläufiger Clan des mekkanischen Stammes Quraisch, der sich auf Hāschim ibn ʿAbd Manāf, den Urgroßvater des Propheten Mohammed, zurückführt. Als derjenige Clan aus dem mekkanischen Stamm Quraisch, dem der Religionsstifter angehört hatte, genossen die Banū Hāschim während der islamischen Geschichte lange Zeit eine Sonderrolle. So durften sie wegen ihres besonderen Reinheitsstatus keine Zakāt annehmen, hatten dafür aber den Anspruch auf einen erheblichen Teil von Ghanīma und Fai'.Madelung: The Succession to Muhammad. 1997, S. 13f. Zu Mohammeds Zeit lag die Führung des Clans zunächst bei Hāschims Sohn ʿAbd al-Muttalib ibn Hāschim, dann nacheinander bei dessen Söhnen Abū Tālib ibn ʿAbd al-Muttalib, Abū Lahab und al-ʿAbbās ibn ʿAbd al-Muttalib. Die wichtigsten haschimidischen Familien der nachprophetischen Zeit waren die Tālibiden, also die Nachkommen von Abū Tālib, und die Abbasiden, die Nachkommen von al-ʿAbbās. Innerhalb der Tālibiden sind die Aliden der wichtigste Familienzweig. Sie werden von den Schiiten besonders verehrt.

Während des späten Umayyaden-Kalifats formierte sich mit der haschimidischen Daʿwa eine Oppositionsbewegung, die danach strebte, die Umayyaden zu stürzen und die Banū Hāschim an die Macht zu bringen. Hierbei betonten sie die Rivalität zwischen Hāschim und seinem Zwillingsbruder ʿAbd Schams ibn ʿAbd Manāf, der der Stammvater der Umayyaden war. Die haschimidische Daʿwa brachte im Jahre 749 die Abbasiden an die Macht.

Der Clan in der Frühzeit des Islams Mohammed selbst war über seinen Vater ʿAbdallāh ibn ʿAbd al-Muttalib mit den Banū Hāschim verbunden. Da dieser schon vor seiner Geburt verstarb und seine Mutter ebenfalls, kam er schon in seiner frühen Kindheit zu seinem Großvater ʿAbd al-Muttalib, der zusammen mit seinen beiden Söhnen az-Zubair und Abū Tālib den Clan anführte. Er galt als der ḥakam („Schiedsrichter“) der Banū Hāschim.Meir Jacob Kister: Mecca and the tribes of Arabia: Some notes on their relations, in: M. Sharon (ed.): Studies in Islamic History and Civilization in honour of David Ayalon. Leiden 1986, S. 33–57. Hier S. 53. Noch als Mohammed ein Kind war, gingen die Banū Hāschim mit anderen quraischitischen Clanen ein Bündnis ein. Dieses Bündnis, das Hilf al-fudūl („Bund der Vorzüglichen“) genannt wurde und sich gegen skrupellose Handelspraktiken mekkanischer Händler richtete, umfasste neben den Banū Hāschim auch die Banū al-Muttalib, die Asad, die Zuhra, die Taim und vielleicht auch die al-Hārith ibn al-Fihr.Watt: Muhammad at Mecca. 1953, S. 6.

Nach dem Tod ʿAbd al-Muttalibs ging die Führung des Clans an Abū Tālib über, der auch den jungen Mohammed in seinen Haushalt aufnahm. Unter Abū Tālibs verloren die Banū Hāschim allerdings wirtschaftlich an Boden. Abū Tālib selbst verarmte, so dass er seinen Sohn ʿAlī ibn Abī Tālib in die Obhut des zu Wohlstand gelangten Mohammed gab.Watt: Muhammad at Mecca. 1953, S. 32. Nach Mohammeds religiöser Berufung gehörten Angehörige des Clans zu seinen frühesten Anhängern, so sein Cousin ʿAlī ibn Abī Tālib, der allerdings zur Zeit seiner Bekehrung noch sehr jung (9–11 Jahre) war und de facto zu seiner Familie gehörte, dessen zehn Jahre älterer Bruder Dschaʿfar ibn Abī Tālib und Mohammeds Onkel Hamza ibn ʿAbd al-Muttalib, der nur vier Jahre älter war als er.Humodi: Das islamische Staatswesen. Studien zur politischen Struktur zur Zeit Muhammads. 1983, S. 35f. Hamza und Dschaʿfar hatten innerhalb des Clans nur eine niedrige Stellung. Dies geht daraus hervor, dass sie Frauen aus dem nomadischen Stamm der Chathʿam heirateten.Watt: Muhammad at Mecca. 1953, S. 88. Dschaʿfar war der einzige Haschimit, der an der Hidschra nach Abessinien teilnahm. Er kehrte von dort erst 629 zurück.

Obwohl Abū Tālib kein Muslim war, war er bereit, Mohammed den vollen Schutz zu gewähren, der einem Mitglied des Clans zustand. Die Anführer der Quraisch unter der Führung von Abū Dschahl aus dem Clan der Machzūm scheinen mehrmals an Abū Tālib appelliert zu haben, entweder Mohammed an der Verkündung seiner neuen Religion zu hindern oder ihm seinen Schutz zu entziehen. Abū Tālib weigerte sich jedoch, darauf einzugehen, und offenbar gelang es ihm auch, die Zustimmung des Clans für diesen Kurs zu gewinnen. Der Clan der Banū al-Muttalib, der eigentlich eigenständig war, schloss sich dieser Haltung an.Watt: Muhammad at Mecca. 1953, S. 119f. Schließlich brachte Abū Dschahl die meisten mekkanischen Clane dazu, ein Dokument zu unterschreiben, in dem sie zusagten, mit den Banū Hāschim und Banū al-Muttalib keine Geschäfts- und Heiratsbeziehungen mehr zu unterhalten.W. Montgomery Watt, Alford T. Welch: Der Islam I: Mohammed und die Frühzeit, Islamisches Recht, Religiöses Leben (= Die Religionen der Menschheit. Band 25,1). Kohlhammer, Stuttgart 1980, S. 93f. Als Folge dieses Boykotts sagten sich mehrere Mitglieder der Clane, die im Hilf al-fudūl zusammengeschlossen waren, von diesem Bündnis los und wechselten die Seiten.Watt: Muhammad at Mecca. 1953, S. 120f. Der Boykott soll länger als zwei Jahre befolgt worden sein, allerdings wohl nicht ganz strikt, denn die Banū Hāschim scheinen darunter nicht stark gelitten zu haben. Schließlich wurde er um das Jahr 619 ganz beendet, als verschiedene Clane seiner überdrüssig wurden.

Nach dem Tod Abū Tālibs ging die Führung des Clans auf dessen jüngeren Bruder Abū Lahab, einen anderen Onkel Mohammeds, über. Im Gegensatz zu seinen Brüdern Abū Tālib und Hamza war er aber ein erbitterter Gegner Mohammeds. Er war auch dafür verantwortlich, dass sich Mohammeds Position in Mekka nun stark verschlechterte. Während des Boykotts hatte Abū Lahab die Banū Hāschim verlassen und sich dem gegnerischen Lager angeschlossen. Außerdem hatte er eine Schwester von Abū Sufyān ibn Harb aus dem Clan der ʿAbd Schams ibn ʿAbd Manāf geheiratet, der in der mekkanischen Geschäftswelt ähnlich einflussreich war wie Abū Dschahl und wie dieser Mohammed bekämpfte. Bei der Erhebung zum Oberhaupt der Banū Hāschim versprach Abū Lahab zwar, Mohammed in der Weise zu schützen, wie es vorher Abū Tālib getan hatte. Nach einer Zeit jedoch entzog Abū Lahab Mohammed jedoch seinen Schutz, mit der Begründung, dass Mohammed behaupte, dass sein Großvater ʿAbd al-Muttalib sich in der Hölle befinde. Eine solche Behauptung stellte eine Beleidigung für den ganzen Clan dar, und Abū Lahab nutzte diesen Vorwand, um ihm ohne irgendeinen Ehrverlust seinen Schutz entziehen zu können. Mohammed, der durch Abū Lahab mit einem Predigtverbot belegt wurde, hatte nun keine Möglichkeit mehr, seine Religion öffentlich zu propagieren.

Nach dem Tode Mohammeds weigerten sich die Banū Hāschim, Abū Bakr als neuen Anführer anzuerkennen, und begruben ihren glorreichen Verwandten insgeheim, womit sie dem Kalifen und seiner Tochter ʿĀ'ischa bint Abī Bakr die Ehre vorenthielten, dem Begräbnis beizuwohnen.Madelung: The Succession to Muhammad. 1997, S. 4. In dem Dīwān, dem zentralen Pensionsregister, das der zweite Kalif ʿUmar ibn al-Chattāb einführte, standen die Banū Hāschim an erster Stelle.aṭ-Ṭabarī: Taʾrīḫ ar-rusul wa-l-mulūk. Hrsg. von M. J. de Goeje. Leiden 1893. Bd. I/5, S. 2750. Digitalisat – Engl. Übersetzung von G. Rex Smith in The history of al-Ṭabarī Vol. 14: The Conquest of Iran. State University of New York Press, Albany 1994. S. 116.

Politische Rolle während der späten Umaiyadenzeit Politisch traten die Banū Hāschim erst im frühen achten Jahrhundert wieder in Erscheinung. Nach dem Aufstand des Ibn al-Aschʿath im Jahre 701 forderte ein gewisser Matar ibn Nādschiya, der sich in den Besitz der Festung von Kufa gebracht hatte, die Muslime auf, dem Hāschimiden ʿAbd ar-Rahmān ibn al-ʿAbbās den Treueid zu leisten. Er war ein Nachkomme von al-Hārith ibn ʿAbd al-Muttalib und war nach der Niederlage des Ibn al-Aschʿath mit seinen Anhängern nach Chorasan gezogen. In seinem Appell an die Menschen soll Matar gerufen haben: „So erhebt euch und leistet ihm (sc. ʿAbd ar-Rahmān ibn al-ʿAbbās) den Treueid, denn er ist ein Mann von den Quraisch, des Weiteren von den Banū Hāschim aus der Familie eures Propheten!“Aḥmad ibn Yaḥyā al-Balāḏurī: Ansāb al-ašrāf. Ed. Suhail Zakkār u. a. Dār al-Fikr, Beirut 1996. Bd. VII, S. 332. Digitalisat Hier wurde wahrscheinlich zum ersten Mal einem Mann gehuldigt, weil er zu den Banū Hāschim gehörte, die mit der Familie des Propheten gleichgesetzt wurde.Nagel: Untersuchungen zur Entstehung des abbasidischen Kalifats. 1972, S. 78.

Die haschimidische Daʿwa und die Hāšimīyāt von al-Kumait Ab den 720er Jahren unternahmen die Banū Hāschim größere Anstrengungen, die Umayyaden von der Macht zu verdrängen, und bauten zu diesem Zweck ein weitgespanntes Daʿwa-Netzwerk auf, das als daʿwat Banī Hāsim bezeichnet wurde. Die Werbeagenten (duʿāt), die die haschimitische Propaganda bis in die arabischen Garnisonen Ostirans trugen, operierten geheim und traten nur verdeckt mit Pseudonym auf. Die Werbung wurde im Namen eines noch Namenlosen betrieben, „desjenigen aus dem Hause Mohammeds, der Zustimmung findet“ (ar-riḍā min āl Muḥammad). Die Werbeagenten der Abbasiden und der Aliden arbeiteten teilweise zusammen, häufig aber auch gegeneinander.Heinz Halm: Die Schia. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1988. S. 29.

Was man sich in dieser Zeit unter den Banū Hāschim vorgestellt hat, zeigen die unter dem Namen Hāšimīyāt zusammengefassten Qasīden des kufischen Dichters al-Kumait ibn Zaid al-Asadī (gest. 743).Nagel: Untersuchungen zur Entstehung des abbasidischen Kalifats. 1972, S. 78f. Für ihn waren sie mit der „Familie des Propheten“ (rahṭ an-nabī) identisch.Horovitz: Die Hāšimijjāt des Kumait. 1904, Deutscher Text S. 26 (Qaṣīda II, Vers 7). Als ihre bedeutendsten Mitgliedern neben dem Propheten zählt er auf: Dschaʿfar ibn Abī Tālib, Hamza ibn ʿAbd al-Muttalib, ʿAlī ibn Abī Tālib und seine drei Söhne al-Hasan, al-Husain und Muhammad ibn al-Hanafīya sowie al-ʿAbbās und seine beiden Söhne ʿAbdallāh und Fadl.Nagel: Untersuchungen zur Entstehung des abbasidischen Kalifats. 1972, S. 80.

Al-Kumait bekannte in seinen Gedichten seine Liebe zu den Banū Hāschim und pries sie als die höchsten der Menschen, die „der Halt der Grundlagen des Islams sind“ und „Abwehr und Schutz gewähren im Kriege“.Horovitz: Die Hāšimijjāt des Kumait. 1904, Deutscher Text S. 2–3 (Qaṣīda I, Verse 1–3, 5, 6). Den Umaiyaden warf er vor, sie glaubten voll Torheit, ihr Vorrang vor allen Menschen sei in Notwendigkeit begründet. Der Rechtsanspruch der Hāschimiden, so hielt er ihnen entgegen, sei aber besser begründet.Horovitz: Die Hāšimijjāt des Kumait. 1904, Deutscher Text S. 33 (Qaṣīda II, Vers 38). Den Muslimen empfahl al-Kumait: „Hin zu den Haschimiden, den Herren, denn sie sind für die von uns, welche voll Furcht und Hoffnung sind, Schutz und Zuflucht.“Horovitz: Die Hāšimijjāt des Kumait. 1904, Deutscher Text S. 90 (Qaṣīda IV, Vers 71). Sie seien auch „Regengüsse der Fruchtbarkeit“ und „Lampen welche vom Irrweg auf den rechten Pfad leuchten“.Horovitz: Die Hāšimijjāt des Kumait. 1904, Deutscher Text S. 91f (Qaṣīda IV, Verse 78, 81).

Der abbasidische Umsturz als haschimidische Machtergreifung