mini|hochkant=1.3|St. Nikolai mit rekonstruiertem Tympanonrelief, 2018 Die evangelische Kirche St. Nikolai, Eigenschreibweise St. NikolaikircheSo auf der Website der Kirchengemeinde und in weiteren Publikationen. oder einfach Nikolaikirche, ist ein unter Denkmalschutz stehender Sakralbau am Alten Markt in Potsdam. Der nach dem heiligen Nikolaus benannte Zentralbau im klassizistischen Stil entstand nach Plänen von Karl Friedrich Schinkel in den Jahren 1830 bis 1837. Die weit über die Dächer der Stadt emporragende Tambourkuppel des 77 Meter hohen Gebäudes wurde in der Zeit von 1843 bis 1850 errichtet. Die Bauleitung übernahmen Ludwig Persius und ab 1845 Friedrich August Stüler.

Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs wurde der Sakralbau beim Luftangriff auf Potsdam getroffen und anschließend durch sowjetischen Artilleriebeschuss schwer beschädigt. Nach langen Jahren des Wiederaufbaus konnte das Gotteshaus der Evangelischen St.-Nikolai-Kirchengemeinde Potsdam 1981 erneut geweiht werden und ist seitdem täglich für Besucher geöffnet. Zur 42 Meter hohen Aussichtsplattform führen insgesamt 223 Stufen. Neben den Gottesdiensten finden in der Nikolaikirche auch Konzertveranstaltungen statt.

Geschichte Die Vorgängerbauten vom 13. bis Anfang des 17. Jahrhunderts Über die erste Potsdamer Kirche aus dem 13. Jahrhundert, die auf der Stelle der heutigen Nikolaikirche stand, ist nichts bekannt. Mit der Bezeichnung ecclesia parochalis wurde eine Pfarrkirche in Potsdam im Landbuch Kaiser Karls IV. 1375 erstmals erwähnt.Beuchel, Treichel: St. Nikolai in Potsdam. S. 4. Ihr Aussehen ist mit einer einfachen Zeichnung überliefert, aus der hervorgeht, dass sie eine romanische Basilika mit quergelagertem Westwerk war, die im 14. Jahrhundert zu einer dreischiffigen gotischen Hallenkirche umgebaut wurde.Waltraud Volk: Potsdam. Historische Straßen und Plätze heute. S. 118. Die katholische Kirche war Filiale der Propstei Spandau, die ihre Potsdamer Tochterkirche seelsorgerisch betreute, bis sich 1539 unter Kurfürst Joachim II. Hector in der Mark Brandenburg die Reformation durchsetzte.

Nach dem Konfessionswechsel wurde das sakrale Gebäude mit dem Einbau einer Kanzel zu einem Predigtsaal umgestaltet. 1563 erfolgte durch das Aufsetzen einer Renaissancehaube auf den romanischen Turm ein weiterer Umbau. Die erste Benennung der Kirche ist in einer Urkunde von 1602 dokumentiert, in der sie „St.-Katharinenkirche“ genannt wird, und Johann Gregor Memhardt zeigte sie auf der ältesten Potsdamer Stadtansicht aus dem Jahr 1672.Beuchel, Treichel: St. Nikolai in Potsdam. S. 5.

Vorgängerbau im 18. Jahrhundert Eingeleitet durch den Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm und nach 1701 weitergeführt durch den ersten König in Preußen Friedrich I., entwickelte sich Potsdam zur zweiten Residenz neben Berlin. Größere Stadterweiterungen erfolgten ab 1715 nach dem Regierungsantritt des Soldatenkönigs Friedrich Wilhelm I. durch den Zuzug von Handwerkern, aber vor allem durch die Verlegung der Leibgarde des Königs nach Potsdam.

Für die aufstrebende Residenz- und Garnisonstadt war die Katharinenkirche zu klein. Sie wurde 1721 abgerissen, um einem barocken Neubau Platz zu machen. Dieser wurde auf Wunsch Friedrich Wilhelms I. dem Heiligen Nikolaus geweiht. Nach Plänen des Baumeisters Philipp Gerlach entstand in den Jahren 1721 bis 1724 der erste Potsdamer Zentralbau mit einem Grundriss in der Form eines griechischen Kreuzes und einem 89,14 MeterFriedrich Mielke: Potsdamer Baukunst. Frankfurt a. M. / Berlin / Wien 1981, S. 368. Waltraud Volk gibt die Höhe des Glockenturms mit „fast 85 m“ an. Waltraud Volk: Potsdam. Historische Straßen und Plätze heute. Berlin / München 1993, S. 118. hohen Glockenturm auf der Nordseite. Im Innern war der gewölbte Quersaal von zweigeschossigen Emporen umgeben,Waltraud Volk: Potsdam. Historische Straßen und Plätze heute. S. 118. was in jener Zeit zum Kennzeichen des protestantischen Kirchenbaus wurde. Die katholische Kirche, außer den Jesuitenkirchen, kennt die Empore in dieser Form nicht. Der zeitgenössische Architekturhistoriker Leonhard Christoph Sturm vertrat in seiner Schrift Vollständige Anweisung alle Arten von Kirchen wohl anzugeben die Ansicht, dass eine „große Menge von Leuten […] den Priester gut hören und sehen [sollen]. Da man das auf Erden nicht erreichen kann, so muss man versuchen, den Platz übereinander zu gewinnen“.Waltraud Volk: Potsdam. Historische Straßen und Plätze heute. S. 35. Sturm: Vollständige Anweisung alle Arten von Kirchen wohl anzugehen. Augsburg 1718. Nach diesem Gestaltungsprinzip ließ der Soldatenkönig neben St. Nikolai zwei weitere Kirchen errichten: zwischen 1726 und 1728 die Heiligengeistkirche mit einem 86 Meter hohen TurmFriedrich Mielke: Potsdamer Baukunst. Frankfurt a. M. / Berlin / Wien 1981, S. 363. Armin Hanson: Denkmal- und Stadtbildpflege in Potsdam 1918–1945. Berlin 2011, S. 265. und zwischen 1730 und 1735 die Garnisonkirche mit einem 88,40 Meter hohen Turm.Friedrich Mielke: Potsdamer Baukunst. Frankfurt a. M. / Berlin / Wien 1981, S. 365. Dieter Bingen, Hans-Martin Hinz: Die Schleifung: Zerstörung und Wiederaufbau historischer Bauten in Deutschland und Polen. Wiesbaden 2005, S. 152.

mini|St. Nikolai mit Schaufassade, Johann Friedrich Meyer, 1771 Der wenig auf Repräsentation bedachte Friedrich Wilhelm I. strebte bei der Erweiterung seiner Garnisonstadt eine sparsame, zweckmäßige Bauweise an. Sein Sohn und Nachfolger Friedrich der Große wollte das äußere Ansehen Potsdams verschönern und ließ einfachen Wohnhäusern Schaufassaden vorblenden, von den Einwohnern bald als „Vorhemdchen“ bezeichnet, sodass sie teilweise ein palastähnliches Aussehen bekamen. Für den Alten Markt, an den die Kirche, das Stadtschloss, das Rathaus und Bürgerhäuser grenzten, strebte Friedrich II. den Charakter einer italienischen Piazza an. Die Nikolaikirche erhielt nach Süden, zur Marktseite, ein neues Gesicht. Nach Zeichnungen Georg Wenzeslaus von Knobelsdorffs wurde dem sakralen Gebäude 1752 bis 1755 unter Leitung der Baumeister Jan Bouman und Carl Ludwig Hildebrandt (um 1720–1770) eine verkleinerte Kopie der Schaufassade von Santa Maria Maggiore in Rom vorgebaut. Im Stil des römischen Spätbarocks war sie durch Säulen und Aufsätze reich gegliedert. Den oberen Teil der Mittelachse schmückte ein Fresko des Malers Charles-Amédée-Philippe van Loo. Die Bildhauerarbeiten schufen zum großen Teil die Werkstätten von Johann Peter Benkert und Gottlieb Heymüller. Um das Kirchenschiff führten Bogenhallen, in denen Marktbuden Platz fanden.Waltraud Volk: Potsdam. Historische Straßen und Plätze heute. S. 118 f.

Bei Reparaturarbeiten am Turm brannte die Nikolaikirche durch unachtsamen Umgang mit Lötfeuer am 3. September 1795 vollständig aus. 1796 wurde die Ruine abgetragen und die Steine unter anderem für den Bau der Schauspielerkaserne verwendet. Nur die Schaufassade blieb bis 1811 stehen.Waltraud Volk: Potsdam. Historische Straßen und Plätze heute. S. 119. Für die Nikolaigemeinde fanden die Gottesdienste nach der Zerstörung in der nahegelegenen Heiligengeistkirche statt, ab 1806 in der Garnisonkirche und ab 1810 wieder in der Heiligengeistkirche.Gebhard Falk: Chronik der Potsdamer St. Nikolaikirche und ihrer Gemeinde. In: Gemeindekirchenrat: St. Nikolai Potsdam. 150 Jahre unter der Kuppel. S. 25.

Widrige Umstände verzögern einen Kirchenneubau mini|Entwurf von Friedrich Gilly in einer Umzeichnung von Carl Krüger Gleich nach dem Brand gab der seit 1786 regierende Nachfolger und Neffe Friedrichs des Großen, Friedrich Wilhelm II., Order zur Erstellung von Plänen für einen Neubau. Die Entwürfe des Baumeisters Michael Philipp Boumann von 1796 sahen ein Kirchengebäude unter Einbeziehung der spätbarocken Schaufassade vor. Friedrich Gilly, ein Lehrer und Freund Schinkels, erstellte im selben Jahr Entwurfszeichnungen mit einem Gebäude in einfacher kubischer Form, der sogenannten Revolutionsarchitektur, die sein Schüler später wieder aufgriff. Aber der Neubau musste warten. Durch den Tod Friedrich Wilhelms II. im November 1797 und das Ableben der Architekten Gilly (1800) sowie Boumann (1803) gerieten die Pläne zunächst in Vergessenheit.

Dann änderte sich die politische und wirtschaftliche Situation Preußens im Krieg gegen Napoleon, sodass größere Baumaßnahmen unmöglich wurden. Nach den verlorenen Schlachten bei Jena und Auerstedt am 14. Oktober 1806 zogen am 24. Oktober französische Truppen in Potsdam ein und machten die Stadt für zwei Jahre zum Hauptkavalleriedepot. In der Heiligengeistkirche wurde ein Futtermagazin eingerichtet. Neben der Beköstigung durchziehender Truppenteile lagen ein paar Tausend französische Soldaten und ihre Pferde in Dauerquartier. Zudem musste eine hohe Kriegskontribution aufgebracht werden, was die inzwischen völlig verarmte Stadt endgültig in eine Finanzkrise stürzte. 1811 wurde die Ruine der barocken Schaufassade abgetragen und auf dem ehemaligen Standort der Nikolaikirche eine Grünfläche angelegt.

Neubau der Nikolaikirche Als sich 1820 eine wirtschaftliche Stabilisierung abzeichnete, gab Friedrich Wilhelm III. als summus episcopus der evangelischen Landeskirche dem Drängen der St.-Nikolai-Gemeinde für einen Neubau der Stadtkirche nach. Der König beauftragte 1826 den Architekten Karl Friedrich Schinkel mit der Planung, der verschiedene Vorentwürfe anfertigte. Neben Skizzen einiger rechteckiger, dreischiffiger Kirchen strebte er die Ausführung eines Kuppelbaus mit dem Grundriss eines griechischen Kreuzes an und nahm damit den Entwurf Gillys wieder auf. Zudem ließ er die Eindrücke seiner im selben Jahr gemachten Studienreise nach Frankreich und England in die architektonische Gestaltung einfließen. Vorbildfunktion hatte das von Jacques-Germain Soufflot entworfene Panthéon in Paris und vor allem die St Paul’s Cathedral nach Plänen des Architekten Sir Christopher Wren.Beuchel, Treichel: St. Nikolai in Potsdam. S. 7. Einen Anhänger für die Kuppelbauvariante fand Schinkel im Thronfolger, dem späteren Friedrich Wilhelm IV., der bereits ähnliche Skizzen angefertigt hatte. Die von Friedrich Wilhelm III. bewilligten Mittel reichten jedoch nur für die Errichtung des Unterbaus, sodass anstelle eines Zentralbaus mit Kuppel zunächst eine turmlose Basilika mit flachem Satteldach und einem zur Marktseite vorgelagerten Portikus zur Ausführung kam.

mini|St. Nikolai 1838