mini|Plan des Oppidums

Bibracte war die Hauptstadt des gallischen Stammes der Haeduer (Aedui) vom Ende des zweiten Jahrhunderts v. Chr. bis zum Ende des ersten Jahrhunderts v. Chr.

58 v. Chr. war Bibracte Schauplatz der Schlacht bei Bibracte.

Das Oppidum war das Machtzentrum der haeduischen Aristokratie und außerdem ein bedeutender Platz für Handwerk und Handel: Minen, Schmieden und Münzprägestätten drängten sich auf einer Fläche von 135 Hektar.

Der Ort liegt in den Gemeinden Glux-en-Glenne (Département Nièvre) und Saint-Léger-sous-Beuvray (Département Saône-et-Loire) im Morvan auf dem Gipfel des Mont Beuvray, im Einzugsgebiet der Flüsse Saône, Yonne, Seine und Loire. Der Mont Beuvray (822 m) besteht aus drei Gipfeln: Theurot de la Wivre, Theurot de la Roche und dem höchsten Punkt Porrey. Am Fuße des einstmals befestigten Oppidums informiert ein Museum über die keltische Zivilisation und über das Leben in dieser Stadt mit fünf- bis zehntausend Einwohnern.

Etymologie mini|links|Bibracte Über den Ursprung des Wortes Bibracte kann nur spekuliert werden. Es kann aus dem keltischen *bibro- oder *bebro- (deutsch: Biber) mit dem Suffix -akti „mehrere“ (irisch, kymrisch -aktā) abgeleitet werdenPierre-Yves Lambert: La langue gauloise. éditions errance 1994. S. 188. oder aus dem lateinischen biffractus (doppelt befestigtChristian Goudineau, Christian Peyre: Bibracte et les Éduens. À la découverte d'un peuple gaulois. éditions errance 1993, S. 15.). Die letzte Version ist unsicher. Zwar wurde entdeckt, dass Bibracte von zwei Festungsmauern umgeben war; Messungen ergaben jedoch, dass die äußere Mauer älter ist als die innere, für deren Bau sicher Steine des alten Bauwerks wiederverwendet wurden. Es ist somit nicht gesichert, dass Bibracte zwei Mauern gleichzeitig hatte. Ferner entspricht diese Phonetik nicht dem Ortsnamen Beuvray: Da der lateinische Doppelkonsonant /fr/ im Französischen erhalten wurde, sollte das lateinische Wort «Beffray» ergeben haben. Der französische Doppelkonsonant /vr/ wurde mit hoher Wahrscheinlichkeit von /br/ oder /pr/ abgeleitet.

Ein anderer Erklärungsansatz sind drei Inschriften, die der Göttin Bibracte gewidmet sind. Sie wurden im 17. Jahrhundert in Autun gefunden. Zwei in Stein gehauene Inschriften sind verschwunden; bei der dritten, einer Gravur auf einem Medaillon aus Messing, wird die Echtheit bezweifelt. Tatsächlich könnten die früheren Streitereien über die Lokalisation von Bibracte bestimmte Gelehrte dieser Epoche dazu verführt haben, Fälschungen anzufertigen, um den Standort des haeduischen Oppidums in der Stadt Autun (das frühere Augustodunum) zu beweisen. Tatsächlich war diese Stadt im ersten Jahrhundert Hauptstadt der Haeduer.Christian Goudineau, Christian Peyre: Bibracte et les Éduens. À la découverte d’un peuple gaulois. éditions Errance 1993, S. 1–6.

Die Entdeckung von Bibracte hochkant|mini|Hinten Bibracte, im Vordergrund Autun Die erste historische Erwähnung Bibractes befindet sich in Caesars Kommentaren über den Gallischen Krieg im Jahr 58 v. Chr.; nach seinem Sieg über die Helvetier empfing Gaius Iulius Caesar in Bibracte die Führer der gallischen Stämme, die ihn – nach seinen Aussagen – baten, gegen Ariovist vorzugehen.

Ein weiteres Mal schrieb Caesar im Jahr 52 v. Chr. über Bibracte: Im Juni hatte sich der Anführer des Aufstands gegen Caesar, Vercingetorix, auf Wunsch der Haeduer nach Bibracte begeben, um „sich mit ihnen über die Kriegsführung zu verständigen“. Dieser Satz macht deutlich, dass die Haeduer, nachdem sie dem allgemeinen Aufstand beigetreten waren, die Führung übernehmen wollten. Aber die Krieger entschieden sich für Vercingetorix, der in Bibracte in seiner Befehlsgewalt bestätigt wurde. Caesar kam 52 v. Chr. nach seinem Sieg in Alesia nach Bibracte, um dort sein Winterquartier aufzuschlagen.

Später wurde Bibracte nicht mehr erwähnt. Zur Zeit des Kaisers Augustus sprechen Inschriften davon, dass die Hauptstadt der Haeduer den Namen Augustodunum („Festung des Augustus“) erhielt, der Ursprung des Namens des heutigen Autun.

Vom 16. Jahrhundert an entstand unter Wissenschaftlern, Aristokraten und Geistlichen Interesse an der Vergangenheit ihrer Heimat, das zu der Frage führte, wo Bibracte lag.Christian Goudineau: Regards sur la Gaule. éditions Errance, 1998, S. 65–82. Zwei Thesen standen sich gegenüber. Die eine wollte Bibracte in Autun lokalisieren, der späteren gallo-römischen Stadt. Die andere siedelte die Stadt an den Abhängen von Beuvrect oder Bevrect an, dem heutigen Mont Beuvray. Diese These stützte sich hauptsächlich auf drei Argumente: Zunächst gibt es eine Verwandtschaft zwischen den Namen Bibracte und Beuvrect. Außerdem berief sich diese These auf eine Tradition, die von mittelalterlichen Chroniken überliefert wurde und die die Stadt in Beuvrect lokalisierten. Die Tradition wurde bestätigt durch eine jährliche Messe am ersten Mittwoch, Donnerstag und Freitag des Monats Mai, über die bereits in Texten des 13. Jahrhunderts berichtet wird. Weiterhin führten die Entdeckungen von Töpferwaren, Münzen und die Beobachtungen des Pfarrers von Saint-Léger-sous-Beuvray im Jahr 1725 in diese Richtung.

Die These bezüglich Autun erhielt zu Beginn jedoch die meiste Zustimmung. Man musste die Recherchen des Jacques Gabriel Bulliot im 19. Jahrhundert abwarten, bis das Pendel zugunsten des Mont Beuvray umschlug. Ab 1851 forschte Bulliot auf dem Mont Beuvray. Auf dem Gipfel von Beuvray, in der Nähe der Kapelle Saint Martin, entdeckte er etwas, wovon er glaubte, es sei der Wall eines Römerlagers (in Wahrheit war es ein Kultplatz). Er dokumentierte es und erwog – entgegen der einstimmigen Meinung der Société éduenne – Bibracte auf dem Beuvray zu lokalisieren und nicht in Autun. Die Veröffentlichung seines Essai sur le système défensif des Romains dans le pays éduen entre la Saône et la Loire (Aufsatz über das Verteidigungssystem der Römer im Land der Haeduer zwischen Saône und Loire) brachte ihm nur ein müdes Lächeln von den Mitgliedern der Société d’archéologie ein.

Das Interesse des Kaisers Napoléon III. an den Schlachten des Gallischen Krieges beschleunigte die Forschung. Bulliot erhielt Besuch von einem Offizier mit Namen Stoffel, der vom Kaiser beauftragt worden war, Ausgrabungen über den Sieg der Römer gegen die Helvetier durchzuführen. Bulliot teilte ihm seine Meinung über die Lokalisation von Bibracte mit. Der Offizier schenkte ihm wenig Aufmerksamkeit, aber er gab einem anderen Mitglied der Société éduenne, Xavier Garenne, den Auftrag, auf dem Beuvray Probegrabungen durchzuführen. Gleichzeitig stellte der Eigentümer des Grundstücks, der Vicomte von Aboville, seine eigenen Recherchen an und zeigte sie dem Erzbischof von Reims, der ebenfalls Mitglied der Société éduenne und ein Freund von Bulliot war. Die Ausgrabungen erweckten das Interesse des Erzbischofs so sehr, dass er dem Kaiser davon berichtete. 1867 beauftragte Napoléon III. Bulliot mit Forschungen auf dem Beuvray und bewilligte ihm die dafür nötigen Mittel.

Bulliot (1817–1902) grub ab dem Jahr 1867 auf dem Berg und beseitigte alle Zweifel über die Lokalisierung von Bibracte. Sein Neffe Joseph Déchelette führte die Arbeiten bis 1907 fort und verglich Bibracte mit anderen europäischen Orten wie Stradonice in Böhmen, Manching in Deutschland und Velem-Szentvid in Ungarn, die seiner Meinung nach die Einheit der keltischen Welt und der Oppida-Zivilisation zeigen.Stephan Fichtl: La ville celtique, Les oppida de 150 av. J.-C. à 15 ap. J.-C. éditions Errance, 2005, S. 17.

Die Geschichte des Oppidums Chronologie der Besiedlung von Beuvray mini|Blick auf den Mont Beuvray Die Ausgrabungen an der Porte du Rebout förderten fünf Werke zutage, von denen das älteste die Anwesenheit von Menschen auf dem Mont Beuvray ab dem Neolithikum nachwies.Christian Goudineau, Christian Peyre: Bibracte et les Éduens, À la découverte d’un peuple gaulois. éditions Errance, 1993, S. 27. Allerdings hat sich durch Datierungen herausgestellt, dass das Oppidum nicht vor dem Ende des 2. Jahrhunderts v. Chr. gegründet wurde. Auf einer Oberfläche von 200 Hektar wurde es durch den äußeren Befestigungswall geschützt. In der Folge wurde aus unbekannten Gründen ein zweiter, innerer Befestigungswall gebaut.Anne-Marie Romero: Bibracte Archéologie d’une ville gauloise. Bibracte-Centre archéologique européen, 2006, S. 60.

Die Haeduer erhielten den Status eines Freundes des römischen Volkes, wahrscheinlich gab es schon vor der Eroberung Galliens durch Caesar Kontakte mit römischen Kaufleuten. Der haeduische Fürst Diviciacus besuchte Rom im Jahr 61 v. Chr., wo er u. a. mit Cicero in Verbindung trat.Der Kleine Pauly. Band 2, München 1979, Sp. 108 f.Cicero: de divinatione 1,90:

Der privilegierte Status der Haeduer führte dazu, dass Bibracte kaum unter der Eroberung Galliens durch Caesar litt. Im Jahr 58 v. Chr., bei Montmort, siegten Cäsars Armeen in der Schlacht bei Bibracte über die Helvetier und ihre Verbündeten (Tulinger, Latobriger, Rauriker, Boier, Verbigener).Gaius Iulius Caesar: Commentarii de Bello Gallico. Buch 1, 23. Nach den wahrscheinlich übertriebenen Angaben Caesars (De bello Gallico, 1, 29) hätten 368.000 Menschen, darunter 92.000 wehrfähige Männer, zu den Helvetiern und deren Begleitern (außer den Verbigenern) gehört. Nach der Schlacht seien 110.000 Überlebende gezählt worden. Die Verluste, auch unter den Zivilisten, wären demnach enorm gewesen.

Im Jahr 52 v. Chr. fielen die Haeduer von Caesar ab und schlossen sich dem Aufstand des Vercingetorix an, der in Bibracte von einer Versammlung des gallischen Volkes das Oberkommando über die gallischen Armeen erhielt.Gaius Iulius Caesar: Commentarii de Bello Gallico. 7, 63.Anne-Marie Romero: Bibracte Archéologie d’une ville gauloise. Bibracte-Centre archéologique européen, 2006, S. 16. Trotzdem schonte Caesar nach seinem Sieg in Alesia die Stadt. Er ließ sich hier im Winter 52/51 niederGaius Iulius Caesar: Commentarii de Bello Gallico. Buch 7, 90; 8, 2., um seine Commentarii de Bello Gallico zu schreiben. Diese Kommentare verraten unter anderem die Namen einiger hochgestellter Persönlichkeiten der haeduischen Aristokratie wie Dumnorix, Vergobret der Haeduer, und sein Bruder Diviciacus, ein Druide. Dumnorix war von Anfang an Cäsars erbitterter und konsequenter Feind, während Diviciacus wahrscheinlich Cäsars bester Freund und Verbündeter in Gallien war. Ferner nennt Cäsar Liscus (de bello Gallico 1, 16–18, viermal), der im Jahr 58 v. Chr. Vergobret war (de bello Gallico 1, 16, 5: in his … Lisco, qui summo magistratui praeerat, quem vergobretum appellant Haedui; d. h. unter diesen … Liscus, der das höchste Amt innehatte, welches die Haeduer Vergobret nennen).

Im 7. Buch des „Gallischen Krieges“, das das Jahr 52 v. Chr. behandelt, werden weitere haeduische Fürsten genannt: Convictolitavis, Cotus und sein Bruder Valetiacus, Eporedorix, Viridomarus und Litaviccus.