mini|Hauptfassade der Kirche Yverdon Die Reformierte Kirche Yverdon (, auch Temple Pestalozzi genannt) ist ein barockes Kirchengebäude der Église Évangélique Réformée du canton de Vaud in der Altstadt von Yverdon-les-Bains, Schweiz.

Geschichte Die Kirche befindet sich gegenüber dem Schloss Yverdon am Place Pestalozzi in der Altstadt. Im 14. Jahrhundert wurde an dieser Stelle eine Liebfrauenkirche (Notre Dame) errichtet. Nach der Eroberung durch Bern 1536 musste die Kirche im Sinne der Reformation von Bildern und Altären «gesäubert» und der Chor abgebrochen werden. 1608–1609 wurde nach Plänen von Daniel Heintz ein neuer Kirchturm errichtet. Ab 1737 wurde ein Neubau der Kirche geplant, der aber erst 1753–1757 nach Plänen von Jean-Michel Billon umgesetzt werden konnte.

Die mittelalterliche Kirche wurde nach der Reformation in einen quergerichteten Predigtsaal verwandelt. Am Bauschema der Querkirche wurde auch beim Neubau des 18. Jahrhunderts festgehalten. Inspiriert wurde die Gestaltung der Kirche von verschiedenen reformierten Kirchen Berns und der Westschweiz. Der Temple du Bas des nahen Neuchâtel und die Heiliggeistkirche Bern können als Inspirationsquellen betrachtet werden. Aufgrund der Anwendung des Querkirchenschemas und der prachtvollen Barockfassaden zählt die Kirche zu den Meilensteinen der protestantischen Sakralarchitektur in der Schweiz.

Äusseres Bemerkenswert ist die zum Place Pestalozzi gerichtete Hauptfassade. Sie ist zweigeschossig und in fünf vertikale Achsen unterteilt, wobei die äusseren beiden gerundet sind und in die Seitenfassaden übergehen. Die Geschosse sind durch ein Gebälk mit Zahnschnittfries unterteilt, das auf Säulen ionischer Ordnung ruht. Das untere Geschoss wird durch Rundbogenfenster geprägt, die mit Bauplastik verziert sind. Das zentrale Hauptportal hat die Form einer Ädikula. mini|Oberes Geschoss der Fassade, im Hintergrund der Kirchturm Das obere Geschoss wird durch Pilaster korinthischer Ordnung unterteilt. Im zentralen Feld befindet sich das Zifferblatt der Uhr, das oben mit der Devise Superna quaerite («Sucht/Trachtet nach den oberen Dingen/dem Himmlischen!») und unten mit dem Baujahr 1755 in römischer Zahlschrift geschmückt ist. In den flankierenden Feldern befinden sich Segmentbogenfenster. Den Abschluss der Fassade bildet ein von Vasen bekrönter Segmentgiebel, dessen Feld vom Bildhauer Johann August Nahl d. Ä. mit einer Allegorie des christlichen Glaubens im Stile des Rokoko ausgestaltet wurde. Sie zeigt in Übereinstimmung mit der reformierten Bilderkritik keine Szenen. Im Zentrum sind Symbole des Neuen Testaments angebracht: das von einem Strahlenkranz umgebene Gottesauge, das liegende, leere Kreuz, eine aufgeschlagene Bibel und ein Kelch mit Trauben und Weizenähren als Symbol für das Letzte Abendmahl. Die flankierenden Gegenstände repräsentieren das Alte Testament: links die Bundeslade, rechts die Gebotstafeln und die sich um ein Kreuz windende eherne Schlange.

Die Seitenfassaden sind von Rundbogenfenstern und ionischen Säulen als Gliederungselemente geprägt.

Der Turm von 1609 ist seitlich an die im Grundriss unregelmässige Kirche angefügt. Über einem umlaufenden Balkon befinden sich das Uhrgeschoss und darüber ein steinerner Spitzhelm. In der Glockenstube hängt ein sechsstimmiges Glockengeläut, das mit einer Ausnahme aus der Barockzeit im späten Mittelalter entstand.Glockendatenbank Quasimodo, sonneur de cloches: Yverdon-les-Bains, temple Pestalozzi Glocke Name Giesser Gussjahr Durchmesser Gewicht Schlagton 1 Feuerglocke(cloche du feu) Urs Scherer und Gabriel Murer, Solothurn 1646 1440 mm ≈ 1660 kg d′ 2 Ratsglocke(cloche du Conseil) Nicod Buaron, Saint-Prex und Jean Olivey, Bavois 1463 1180 mm 920 kg f′ 3 Guillaume Chaufornier, Orbe 1422 980 mm 490 kg g′ 4 Trauerglocke(La Pleureuse) Guillaume Chaufornier, Orbe 1422 920 mm 420 kg a′ 5 unbekannt 1491 760 mm 266 kg c″ 6 unbekannt 1491 680 mm d″

Innenraum Auffallend ist der unregelmässige, durch die Strassenführung der Altstadt bedingte Grundriss der Kirche. Die Kanzel ist auf der Seite der Kirche. Die Orgelempore nimmt die Ostseite ein. Die übrigen Seiten der Kirche werden durch eine L-förmige Empore mit Sitzplätzen eingenommen, die nordseitig durch hohe Arkaden getragen wird. Abgesehen von den Pilastern zwischen den Arkaden und an der Südwand ist die Kirche sehr schlicht gehalten. Die Decke ist korbbogig gewölbt und weist ausser einem Ziergebälk mit Zahnschnittfries keinerlei Stuck auf. Die Uhr über dem Gebälk auf der Ostseite ist spärlich mit Stuck umrandet.

Orgel mini|Orgel auf der Empore Die ursprüngliche Orgel wurde 1776 von Adrien Joseph Pottier aus Lille gebaut; sie hatte einen Umfang von 19 Registern auf zwei Manualen und Pedal. Verschiedene Umbauten und Erweiterungen in den Jahren 1877, 1926, 1949 und 1982 haben das Instrument stark verändert. 2007 wurde die Orgel von der Manufacture d’orgues St.-Martin, Chézard-Saint-Martin vollständig rekonstruiert, wobei aber eine größere Erweiterung der Orgelbauer Tschanun von 1926 erhalten blieb. Jetzt hat die Orgel 43 Register auf drei Manualen und Pedal. Die Disposition lautet wie folgt: I Hauptwerk C–g31.Bourdon16′2.Prinzipal8′3.Bourdon8′4.Gemshorn8′5.Gambe8′6.Prästant4′7.Flöte4′8.Quinte′9.Doublette2′10.Mixtur IV′11.Kornett V8′12.Horn8′II Rückpositiv C–g313.Dolzflöte8′14.Bourdon8′15.Prinzipal4′16.Spitzflöte4′17.Nasard′18.Oktave2′19.Terz′20.Larigot′21.Zimbel IV1′22.Krummhorn8′TremulantIII Schwellwerk C–g323.Bourdon16′24.Harmonieflöte8′25.Fugara8′26.Vox coelestis8′27.Suavial4′28.Oktavflöte4′29.Sesquialtera′+′30.Piccolo2′31.Mixtur III-IV8′32.Fagott16′33.Trompete8′34.Oboe8′35.Klarine4′TremulantPedal C–f136.Flöte16′37.Subbass16′38.Prinzipal8′39.Bourdon8′40.Sesquialtera′+′41.Prinzipal4′42.Fagott16′43.Trompete8′

Chorgestühl mini|Das spätgotische Chorgestühl Von besonderem kunsthistorischen Interesse ist das an der Westwand platzierte spätgotische Chorgestühl, das der Lausanner Meister Bon Boctelier um 1416 schnitzte. Es wurde vom reformatorischen Bildersturm 1536 zumindest teilweise verschont und später in den Neubau überführt. Ursprünglich umfasste es wohl 24 Stühle und Rückwandbilder, von denen noch 15 Stühle und 14 Bilder (anstelle des fünfzehnten ist das Feld ausgespart) erhalten sind.

Die Flachreliefs in den Dorsalfeldern zeigen paarweise sich aufeinander beziehende Propheten und Apostel. Sie tragen Spruchbänder, auf denen in gotischen Minuskeln wechselweise Zitate aus den Weissagungen des Alten Testaments und die Incipits der Artikel des Apostolischen Glaubensbekenntnisses vermerkt sind. Damit wird das Christentum programmatisch als Erfüllung der alten Prophetien inszeniert. Auf der linken Seite verweisen Jeremia («Vater wirst du mich nennen») auf Gott den Vater im Glaubensbekenntnis (Spruchband von Petrus), David («Der Herr sprach zu mir: Mein Sohn bist du») auf den eingeborenen Sohn Jesus Christus (Andreas) und Jesaia («Siehe, die Jungfrau wird empfangen und einen Sohn gebären») auf die Jungfrauengeburt (Jakobus der Ältere). Es folgt Nahum, aus dessen Spottklage über die Verworfenheit Ninives zitiert wird («Alle, die von dir gehört haben, haben die Hände über dich zusammengeschlagen»). Der dazugehörige Apostel fehlt. Den etablierten Apostellisten folgend, handelte es sich dabei um Johannes, dem der Artikel über die Passion Jesu beigegeben war. Die rechte Seite muss von rechts nach links gelesen werden. Hosea («Ich werde dein Tod sein, o Tod!») nimmt Bezug auf den Abstieg Christi in die Unterwelt (Philippus), Sacharja («Er hat sich erhoben aus seiner heiligen Wohnstätte») auf die Auferstehung Christi (Thomas) und Amos («Der im Himmel sein Obergemach baut») auf Christi Himmelfahrt (Bartholomäus). Joels Prophezeiung eines Gottesgerichts über die Nationen korrespondierte zuletzt mit dem Jüngsten Gericht. Die dazugehörige Bildtafel fehlt.

Der Gestühltypus der Gegenüberstellung von Propheten und Aposteln ist in Yverdon schweizweit erstmals bezeugt. In der Westschweiz war er im 15. und 16. Jahrhundert besonders häufig. Spätere, elaboriertere Beispiele dafür befinden sich unter anderem in der Kathedrale St. Nikolaus in Freiburg i. Ü. (1462–64), der Klosterkirche in Hauterive FR (um 1480) und der Kirche Saint-Étienne in Moudon (1501/02), Varianten ohne Propheten in der Kathedrale Notre-Dame in Lausanne (1509) und der Kollegiatkirche Saint-Laurent in Estavayer-le-Lac (1522–26).Claire Huguenin, Monique Fontannaz: Le temple d’Yverdon. Die reformierte Kirche Yverdon (= Schweizerische Kunstführer. Nr. 811, Serie 82). Hrsg. Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte GSK. Bern 2007, ISBN 978-3-85782-811-9, S. 3–8.

Propheten Von den ursprünglich zwölf Propheten fehlen vier, darunter sicher Ezechiel und Daniel. Zum Zeichen dafür, dass die Propheten aus der Zeit vor Christi Geburt stammen, sind sie mit archaisch-exotischen Kopfbedeckungen, aber durchweg ohne Nimbus dargestellt. Ausser David, der durch Krone und Zepter als König ausgewiesen wird, sind ihnen keine individuellen Attribute beigegeben. Auf den Spruchbändern stehen Zitate aus den ihnen zugeschriebenen alttestamentarischen Texten im Wortlaut der Vulgata. Diese sind bisweilen so stark verkürzt, dass der entscheidende Kontext nicht direkt ersichtlich ist. +BildProphetInschriftvollständige Passage in der Vulgatadeutsche ÜbersetzungBibelstelleLinke Seite (von links nach rechts)188x188pxJeremia (Ieremias)patrem vocabisEt dixi: Patrem vocabis me et post me ingredi non cessabis.Und ich sagte: Vater wirst du mich nennen und nicht aufhören, mir zu folgen.193x193pxDaviddominus dixit ad meDominus dixit ad me: Filius meus es tu, ego hodie genui te.Der Herr sprach zu mir: Mein Sohn bist du, ich habe dich heute gezeugt.Identifikation des judäischen Königs als Sohn Gottes ()225x225pxJesaja (Ysayas)ecce virgo concipietEcce virgo concipiet et pariet filium et vocabitis nomen eius Emmanuhel.Siehe, die Jungfrau wird empfangen und einen Sohn gebären und ihr werdet ihn Emmanuel nennen.Immanuel-Prophezeiung ()196x196pxNahum (Naum)omnes qui audieruntOmnes, qui audierunt auditionem tuam, conpresserunt manum super te, quia super quem non transiit malitia tua semper?Alle, die von dir gehört haben, haben die Hände über dich zusammengeschlagen; denn über wen ist deine Bosheit nicht ständig hinweggegangen?Spottklage gegen die Schlechtigkeit Ninives ()Rechte Seite (von rechts nach links)189x189pxHosea (Oseas)ero mors tuaDe manu mortis liberabo eos, de morte redimam eos. Ero mors tua, o mors!Aus der Hand des Todes werde ich sie befreien, vom Tode werde ich sie loskaufen. Ich werde dein Tod sein, o Tod!Gerichtsverkündigung ()196x196pxSacharja (Zacharias)consurrexitSileat omnis caro a facie Domini, quia consurrexit de habitaculo sancto suo.Es schweige alles Fleisch vor dem Angesicht des Herrn, denn er hat sich erhoben aus seiner heiligen Wohnstätte.Heilsverheissung ()191x191pxAmosqui edificat in celoQui aedificat in caelo ascensionem suam et fasciculum suum super terram fundavit.Der im Himmel sein Obergemach baut und sein Gefüge über der Erde gegründet hat.Beschreibung der Allmacht Gottes ()210x210pxJoel (Ioel)congregaboCongregabo omnes gentes et deducam eas in valle Iosaphat.Ich werde alle Völker versammeln und sie in das Tal Josaphat hinabführen.Gericht Gottes über die Nationen ()

Apostel Von den ursprünglich zwölf Aposteln fehlen sechs. Alle sind mit Heiligenschein und bis auf Petrus, der die Tiara trägt, und Jakobus, der mit einem Pilgerhut versehen ist, barhäuptig dargestellt. Sie sind anhand ihrer Attribute ikonographisch markiert. Auf den Spruchbändern stehen Ausschnitte aus dem Apostolischen Glaubensbekenntnis in Latein.