mini|Pontonbrücke der US Army bei Bleckede (1945) Das Kriegsende in Südmecklenburg begann 1945 im Westen mit der Elbüberquerung der United States Army, im Osten mit dem Vormarsch der Roten Armee auf das Gebiet des heutigen Landkreises Ludwigslust-Parchim. Dazwischen lagen auf engstem Raum – zwischen dem Plauer See und Parchim – Verbände von Heer und Waffen-SS. Ein US-Trupp erreichte Lübz und gelangte mit zwei Soldaten der Wehrmacht zu sowjetischen Einheiten in Reppentin. Reader’s Digest hielt das Unternehmen für eines der herausragendsten Ereignisse des Krieges (Original:„one of the most fantastic episodes of the whole war“).Reader’s Digest Nr. 8, August 1945.
Lage Die Konferenz von Jalta hatte in Westmecklenburg eine Demarkationslinie gezogen, welche die United States Army und die Rote Armee auseinanderhalten sollte. Sie verlief von Dömitz am Ostufer der Elde entlang, an Techentin vorbei, über die Reichsstraße 191, Grabow (Elde) und Groß Laasch, den Lewitz-Kanal, durch den Schweriner See und den Wallensteingraben bis zur Ostgrenze von Wismar. Auf querenden Straßen wurden Schlagbäume beider Seiten in mehreren hundert Metern Abstand errichtet. Für die Unterbringung des Wachkommandanten war die Nähe eines Chausseehauses wichtig.
US-Truppen auf der Westseite mini|Vorstoß der Westalliierten nach Mecklenburg In der Nacht vom 30. April zum 1. Mai 1945 überquerten Truppenteile der von General Simpson geführten 9. US-Armee die Elbe. Über Pontonbrücken bei Bleckede gelangten die 7th Armored Division, die 8th Infantry Division und die 82nd Airborne Division nach Mecklenburg. Auf dem Vormarsch in Richtung Ludwigslust mussten ihre Spitzen sich den Weg durch entgegenkommende kampfunfähige Wehrmachtteile bahnen.E. Schultze: Das Vorrücken der 9. US-Armee bis zur Demarkationslinie östlich von Ludwigslust, in ders. (2007), S. 140–143. Die Stäbe der drei amerikanischen Divisionen schlugen ihr Hauptquartier im Schloss Ludwigslust auf. „Ludwigslust war am 1. Mai bereits eine siedende Masse gefangener Deutscher in Uniform.“ Da die Amerikaner Ludwigslust vor den Sowjets am 2. Mai erreichten, konnten sie die Straße von Ludwigslust nach Dömitz (R 191) vollständig für sich beanspruchen. Amerikaner und Sowjets verschoben die Demarkationslinie zwischen dem 4. und 8. Mai nur geringfügig. Dolmetscher war Leonard Linton, der Englisch, Russisch, Französisch und Deutsch sprach.
Rote Armee auf der Ostseite mini|Rückzug der Heeresgruppe Weichsel; links die Demarkationslinie Nachdem die Reichshauptstadt in der Schlacht um Berlin eingeschlossen worden war, rückten die Verbände der 1. Weißrussischen Front und der 2. Weißrussischen Front täglich weiter nach Westen vor. Mit ihr wanderte das Oberkommando der Wehrmacht (OKW) von Zossen nach Nordwesten.E. Schultze: Die militärische Lage vor den Linien der Westalliierten am 2. Mai 1945, in ders. (2007), S. 143–146. Ende April 1945 lagen östlich der Demarkationslinie noch keine sowjetischen Verbände, sondern (in gleicher Größenordnung) Einheiten der Wehrmacht und der SS. Nach der Eroberung von Schwedt/Oder durch die Rote Armee am 26. April 1945 führten fast alle Kampf- und Rückzugswege der deutschen Truppen mit ihren Stäben und Kommandeuren von Schwedt über Mirow, Plau und Lübz nach Parchim; oft zogen sie weiter nach Ludwigslust, Grabow und Schwerin. Die letzten 300 bis 400 Verteidiger Schwedts waren am 24. April auf Fahrrädern nach Parchim geflohen. Der Schwedter Volkssturm hielt bis Parchim zusammen und löste sich dort auf.E. Schultze: Der lange Marsch von Schwedt nach Parchim, in ders. (2007), S. 147–148.
Menschenströme mini|Schrittweiser Rückzug des OKW Richtung Norden und letztlich nach Mürwik (1945) Kurt von Tippelskirch, stellvertretender Oberkommandierender der Heeresgruppe Weichsel, hatte ab dem 29. April 1945 so gut wie keinen Kontakt mehr zu seinen Armeen. Am 1. Mai vergrößerte die Nachricht von Hitlers Selbstmord das Durcheinander. Nachdem v. Tippelskirch am 2. Mai in Ludwigslust vor den Amerikanern kapituliert hatte, suchte er gegen den Strom von Flüchtlingen und Soldaten einen Weg von Schwerin zum Stab von Teilen der 21. Armee in Alt Damerow. Am selben Tag erreichten die Amerikaner die Demarkationslinie. Jeder Kontrollpunkt wurde von einer Infanteriekompanie bewacht. Die deutschen Soldaten wurden entwaffnet und in ein provisorisch eingerichtetes Gefangenenlager auf freiem Feld westlich von Ludwigslust geführt. Die Amerikaner wussten nicht, dass 360.000 deutsche Soldaten die Reichsstraße 106 erreichen und sich ihnen ergeben wollten.Jürgen Thorwald: Das Ende an der Elbe. Stuttgart 1995. Auf manchen Straßen zogen deutsche Soldaten, Trecks, KZ-Häftlinge und Kriegsgefangene in drei Marschsäulen – in der Hoffnung, dass Tiefflieger solche Menschenströme nicht beschießen würden. Chaotische Zustände herrschten auf der R 191 zwischen Plau am See und Ludwigslust. Sie war der Hauptweg für den Rückzug der 21. Armee. Vom 23. April bis zum 3. Mai 1945 zogen täglich 100.000, insgesamt 1 Million Menschen durch das Gebiet des heutigen Landkreises Parchim. Auf der Reichsstraße 321 sowie auf den Landstraßen bei Matzlow, Parchim, Spornitz und Brenz (Mecklenburg) konnte man bei Stillstand mit Pferdegespannen und Motorfahrzeugen nicht ausweichen; denn die Straßengräben waren voll von weggeworfenen Waffen und Munition, zurückgelassener Militärtechnik und erschossenen Pferden. Die Eldebrücke in Neuburg wurde noch am 3. Mai – am Tag der Siegesfeier in Lübz – von der SS gesprengt.
Kontaktaufnahme mit den sowjetischen Streitkräften Der Kommandeur des 87. Aufklärungsbataillons der 7th Armored Division beauftragte den Oberleutnant William A. Knowlton als Führer einer Aufklärungskompanie, die sowjetischen Einheiten zu suchen:
Für den „zu 25 % deutschen“ Oberleutnant war das ein Himmelfahrtskommando; denn auf dem Weg nach Osten lag nicht „die ganze 12. Armee“, sondern die Heeresgruppe Weichsel mit der 3. Panzerarmee und der 21. Armee und ihren Kommandeuren. Hinzu kamen relativ viele Verbände der Waffen-SS, die noch am 3. Mai Endphaseverbrechen begingen.E. Schultze: Die besondere Gefährlichkeit der Waffen-SS für das Unternehmen, in ders. (2007), S. 151–153.
Von Ludwigslust nach Lübz Knowlton hatte nur veraltetes Kartenmaterial. In Hinblick auf das Risiko verlustreicher Gefechte und den Treibstoffverbrauch verzichtete er auf Geschütze. Er verfügte über drei Züge mit 90 Mann, elf M8 Greyhounds und 16 Jeeps, die sich am 2. und 3. Mai auf den Weg machten.E. Schultze: Auftrag, Vorbereitung und fahrzeugmäßiger Umfang des Unternehmens, in ders. (2007), S. 148–151. Er entschied sich für die Benutzung von Hauptstraßen, denn so konnte er den Eindruck erwecken, dass ihm eine ganze Armee folgte. Diese Überlegung erwies sich schon vor Neustadt-Glewe als richtig; die entgegenkommenden deutschen Soldaten warfen ihre Waffen weg. Auch andere ließen sich von Knowltons Kaltschnäuzigkeit beeindrucken.E. Schultze: Das Geschehen zwischen Ludwigslust und Neustadt bis nach Parchim, in ders. (2007), S. 153–155. Hatte der Trupp für die Durchquerung von Neustadt-Glewe noch zwei Stunden gebraucht, wurde er in Parchim von deutschen Verkehrsreglern, Soldaten und SS-Angehörigen durchgewinkt. In Rom (Mecklenburg) entwaffnete Knowltons Kommando eine Wehrmachteinheit.E. Schultze: Mit deutschen Verkehrsreglern durch Parchim, in ders. (2007), S. 155–156.
Einnahme von Lübz Lübz war eng, verwinkelt und voll von Panzern und Geschützen. Die Straßen aus Plau, Ganzlin und Goldberg liefen an der (noch heute bestehenden) Postkurve unweit der Hubbrücke zusammen. Die deutschen Soldaten schienen kampfbereit. Zum US-Hauptquartier in Ludwigslust ließ sich keine Funkverbindung herstellen. Knowlton stieß auf mehrere Kommandeure der in Schwedt geschlagenen Wehrmachts- und SS-Truppen. Der Sprengmeister Gerhard Gerigk warf die Zündschnüre für die Brückensprengung in die Elde. Ein General und der Lübzer Stadtkommandant einigten sich darauf, die für den 3. Mai um 22:00 Uhr befohlene Sprengung der Eldebrücken nicht zu vollziehen – unabhängig davon, ob erst die Amerikaner oder die Sowjets Lübz erreichten. Ein Major kapitulierte, der Bürgermeister übergab die Stadt. Knowlton befahl die Waffenabgabe im Hof der Lübzer Brauerei und an anderen Stellen. Ein sehr gut Englisch sprechender Hauptmann einer Panzer-Marine-Brigade durchschaute Knowltons Bluff, ließ ihn aber unbehelligt in Sturms Saal schlafen. Dort hatte die NSDAP seit 1933 ihr Ortsbüro. Die SS hatte in Sturms Gaststätte im April 1945 eine Kommando- und Verkehrsleitzentrale eingerichtet.E. Schultze: Die „Gefangenen“ in Lübz, in ders. (2007), S. 156–159.
Das OKW hatte entdeckt, dass Knowltons Truppe östlich von Ludwigslust alleine stand. Sie hatte bereits 275.000 deutsche Soldaten entwaffnet; deutscherseits ergingen nun aber Anordnungen, die Waffen wieder aufzunehmen und Knowltons Truppe bei Gegenwehr zu erschießen. Mit einem SS-Offizier vereinbarte Knowlton, dass alle nach Westen gehenden Truppen ihre Waffen abgeben, alle nach Osten gehenden Einheiten ihre Waffen behalten sollten. Zwei der drei amerikanischen Züge blieben mit den Leutnants Harry J. Clark und Earl Harrelt in Lübz und überwachten die Waffenabgabe.
Zusammentreffen von US-Soldaten und Rotarmisten mini|Quartier des sowjetischen Kommandeurs in Ganzlin Vom Kommandeur der Marine-Panzerjagd-Brigade, Hauptmann Kendler, erfuhr Knowlton am 3. Mai 1945 um 08:00 Uhr, dass sowjetische Truppen dabei waren, Plau von Norden und Süden einzuschließen. Mit dem 3. Zug fuhr er auf der R 191 weiter nach Osten. Begleiter waren ein deutscher Offizier und Gerhard Gerigk.Reader’s Digest strich in Knowltons Bericht alle Hinweise auf Gerhard Gerigk. Beide kannten die Lage der vor Lübz gelegten Minenfelder. Vor Plau am See sprengten SS-Einheiten die Straßenbrücke. Knowlton kehrte um und wollte den Umweg über Reppentin nehmen. Um 09.25 Uhr traf er dort auf einen sowjetischen Aufklärer.Bernd Bölscher: An den Ufern der Oder – Genesis eines Kriegsendes. Die 1. Marine-Infanterie-Division und das letzte Aufgebot des Großadmirals Dönitz am Ende des Zweiten Weltkriegs. (2014). Sie vereinbarten ein Treffen mit dem sowjetischen Regimentskommandeur. Von einem Major geführt, traf Knowltons Trupp um 10:30 Uhr den kommandierenden Oberst auf dem Gefechtsstand des 546. Schützenregiments der 191. Schützendivision.W. Knowlton (Readers Digest, 1945). Der Gefechtsstand lag am Ortsausgang von Schlemmin in Richtung Kritzow auf dem Gehöft links vor den „Kanal“ zum Kritzower See. Knowlton und seine Männer kehrten mit einem sowjetischen Major und dem Unteroffizier Gerigk nach Lübz zurück. Fünf Tage vor der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht feierten US-amerikanische Soldaten und Rotarmisten in Lübz den Sieg. Schon am nächsten Tag wurde Knowlton von James M. Gavin mit dem Silver Star ausgezeichnet und zum Captain befördert.
Befreiung, Sieg und Niederlage in Lübz mini|Russische Wegweiser nach Plau und Parchim an der Lübzer Post (2015)