mini|hochkant=1.5|Nach wie vor ist die Kamelzucht in den Halbwüsten und Trockensteppen Afrikas und Asiens nur als mobile Fernweidewirtschaft denkbar. (Bild aus Indien) Mobile Tierhaltung (auch Mobile Weidewirtschaft) ist ein Sammelbegriff für die modernisierten, subsistenz- und marktorientierten Formen extensiver, ganzjähriger Fernweidewirtschaft von lokalen Gemeinschaften ehemals hirtennomadisch lebender Völker in trockenen und kalten Offenlandbiomen.mobile Tierhaltung. In: Lexikon der Geographie. auf: spektrum.de. Abgerufen am 19. März 2014. Dies umfasst die verschiedensten Formen der Landnutzung mit halbnomadischer bis halbsesshafter, sowie ganzjähriger oder saisonaler Wanderweidewirtschaft – je nach den vorhandenen ökologischen und ökonomischen Bedingungen und Erfordernissen.Corina Knipper: Die räumliche Organisation der linearbandkeramischen Rinderhaltung: naturwissenschaftliche und archäologische Untersuchungen. Geowissenschaftliche Fakultät der Eberhard‐Karls‐Universität Tübingen, 2009.

Zuweilen wird gefordert, nur die nachhaltigen Systeme als mobile Tierhaltung zu bezeichnen.Fred Scholz: Nomadismus ist tot. In: Geographische Rundschau. Heft 5, 1999, S. 248–255.

Alle Formen der mobilen Tierhaltung werden zu den traditionellen Wirtschaftsformen gezählt.

Abgrenzung der Begrifflichkeiten Mobile Tierhaltung und Pastoralismus mini|Pastorale Tierzucht in der mongolischen Steppe Mobile Tierhaltung findet grundsätzlich auf natürlich entstandenem, zumeist nicht eingehegtem Weideland statt (z. B. Steppen oder Trockensavannen) und ist insofern auch eine Form des sogenannten Pastoralismus.FAO: Pastoralism in the new millennium. in Animal production and health paper. Nr. 150, 2001. Im Gegensatz zu den stationären Extensivsystemen (Ranching) wird das Vieh permanent von Hirten gehegt, die in der Regel selbst Eigentümer der Herde sind und zumindest zeitweise (meist zusammen mit Familienmitgliedern) in transportablen Behausungen auf dem Weideland wohnen. Überdies sind der freie Weidegang der Tiere und der mehr oder weniger große Anteil der Produktion für die Selbstversorgung (Subsistenzwirtschaft) die wesentlichen Unterschiede zum stationären Pastoralismus.

Dennoch ist „mobile Tierhaltung“ nicht identisch mit dem Begriff „mobiler Pastoralismus“, da dieser auch den ursprünglichen Hirtennomadismus einschließt!

Mobile Tierhaltung und Hirtennomadismus mini|Obwohl die Jurte nach wie vor zur mobilen Tierhaltung in der Mongolei gehört, leben die meisten Hirtenfamilien heute weder vollnomadisch noch weitgehend selbstversorgend „Nomadismus“ ist sowohl ein kulturwissenschaftlicher als auch ein ökonomischer Begriff, denn er umfasst einerseits die Kulturen der nomadischen Hirtenvölker und andererseits ihre selbstversorgenden Subsistenzweisen (Echter Nomadismus ist allerdings kaum noch zu finden).

Demgegenüber werden mit „mobiler Tierhaltung“ die postnomadischen Übergangsformen subsistenz- und marktorientierter Viehwirtschaft benannt und nicht mehr die („entwurzelten“ und zum Teil marginalisierten) Gesellschaften.Zoritza Kiresiewa: Derzeitiger Stellenwert von nationalen und internationalen Projekten im Bereich Nomadismus/Mobile Tierhaltung im Altweltlichen Trockengürtel. siehe Literatur

Mobile Tierhaltung und Transhumanz Transhumanz (Saisonale Wanderweidewirtschaft) bezeichnet sowohl eine klassische Form der Fernweidewirtschaft (z. B. in den Mittelmeerländern) als auch moderne Formen: Sehr häufig hat sich z. B. in Zentralasien aus vollnomadischer Hütehaltung eine Form halbnomadischer Transhumanz entwickelt. In solchen Fällen ist die Transhumanz eine Form der mobilen Tierhaltung.

Mobile Tierhaltung als nachhaltige Wirtschaftsform mini|In stark überweideten Gebieten überleben nur noch Ziegen – die die Vegetation noch mehr schädigen mini|Die Sicherstellung von Schulbesuch und medizinischer Versorgung unter Beibehaltung der mobilen Lebensweise sind eine der Herausforderungen für moderne Nomaden Nach Fred Scholz – einem der renommiertesten Wissenschaftler auf diesem Gebiet – sollte der Begriff „mobile Tierhaltung“ nur für die „geplanten“ und nachhaltigen Weidesysteme verwendet werden und nicht für die ungeplanten, unsteten, rudimentären und nicht nachhaltigen Formen, die aus dem Niedergang des Nomadismus entstanden sind.

Scholz plädiert für die Stärkung des uralten traditionellen Wissens der ehemaligen Nomaden mit ihren angepassten heimischen Weidevieharten; in sinnvoller Verbindung mit heutigen sozialen, ökonomischen und ökologischen Erkenntnissen und unter Berücksichtigung der jeweiligen politischen Bedingungen und volkswirtschaftlichen Zwänge. Er nennt drei „Essentials“, die dabei erfüllt sein müssen, um die labilen Ökosysteme langfristig und umweltschonend nutzen zu können: Existenzsicherung vor Marktproduktion Arbeitsplatzsicherung vor Produktivitätssteigerung Ressourcenbewahrung vor Ertragszuwachs Eine mobile Tierhaltung, die diese Rahmenbedingungen erfüllt, kann eine nachhaltige Existenzsicherung an marginalen Standorten innerhalb des Altweltlichen Trockengürtels sein und demnach ein wirksamer Schutz vor Armut und Hunger, Degradation und Desertifikation. In der Praxis bedeutet dies (je nach Region): Einsatz geeigneter, gemischter Herdentiere (z. B. Kamele statt Ziegen, oder Yaks statt Rinder) Getragen von lokalen Hirtengemeinschaften, Familien, Bevölkerungsteilen u. ä. Gezielt geplantes Management der Herdenverlagerungen (Wanderungen und/oder Viehtransporte, ganzjährig mehrfacher oder saisonaler Weidewechsel u. a.) Einsatz moderner Kommunikations- und Transportmittel An die jeweilige Wohn- und Arbeitssituationen angepasste Versorgung mit Gütern, medizinischen Diensten, Schulbildung etc.

Vom Nomadismus zum „Postnomadismus“ mini|Während die mobile Tierhaltung nach wie vor die Existenz der Menschen in Zentralasien sichert, wandeln sich traditionelle Rituale zum folkloristischen Brauchtum Seit dem Ende des 20. Jahrhunderts geht man mehr und mehr dazu über, Nomadismus nur noch für die Lebensweise der sehr wenigen echten nomadisch lebenden lokalen Gemeinschaften zu verwenden, die noch überwiegend subsistenzorientiert von der Tierhaltung leben (von ganzen Hirtenvölkern kann ohnehin keine Rede mehr sein).

Die meisten Hirtengemeinschaften Afrikas und Eurasiens produzieren heute nicht mehr nur für ihren eigenen Bedarf. Sie bringen Fleisch, Milch, Felle, Leder u. a. Produkte auf lokale Märkte, um sich mit dem erwirtschafteten Geld die Bequemlichkeiten des modernen Lebens leisten zu können. Dies verstärkt die Tendenz zu Halbnomadismus und (Halb-)sesshaftigkeit in der Nähe von Verkehrswegen und Marktorten.

Aufgrund der gravierenden Veränderungen in der Lebensweise der Hirtennomaden, die im 20. Jahrhundert einsetzten, plädieren einige Autoren für klare Begriffsfestlegungen. Insbesondere der deutsche Geograph Fred Scholz ist ein Verfechter dieser Sichtweise, auf den in vielen Quellen verwiesen wird. Die selten verwendete Bezeichnung „Postnomadismus“ (von lat. -post = nach, hinter) ist nicht wirklich geeignet, die uneinheitliche Vielfalt der heutigen Lebensweisen zu benennen.Annegret Nippa u. Museum für Völkerkunde Hamburg (Hrsg.): Kleines abc des Nomadismus. Publikation zur Ausstellung “Brisante Begegnungen. Nomaden in einer sesshaften Welt.” Hamburg 2011. Daher wird dieser kulturwissenschaftliche Terminus meistens zugunsten des Wirtschaftsbegriffes „Mobile Tierhaltung“ vermieden.

Die Entwicklung der mobilen Viehwirtschaft Ursprünge mini|Die Hege des Viehs gehört früher wie heute zu den Pflichten der mobilen Tierhalter. (Bild aus der Mongolei) mini|Mobile Tierhaltung erfordert riesige Weideflächen für wenige Tiere pro Quadratkilometer Der Hirtennomadismus hat sich mit der Domestikation der ersten Nutztiere bereits in prähistorischer Zeit im altweltlichen Trockengürtel zwischen Westafrika und Ostasien entwickelt.Walter Hirschberg (Hrsg.): Wörterbuch der Völkerkunde. Neuausgabe, 2. Auflage. Reimer, Berlin 2005. Trockenheit führt zu einem überall begrenzten Futterangebot für das Vieh, so dass eine permanente Verlegung der Weidegebiete erforderlich ist. Ursprünglich zogen die Menschen vermutlich den Wildherden hinterher, die instinktiv wanderten; bevor sie begannen, ihre Haustiere von Weide zu Weide zu treiben.

Im hohen Norden Eurasiens war es indessen die natürliche, saisonale Wanderung der Rentiere von den Sommerweiden im Wald zu den Winterweiden in der Tundra, aus der sich der Rentiernomadismus entwickelte. Diese eher halbnomadische Form der mobilen Tierhaltung wird heute noch in vielen Gegenden Russlands und Skandinaviens betrieben.Stefan Bauer (Hrsg.): Bruchlinien im Eis: Ethnologie des zirkumpolaren Nordens. Lit-Verlag, Wien 2005.

Kennzeichen Eine nachhaltige Tierhaltung ist in den Trockengebieten und Tundren in aller Regel nur in einer sehr extensiven Form möglich, wie verschiedene misslungene Versuche mit intensiver Tierhaltung bewiesen haben (u. a. in den ehemaligen Sowjetrepubliken ZentralasiensClaudia Kijora u. Helmut Schafft: Humboldt-Universität zu Berlin, Landwirtschaftlich-Gärtnerische Fakultät 2003. und in China.Dirk Betke: Landschaftsentwicklung und Ökosystemwandel als Folge zentralstaatlicher Landnutzungsstrategien in Innerasien. Das Manas-Flußgebiet in Xinjiang, China. Fachbereich Umwelt und Gesellschaft der Technischen Universität Berlin 2003.). Während auf mitteleuropäischem, intensiv genutztem Grünland bis zu 500 Rinder von einer 100 ha großen fetten Grünlandweide leben können, sind es in der Grassteppe nur 15 bis 20 Rinder, in Trockensteppen 5 bis 11 und in wüstenhaften Regionen maximal 3 Rinder.Werner Doppler: Landwirtschaftliche Betriebssysteme in den Tropen und Subtropen. Ulmer Verlag, Stuttgart 1991. Mithin sind Rinder in den sehr trockenen Gegenden weniger als Weidevieh geeignet, so dass hier andere Arten wie Kamele, Yaks, Büffel, Schafe oder Ziegen eingesetzt werden, die einen etwas höheren Tierbesatz zulassen.

Die seit alters her angepasste mobile Variante der Fernweidewirtschaft ist zum Teil noch effizienter als die moderne stationäre Tierhaltung. So ist die Produktivität z. B. im Sahel größer als auf einer nordamerikanischen Ranch.Liga für Hirtenvölker und nachhaltige Viehwirtschaft e. V. (Hrsg.): Die Hirtenvölker als Hüter der Nutztiervielfalt zu stärken! Informationsschrift zum „Internationalen Tag der Wüstenbekämpfung“, 17. Juni 2006.

Im Gegensatz zu anderen Viehwirtschaftssystemen halten fast alle mobilen Pastoralisten gleichzeitig verschiedene Tierarten in ihren Herden. Dies geschieht, um die Pflanzenvielfalt der Weiden zu nutzen; aber auch zum Schutz der Grasnarbe, da die Tiere sowohl unterschiedliches Fressverhalten zeigen als auch bei empfindlichen Böden verschiedenartige Trittschäden verursachen. Der Dung von Rindern und Kamelen wird als Brennmaterial verwendet, während der Kot der anderen Weidetiere das Land düngt. Die Zahl der Tiere ist entscheidend für den wirtschaftlichen Erfolg, für Wohlstand und Status der Nomadenfamilien bzw. der Hirten-Genossenschaften: Beispielsweise sind in Finnland 80Jouni Kitti: Die wichtigsten Umweltprobleme im Samenland. auf: elisanet.fi, Finnland 2004, abgefragt am 23. Mai 2014. und in Sibirien mindestens 150 Rentiere oder in Syrien 80 Schafe notwendig, um eine Familie zu versorgen.

Ökologische Betrachtung mini|Das Yak – seit Jahrtausenden im tibetischen Klima domestiziert – ist sicherlich das bestangepasste Nutztier für Tibets Kältesteppen