mini|Oesel (1798) mini|Rittershaus in Arensburg (2007)
Die Oeselsche Ritterschaft war von der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts bis 1920 der politische und rechtliche Zusammenschluss des vornehmlich deutschbaltischen Adels auf der Insel Oesel im heutigen Estland. Durch die vom jeweiligen Souverän garantierten Standesprivilegien, den politischen Einfluss und den agrarischen Großgrundbesitz war die Ritterschaft außerhalb der Städte bis zum Ende des 19. Jahrhunderts die herrschende Schicht des Landes. Die Oeselsche Ritterschaft hatte ihren Sitz im „Ritterhaus“ in Arensburg.
Geschichte Innerhalb der einzelnen Territorien Altlivlands schlossen sich die Vasallengeschlechter zur Verteidigung und Erhaltung ihrer Rechte und Besitztümer zu „Ritterschaften“ zusammen. Diese korporativen Organisationen waren bereits im 14. Jahrhundert mit landständischen Rechten versehen und hoheitlich anerkannt.
Die Privilegien der Ritterschaften wurden bei wechselnden Souveränen jeweils bestätigt. So geschehen 1561 durch Sigismund II. August den König von Polen, 1629 durch Gustav II. Adolf den König von Schweden sowie 1710 durch Peter I. den russischen Zaren.
Im Zuge der Oktoberrevolution in Russland 1917 und der Wirren des Ersten Weltkriegs erklärten Estland am 24. Februar 1918 sowie Lettland am 18. November 1918 als Republiken ihre staatliche Unabhängigkeit von Russland. Versuche des deutschen Kaiserreichs, das Baltikum mit der Schaffung des Vereinigten Baltischen Herzogtums politisch unter deutsche Oberhoheit zu bringen, scheiterten im November 1918 endgültig. Die Oeselsche Ritterschaft wurde daraufhin als Körperschaft des öffentlichen Rechts aufgelöst.
Nach der estnischen Landreform vom 10. Oktober 1919 haben sich die auf Oesel verbliebenen deutschen Edelleute 1920 im „Oeselschen Gemeinnützigen Verband“ zusammengeschlossen. Diese Interessenvertretung ehemaliger Ritterschaftsfamilien wurde mit der Umsiedlung in den Warthegau in Folge des Hitler-Stalin-Pakt aufgelöst. Heute ist die Oeselsche Ritterschaft im 1949 gegründeten Verband der Baltischen Ritterschaften e. V. organisiert und pflegt vielfach Kontakte nach Oesel.
Wappen der Ritterschaft thumb|hochkant|Wappen der Oeselschen Ritterschaft im Baltischen Wappenbuch (1882) Das Provinzialrecht der Ostseegouvernements von 1845 beschreibt das Wappen wie folgt als:
Anmerkung: Niederdeutsch eigentlich Ridderschop, so auch für gewöhnlich wiedergegeben. Hochdeutsch „Glaube der Ritterschaft in der Wiek und auf Oesel.“
Carl Arvid Klingspor kritisiert diese Blasonierung im Baltischen Wappenbuch als heraldisch fehlerhaft und gibt eine „zurechtgestellte“ Wappenbeschreibung an:
Der Wahlspruch D. W. G. B. E. (hochdeutsch meist als „Das Wort Gottes bleibet ewiglich“ wiedergegeben) wurde um 1525 angenommen und bezieht sich auf die Devise Friedrichs des Weisen V. D. M. I. E. (verbum Domini manet in [a]eternum, nach ), die ab 1522 als Zeichen der Bekenntnis zur Reformation populär wurde.
Personen Ritterschaftshauptmänner Von 1655 bis 1753 stand der Ritterschaft ein Ritterschaftshauptmann vor: 1655–1661: Friedrich Sasse 1661: Odert von Poll der Ältere 1670: Christian Poll 1699–1707: Johann von Vitinghoff 1707: Carl Adam von Stackelberg (1669–1749) 1716: Wolmar von Stackelberg 1720–1723: Friedrich Johann von Lode 1723–1726: Christian Friedrich von Poll 1726–1729: Karl Wilhelm von Stackelberg 1729–1732: Niclas von Krämer 1732–1737: Fredrich Johann von Lode 1737–1753: Otto Friedrich von Vietinghoff
Landmarschälle thumb|hochkant|Alexander Peter Eduard von Buxhoeveden, letzter Landmarschall der Oeselschen Ritterschaft Ab dem Jahr 1753 bis zur Auflösung wurde die Oeselsche Ritterschaft durch einen Landmarschall geführt: 1753–1760: Reinhold Gustav von Nolcken 1760–1765: Hermann Gustav von Weymarn 1762–1772: Carl Gustav von Güldenstubbe 1772–1780: Otto Frommhold von Buhrmeister 1780–1783: Johann Christoph von Nolcken 1797–1800: Karl Johann Gustav von Ekesparre 1800–1806: Georg Friedrich von Saß 1806–1808: Otto Frommhold von Buhrmeister 1808–1813: Otto Magnus von Buxhoeveden 1813–1816: Reinhold Friedrich Pilar von Pilchau 1816–1818: Peter Anton von Saß 1818–1841: Peter Wilhelm von Buxhoeveden 1843–1849: Georg Wilhelm von Ditmar 1849–1862: Karl Friedrich von Güldenstubbe 1864–1865: Karl Wilhelm Ottokar von Aderkas 1867–1876: Charles Freytag von Loringhoven 1876–1906: Oskar von Ekesparre 1906–1919: Alexander Peter Eduard von Buxhoeveden
Zugehörigkeit Die Adelsmatrikel wurde in den Jahren 1741 und 1742 fertiggestellt.
Immatrikulierte Geschlechter Innerhalb der Ritterschaft erloschene Geschlechter sind mit (†), im Mannesstamm gänzlich erloschene Familie sind mit (††) gekennzeichnet. Weiterhin können mehrere Linien, Zweige oder Häuser einer Familie getrennt und unabhängig voneinander immatrikuliert sein, weswegen Doppeltnennungen vorkommen.
Aderkas Adlerberg (†) Agthe (†) Baer von Huthorn Baranoff Bartholomäi (†) Bekleschow (†) Bellingshausen (†) Berg a.d.H. Carmel (†) Berg a.d.H. Kandel (†) Bradke (†) Bruemmer (†) Bruiningk a.d.H. Hellenorm (†) Budde (††) Buddenbrook (†) Buhrmeister Buxhoeveden Cube Curland und Gahlen (†) Creutz (†) Dannenstern (†) [Daunenstern] Dellingshausen Derfelden (†) Dittmar (†) Eck (†) Ekesparre Essen Flemming (†) Freymann a. d. H. Nursie Freytagh-Loringhoven Gans (†) Gavel Gortschakow Graß a. d. H. Wittenpöwel (†) Grotenhielm (†) Güldenstubbe Guillemot de Villebois Guzkowski (†) Gyldenstubbe (†) Hahn Hahn a. d. H. Lahentagge Neu-Löwel Harrien (†) Harten Heller (†) Helmersen Hove (†) Hoyningen-Huene Knorre, Knorring Korff Schmysingk genannt Korff Kräfting (†) Krämer (†) Krüdener Kursell Lagerstjerna (†) Leps (†) Lieven Lilienfeld-Toal Lingen Lode (†) Löwis of Menar Luce (†) Ludewig (†) Minckwitz (†) Moeller, Moller a. d. H. Sommerpahlen Möller a. d. H. Kersel (†) zur Mühlen Nolcken Osten genannt Sacken Pahlen Palm (†) Patkul Pauffler (†) Peetz (†) Pilar von Pilchau Poll Preis (†) Rading (†) Rechenberg (†) Redkenhof (†) Rehekampff Rehren Rennenkampff Richter Roemlingen (†) Rubusch (†) Rungen (†) Samson-Himmelstjerna Saß Schmidt Schulmann Schuwalow Sege von Laurenberg (†) Sengbusch Ssuworow-Rimnikski Italiiski (†) Stackelberg Stärck (†) Stegeling (†) Stjernschantz (†) Strukoff (†) Szeliga-Mierzejewski Tideböhl (†) Tiesenhausen Tois (†) Toll Totleben (†) Transehe-Roseneck Treyden (††) Tunzelmann (†) Ungern-Sternberg Vegesack Vietinghoff-Scheel Wardenburg Wettberg (††) Weymarn Wilcken a. d. H. Wesselsdorf (†) Wolff Wrede Zoege Manteuffel (†)
Siehe auch Estländische Ritterschaft Kurländische Ritterschaft Livländische Ritterschaft
Literatur Peter Wilhelm von Buxhoeveden: Beiträge zur Geschichte der Provinz Oesell. 1838. Nicolai von Essen (Hrsg.): Genealogisches Handbuch der Oeselschen Ritterschaft. Tartu 1935 (Digitalisat). August Wilhelm Hupel: Materialien zu einer öselschen Adelsgeschichte. In: Nordische Miscellaneen St. 20–21, Riga 1790, S. 13–434. Georg von Krusenstjern: Die Landmarschälle und Landräte der Livländischen und der Öselschen Ritterschaft in Bildnissen. Hamburg 1963. Odert von Poll: Oeselsche Ritterschaft. Ritterschafts-Protokolle 1699–1920 des Oeselschen Ritterschaftsarchivs. 1993. Zur Geschichte der Ritterschaften von Livland und Oesel. hrsg. von der Livländischen Ritterschaft und von der Oeselschen Ritterschaft, Pfaffenhofen/Ilm 1974.
Weblinks Die Oeselsche Ritterschaft auf der Website des Verbandes der Baltischen Ritterschaften e. V.
Einzelnachweise
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