mini|Rathaus Dillingen, vom Bahnhofsvorplatz aus Das Rathaus Dillingen/Saar ist das Rathaus der saarländischen Stadt Dillingen/Saar im Landkreis Saarlouis. Es wurde 1906–1908 nach den Plänen des Berliner Architekten Wilhelm Franz in einer Mischung aus Neorenaissance und Jugendstilelementen als Rathaus der damaligen Bürgermeisterei Dillingen errichtet. Der 1974–1978 ausgeführte Erweiterungsbau stammt von dem Dillinger Architekten Kurt Faber (* 1929).

Vorgeschichte mini|links|Ansichtskarte Dillingen aus dem Jahr 1898, links unten das frühere Rathaus am heutigen „Roten Platz“ In den 1870er-Jahren wuchs der Wohlstand der Gemeinde Dillingen stark an. Die Einwohnerzahl erhöhte sich von 1877 bis zur Jahrhundertwende von 2600 auf 5300. Am 1. April 1897 schieden die Gemeinden Dillingen und Pachten aus dem Verband der Bürgermeisterei Fraulautern aus und wurden zu einer selbständigen Bürgermeisterei Dillingen vereinigt. Zusammen hatten beide Gemeinden nun 5.667 Einwohner. Die Dillinger Hütte forcierte die Gründung einer eigenen Bürgermeisterei Dillingen aus wirtschaftlichen Gründen.

Innerhalb weniger Jahre wurde aus ländlichen Gemeinden ein blühendes Gemeinwesen. Die finanziellen Mittel, die der Gemeindekasse aus der Steuerkraft der Dillinger Hütte zuflossen, ermöglichten größere Bauprojekte.

mini|Dillingen, Altes Rathaus, von der Merziger Straße aus gesehen, dahinter der Neubau der 1970er Jahre

Altes Rathaus Planungen und Bau mini|Portalgiebel des Alten Rathauses in Dillingen/Saar mit preußischem Adler und Mottospruch „Gott mit uns“ mini|Giebelrelief des Alten Rathauses in Dillingen/Saar mit Allegorien von Erz- und Steinkohleabbau (flankierende Zwerge), Eisenindustrie (rechts) und der Gemeinde Dillingen (links) Am 28. Dezember 1904 beschloss der Dillinger Gemeinderat den Bau eines neuen Rathauses. Bis dahin war ein Haus am Marktplatz (heute sogenannter „Roter Platz“) als Verwaltungsgebäude benutzt worden. Der Bauplatz sollte im Distrikt „In der Aht“ in der Nähe des Bahnhofs, der neuen evangelischen Kirche und des Kaiserlichen Postamts liegen. Darüber hinaus sollte in der Nähe ein Gymnasium entstehen. Der Baugrund befand sich teilweise im Besitz der Gemeinde Dillingen. Ein weiteres Grundstück erhielt man im Rahmen eines Grundstücktauschs von der Dillinger Hütte. Da zwei private Grundbesitzer nur zu hohen Preisen an die Gemeinde verkaufen wollten, griff die Gemeinde Dillingen zum Mittel der Enteignung, die im Februar 1906 abgeschlossen war.

Im Juni 1906 bewilligte der Gemeinderat einen Kredit in Höhe von 220.000 Mark (entspricht heute etwa  EURDiese Zahl wurde mit der Vorlage:Inflation ermittelt, ist auf volle 100.000 EUR gerundet und bezieht sich auf Januar .) für den Neubau.Gertrud Schmidt: 100 Jahre Historischer Sitzungssaal, Altes Rathaus Dillingen. Dillingen 2008, S. 3.

Das Rathaus gilt als eindrucksvolles Zeugnis der Epoche des Historismus. Es sollte zwar in erster Linie den gestiegenen Anforderungen der Gemeindeadministration Rechnung tragen, aber auch das Repräsentationsbedürfnis der aufstrebenden Industriestadt befriedigen.

Das aus rotem Sandstein erbaute, schiefergedeckte Rathaus wurde von Wilhelm Franz, der als Professor an der Technischen Hochschule (Berlin-)Charlottenburg lehrte, in einer Mischung aus Neorenaissance und Jugendstilelementen entworfen. Wilhelm Franz hatte vor seiner Lehrtätigkeit in St. Johann an der Saar die Bauarbeiten des Rathauses St. Johann geleitet, das von Georg von Hauberrisser entworfen worden war. Franz und Hauberrisser hatten sich beim Bau des Neuen Rathauses Wiesbaden kennen und schätzen gelernt. Während seiner Tätigkeit in St. Johann war Franz auch als Stadtverordneter kommunalpolitisch aktiv gewesen.

Wilhelm Franz übertrug infolge seiner Arbeitsbelastung an der Technischen Hochschule Charlottenburg die örtliche Bauleitung des Dillinger Rathausbaues den Architekten Alwin Heinker und Kurt Witzschel, die sich in St. Johann durch die Errichtung zahlreicher Neubauten einen Namen gemacht hatten. Die Namen der beiden Architekten Franz und Witzschel sind in einer Kartusche am Hauptgiebel verewigt.

Der Dillinger Bauunternehmer J. W. Witt, der auch kurze Zeit später mit dem Bau des Saardoms beauftragt wurde, erhielt in einer Gemeinderatssitzung den Zuschlag für die Bauausführung – er hatte das günstigste Angebot vorgelegt (71.926,30 Mark; heutiger Gegenwert ca.  EUR). Darüber hinaus wurden folgende Unternehmen beauftragt: Eisenbetonarbeiten: Krutina & Möhle in Malstatt Zimmererarbeiten: Firma Marx in Dillingen Zentralheizung: Gebr. Körting AG in Hannover Klempnerarbeiten: Firma Maurer in Saarbrücken Dachdeckerarbeiten: Firma Six in Saarbrücken Schreinerarbeiten: Firma Felbel-Chassé in St. Johann Glaserarbeiten: Firma Mexer in St. Johann Bildhauerarbeiten: Firma Schneider in St. Johann Plattenarbeiten: Firma Seyffarth in St. Johann Entwässerungsarbeiten: Monteur Kröner in Dillingen Anstreicher-, Maler- und Tapezierarbeiten: Firma Maus-Holz in Saarlouis Kunstverglasungen im Sitzungssaal: Firma Geck in Wiesbaden Kunstverglasungen im Treppenhaus: Firma Binsfeld in Trier

Einweihung Am Sonntag, dem 29. März 1908 wurde das neuerbaute Rathaus mit Festgottesdiensten in der katholischen Dillinger Pfarrkirche St. Johann und der evangelischen Kirche eingeweiht. Anschließend zog ein Festzug, gebildet aus den Dillinger Vereinen, Musikkapellen, Gesangvereinen, dem Gemeinderat, den Beamten der Gemeindeverwaltung, Geladenen und der Bevölkerung, vom alten Verwaltungsgebäude am Marktplatz durch die fahnengeschmückte Kaiser-Wilhelm-Straße (heute Johannesstraße) und die Kaiser-Friedrich-Straße (heute Merziger Straße) zum Rathausneubau, wo Bürgermeister Matthias Schmitt eine Festrede vor dem Gebäude hielt. Unmittelbar daran anschließend wurde das benachbarte neue Gymnasium (nach Kriegsbeschädigung und Umbau heute Turnhalle Merziger Straße), das ebenfalls von Wilhelm Franz (Bauleitung Kurt Witzschel, St. Johann) entworfen worden war,Franz Josef Röder: Aus der Geschichte der Anstalt. In: Aloys Lehnert (Hrsg.): Festschrift aus Anlass des 50jährigen Bestehens des Dillinger Realgymnasiums und der Einweihung des Neubaus in der Dr.-Prior-Straße. Dillingen/Saar 1953, S. 81–101, hier S. 82. eingeweiht.Gertrud Schmidt: 100 Jahre Historischer Sitzungssaal, Altes Rathaus Dillingen. Dillingen 2008, S. 4–7.

Architektonische Gestaltung Außenbau mini|links|Dillingen/Saar, Volkspark mit (v. r. n. l.) evangelischer Kirche, Rathaus, Postamt und Bahnhof nach der Fertigstellung des Rathauses im Jahr 1908 (Kreisarchiv Saarlouis) Städtebaulich bildete das Dillinger Rathaus bis zu den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs das Zentrum eines urbanen Komplexes aus Bahnhof, Gymnasium, Finanzamt, Kirche, Postamt, Stadtpark und Wohnbauten.

Die Hauptfassade des Rathauses in Bossenwerk ist zweigeschossig und breit gelagert. Der repräsentative Hauptrisalit mit Eingangstreppe, Balkon mit vorgewölbter Balkonkonsole, Ratssaalfenster und Zwerchhausgiebel mit eingeschossigem Eckerker ist nach rechts verschoben. In seiner Anordnung und Ausgestaltung entspricht er dem Eckerkerturm des Rathauses in Rothenburg ob der Tauber, der allerdings dreigeschossig ausgeführt ist. mini|Rothenburg ob der Tauber, Eckerkerturm am Rathaus

Dem rechten Eckerker entspricht auf der linken Fassadenseite ein kleinerer Risalit mit Zwerchhausgiebel und polygonalem Standerker. Die Seitenfronten sind ebenfalls giebelbekrönt. In der Mitte der Fassade erhebt sich auf dem hohen, gaubengeschmückten Dachaufbau ein Dachreiter mit Turmuhr, Rundbogengalerie und Schweifhaube mit Wetterfahne. Die Gestaltung des Dachreiters erinnert an fränkische Rathausbauten der Renaissance, wie etwa das Alte Rathaus in Schweinfurt oder wiederum an das Rathaus in Rotenburg ob der Tauber. mini|Schweinfurt, Rathausturm Das steile Zeltdach mit Mansardgeschoss ist mit Schiefer gedeckt. Das Eingangsportal, in das man über eine breite Treppe gelangt, ist mit einem schmiedeeisernen Rankwerkgitter mit vergoldeten Elementen geschmückt. Die Gitter und der leicht geschwungene Übergang zwischen Wand und Ratssaalbalkon nehmen Jugendstilformen und germanisierendes Flechtwerk mit Knotenmustern auf.Gertrud Schmidt: 100 Jahre Historischer Sitzungssaal, Altes Rathaus Dillingen. Dillingen 2008, S. 8.

Auf dem Hauptgiebel prangt in Goldmosaik der schwarze Adler des Königreichs Preußen. Der Kopf des Adlers trägt eine geschlossene Königskrone, seine Fänge halten ein adlergeschmücktes Zepter und einen blauen kreuzbekrönten Reichsapfel. Auf seiner Brust stehen die Initialen des ersten preußischen Königs Friedrich I.: „FR“ für „Fredericus Rex“. Darüber befindet sich die Inschrift „Gott mit uns“ – seit 1701 der Wahlspruch der Hohenzollern-Dynastie, der deutschen Kaiser und ein Teil der preußischen sowie später der deutschen militärischen Hoheitszeichen. Nobiscum deus („Gott mit uns“) war der Schlachtruf des späten Römischen Reiches und des Byzantinischen Reiches, auf Deutsch wurde dieser Ausspruch zuerst vom Deutschen Orden verwendet. Der Wahlspruch Gott mit uns ist eine wörtliche Übersetzung des hebräischen Namens Immanu-El (עמנואל) und spielt auf das Heilsorakel des Propheten Jesaja für den judäischen König Ahas im Jahre 733 v. Chr. an (Jesaja u. ö.), das später messianisch gedeutet wurde (vgl. Matthäus ).

Über dem Wahlspruch erheben sich vor Mosaikgoldgrund vier lebensgroße Figuren. Von links nach rechts sind dargestellt: ein kniender Erzhauer mit Hammer und Meißel, eine nach links blickende Frauengestalt, die in ihren Händen ein Städtemodell trägt, als Personifikation der Gemeinde Dillingen, ein nach rechts blickender Stahlarbeiter mit Eisenzange und Zahnrad, ein kniender Bergmann mit Grubenlampe.Edith Ruser: Jugendstil-Architektur im Saarland. Saarbrücken 1981, S. 80–81.

Der Hauptgiebel weist in seiner Linienführung deutliche Parallelen zu den neoromanischen Hauptgiebeln des Metzer Bahnhof, des Wormser Hauptbahnhofs sowie des Aachener Hauptbahnhofs auf.Niels Wilcken: Architektur im Grenzraum. Das öffentliche Bauwesen in Elsaß-Lothringen (1871–1918). Saarbrücken 2000, Seite 121–136, insbesondere S. 128.Manfred Berger: Historische Bahnhofsbauten, Band 2. Berlin (DDR) 1987, S. 91–94.Lutz-Henning Meyer: 150 Jahre Eisenbahnen im Rheinland. (= Beiträge zu den Bau- und Kunstdenkmälern im Rheinland, Band 30.) Köln 1989, S. 524–526.Altlas zur Zeitschrift für Bauwesen, 56. Jahrgang 1906, Blatt 1-4. (Bahnhof Worms)Manfred Berger: Historische Bahnhofsbauten, Band 3. Berlin (DDR) 1988, S. 223–227.Zeitschrift für Bauwesen, 56. Jahrgang 1906, Blatt 1. Der mit der Rezeption wuchtiger Stilformen vorgenommene stilistische Verweis auf die unter Kaiser Wilhelm II. idealisiert gesehenen Epochen des Mittelalters und der Frühen Neuzeit diente der Legitimation und Glorifizierung des zeitgenössischen Kaisertums und sollte eine Zeit wachrufen, in der das Heilige Römische Reich machtvoll und das Herrscherhaus ein absolutes und nicht ein verfassungsrechtlich eingeschränktes gewesen war. Dieses Programm galt besonders für das ab 1870 annektierte Elsass-Lothringen, wurde aber auch im benachbarten Saarland gerne angewendet. Die Wahl des Baustils und der verwendeten Materialien wurde bewusst als Wahrzeichen für die Kraft des Deutschtums eingesetzt.

Der linke Zwerchhausgiebel der Hauptfassade ist im Spitzfeld mit zwei sitzenden Adlern geschmückt, die sich einander anschauen und ihre Flügel enggeschlossen am Körper halten. Die Bogengliederung des ersten Obergeschosses zeigt Parallelen zur Fassade der Goslarer Kaiserpfalz. Die Bossenwerk-Gestaltung der Fassade zitiert Bauten der staufischen Epoche.

Sitzungssaal mini|Alter Ratssaal, Dillingen/Saar, Inschrift Freiherr vom Stein mini|Alter Ratssaal Dillingen/Saar, Eingangsportal mini|Ehefenster des alten Ratssaales in Dillingen/Saar Der Sitzungssaal hat eine Höhe von 6,50 Metern, eine Breite von 7,10 m und eine Länge von 14,20 m. Eine dreibogige Arkade trennt einen Zuschauerbereich ab.