mini|Granatsplitter aus dem Zweiten Golfkrieg Im militärischen Kontext bezeichnet man als Splitter die Fragmente, die bei der Detonation einer Munition entstehen und mit hoher Geschwindigkeit weggeschleudert werden. Diese Splitter können entweder primäre Splitter – direkt aus der zerbrechenden Hülle der Munition – oder sekundäre Splitter – aus umliegendem Material wie Boden, Gebäuden oder Fahrzeugteilen – sein. Primärsplitter sind meist relativ klein, erreichen aber Anfangsgeschwindigkeiten von mehreren Tausend Metern pro Sekunde und bleiben selbst in größerer Entfernung tödlich. Sekundärsplitter dagegen sind oft größer, bewegen sich mit einigen Hundert Metern pro Sekunde und haben eine geringere Reichweite.

Die Funktion von Splittern besteht darin, durch ihre kinetische Energie und scharfen Kanten Ziele zu verletzen oder zu zerstören. In der Regel sind die Splitter – und nicht Detonationswelle oder Hitze – der Hauptwirkmechanismus von Splittermunition. Beim Aufprall können Splitter Gewebe durchschlagen, strukturelle Schäden an Fahrzeugen verursachen und empfindliche Komponenten zerstören. So wird berichtet, dass bei Explosionen von Artilleriegranaten die meisten Verwundungen und Todesfälle auf Splitter zurückzuführen sind. Die Streuung zahlreicher Fragmente erhöht die Trefferwahrscheinlichkeit gegen weiche Ziele im Umkreis der Detonation deutlich.

Wirkung Splitter wirken primär gegen lebende Ziele, Fahrzeuge, sowie Material und Gerät. Splitter verursachen primär Durchdringungs- und Schrapnellverletzungen aufgrund ihrer enormen kinetischen Energie. Kleine, schnelle Fragmente können tief in den menschlichen Körper eindringen und lebenswichtige Organe oder Blutgefäße schädigen. Größere Fragmente übertragen mehr Energie und können Gliedmaßen schwer verletzen oder abtrennen.Army.mil: Conventional Warfare Ballistic, Blast and Burn Injuries. Gegen ungeschützte Personen ist die Splitterwirkung meist verheerend: Ein einzelnes Explosivgeschoss (z. B. ein Artilleriegeschoss) wirkt ähnlich einer Schrotladung, die ein großes Gebiet mit Metallsplittern übersät. Für Menschen, die sich im Splitterwirkungskreis aufhalten, besteht ein hohes Risiko schwerer multipler Verletzungen mit Todesfolge.Loc.gov: Conference of Government Experts on the Use of Certain Conventional Weapons (PDF; 3,7 MB) Dabei ist eine Erstversorgung, insbesondere unter Gefechtsbedingungen äußerst schwierig. Opfer müssen in der Regel Intensivmedizinisch versorgt werden. Splitter können in einem Kegel oder radial in alle Richtungen um den Explosionspunkt fliegen, abhängig von Munitionsform und Zündung. Moderne Entwicklungen erlauben es sogar, die Fragmentwolke gezielt zu formen oder zu richten, um die Effektivität gegen bestimmte Ziele zu erhöhen und Kollateralschäden zu verringern.

Entwicklung der Splittermunition mini|rechts|Charakteristische Schäden durch Splitter am Aufbau eines Lastwagens im Ukrainekrieg 2015 Der Einsatz von Splitterwirkung als Waffeneffekt hat eine lange Entwicklung durchlaufen. Frühe Explosivgeschosse wie handgeworfene Granaten im 16.–18. Jahrhundert bestanden oft aus gusseisernen Hohlkugeln, die mit Schwarzpulver gefüllt waren. Bei der Explosion zersprang das spröde Gusseisen in zahlreiche scharfe Trümmerstücke, die als Splitter im Umkreis wirkten. Teilweise wurden auch zusätzliche Materialien wie Metallkugeln oder sogar Porzellanscherben in Bomben eingebracht, um die Splitterwirkung zu erhöhen (frühe Vorläufer der Schrapnellladung).

19. Jahrhundert Einen bedeutenden Fortschritt stellte zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Entwicklung der Schrapnellgranate dar. Im Jahr 1784 erfand Henry Shrapnel ein Artilleriegeschoss, das anstelle einer dicken Wandung zahlreiche Bleikugeln enthielt. Diese Kugeln wurden durch eine kleine Treibladung im Flug nach vorn ausgestoßen, ohne das Geschossgehäuse vollständig zu sprengen. Die Wirkung entsprach einer großkalibrigen Schrotladung: Ein 75-mm-Schrapnellgeschoss enthielt z. B. 270 Bleikugeln (ca. 1,3 cm Durchmesser), ein 155-mm-Geschoss sogar 800 Kugeln. Diese verteilten sich in einem weiten Kegel auf die feindliche Infanterie. Schrapnellmunition erwies sich im 19. Jahrhundert als äußerst wirksam gegen Truppen im offenen Feld. Allerdings zeigte der Stellungskrieg des Ersten Weltkriegs die Grenzen der Schrapnellgeschosse auf – in Schützengräben boten Erddeckungen Schutz vor den flach anfliegenden Kugelbündeln. Zudem war die exakte Zeitzündung für die Luftdetonation schwierig einzustellen (insbesondere bei schlechter Sicht oder Nacht). Deshalb ging man im Ersten Weltkrieg zur Hochexplosiv-Granate mit Splitterwirkung über.

Erster und Zweiter Weltkrieg Ab 1914 dominierten Sprenggranaten mit Stahlmantel, die beim Aufschlag durch einen Aufschlagzünder oder Näherungszünder zur Detonation gebracht wurden. Der Stahlmantel wurde dabei in zahlreiche unregelmäßige Splitter zerlegt. Splittergranaten waren effektiver im Grabenkrieg, da die Fragmente in alle Richtungen schleuderten und auch in Deckungen eindringen konnten. Gleichzeitig wurde erkannt, dass die Fragmente der Hülle nun Hauptträger der Wirkung waren – anders als beim Schrapnell, wo die Hülle intakt blieb. So stammte die zerstörerische Wirkung von Sprenggranaten fortan aus der kombinierten Explosions- und Splitterwirkung: Die Detonation zertrümmerte Ziele durch die Detonationswelle und schleuderte Splitter, um lebende Ziele zu bekämpfen.

Zwischen 1918 und 1945 wurde die Splittermunition weiter optimiert. Im Zweiten Weltkrieg entwickelten alle Seiten spezielle Splitterbomben und Granaten. Handgranaten wie die britische Mills Bomb (No.5) oder die US-Mk.II “Pineapple”-Granate besaßen geriffelte Außenhüllen, die beim Explodieren in handliche Würfelstücke zerbrechen sollten. Diese vorgeformten Einkerbungen sollten eine möglichst gleichmäßige Splittergröße erzielen – eine frühe Form der kontrollierten Fragmentation. (Anmerkung: Die Riffelung diente teils auch der Griffigkeit; tatsächlich entstehen Splitter teils unabhängig von der Oberflächenstruktur. Dennoch signalisierte das Design den Fokus auf Splitterwirkung.)Dominick DeMella: Evolution of Artillery for Increased Effectiveness, Armaments Technology Firepower Forum, 2008

Für die Flugabwehrkanonen (Flak) wurden dünnwandige Minen-Granaten eingesetzt, welche eine größere Sprengstofffüllung hatten. Während diese Minenmunition primär mittels Detonationswellen gegen Flugzeuge wirkte, hatten klassische Flak-Granaten weiterhin Splitterwirkung durch die zerspringende Hülle. Zugleich entstanden im Luftkrieg die ersten Abwurfbehälter und Streubomben. Mit diesen konnten eine Vielzahl kleine Splitterbomben mit einer großen Trefferdichte ins Ziel gebracht werden. Diese sog. Bomblets detonierten beim Aufschlag und setzten in einem großen Gebiet zahlreiche Splitter frei. Im späteren Verlauf des Jahrhunderts wurden auch Bomblets mit kombinierter Wirkung entwickelt, z. B. gegen Panzer (Hohlladung) und als Splitter gegen Weichziele. Daneben wurden für die Infanterie Springminen entwickelt, die primär mit Splittern wirkten.S. S. Waggener: The Evolution of Air Target Warheads, Technology Transition and Dual-Use Technology, Technical Digest, The Naval Surface Warfare Center, Dahlgren Division, NSWCDD/MP-98/98.

Nach dem Zweiten Weltkrieg Nach 1945 verlagerte sich die Entwicklung hin zu wirkungsvolleren und kontrollierbaren Fragmenten. Im Vietnamkrieg erkannte man, dass vorgeformte Splitter eine berechenbarere Wirkung erzielten. Die US-M26 Defensivhandgranate aus dem Koreakrieg besaß z. B. eine innere Drahtwicklung aus Kerbstahl, die beim Explodieren in gleichmäßige Stücke zerfiel – effektiver als die unkontrollierten Splitter der alten Mk.II. Weiter kam mit der Claymore-Mine (entwickelt 1950er, Einsatz in Vietnam) eine gerichtete Antipersonenmine zum Einsatz: Vor der Sprengladung sind in einer gebogenen Frontplatte rund 700 Stahlkugeln eingebettet, die beim Zünden in einem Winkel von 60° nach vorn geschleudert werden. Dies war ein Vorläufer moderner gerichteter Splitterwolken und zeigte, wie durch Anordnung der Splitter eine gewünschte Wirkung (Wirkungsdistanz 50 m) erzielt werden konnte.

Letzte Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts und Beginn des 21. Jahrhunderts In den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts und im 21. Jahrhundert lag der Fokus auf kontrollierter Fragmentierung und speziellen Wirkladungen:

Flugabwehrraketen und Luft-Luft-Rakete Hier wurden ab den 1960ern Stab- und Ring-Splittergefechtsköpfe entwickelt, die mittels Näherungszündern gezündet werden. Ein Beispiel ist der Continuous-Rod-Gefechtskopf, der nicht in einzelne Splitter zerfällt, sondern zu langen verbundenen Stahlstäben aufbricht, die einen expandierenden Ring bilden und Flugzeuge durchschneiden soll. Andere Lenkflugkörper verwenden vorgefertigte Stahl-Splitter, um auch bei einem knappen Vorbeiflug am Ziel schwere Schäden zu verursachen.Held, Manfred: “Fragmentation Warheads”, book „Tactical Missile Warheads“, Ed. Joseph Carleone, American Institute of Aeronautics and Astronautics, 155 vol. 387–464, 1993.

Streumunition: Splitter-Streumunition (Bomblets) wird mit Streubomben, Abwurfbehältern, Luft-Boden-Raketen, Artilleriegeschossen, Mörsern, Artillerieraketen usw. ins Ziel gebracht. Sie werden aufgrund ihrer Wirkweise auch als „AP“ (Anti-Personnel) und „AM“ (Anti-Material) bezeichnet. Die Bomblets bestehen in der Regel aus einem Sprengstoffkern, um den ein Splittermantel aus Stahl angebracht ist. Weiter kann der Mantel auch aus Leichtmetall mit eingebetteten Stahlpellets oder Stahlkügelchen gefertigt sein. Ihr Gewicht variiert zwischen wenigen hundert Gramm bis zu wenigen Kilogramm. Der hohe Anteil von Blindgängern von Streumunition führte zum Oslo-Abkommen zum Verbot von Streubomben.

Präzisions-Submunition: Um die Wirksamkeit und Treffsicherheit zu erhöhen, wurden sensorgelenkte Submunitionen entwickelt. Beispielsweise enthält die deutsche 155-mm-Artilleriegranate SMArt 155 zwei Abstands-Submunitionen, die per Radar- und Infrarotsensor Panzer aufspüren und dann mittels projektilbildender Ladung (EFP) gezielt von oben zerstören. Hier steht nicht die Splitterwirkung im Vordergrund, sondern ein präziser metallischer Projektilkern (ein “selbstgeschmiedeter” Splitter) für jeden gefundenen Panzer. Dennoch bleibt auch bei solchen Systemen die Splitterwirkung relevant, z. B. um gegen Weichziele im Umkreis der Treffzone zu wirken. Moderne Gefechtsköpfe können so konzipiert sein, dass sie je nach Bedarf entweder als Hohlladung fokussiert oder als Splitterladung flächig wirken (Multimode-Gefechtsköpfe).Anon: Engineering Technical Letter (ETL) 10-3: Procedures and Acceptance Criteria for Protective Materials Resistant to 155 mm and Smaller Fragmenting Munitions, Department Of The Air Force Headquarters Air Force Civil Engineer Support Agency, 2010Dennis Durkin: Manufacturing Process Development For the OCSW Warhead, Tank-automotive & Armaments Command,15 August 2001

Neuzeitliche Gefechtsköpfe