mini|Foto eines orthodox-askenasischen Rabbi Eli, the Fanatic (deutsch Eli, der Fanatiker) ist eine Kurzgeschichte des jüdisch-amerikanischen Schriftstellers Philip Roth, die nach der Erstveröffentlichung 1959 in der Monatszeitschrift Commentary zusammen mit einem Kurzroman und vier weiteren Erzählungen im selben Jahr in den Sammelband Goodbye, Columbus and Five Short Stories im Bostoner Houghton Mifflin Verlag 1959 aufgenommen wurde.Vgl. die Angaben bei Martin Hellweg: Philip Roth, “Eli, the Fanatic” (1959). In: Peter Freese (Hrsg.): Die amerikanische Short Story der Gegenwart: Interpretationen. Schmidt Verlag, Berlin 1976, ISBN 3-503-01225-7, S. 215. Die Sammlung Goodbye, Columbus wurde seitdem in verschiedenen Ausgaben und Verlagen mehrfach neu aufgelegt. Siehe auch Steven Fink: Fact, Fiction, and History in Philip Roth’s “Eli, the Fanatic”. In: MELUS: Multi-Ethnic Literature of the U.S., Vol. 39, No. 3, Oxford University Press 2014, S. 89–111, hier S. 89.

Die deutsche Erstausgabe erschien 1962 in der Übersetzung von Herta Haas unter dem Titel Eli, der Fanatiker in der Sammlung Goodbye, Columbus. Ein Kurzroman und fünf Stories im Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg.Die deutsche Ausgabe wurde 2004 und 2012 im Rowohlt Verlag neu aufgelegt und ebenso 2010 im Hanser Verlag publiziert. Vgl. die Angaben im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek unter .

Inhaltsangabe mini|Zeichnung eines Kaftan-Gewandes Diese Kurzgeschichte Roths spielt 1949 in der jüdischen Vorortgemeinde von Woodenton, 30 Meilen außerhalb von New York City, wo es den Juden in der Zeit nach dem Holocaust seit Kriegsende erlaubt ist, Grundbesitz zu erwerben. In dem Gefühl, endlich sicher zu leben und sich nicht mehr wie in der Alten Welt verfolgt zu wissen, sind die jüdischen Bürger von Woodenton in die amerikanische Gesellschaft assimiliert und haben ihre auffallendsten jüdischen bzw. chassidischen Traditionen und Gepflogenheiten aufgegeben, um in gutem Einvernehmen „als Freunde und Nachbarn mit den Christen zu leben“.

Man glaubt sogar, die Juden wären nicht verfolgt worden, wenn sie sich der jeweiligen Gesellschaft angepasst hätten, in der sie sich niederließen. Vgl. den dt. Text S. 322 in der Ausgabe im Hanser Verlag 2010 (siehe unten: „Aktuelle Ausgabe“). Siehe dazu auch die Inhaltsangabe bei Franz Link: “Eli, the Fanatic”, 1959. In: Franz Link: Amerikanische Erzähler seit 1950 · Themen · Inhalte · Formen. Schöningh, Paderborn 1993, ISBN 3-506-70822-8, S. 139.

Der Frieden der jüdischen Bürger von Woodenton wird jedoch gestört, als der aus Osteuropa stammende Tzuref, ein orthodoxer Rabbi, als D.P. („Displaced Person“) ein Anwesen am Rande der Stadt erwirbt und eine streng orthodox-talmudische Schule gründet. Tzuref und seine Zöglinge sind Überlebende des Holocaust. Ein besonderes Ärgernis für die assimilierten jüdischen Bürger von Woodenton stellt dabei das Faktotum der Schule dar, das in Kaftan und riesigem breitrandigen schwarzen Talmudhut, d. h. in der Tracht der askenasischen Juden gekleidet, in der Stadt erscheint, um in den Geschäften die Einkäufe für die Schule zu erledigen.Vgl. Text S. 311f. Siehe dazu auch die Inhaltsangabe bei Franz Link: “Eli, the Fanatic”, 1959. In: Franz Link: Amerikanische Erzähler seit 1950 · Themen · Inhalte · Formen. Schöningh, Paderborn 1993, ISBN 3-506-70822-8, S. 139.

Die Titelfigur Eli Peck, ein junger Rechtsanwalt, wird daraufhin von seinen jüdischen Mitbürgern beauftragt, Tzuref aufzufordern, seine Talmudschule in eine andere Stadt oder zumindest ein anderes Viertel zu verlegen, da das von ihm und seinen Schülern genutzte Gebäude sich in einem als reines Wohnviertel ausgewiesenen Viertel von Woodenton befindet. Man befürchtet, das auffällige Zur-Schau-Stellen des Andersseins würde die mühselig erworbene Anerkennung der jüdischen Gemeinde in Woodenton gefährden.

Dem Protagonisten Eli Peck gelingt es jedoch weder durch persönliche Gespräche noch durch Briefe, den Widerstand Tzurefs gegen eine Verlegung seiner Jeshiva zu brechen. Allerdings kann Eli den Hausdiener überreden, statt des schwarzen Kaftan-Gewandes einen Tweedanzug und neue Schuhe aus seinem eigenen Bestand zu tragen. Eli glaubt, damit das Ansehen der jüdischen Bewohner der Stadt wahren zu können.

Als Gegengabe findet Peck zu seiner Überraschung vor seiner Haustür ein Paket mit den abgelegten schwarzen Kleidungsstücken des Faktotums. Er kann der Versuchung nicht widerstehen, sie anzuziehen und sich in dieser (Ver-)Kleidung in den Straßen der Stadt und schließlich sogar vor seiner Frau und ihrem soeben geborenen Sohn in der Klinik zu zeigen.Vgl. Text S. 337, 339ff., 346f., 350ff., 358f., 362ff. Siehe dazu auch die Inhaltsangaben bei Franz Link: “Eli, the Fanatic”, 1959. In: Franz Link: Amerikanische Erzähler seit 1950 · Themen · Inhalte · Formen. Schöningh, Paderborn 1993, ISBN 3-506-70822-8, S. 139, und Martin Hellweg: Philip Roth, “Eli, the Fanatic” (1959). In: Peter Freese (Hrsg.): Die amerikanische Short Story der Gegenwart: Interpretationen. Schmidt Verlag, Berlin 1976, ISBN 3-503-01225-7, S. 216f.

Als Eli in den abgetragenen Kleidern des Faktotums diesem in der Stadt begegnet, glaubt er, sich in zwei Personen in zwei Anzügen aufgeteilt wiederzusehen. Die Bewohner der Stadt, die Eli in dem abgelegten Gewand des Hausdieners sehen, erklären ihn für verrückt. Auch Elis Frau glaubt bei seinem Besuch in der Klinik, er habe den Verstand verloren.Vgl. Text S. 353 und 355

Einem seiner jüdischen Bekannten gelingt es während des Klinikbesuchs, Eli eine Beruhigungsspritze zu verabreichen. Die Erzählung endet mit dem Schlusssatz: „Die Droge beruhigte seine Seele, doch sie gelangte nicht in jene Tiefe, bis zu der Schwärze gedrungen war.“ Diese ironische und zugleich komische Schlusspointe lässt damit die weitere Fortsetzung des Handlungsverlaufs völlig offen.Vgl. Text S. 366. Vgl. auch Martin Hellweg: Philip Roth, “Eli, the Fanatic” (1959). In: Peter Freese (Hrsg.): Die amerikanische Short Story der Gegenwart: Interpretationen. Schmidt Verlag, Berlin 1976, ISBN 3-503-01225-7, S. 217.

Interpretationsansatz Eli, der Fanatiker variiert in vielfältiger Weise die Thematik des jüdischen Identitätsbewusstseins in der Konfrontation des angepassten Judens Eli mit dem die Vergangenheit seines Volkes repräsentierenden Tzuref, die zur Erkenntnis des Identitätsverlustes des Protagonisten führt und einen – zumindest scheinbaren – endgültigen Identitätsverlust der Titelfigur im Wahnsinn zur Folge hat. Die Komik, mit der das Geschehen dargestellt wird, steigert sich in der Schlusspointe der Erzählung schließlich ins Groteske.Vgl. Franz Link: “Eli, the Fanatic”, 1959. In: Franz Link: Amerikanische Erzähler seit 1950 · Themen · Inhalte · Formen. Schöningh, Paderborn 1993, ISBN 3-506-70822-8, S. 140.

Die Gegensätzlichkeit zwischen dem Heimatlosen und dem Ansässigen erscheint jedoch nicht allein als tragende Strukturform der Erzählung, in der der Fremde eine interessante Kontrastfigur bildet, sondern wird in dieser Kurzgeschichte Roths ebenso zum Widerspruch, der seinerseits wiederum Widerspruch auslöst, wobei Begriffe und Vorstellungen in wachsendem Maße miteinander unvereinbar werden.

Die Figur des Fremden in Gestalt des orthodoxen Tzuref wird in der Anfangspassage unvermittelt eingeführt, als sei dieser aus einer anderen fernen Welt in die ihm fremde oder unbekannte amerikanische Umwelt gelangt, ohne irgendwelche Bindungen oder Verbindungen zu der neuen Umgebung zu haben. Seine Anwesenheit als Außenstehender, Eindringling oder outsider bewirkt gleichsam katalytisch, dass die assimilierten jüdischen Bewohner Woodentons sich ihrer Vorstellungen und ihrer Situation bewusst werden und zugleich ihre Überzeugungen wie auch ihre Vorurteile und die ihnen zugrunde liegenden Stereotype artikulieren. Schlagartig wird auf diese Weise mit der Unverbindlichkeit der von ihnen naiv übernommenen Normen und Lebensformen zugleich der Preis deutlich, den sie für ihre Assimilation in die amerikanische Gesellschaft gezahlt haben.

Der Zusammenschluss der angepassten jüdischen Bürger zur Abwehr gegen Tzuref, den heimatlosen Fremden, enthüllt in dieser Kurzgeschichte Roths zugleich die sozialen Anpassungsmechanismen und ihre Strukturen im jüdischen Assimilationsprozess der amerikanischen Nachkriegsgesellschaft. Die jüdischen Bewohner Woodentons artikulieren in ihrem Bemühen, die eigene gesellschaftliche Position zu definieren, zugleich ihre eigenen Wertvorstellungen und Auffassungen in einer immer deutlicher und pointierter werdenden Form, die sich mit der Begriffswelt Tzurefs, des Fremden, zunehmend als völlig unvereinbar erweist.Vgl. Martin Hellweg: Philip Roth, “Eli, the Fanatic” (1959). In: Peter Freese (Hrsg.): Die amerikanische Short Story der Gegenwart: Interpretationen. Schmidt Verlag, Berlin 1976, ISBN 3-503-01225-7, S. 218f.

Das Mandat Elis, Tzuref zum Wegzug bzw. zur Schließung seiner Jeshiva zu veranlassen, rechtfertigen sie aus bestimmten vorgeprägten Vorstellungen von Fortschrittlichkeit, Modernismus und Wissenschaftlichkeit, die sich jedoch Tzurefs existentiell begründeter Argumentation gegenüber als, wie Hellweg schreibt, „bedeutungslose und leere Begriffshülsen“ erweisen.

„Sag diesem Tzuref, wie weit wir es gebracht haben, Eli. Wir sind eine moderne Gemeinde, Eli, wir haben Familie, wir zahlen Steuern. [...] Wir leben im Zeitalter der Wissenschaft, Eli. [...] Bei uns wird‘s keine Pogrome geben. Stimmt‘s? Weil‘s hier keine Fanatiker gibt, keine Verrückten [...] Die [d.h. Tzuref und seine Schüler] lassen sich doch nicht von der Vernunft leiten. Eine tote Sprache sprechen - ist das etwa vernünftig? Seine Leiden so aufzubauschen, dass man zeitlebens immer nur oi-oi-oi jammert - zeugt das von gesundem Menschenverstand?“. Text S. 307, 340f. Vgl. Martin Hellweg: Philip Roth, “Eli, the Fanatic” (1959). In: Peter Freese (Hrsg.): Die amerikanische Short Story der Gegenwart: Interpretationen. Schmidt Verlag, Berlin 1976, ISBN 3-503-01225-7, S. 219f.

Eli greift diese Argumente in seinem Brief an Tzuref auf: „Wie mir scheint, sind es vor allem die Stadtbesuche des Herrn mit dem schwarzen Hut, schwarzen Anzug etc., die meine Mitbürger stören. Woodenton ist eine fortschrittliche Gemeinde, deren Einwohner, Juden wie Christen, darauf bedacht sind, ihren Familien ein Höchstmaß an Schönheit, Komfort und Freude zu bieten. Schließlich leben wir im 20. Jahrhundert, und so dürfen wir wohl von den Mitgliedern unserer Gemeinde erwarten, dass sie sich in ihrer Kleidung der Zeit und dem Ort anpassen. [...] Um diese Anpassung möglich zu machen, mussten sowohl Juden als auch Christen einige ihrer auffallendsten Gewohnheiten aufgeben“. Text S. 321f.

Hellweg zufolge ist dies „ein Teil des liberalen Assimilationsvokabulars, das als das ideologische Instrumentarium einer progressiven, auf ’pursuit of happiness‘ programmierten, aus Konformismus zur Toleranz geltenden Gesellschaft“ verstanden werden kann. Die beiden auffälligen Begriffe der Progressivität und des Modernismus erhalten in dem Brief jedoch einen logisch-manipulativen Bedeutungswandel, da nur einige wenige Konnotationen, die damit verknüpft sind, als gültig anerkannt werden und beide Begriffe ausschließlich dazu verwendet werden, eine bestimmte Gruppe abzugrenzen und ihre Interessen zu bewahren. Der in beiden Begriffen enthaltene Anspruch grenzt eine Gruppe ein, während eine andere ausgeschlossen wird. Ein „Fremder“, der Progressivität und Modernismus als positive Werte nicht kennt oder anerkennt, wird als Feind dieser Ordnung, als Ausgeschlossener oder „outcast“ gesehen.Vgl. Martin Hellweg: Philip Roth, “Eli, the Fanatic” (1959). In: Peter Freese (Hrsg.): Die amerikanische Short Story der Gegenwart: Interpretationen. Schmidt Verlag, Berlin 1976, ISBN 3-503-01225-7, S. 219f.