Die Straßenbahn Aubagne (französisch Tramway d’Aubagne oder Ligne T) ist das Straßenbahnsystem der französischen Stadt Aubagne im Département Bouches-du-Rhône. Seit dem 1. September 2014 verbindet eine 2,8 km lange Linie den Bahnhof an der Bahnstrecke Marseille–Ventimiglia mit dem Wohnviertel Le Charrel im Südwesten der Stadt. Ursprünglich waren ab 2019 zwei Linien und ein 12 km langes Streckennetz geplant. Nach einem Wechsel der Mehrheitsverhältnisse im Gemeinderat wurden zeitweilig alle weiteren Planungen gestoppt, dann jedoch wieder aufgenommen. 2027 soll die Straßenbahn über die ehemalige Bahnstrecke Aubagne–La Barque um 14,5 km nach La Bouilladisse verlängert werden. Wie alle öffentlichen Verkehrsmittel in Aubagne ist die Straßenbahn kostenlos nutzbar.
Historische Straßenbahn bis 1958 mini|links|Die Marseiller Linie 40 in Aubagne (um 1917) Eine Vereinbarung vom 23. Februar 1904, bestätigt durch ein Dekret vom 26. März 1904, ermächtigte die Compagnie générale française de tramways (CGFT) – die Betreiberin der Straßenbahn Marseille – zum Bau einer Straßenbahnlinie von Saint-Marcel nach Aubagne. Diese Linie ging am 10. Januar 1905 unter der Liniennummer 39 in Betrieb. Sie war ursprünglich ab der Ausfahrt aus Marseille eingleisig (zwischen 1926 und 1930 wurde sie zweigleisig ausgebaut) und verlief auf einem Gehweg am Rande der Nationalstraße. Die Endhaltestelle in Aubagne befand sich am Cours Legrand, dem heutigen Cours Maréchal-Foch, von wo aus ein Gleis zum Depot an der „Petite Route“ zwischen Aubagne und Marseille führte.Siehe J. Laupiès, S. 104–105.Cours Foch bei frequence-sud.fr, abgerufen am 28. August 2019
Am 10. Juni 1905 wurde die Linie 40, die Aubagne durch einen 635 Meter langen TunnelDieser Tunnel bewahrte die Marseiller Straßenbahnlinie 68 vor der Stilllegung und wird heute von der Linie T1 befahren. im Stadtzentrum von Marseille mit dem dortigen Gare de l’Est (heute: Bahnhof Noailles) am Marché des Capucins verband. Die Abfahrten erfolgten damals abwechselnd auf der einen und der anderen Linie im 30- bis 40-Minuten-Takt. Da die Fahrgäste die neue, schnellere Strecke bevorzugten, baute die CGFT den Fahrplan der Linie 40 aus, während sie die Linie 39 am 3. Mai 1909 auf den Abschnitt Préfecture–La Penne-sur-Huveaune beschränkte.
Die Straßenbahnen der Linie 40 bestanden aus einen Motorwagen und einen Beiwagen, wobei letzterer in La Penne-sur-Huveaune abgekoppelt und auf der Rückfahrt wieder angehängt wurde. 1928 kamen erstmals so genannte „Pullman“-Züge zum Einsatz, bestehend aus zwei Motorwagen, die einen Beiwagen in der Mitte umschlossen. Ab 1937 ersetzte man diese durch Drehgestellwagen, die man ihrerseits ab 1944 modernisierte.
Der Niedergang der Straßenbahnstrecke begann am 9. November 1950, als die CGFT einen Teil des Verkehrs auf Autobusbetrieb umstellte. Die Straßenbahnen verkehrten nur noch zur Hauptverkehrszeit. Am 23. Juni 1958 fuhr die letzte Straßenbahn von Saint-Pierre nach Aubagne.
Der Weg zur Wiedereinführung einer Straßenbahn mini|links|Das ursprünglich geplante Netz Der Verkehrsverbund SITCA (Syndicat Mixte des Transports des Cantons d’Aubagne et de Roquevaire) verabschiedete im Juli 2006 einen neuen Stadtverkehrsplan. Im Jahr 2009 fanden Machbarkeitsstudien zum Bau einer Straßenbahn, welche die Stadt in Ost-West-Richtung durchquert, statt. Nachdem am 15. Mai 2009 die kostenlose Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs in Aubagne eingeführt worden war, begann im September desselben Jahres die Konsultation zum Projekt „Öffentlicher Nahverkehr auf eigener Trasse“. Die ersten Vorstudien lagen im Jahr 2010 vor. Per 1. Januar 2010 erfolgte die Erhöhung der Verkehrsabgabe Versement transport von 1,05 auf 1,80 %. Im Jahr 2011 wurde die Detailplanung realisiert und Alstom mit dem Bau der Fahrzeuge beauftragt. Der Präfekt des Départements Bouches-du-Rhône unterschrieb am 1. Februar 1913 die „Déclaration d’utilité publique“ (Feststellung des öffentlichen Nutzens), worauf die Bauarbeiten beginnen konnten.
Es war ursprünglich geplant, das Streckennetz in drei Phasen zu errichten: Phase 1: Le Charrel–Gare d’Aubagne; Länge: 2,8 km; Inbetriebnahme am 1. September 2014 (Linie 1); Phase 2: Gare d'Aubagne–Les Paluds; Länge: 3,5 km; geplante Inbetriebnahme 2016 (Verlängerung der Linie 1), heute aufgegeben Phase 3: La Penne-sur-Huveaune–Gare d’Aubagne; Länge: 4,7 km (davon 2,6 Neubau); geplante Inbetriebnahme 2019 (Linie 2), heute aufgegeben
Außerdem war eine Verknüpfung mit der Straßenbahn Marseille geplant. Auf diese Weise hätte das Streckennetz die wichtigsten Wirtschaftszentren sowie die dicht besiedelten Wohngebiete von Aubagne und Umgebung miteinander verbunden. Zum Zeitpunkt der Projektstudien nutzen 60 % der Einwohner der Communauté d’agglomération du Pays d’Aubagne et de l’Étoile diese Achsen, hauptsächlich mit dem Auto oder mit den Hauptbuslinien des regionalen Verkehrsbetriebs.
Normalspurige Straßenbahn (ab 2014) mini|Ehemalige stadtseitige Endhaltestelle am Bahnhof (2017), das Quergebäude wurde für die Verlängerung der Strecke abgebrochen Bei den Kommunalwahlen im Mai 2014 gab es einen Mehrheitswechsel und der neue, von der UMP dominierte Gemeinderat stoppte alle weiteren Planungen zur Erweiterung der bisherigen Strecke. Es konnte somit nur die Phase 1 fertiggestellt werden, die am 14. September 2014 in Betrieb ging.
Zum 1. Januar 2023 wurde der Stadtverkehr einschließlich der Straßenbahn vom Marseiller Verkehrsbetrieb Régie des transports métropolitains (RTM) übernommen. Im Juni 2026 soll die Verlängerung nach La Bouilladisse eröffnet werden, auf der zugehörigen Innenstadtstrecke zwischen dem Bahnhof und der Haltestelle Napollon Solans fand am 18. Dezember 2025 eine erste Versuchsfahrt statt.Blickpunkt Straßenbahn 1/2026, S. 144.
Streckennetz Die Linie T, in ursprünglichen Planungen als Linie 1 bezeichnet, ist 2,8 Kilometer lang und verbindet den Bahnhof Aubagne an der Bahnstrecke Marseille–Ventimiglia mit dem Wohnviertel Le Charrel im Südwesten der Stadt. Die Strecke bedient sieben Haltestellen.
Finanzierung mini|Betriebshof mit den an Sonn- und Feiertagen dort abgestellten Fahrzeugen mini|Alstom Citadis Compact an der Endhaltestelle Le Charrel Die Kosten für den Bau der zwei Linien wurden 2011 auf 199 Millionen Euro veranschlagt. An der Finanzierung beteiligt waren der französische Staat (9 %), die Region Provence-Alpes-Côte d’Azur (11 %), das Département Bouches-du-Rhône (11 %), der EU-Regionalfonds (2 %) und die Communauté d’agglomération du Pays d’Aubagne et de l’Étoile (7 %); hinzu kam ein Darlehen, das die übrigen 45 % abdeckte. Die Kosten für die erste Linie waren auf 124 Millionen Euro veranschlagt, für die zweite Linie auf 42 Millionen Euro.
Infrastruktur Die Strecke mit der Normalspurweite von 1435 mm ist mit 750 Volt Gleichstrom elektrifiziert, der Bahnstrom wird mittels Oberleitung übertragen. Mit Ausnahme eines kurzen Teilstücks vor der südlichen Endstation Le Charrel ist die Strecke vollständig zweigleisig. Bei der ursprünglich geplanten Verlängerung wäre bei der Station Beaumond die Strecke ebenfalls nur eingleisig ausgeführt worden.
Der Betriebshof befindet sich in der Nähe der Haltestelle Piscine. Dieser ist 2,3 Hektar groß und dient der Wartung und zum Abstellen der Fahrzeuge.
Betrieb Die Linie T wird montags bis samstags alle 10 Minuten von 5:40 Uhr bis 21:05 Uhr bedient. Sonntags und an Feiertagen verkehrt stattdessen die Autobuslinie Tbus im Schienenersatzverkehr. In den ersten vier Monaten des Betriebs wurden 6800 Fahrgäste pro Tag gezählt. Wie bei dem gesamten öffentlichen Verkehrsnetz der Stadtregion Aubagne ist die Benutzung der Straßenbahn für die Fahrgäste kostenlos. Die Finanzgrundlage ist die Verkehrsabgabe Versement transport, die von den Arbeitgebern bezahlt wird.
+Fahrgastfahrten pro JahrJahrFahrgäste20192,430 Mio.20201,700 Mio.20211,971 Mio.20222,150 Mio.20232,357 Mio.20242,309 Mio.
Fahrzeuge Am 5. Oktober 2011 entschied der Gemeindeverband, beim französischen Schienenfahrzeughersteller Alstom acht Fahrzeuge des Typs Citadis Compact bzw. 205 im Wert von je 14 Millionen Euro zu beschaffen. Bis 2017 bestand eine Option auf fünf bis zehn weitere Fahrzeuge. Die Fahrzeuge sind 22 m lang und bieten 26 Sitz- und 99 Stehplätze. Sie wurden durch den Künstler Hervé Di Rosa verziert, der das Design zusammen mit Schülern aus der Stadt entwickelte. Das erste Fahrzeug traf am 28. Februar 2014 in Aubagne ein.
Im September 2024 wurde ein Auftrag zur Lieferung von vier weiteren Fahrzeugen für das Projekt Val’Tram ebenfalls an Alstom vergeben. Die Auslieferung der Citadis 205 war zunächst bereits für 2025 angekündigt worden. Inzwischen ist sie jedoch erst für 2027 zu erwarten (Stand Oktober 2025). Die Fahrzeuge sind ungefähr zwei Meter länger als die im Jahr 2011 bestellten Wagen und erhalten eine andere Frontform.
Val’Tram nach La Bouilladisse (ab 2027) mini|links|Val’Tram ab 2027
Der im Mai 2014 neu gewählte Gemeinderat schlug vor, anstelle des ursprünglich geplanten Streckennetzes mit zwei städtischen Linien die ehemalige Bahnstrecke Aubagne–La Barque bis nach La Bouilladisse als Tram-Train zu reaktivieren. Im Dezember 2014 gab das Verkehrsministerium bekannt, insgesamt 18,3 Millionen Euro zur Verfügung zu stellen. Die Bauarbeiten für das als Val’Tram bezeichnete Projekt sollten 2017 beginnen. Doch dann geschah mehrere Jahre lang nichts, bis das Projekt 2019 wieder aufgegriffen wurde.
Es wird unter der Bauherrschaft des Gemeindeverbandes Métropole d’Aix-Marseille-Provence durchgeführt. Dabei ist vorgesehen, die Straßenbahnlinie T mit der ungenutzten eingleisigen Bahnstrecke Aubagne–La Barque zu verknüpfen und um 14,5 km nordwärts durch das Tal der Huveaune zu verlängern. Auf diese Weie sollen die vom Durchgangs- und Pendlerverkehr stark betroffenen Gemeinden Roquevaire, Auriol, La Destrousse und La Bouilladisse mit zusammen 33.000 Einwohnern angebunden werden. Ebenso soll der seit der Eröffnung 2014 bestehende Nachteil behoben werden, dass das eigentliche Stadtzentrum von Aubagne rund um den Cours Voltaire bisher nicht durch die Straßenbahn erschlossen wird.
Die Bauarbeiten begannen im November 2023 kurz nach der Feststellung des öffentlichen Nutzens. Die Kosten werden auf 135 Millionen Euro veranschlagt. Von den elf neuen Haltestellen der Val’Tram werden fünf über Park-and-Ride-Anlagen verfügen, um die Verkehrsverlagerung zu fördern. Es wird mit anfänglich 16.000 bis 18.000 Fahrgästen täglich gerechnet. Wie auf der bereits bestehenden Strecke soll ein Zehn-Minuten-Takt angeboten werden. Nachdem Ende Dezember 2025 erste Testfahrten stattgefunden haben, sollte die Verlängerung nach La Bouilladisse im Sommer 2026 in Betrieb genommen werden. Im Mai 2026 wurde der Eröffnungstermin auf Anfang 2027 verschoben und eine vollständige Auslieferung der zusätzlichen Fahrzeuge bis Sommer 2027 angekündigt.
Die zu reaktivierende Bahnstrecke war 1868 durch die Gesellschaft PLM zunächst zwischen Aubagne und Valdonne-Peypin eröffnet worden und diente vor allem zur Erschließung von Braunkohle-Bergwerken und Industriebetrieben. 1904 erfolgte die Inbetriebnahme der restlichen Strecke bis nach La Barque–Fuveau, wo sie auf die Bahnstrecke Carnoules–Gardanne traf. 1939 stellte die SNCF den Personenverkehr ein, 1964 den Güterverkehr zwischen Valdonne und La Barque–Fuveau. Die entsprechenden Anlagen wurden bis 1972 entfernt. Der Streckenabschnitt Aubagne–Valdonne blieb bis 1987 in Betrieb, wurde jedoch nie offiziell stillgelegt, da man die Trasse für eine mögliche spätere Umnutzung sicherte.
Anmerkungen
Literatur
Bernhard Kußmagk: Die Kleinste im Lande. In: Straßenbahn Magazin, Heft 1/2015, S. 46.
Weblinks
Offizielle Website (französisch) Präsentation des Projekts Val’Tram (französisch)
Einzelnachweise
Aubagne Kategorie:Schienenverkehr (Provence-Alpes-Côte d’Azur) Kategorie:Aubagne