Der Arbeitskreis Junger Kriminologen (AJK) ist eine im Jahr 1969 in Hannover gegründete Vereinigung deutschsprachiger Kriminologen. Eine offizielle Vereinsgründung ist nie erfolgtvgl. die Ausführungen von Thomas Feltes im unter Weblinks verlinkten Artikel über den Arbeitskreis. Bis in die 2010er Jahre hinein fungierte der Arbeitskreis als Herausgeber der Zeitschrift Kriminologisches Journal. Er spielte eine wichtige Rolle für die Entstehung der deutschsprachigen Kritischen Kriminologie.
Gründung und Zeitschrift Das Gründungstreffen des Arbeitskreises Junger Kriminologen fand am 12. Juni 1969 in Hannover statt. Gründungsmitglieder waren 17 zum damaligen Zeitpunkt jüngere Wissenschaftler. Es handelte sich um Günter Albrecht, Dorothee Bittscheidt-Peters, Erhard Blankenburg, Manfred Brusten, Dietrich von Engelhardt, Günther Kaiser, C.M. de Landecho, Klaus Jürgen Langner, Christa Mews, Tilmann Moser, Eberhard Mühlich, Karl-Dieter Opp, Lieselotte Pongratz, Stephan Quensel, Wilfried Rasch, Hartmut Schellhoss und Jörg Wolff.Lieselotte Pongratz und Dorothee Bittscheidt-Peters: Gespräch darüber, wie alles anfing und was es bewirkte. In: Kriminologisches Journal 30 (1998), S. 7–14, S. 9. Die Quelle nennt die aufgeführten 17 Wissenschaftler. Sebastian Scheerer spricht hingegen von 18 Gründungsmitgliedern: Sebastian Scheerer: Abschaffung der Gefängnisse, in: Kriminologisches Journal 50 (2018), S. 167–177, S. 167. Die Gründungsmitglieder kamen alle aus dem akademischen Mittelbau und wollten, so Sebastian Scheerer, einen Aufstand gegen „die Verkrüppelung der Kriminologie in ihrem subalternen Dasein als juristische Hilfswissenschaft“ wagen.Sebastian Scheerer: Abschaffung der Gefängnisse, in: Kriminologisches Journal 50 (2018), S. 167–177, S. 167 Als Initiatoren zur Gründung des Arbeitskreises nennt Henner Hess Lieselotte Pongratz und Stephan Quensel.Henner Hess, Die Kontroverse um das „Repressive Verbrechen“ und die Folgen für die Theorie*, in: Henner Hess, Die Erfindung des Verbrechens, Wiesbaden 2015, S. 173–183, S. 173. Man wollte, so Lieselotte Pongratz, in angstfreier Atmosphäre und unbekümmert um die an den Universitäten bestehenden Hierarchien diskutieren. Sieben der Gründungsmitglieder waren in den Sechziger Jahren zuvor bereits Mitglied der „Kriminalbiologischen Gesellschaft“ bzw. deren Nachfolgeorganisation, der „Gesellschaft für die gesamte Kriminologie“, gewesen. Imanuel Baumann, „Ätiologische“ und „Kritische“ Kriminologie in Westdeutschland, 1969 bis 1974. Die Entstehung des „Arbeitskreises Junger Kriminologen“ und die Rezeption des labeling approach in Westdeutschland. In: Fritz Sack, Kriminologie als Gesellschaftswissenschaft. Ausgewählte Texte, Weinheim und Basel 2014, S. 20–39, S. 25 f. Das Zitat von Lieslotte Pongratz befindet sich auf Seite 25.
Der Arbeitskreis führte regelmäßig Tagungen durch und gab seit 1969 die kriminologische Fachzeitschrift Kriminologisches Journal heraus, in dem Mitglieder des Arbeitskreises regelmäßig publizierten. Eine offizielle Vereinsgründung und Institutionalisierung des Arbeitskreises fand jedoch zu keinem Zeitpunkt statt. Reinhard Kreissl begründet dies mit einer von Beginn an anti-institutionellen Haltung der jungen Kriminologen, die sich mit der Zeit zu einem entsprechenden Habitus verdichtet und konserviert habe.Reinhard Kreissl Was ist kritisch an der kritischen Kriminologie. Eine neue Standortbestimmung. In: Kai-D. Bussmann, Reinhard Kreissl (Hrsg.): Kritische Kriminologie in der Diskussion. Theorien, Analysen, Positionen, Wiesbaden 1996, S. 19–43, S. 21.
In neueren Jahrgängen des Kriminologischen Journals wird der Arbeitskreis nicht mehr als Herausgeber genannt.
Ansatz Die Mitglieder des Arbeitskreises waren in ihrer theoretischen Ausrichtung durchaus heterogen. Einig war man sich jedoch darüber, dass die Dominanz einer juristisch-psychiatrisch ausgerichteten Kriminologie gebrochen werden müsse.Imanuel Baumann, „Ätiologische“ und „Kritische“ Kriminologie in Westdeutschland, 1969 bis 1974. Die Entstehung des „Arbeitskreises Junger Kriminologen“ und die Rezeption des labeling approach in Westdeutschland. In: Fritz Sack, Kriminologie als Gesellschaftswissenschaft. Ausgewählte Texte, Weinheim und Basel 2014, S. 20–39, S. 26. Das Selbstverständnis des Arbeitskreises wurde Mitte der siebziger Jahre zudem intensiv davon geprägt, eine explizit „Kritische Kriminologie“ zu vertreten.Imanuel Baumann, „Ätiologische“ und „Kritische“ Kriminologie in Westdeutschland, 1969 bis 1974. Die Entstehung des „Arbeitskreises Junger Kriminologen“ und die Rezeption des labeling approach in Westdeutschland. In: Fritz Sack, Kriminologie als Gesellschaftswissenschaft. Ausgewählte Texte, Weinheim und Basel 2014, S. 20–39, S. 30. Der kurz zuvor von Fritz Sack aus den USA importierte Etikettierungsansatz eröffnete den jungen Kriminologen sodann eine ganz neue Perspektive zur Deutung des Phänomens Kriminalität.Imanuel Baumann, „Ätiologische“ und „Kritische“ Kriminologie in Westdeutschland, 1969 bis 1974. Die Entstehung des „Arbeitskreises Junger Kriminologen“ und die Rezeption des labeling approach in Westdeutschland. In: Fritz Sack, Kriminologie als Gesellschaftswissenschaft. Ausgewählte Texte, Weinheim und Basel 2014, S. 27. Vor allem ab den Achtiger Jahren wurde der Etikettierungsansatz zum vorherrschenden Orientierungspunkt der Mitglieder des Arbeitskreises und der gesamten bundesdeutschen kritischen Kriminologie.Michael Dellwing (Einleitung), in: Henner Hess, Die Erfindung des Verbrechens, Wiesbaden 2015, S. 7–17, S. 7. Dies geschah in bewusster Abgrenzung zu den ätiologischen Grundannahmen einer am Verhalten des Täters ansetzenden traditionellen Kriminologie. Ergänzt wurde der Etikettierungsansatz durch eine konflikttheoretische Perspektive.vgl. Siegfried Lamnek und Susanne Vogel, Theorien abweichenden Verhaltens II. „Moderne“ Ansätze, vierte Auflage, Paderborn 2017, Kapitel 1 (Moderne Ansätze als Paradigmenwechsel?), S. 15–52, S. 29 ff. Neben diesen theoretischen Grundannahmen wurde seitens des Arbeitskreises auch eine reformorientierte Kriminalpolitik angemahnt, der zufolge
alternative Praxismodelle zu den herrschenden Normen und Verfahrensweisen im Kriminalisierungsprozess legitimiert werden und politische Bedingungen und Reformen auf dem Gebiet der sozialen Kontrolle geklärt werden, Forschungsressourcen neu verteilt werden sollten und Kriminologie als Wissenschaft reorganisiert werden sollte.Arbeitskreis Junger Kriminologen, Kritische Kriminologie. Beiträge zu einer Standortbestimmung, München 1974, S. 13. Zitiert nach: Siegfried Lamnek und Susanne Vogel, Theorien abweichenden Verhaltens II. „Moderne“ Ansätze, vierte Auflage, Paderborn 2017, S. 42.
Mit der Zeit kam es zu einer Differenzierung, was das theoretische Fundament und die Zielsetzung anbelangt. Einzelne Mitglieder des Arbeitskreises (so Henner Hess und Sebastian Scheerer) wichen ab Mitte der Neunziger Jahre auch explizit von einer einseitigen Fokussierung auf den Etikettierungsansatz ab.vgl. Henner Hess, Die Kontroverse um das „Repressive Verbrechen“ und die Folgen für die Theorie. In: Henner Hess, Die Erfindung des Verbrechens, Springer VS, Wiesbaden 2015, S. 173–184, S. 177: Hess betont hier, sein Ansatz habe von 1968 an in einem Spannungsverhältnis zum radikalen Etikettierungsansatz gestanden.
Im Rahmen einer Tagung des Arbeitskreises im Jahr 1989 wurde die bis heute bestehende Gesellschaft für interdisziplinäre wissenschaftliche Kriminologie gegründet.
Literatur Arbeitskreis Junger Kriminologen (Hrsg.), Kritische Kriminologie. Beiträge zu einer Standortbestimmung, München 1974. Siegfried Lamnek und Susanne Vogel, Theorien abweichenden Verhaltens II. „Moderne“ Ansätze, vierte Auflage, Paderborn 2017, Kapitel 1 (Moderne Ansätze als Paradigmenwechsel?), S. 15–52. Imanuel Baumann, „Ätiologische“ und „Kritische“ Kriminologie in Westdeutschland, 1969 bis 1974. Die Entstehung des „Arbeitskreises Junger Kriminologen“ und die Rezeption des labeling approach in Westdeutschland. In: Fritz Sack, Kriminologie als Gesellschaftswissenschaft. Ausgewählte Texte, Weinheim und Basel 2014, S. 20–39.
Weblinks Thomas Feltes: Arbeitskreis Junger Kriminologen (AJK) im Kriminologie-Lexikon ONLINE (1991/2008)
Einzelnachweise
Kategorie:Kritische Kriminologie Kategorie:Kriminologische Vereinigung Kategorie:Vereinsgründung 1969