mini|Klaus Fuchs-Kittowski, 2014
Klaus Fuchs-Kittowski (* 31. Dezember 1934 in Berlin-Neukölln) ist ein deutscher Informatiker und Wissenschaftsphilosoph. Er gehört zu den Pionieren der Theorie und Methodologie der Informationssystemgestaltung für Organisationen.
Herkunft und Familie Klaus Kittowski wurde als Sohn des Mechanikers Gustav Kittowski und seiner Ehefrau, der Malerin Elisabeth Kittowski, geb. Fuchs, geboren. Sein Vater wurde aufgrund seiner antifaschistischen Tätigkeit verhaftet, als Klaus ein Jahr alt war. Seine Mutter hat er aufgrund des nationalsozialistischen Terrors bereits im Alter von nicht einmal vier Jahren verloren, sodass er bei seinem Großvater Emil Fuchs aufgewachsen ist.Emil Fuchs: Mein Leben. Koehler & Amelang, Leipzig, 1. Teil 1957, S. 210 ff., 2. Teil 1959, S. 247 ff. Da dieser aufgrund seines antifaschistischen Widerstandes nicht erziehungsberechtigt war, wurde der Gefängnispfarrer Harald Poelchau als Vormund eingesetzt; dieser stellte sich später als Mitglied des Kreisauer Kreises im Widerstand heraus.
Er ist seit 1986 mit der Fernsehregisseurin Sabine Fuchs-Kittowski, einer Adoptivtochter von Georg KlausGeorg Klaus: Kybernetik in philosophischer Sicht. Dietz Verlag, Berlin 1961, 4. Auflage 1965., verheiratet. Aus deren erster Ehe stammt der Rechtsanwalt Marko Martschewski. Aus erster Ehe von Klaus Fuchs-Kittowski mit der klinischen Psychologin und habilitierten Philosophin Marlene Fuchs-Kittowski entstammt Gerhard Fuchs-Kittowski, der als Wirtschaftshistoriker mit der Restitution jüdischen Eigentums befasst istblogs.taz.de/hausmeisterblog/2009/09/22/ddr-forschung / Helmut Höge: DDR-Forschung. taz.blogs, 22. Sept. 2009., sowie Frank Fuchs-Kittowski, Informatik-Professor an der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) BerlinFrank Fuchs-Kittowski: Integrierte IT-Unterstützung der Wissensarbeit. EUL-Verlag, Lohmar, Köln 2007.. Schule, Lehre und Studium Von 1942/1943 besuchte er eine Grundschule in Berlin-Mariendorf. Dann zog er mit dem Großvater nach Gortipohl (Österreich), wo 1944/45 nur ein eingeschränkter Schulbesuch möglich war. Er musste bei Bauern und auf der Alm als Hirte arbeiten. In Vorarlberg nahm Emil Fuchs mit seinem Enkel Verbindung zur österreichischen Widerstandsbewegung auf. Aufgrund seines engen Verhältnisses zu seinem Großvater und im Gedenken an seine Mutter hat er später nach seinem Studium auch den Doppelnamen „Fuchs-Kittowski“ angenommen.
Er war von 1945 bis 1950 Internatsschüler der Odenwaldschule in Heppenheim (Bergstraße). Sein Großvater Emil Fuchs erhielt in dieser Zeit eine Berufung als Professor für Systematische Theologie und Religionssoziologie an die Universität Leipzig. Vor dessen Umzug nach Leipzig im Jahre 1949 nahm ihn sein Großvater noch zu einem einjährigen Aufenthalt in die USA mit, wo dieser seine Tochter Christel Fuchs-Heinemann (später Fuchs-Holzer) sowie seine Freunde aus der internationalen Gesellschaft der Freunde (Quäker) sowie seinen Sohn, den Physiker Klaus Fuchs in England besuchte. Klaus Kittowski war in den USA (1947–1948) Schüler der Shady Hill School in Cambridge (Massachusetts).
Nach seiner Rückkehr aus den USA absolvierte er in Leipzig eine Lehre (1950–1953) als Landmaschinenschlosser im Bodenbearbeitungsgerätewerk Leipzig. Es folgte 1953–1956 eine Abiturausbildung an der Arbeiter-und-Bauern-Fakultät der Universität Leipzig.
Nach dem Abitur 1956 studierte er Philosophie an der Karl-Marx-Universität Leipzig und erwarb hier sein Diplom im Jahre 1961. Zu seinen Kommilitonen am Leipziger Philosophischen Institut gehörten Reinhard Mocek, Heinrich Parthey und Hubert Laitko.Hubert Laitko: Als Philosophiestudenten in Leipzig – die späten Fünfziger. In: Frank Fuchs-Kittowski; Werner Kriesel (Hrsg.): Informatik und Gesellschaft. Festschrift zum 80. Geburtstag von Klaus Fuchs-Kittowski. Frankfurt a. M., Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien: Peter Lang Internationaler Verlag der Wissenschaften, PL Academic Research 2016, S. 242, ISBN 978-3-631-66719-4 (Print), E-ISBN 978-3-653-06277-9 (E-Book).
Während seines Studiums erfolgte die Zwangsemeritierung des Institutsdirektors Ernst Bloch. Er sprach sich öffentlich, ebenso wie sein Großvater Emil Fuchs, gegen diese Maßnahme aus, und beide standen auch weiterhin zu Bloch. In der Studienzeit wurde seine frühere Verfolgung durch das Naziregime anerkannt.
Mit seiner Diplomarbeit zu philosophischen Problemen der Physik und Biologie hatte er die Grundlage für seine weitere Beschäftigung mit philosophischen Problemen der Naturwissenschaften und Technikwissenschaften gelegt. Danach folgte 1961–1964 eine Aspirantur an der Humboldt-Universität zu Berlin am Lehrstuhl von Hermann Ley für philosophische Fragen der Naturwissenschaften. Während dieser Zeit erhielt er auch eine zusätzliche Spezialausbildung in Biochemie bei dem führenden Fachspezialisten Samuel Mitja Rapoport, der auch zusammen mit Hermann Ley seine Dissertation betreute, und zur Regelungstechnik mit ihren mathematischen Grundlagen bei Manfred Peschel und Gunter Schwarze sowie zur Molekularbiologie bei Heinz Bielka und Erhard Geißler. Eine weitere Spezialausbildung folgte später im Rechenzentrum in Informatik (Organisations-/Wirtschaftsinformatik) und für die praktische Gestaltung von Anwendungssystemen in betrieblichen und medizinischen Organisationen. In seiner Doktorarbeit thematisierte er im Jahre 1964 „Das Problem des Determinismus - technische Regelung und Regulationsgeschehen im lebenden Organismus“ (Prädikat: summa cum laude).
Berufseinstieg im Rechenzentrum der Humboldt-Universität Unmittelbar nach seiner Promotion begann er 1964 in dem von ihm zusammen mit Gunter Schwarze u. a. neu gegründeten Rechenzentrum der Humboldt-Universität, an dem auch Manfred Peschel bis 1966 tätig war, als wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung Datenverarbeitung. Von Anbeginn arbeitete er auf dem Gebiet der ökonomischen Datenverarbeitung und entwickelte die ersten Projekte zur Rationalisierung der Leitungs- und Verwaltungsarbeit an der Humboldt-Universität und der Charité, aber auch für Berliner Betriebe und den Geologischen Dienst. In dieser Zeit hat er auch das Fachgebiet der anwendungsorganisatorischen Grundlagen der Datenverarbeitung in Forschung und Lehre an der Humboldt-Universität vertreten.
Mit der Bildung des Bereiches „Systemgestaltung und automatisierte Informationsverarbeitung“ an der Sektion Wissenschaftstheorie und -organisation 1968 erfolgte eine Konzentration auf Fragen der Organisations-Informatik (organizational computing), des Datenverarbeitungs-Projektmanagements und der Projektorganisation, auf die Entwicklung der Methodologie einer komplexen, nutzerorientierten Informationssystemgestaltung im Bereich der betrieblichen und sozialen Organisation. Es ging ihm um ein vertieftes Verständnis der Systeme der Informationsverarbeitung, ihrer Planung, Realisierung und Einführung im Industriebetrieb und im Krankenhaus.Wolfgang Weller: Die Systemtechnologie als innovatives Konzept. Denken in Systemen – ein neues Paradigma zur Behandlung technischer und natürlicher Systeme. Books on Demand GmbH, Norderstedt 2008, S. 24–38, ISBN 978-3-8370-5748-5 Hier ist seine enge Kooperation mit dem Krankenhaus Berlin-Friedrichshain, Rechenzentrum (Leiter: Peter GudermuthPeter Gudermuth, Werner Kriesel: Kybernetik und Weltanschauung. Probleme, Streitfragen und Ergebnisse der modernen Kybernetik. Verlag Hubert Freistühler, Schwerte/Ruhr 1972. Urania-Verlag, Leipzig, Jena, Berlin 1973, S. 91–126. Tschechische Übersetzung, Verlag Horizont, Praha 1976.) hervorzuheben, insbesondere die hier erbrachten Pionierarbeiten beim Aufbau einer Datenbank für Nierentransplantationen (Klinikchefarzt: Moritz Mebel).
Hochschullehrer an der Humboldt-Universität Nach seiner Habilitation zu philosophischen und methodologischen Fragen der Bio-Kybernetik (1969) erfolgte seine Berufung zum Hochschuldozenten (entspricht C3-Professur) für philosophische Probleme der KybernetikKarl Reinisch: Kybernetische Grundlagen und Beschreibung kontinuierlicher Systeme. Verlag Technik, Berlin 1974, S. 19–29. an der Humboldt-Universität. Sein Arbeitsgebiet spezialisierte er auf Informatik-Problemstellungen, insbesondere auf die Methodologie der Gestaltung von Informationssystemen in Organisationen, Informations- und Datenmanagement und Wechselbeziehungen zwischen Informatik und Gesellschaft. Besondere Berücksichtigung fanden die wirtschaftlichen und sozialen Wirkungen der modernen Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) sowie die wissenschaftstheoretischen Grundlagen der Informatik. Dabei konnten besondere praktische Erfahrungen bei der Automation von Informationsverarbeitungsprozessen im betrieblichen UmfeldWerner Kriesel, Hans Rohr, Andreas Koch: Geschichte und Zukunft der Mess- und Automatisierungstechnik. VDI-Verlag, Düsseldorf 1995, S. 133–215, ISBN 3-18-150047-X., in wissenschaftlichen Einrichtungen, im Krankenhaus und im Gesundheitswesen gesammelt werden.
Ein weiteres Arbeitsgebiet waren philosophische, wissenschaftstheoretische und methodologische Probleme der Naturwissenschaften und Technik, speziell die ethischen und wissenschaftspolitischen Probleme der modernen Biowissenschaften und Informatik. Sein Buch „Probleme des Determinismus und der Kybernetik in der molekularen Biologie“ zu wissenschaftstheoretischen und methodologischen Fragen der modernen Biowissenschaften wurde 1971 mit dem höchsten Forschungspreis der Medizin ausgezeichnet, dem Rudolf-Virchow-Preis.
Diese Arbeiten zu wissenschaftsphilosophischen und methodologischen sowie ethischen Problemen der Biowissenschaften wurden von ihm intensiv fortgesetzt, insbesondere auch durch die Mitarbeit in der „Gesellschaft für mathematische und physikalische Biologie der DDR“, durch die langjährige Leitung des Arbeitskreises „Philosophie und Wissenschaftstheorie der Biologie“ sowie durch die Vorbereitung und aktive Teilnahme an den „Kühlungsborner Kolloquien über philosophische und ethische Probleme der Biowissenschaften in der Gesellschaft“.
Im Jahr 1972 wurde er zum ordentlichen Professor für Informationsverarbeitung an der Humboldt-Universität zu Berlin berufen. Damit erfolgte zugleich seine Hinwendung zu den Wechselbeziehungen zwischen Informatik und Gesellschaft, auf die damit verbundenen wirtschaftlichen und sozialen Wirkungen sowie ethischen und wissenschaftspolitischen Konsequenzen. Hier sei u. a. auf sein Buch: „Informatik und Automatisierung“ verwiesenWolfgang Weller: Automatisierungstechnik im Wandel der Zeit – Entwicklungsgeschichte eines faszinierenden Fachgebiets. Verlag epubli GmbH Berlin, 2013, S. 32–41, ISBN 978-3-8442-5487-7 sowie als E-Book. und insbesondere auf die von ihm gegründete Kolloquienreihe zur „Organisation der Informationsverarbeitung“. In diesem Rahmen wurde u. a. die Tagung: „Probleme der Informatik in Medizin und Biologie“ sowie die zwei größeren IFIP-Tagungen zu Problemen der Informationssystemgestaltung: „Systemdesign for human development and productivity; participation and beyond“ und „Information System, Work and Organization Design“ durchgeführt, die er maßgeblich mitgestaltete. Seine Hauptgesprächspartner und Koautoren bei der Arbeit an den theoretischen und methodologischen Problemen der Biologie und Informatik waren Bodo Wenzlaff und Hans-Alfred Rosenthal.
In seiner Sektion übernahm er zunächst 1968 die Leitung des Wissenschaftsbereiches „Systemgestaltung und automatisierte Informationsverarbeitung“, später ab 1969 war er als Stellvertretender Sektionsdirektor für Forschung tätig, mehrfach im Wechsel mit der Bereichsleitung (1968–1989).