Literaturny kritik (, wörtlich: „Der Literaturkritiker“) war eine russisch-sowjetische Monatszeitschrift für Literaturtheorie und -kritik, die von 1933 bis 1940 in Moskau erschien. Die Zeitschrift Literaturny kritik wurde ab Juni 1933 vom Organisationskomitee des sowjetischen Schriftstellerverbandes herausgegeben und musste sein Erscheinen auf Weisung des Zentralkomitees der KPdSU im November 1940 einstellen. Ein auch in Westeuropa prominenter Mitarbeiter des Literaturny kritik war Georg Lukács, der seit 1933 in Moskau im Exil lebte.István Hermann: Georg Lukács. Sein Leben und sein Wirken. Böhlaus Nachf., Wien / Köln / Graz 1986, S. 130.
Redaktion und Autoren
Ein Impulsgeber zur Gründung der Zeitschrift war Anatoli W. Lunatscharski.István Hermann: Georg Lukács. Sein Leben und sein Wirken. Aus dem Ungarischen übersetzt von Endre Kiss. Verlag Hermann Böhlaus Nachf., Wien / Köln / Graz 1986, S. 130. Als verantwortlicher Redakteur der Zeitschrift war Pawel F. Judin tätig. Eine Abteilung leitete Jelena Ussijewitsch und ebenfalls als Redakteur arbeitete Igor Alexandrowitsch Satz. Namensnennung durch Walter Janka in einem Brief vom 17. Januar 1956. Abgerufen am 21. Juli 2024.
Die wichtigsten Autoren waren Georg Lukács, Michail A. Lifschitz, Georgij M. Fridlender, Wladimir R. Grib, Franz P. Siller und Mark M. Rosental.
Inhaltliche Ausrichtung
Die sowjetische Literaturpolitik vollzog Anfang der 1930er Jahre einen Richtungsschwenk: Die bisherige politisch-ideologische Gängelung nicht-proletarischer Schriftsteller durch die Russische Assoziation proletarischer Schriftsteller (RAPP) wurde zugunsten eines nun klassenübergreifenden sozialistischen Realismus aufgegeben. Das offizielle Kalkül war offenbar, nicht-proletarische Schriftsteller nicht mehr in eine Opposition zur jungen Sowjetunion zu drängen, sondern sie in den neuen Staat einzubinden und ihre Kompetenzen für die Verbesserung der sowjetischen Literatur zu nutzen.Nils Meier: Die Zeitschrift »Literaturnyj kritik« im Zeichen sowjetischer Literaturpolitik. Otto Sagner, München 2014, S. 83 u. S. 110.
Rezeption eines kulturellen Erbes Aus dieser politischen Prämisse stellte sich die Zeitschrift Literaturny kritik die Aufgabe, mithilfe der Rezeption weltanschaulich nicht einwandfreier Schriftsteller und Literatur (kulturelles Erbe) eine sozialistische Ästhetik zu begründen. So wurden die Werke von Balzac, Goethe, Puschkin, Shakespeare, Tolstoi und noch weitere Werke als klassische Vorbilder für sowjetische Schriftsteller vorgestellt.Nils Meier: Die Zeitschrift »Literaturnyj kritik« im Zeichen sowjetischer Literaturpolitik. Otto Sagner, München 2014, S. 111–114.Eine detaillierte Darstellung gibt in russischer Sprache: Achlomova: Istorija zapadnoevropejskoj literatury na stranicach žurnala «Literaturnyj kritik».
Zurücknahme klassenkämpferischer Dogmen Die von Stalin verfügte Auflösung der RAPP forcierte der Literaturny kritik mit einer Kampagne gegen diejenigen Literaten, die die Klassenzugehörigkeit eines Schriftstellers für das entscheidende Kriterium für gute Literatur hielten (Kampagne gegen den sogenannten „wulgarny soziologism“, dt.: „undialektischer oder Vulgärsoziologismus“).Meier: Die Zeitschrift »Literaturnyj kritik« im Zeichen sowjetischer Literaturpolitik, S. 83–86, 93–115.
Die offiziell gewünschte Abkehr von zu engen klassenkämpferischen Dogmen nutzte die Redaktion für theoretisch anspruchsvolle Erörterungen über Literaturgeschichte, Literaturtheorie und ästhetischer Theorie allgemein. Hervorzuheben sind: Die Diskussion über den RomanProblema teorii romana. In: Literaturnyj kritik (1935), 2 & 3, S. 214–249 & 231–254. Siehe dazu Belaja: Teorija: Problemy i razmyšlenija. „FOKUSNIČESKOE USTRANENIE REAL'NOSTI“. In: Voprosy literatury (1998), Nr. 3, S. 175–184; sowie Tihanov: The master and the slave: Lukács, Bakhtin, and the ideas of their time. S. 113–128. Die russische Übersetzung von Teilen der Hegelschen ÄsthetikGegel': Ėstetika (Perevod B. Stolpnera). In: Literaturnyj kritik (1934), Nr. 10; Gegel': Ėstetika. Vvedenie (okončanie). In: Literaturnyj kritik (1934), Nr. 11. Gegel': Charakter. In: Literaturnyj kritik (1935), Nr. 2. Gegel': Chudožnik (glava 1 iz toma „Ėstetiki“). In: Literaturnyj kritik (1935), Nr. 1. Gegel': Ideal klassičeskoj formy iskusstva. In: Literaturnyj kritik (1937), Nr. 4; Gegel': Ideal klassičeskogo iskusstva (okončanie). In: Literaturnyj kritik (1937), Nr. 5. Gegel': Romantičeskogo forma iskusstva. In: Literaturnyj kritik (1938), Nr. 1; Gegel': Romantičeskogo forma iskusstva (prodolženie). In: Literaturnyj kritik (1938), Nr. 7; Gegel': Romantičeskogo forma iskusstva (okončanie). In: Literaturnyj kritik (1938), Nr. 8. Gegel': Ėpičeskaja poėzija (Perevod B. Stolpnera). In: Literaturnyj kritik (1935), Nr. 6; Gegel': Ėpičeskaja poėzija (okončanie). In: Literaturnyj kritik (1935), Nr. 8. Gegel': Princip tragedii, komedii i dramy. In: Literaturnyj kritik (1936), Nr. 3; Gegel': Princip tragedii, komedii i dramy (prodolženie). In: Literaturnyj kritik (1936), Nr. 5; Gegel': Princip tragedii, komedii i dramy (okončanie). In: Literaturnyj kritik (1936), Nr. 7. Zur Interpretation siehe Meier: Die Zeitschrift »Literaturnyj kritik« im Zeichen sowjetischer Literaturpolitik, S. 116–121 W. Goffenschefer: „Sudby nowelly“ (in Literaturny kritik (1935) Nr. 6) Aufsätze über Balzac von V. Grib Aufsätze über Kant von L. Spokojnij Aufsätze über Bergson von L. German Aufsätze über Aristoteles’ Dramentheorie von I. Al’tman Aufsätze über den russischen Realismus und der dazugehörigen russischen Literaturkritik des 19. Jahrhunderts die Literaturtheorie Georg Lukács' die Diskussion über Weltanschauung und Methode (deren theoretische Bedeutung allerdings fraglich ist s. u.)
Die Diskussion über Weltanschauung und Methode In den Jahren 1933 bis 1935 wurde unter sowjetischen Literaturtheoretikern und -kritikern darum gestritten, in welchem Maße die Klassenzugehörigkeit eines Schriftstellers die Qualität seiner Literatur determiniere. Der Literaturny kritik veröffentlichte wichtige Beiträge zu dieser damals sogenannten Diskussion über Weltanschauung und Methode. Die Redaktion vertrat als eigene Position die Ansicht, dass ein Schriftsteller auch trotz (russ.: wopreki) einer „falschen“ Weltanschauung gute Literatur schaffen könne und begründete damit den sogenannten Woprekism. Sie konnte sich gegen den sogenannten Blagodarism durchsetzen, demzufolge einem Schriftsteller immer nur dank (russ.: blagodarja) einer proletarischen Weltanschauung gute Literatur gelinge. Obgleich viel beachtet und mit nicht geringem argumentativem Aufwand betrieben, kann der Diskussion keine große literaturtheoretische Bedeutung beigemessen werden. Sie erscheint vielmehr spitzfindig und vor allem literaturpolitisch bedeutsam. Die Redaktion des Literaturny kritik kann sich mit ihrem Woprekism durchsetzen, weil dieser auf der Linie des offiziellen Anliegens liegt, auch solche Schriftsteller als Produzenten „guter“ sowjetischer Literatur zu nutzen, deren Weltanschauung (noch) nicht zweifelsfrei „proletarisch“ ist.Vgl. Meier: Die Zeitschrift »Literaturnyj kritik« im Zeichen sowjetischer Literaturpolitik. S. 93–110.
Georg Lukács im Literaturny kritik Lukács war als Partei-Kommunist und marxistischer Theoretiker im deutschsprachigen Moskauer Exil der 1930er und 1940er Jahre aktiv. Er veröffentlichte zahlreiche literaturtheoretische Aufsätze – zumeist in deutscher, selten in ungarischer Sprache. Da er des Russischen nicht mächtig war, mussten diejenigen seiner Aufsätze, die im Literaturny kritik erschienen, von Dritten ins Russische übersetzt werden. Bei der Übersetzung wurden oft wichtige Textpassagen weggelassen, so dass zu bemerken ist, dass Lukács’ damalige Kritik an der zeitgenössischen sowjetischen Literatur und am offiziellen sozialistischen Realismus hauptsächlich von der Veröffentlichung im Literaturny kritik ausgeschlossen blieb.Meier: Die Zeitschrift »Literaturnyj kritik« im Zeichen sowjetischer Literaturpolitik, S. 134
Lukács’ literaturtheoretische Position der 1930er Jahre ist innerhalb des Literaturny kritik im Wesentlichen in den beiden Artikeln „K probleme objektiwnosti chudoschestwennoi formy“Lukács: K probleme ob″ektivnosti chudožestvennoj formy. In: Literaturnyj kritik (1935), Nr. 9, S. 5–23 und „Rasskas ili opisanije“Lukács: Rasskaz ili opisanie. In: Literaturnyj kritik (1936), Nr. 8, S. 44–67 festgehalten. Es handelt sich bei den beiden Artikeln um Übersetzungen des 1934 verfassten Aufsatzes „Kunst und objektive Wahrheit“ und des 1936 verfassten Aufsatzes „Erzählen oder Beschreiben“.Lukács: Erzählen oder Beschreiben. In: Internationale Literatur (1936), 11 & 12, S. 100–118 & 108–123