Der Russische Desman (Desmana moschata) ist eine Säugetierart aus der Familie der Maulwürfe (Talpidae). Gemeinsam mit dem Pyrenäen-Desman bildet er die Gruppe der Desmane (Desmanini), die von allen Maulwürfen am ausgeprägtesten an eine wasserbewohnende Lebensweise angepasst sind. Er stellt den größten Vertreter der Maulwürfe dar. Äußerlich kennzeichnend sind der gedrungene Körperbau, die lange und sehr bewegliche Schnauze sowie der lange, abgeplattete Schwanz. Die großen Hinterfüße dienen der Fortbewegung im Wasser. Hingegen sind die Vorderfüße im Unterschied zu anderen, grabenden Maulwürfen eher klein. Die Zehen werden durch Schwimmhäute miteinander verbunden. Das Fell ist dicht und zumeist dunkel gefärbt. Das Vorkommen des Russischen Desmans ist auf Osteuropa beschränkt. Dort bewohnt er breite Flussniederungen im westlichen Teil Russlands und im Nordosten der Ukraine, mit dem Nordwesten Kasachstans wird auch ein Teil von Zentralasien erreicht. Die bewohnten Lebensräume zeichnen sich durch eine reiche Vegetation und zahlreiche Versteckmöglichkeiten an den Uferrändern aus.
Die Tiere leben weitgehend sozial und sind nicht territorial. Ausnahmen treten während der Paarungszeit auf. Die hauptsächlichen Aktivitäten finden in der Dämmerungszeit oder nachts statt. Der Russische Desman hält sich zum Großteil im Wasser auf und ist ein guter Schwimmer. An Land gräbt er einen Unterschlupf, der aus einem komplexen Gangsystem mit Nestkammern besteht. Infolge häufiger auftretender Überschwemmungen wandern die Tiere entlang der Uferlinien. Die Nahrung setzt sich aus Wirbellosen, Wirbeltieren und Pflanzen zusammen. Die bevorzugte tierische Beute besteht aus Würmern, Insekten und Weichtieren. Die Fortpflanzung kann ganzjährig erfolgen, eine Hauptphase beschränkt sich auf das Frühjahr. Ein Wurf umfasst bis zu fünf Neugeborene. Diese werden in einer speziellen Nestkammer aufgezogen. Zur Paarung und während der Aufzucht der Jungen schließen sich einzelne Familienverbände zusammen, bestehend aus den Elterntieren und dem Nachwuchs. Die Tragzeit währt etwa 40 bis 45 Tage, die Jungen verlassen nach rund drei Wochen das Nest.
Die wissenschaftliche Erstbeschreibung des Russischen Desmans erfolgte im Jahr 1758. Zunächst den Bibern zugewiesen, wurde die eigenständige Gattung Desmana im Jahr 1777 aufgestellt. Im 19. Jahrhundert waren die Tiere teilweise unter der Gattungsbezeichnung Mygale bekannt. Fossil traten Vorgänger des Russischen Desmans bereits im Unteren Pliozän auf. In der stammesgeschichtlichen Vergangenheit kamen diese in weiten Teilen Europas vor und sind zudem aus Ostasien dokumentiert. Der heutige Bestand wird als bedroht eingestuft. Historisch war vor allem die Jagd auf das Desmanfell von Bedeutung, die die lokalen Populationen teils stark dezimierte. Heute sind neben der Jagd auch Gewässerverschmutzung und Landschaftszerstörung für den Rückgang des Russischen Desmans verantwortlich.
Merkmale Habitus mini|Russischer Desman mini|Russischer Desman, Präparat im Natural History Museum in London Der Russische Desman ist der größte Vertreter der Maulwürfe. Er erreicht eine Kopf-Rumpf-Länge von 18,5 bis 24,0 cm, der Schwanz wird 18,0 bis 21,0 cm lang. Er besitzt dadurch gut 90 bis 95 % der Länge des restlichen Körpers. Das Gewicht beträgt 370 bis 440 g. Ein ausgeprägter Geschlechtsdimorphismus ist nicht vorhanden. Der Körperbau wirkt kompakt und gedrungen. Einzelne Besonderheiten ergeben sich aus der semi-aquatischen Lebensweise. Der Kopf ist insgesamt konisch geformt und endet in einer langgestreckten und sehr beweglichen Schnauze. Sie erinnert dadurch an einen Rüssel. Nach vorn ist sie ober- und unterseits abgeplattet, auf der Unterseite verläuft eine längsgerichtete Rille. Die Nasenlöcher sind nach oben gerichtet und können unter Wasser geschlossen werden. Die Schnauze ist mit zahlreichen Vibrissen in mehreren Reihen ausgestattet. Die vorderen Tasthaare werden nur 1 bis 2 mm lang und bilden teilweise eine Art Teppich. Nach hinten nehmen sie kontinuierlich an Länge zu und erreichen am Ende, kurz vor dem Auge, gut 39 mm. Ebenso sind am Kinn kurze Tasthaare in mehreren Reihen ausgebildet. Allgemein haben die Vibrissen einen schmalen Schaft und eine etwas verbreiterte kegelförmige Spitze. Der Nasenspiegel ist scheinbar nackt, wird aber von zahlreichen Mikrovibrissen von rund 200 μm Länge bedeckt, die zwischen kleinen buckelförmigen Erhebungen in rosettenartiger Anordnung sprießen. Sie stellen wohl ein Äquivalent zum Eimerschen Organ der grabenden Maulwürfe dar. Die Augen sind klein, äußere Ohren fehlen.
Das Fell ist auf der Rückseite dunkel rötlichbraun bis nahezu schwarz gefärbt. Jungtiere sind generell blasser. Die Unterseite hebt sich aschgrau hervor. Albinismus wurde bisher nur selten beobachtet und tritt bei einem von rund 5000 bis 6000 Individuen auf. Es lässt sich eine dichte Unterwolle und ein langes, gröberes Deckhaar unterscheiden. Das Deckhaar umfasst einerseits Leithaare, die mit 14,1 bis 21,5 mm am längsten sind und einen zylindrischen Schaft sowie eine etwas verbreiterte spindelförmige Spitze besitzen. Andererseits werden die Grannenhaare mit 10 bis 20 mm etwas kürzer, haben eine gewellten Schaft mit bis zu zehn Krümmungen und einen lanzettförmigen Abschluss. Beiden Haartypen fehlt die Markröhre in den oberen Abschnitten. Die Wollhaare der Unterwolle erreichen nahezu die Länge der Grannenhaare, sind aber mit bis zu 16 Krümmungen stärker gewellt und nur einfach aufgebaut. Sie stehen in Büscheln von bis zu sieben Haaren. Generell ist das Fell sehr dicht, wobei dieses bei den Weibchen deutlicher zum Tragen kommt als bei den Männchen. Am Bauch besteht es aus bis zu 20.750 Haaren je Quadratzentimeter und ist damit dichter als am Rücken mit 15.990 Haaren. Sehr dicht behaarte Bereiche können bis zu 25.000 Haare je Quadratzentimeter aufweisen. Davon entfallen am Rücken 86 bis 89 % auf die Unterwolle, am Bauch sind es 90 bis 93 %. Den Rest macht das Deckhaar aus. Die Haut hat einen silbrigen Farbton und ist mit 0,43 mm an der Brust dicker als am Rücken, wo sie etwa 0,28 mm misst. Der Schwanz weist nur eine spärliche Behaarung auf. Er ist vollständig seitlich abgeplattet, im Gegensatz zum Pyrenäen-Desman (Galemys pyrenaicus) mit seinem nur Ende abgeflachten Schwanz. An der Wurzel weist er die größte Breite auf. Hier sind Drüsen ausgebildet, die einen moschusartig duftendes Sekret absondern. Bedeckt wird der Schwanz von Schuppenringen.
Die Hinterfüße sind fast doppelt so groß wie die Vorderfüße, was einen auffallenden Unterschied zu den grabenden Maulwürfen bildet. Sie weisen jeweils fünf Strahlen auf, die kräftige Krallen tragen. Zwischen den Fingern und Zehen sind Schwimmhäute ausgebildet. Des Weiteren werden die Fußkanten von steifen und platten Borstenhaaren gesäumt, was die Gesamtfläche der Fußsohle verbreitert und so hauptsächlich den Hinterfüßen beim Paddeln zugutekommt. Die Hinterfußlänge beträgt 5,1 bis 5,8 cm. Weibchen verfügen über vier Zitzenpaare. Beim Männchen ist der Kopf des Penis mit Stacheln besetzt.
Schädel- und Gebissmerkmale Der Schädel wird 55 bis 58 mm lang und am Hirnschädel 28,9 bis 30,8 mm breit. Die Breite an den Jochbögen beträgt 21,5 bis 22,9 mm. Er ist groß und massiv mit einem breiten, aber kaum aufgewölbten Hirnschädel. Die Einziehung im Bereich der Orbita zeigt sich nur schwach. Das Rostrum zieht lang aus, die Seitenkanten verlaufen parallel zueinander. Am Stirn- und Scheitelbein bestehen markante Rippeln als Ansatzstellen einer massiven Kaumuskulatur. Der Jochbogen ist relativ schmal. Am Hinterhauptsbein wölben sich die Gelenke zur Artikulation mit der Halswirbelsäule nur schwach hervor, ihre Gelenkflächen weisen nach unten. Der Unterkiefer wiederum besitzt einen kräftigen Bau mit hoch aufsteigendem und fast im rechten Winkel zum horizontalen Knochenkörper stehenden Kronenfortsatz sowie einem deutlichen Winkelfortsatz. Das Gebiss umfasst mit 44 Zähnen die ursprüngliche Anzahl, die bei den Höheren Säugetieren üblich ist. Häufig wird folgende Zahnformel angegeben: . Die Knochennaht zwischen dem Mittelkieferknochen und dem Oberkiefer verläuft entlang des zweiten vorderen oberen Zahnes. Da bei den Säugetieren der Mittelkieferknochen alleinig die Schneidezähne trägt, besteht die Möglichkeit, dass nur zwei Incisiven ausgebildet sind. Alternativ wird daher auch als Zahnformel angegeben. Sie setzt aber voraus, dass beim Russischen Desman evolutiv ein Schneidezahn verloren ging und ein zusätzlicher Prämolar ausgebildet wurde. Der vorderste obere Schneidezahn ist sehr groß und dolchartig gestaltet. Dahinter liegt ein Diastema, auf das sechs kleine einspitzige Zähne folgen, von denen der dritte etwas größer ist. Dieser stellt je nach Zahnformel den Eckzahn oder ersten Prämolaren dar. Die Molaren sind insgesamt sehr groß und voluminös, haben jedoch niedrige (brachyodonte) Zahnkronen. Die obere Zahnreihe misst 28,8 bis 31,0, die untere 24,2 bis 26,7 mm in der Länge.
Genetische Merkmale Der diploide Chromosomensatz lautet 2n = 32. Alle Autosomen sind zweiarmig mit sechs metazentrischen, acht submetazentrischen und einem subtelozentrischen Paar. Das X-Chromosom ist groß und submeta- bis subtelozentrisch, das Y-Chromosom klein und metazentrisch. Die Anzahl an Armen der Autosomen (fundamentale Anzahl) beträgt 64.
Verbreitung und Lebensraum mini|Verbreitungsgebiet des Russischen Desmans Das Verbreitungsgebiet des Russischen Desmans liegt in Osteuropa und erreicht auch Zentralasien. Es erstreckt sich über den südlichen europäischen Teil Russlands, der östlichen Ukraine und den Nordwesten Kasachstans. Die Hauptvorkommen finden sich entlang der Flussläufe des Dneprs, des Dons, der Wolga einschließlich der Kama und des Urals. In der Ukraine ist die Art lediglich noch am Seim zu finden. Einzelne neuangesiedelte Populationen sind am Oberlauf des Ob im westlichen Sibirien zu finden, so beispielsweise bei Tscheljabinsk, Tomsk und Nowosibirsk. In anderen Regionen wie etwa am Kerschenez bei Nischni Nowgorod, wo der Russische Desman bis in die 1990er Jahre vorkam, wurde er wieder eingeführt.
Als Lebensräume bevorzugen die Tiere permanente Gewässer in Überflutungsebenen. Häufig handelt es sich um kleinere Seen und langsam fließende Flüsse mit einem schlammigen Boden und einem hohen Reichtum an Wirbellosen, als Anzeiger dienen unter anderem Schnecken wie Lymnaea und Viviparus. Die Mindestgröße der Gewässer sollte hierbei 60 bis 100 m² nicht unterschreiten, allerdings werden große Wasserflächen wie ausgedehnte Seen oder Wasserreservoire eher gemieden, ebenso wie Flüsse mit großer Wasserkraft. Zudem muss die Wassertiefe wenigstens 2 bis 3 m betragen, so dass die Gewässer im Winter nicht zufrieren. Besonders zuträglich sind steilere Hänge mit Versteck- und Grabmöglichkeiten. Eine weitere Voraussetzung ist eine dichte holzige Vegetation, welche vor zu strengen Wetterverhältnissen schützt. Nach Untersuchungen an der Kljasma und der Oka reichen die Sommertemperaturen dadurch von 8 bis 23 °C, die Wintertemperaturen von 0 bis 7 °C. Resultierend daraus fallen während der kalten Jahreszeit die Temperaturen in den Unterschlüpfen nicht in den Minusbereich. Die Populationsdichte wird überwiegend anhand der Anzahl der Unterschlüpfe entlang der Fluss- und Seeuferlinie bestimmt. In den meisten untersuchten Habitaten beträgt sie heute 0,5 bis 15,2 Unterschlüpfe auf einem Kilometer Uferlänge. An verschiedenen Gewässern in Mordwinien an der mittleren Wolga wurden in einem Untersuchungszeitraum von 2009 bis 2018 maximal 8,2 bis 10,5 Baue auf entsprechender Uferlänge registriert. Mit zehn bis elf Unterschlüpfen vergleichbare Werte stammen von der Sura aus Beobachtungen im Jahr 2018. In historischer Zeit lag die Anzahl beobachteter Baue teilweise zehn- bis zwanzigmal höher.
Lebensweise Territorialverhalten