Die Nördlichen Kalkalpen, abgekürzt NKA, sind ein geologischer Abschnitt der Ostalpen. Sie erstrecken sich über 500 Kilometer vom Alpenrheintal bis Wien und sind zwischen 20 und 50 Kilometer breit. Ihr Entstehungsgebiet befand sich am südöstlichen passiven Kontinentalrand Eurasiens, in dem vom Perm bis zur Oberkreide eine mehrere Kilometer mächtige Abfolge von überwiegend marinen Sedimentgesteinen zur Ablagerung kam. Ab dem Oberjura begann sich die Sedimenthaut von ihrer aus metamorphen, ostalpinen (austroalpinen) Gesteinen bestehenden Unterlage abzulösen und glitt zu Beginn der Oberkreide auf jüngere Sedimente des eurasischen Südrandes. Syntektonische Sedimentation und Deckenüberschiebungen hielten bis ins Paläogen an. Zwischen ihr und den Zentralalpen liegt die Grauwackenzone.

Der höchste Gipfel der Nördlichen Kalkalpen ist die Parseierspitze, , in den Lechtaler Alpen.

Begriffsklärung Die Nördlichen Kalkalpen,Darstellung in Nikolaus Froitzheim: Vorlesungsskript, in: Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn: Strukturgeologie (online, uni-bonn.de, abgerufen am 10. August 2016) (PDF 5,1 MB auf hoststar.ch, zuletzt abgerufen am 21. August 2024) Englisch Northern Calcareous Alps oder abgekürzt NCA, sind ein geologischer Begriff und damit vom orographisch geprägten Begriff der Nördlichen Ostalpen oder Nordalpen zu unterscheiden. Sie machen nur einen Teil der Nordalpen aus, andererseits gehört mit dem Rätikon auch eine ganze Gebirgsgruppe der Zentralen Ostalpen geologisch zu den Nördlichen Kalkalpen.

Nördlich der Kalkalpen liegen die Flyschberge der Flyschzone, die überwiegend ans Alpenvorland grenzen, aber zwischen Vorarlberg und Salzburg im bayrischen Raum streckenweise fehlen. Südlich der Nördlichen KalkalpenÜbersichtliche Kurz-Darstellung beispielsweise in: Geologie der Steiermark: 1 Der Anteil an den Ostalpen. Vereinigung Steirischer Mineralien- und Fossiliensammler (vstm.at), abgerufen am 10. August 2016. liegt die Grauwackenzone, die nur im Raum Tirol/Salzburg und der Nordsteiermark als Schieferalpen gebirgsbildend ist. Damit nehmen die Nördlichen Kalkalpen meist den Gutteil der Nordalpen ein. Die Grauwackenzone wird aber in der wissenschaftlichen Literatur als deren Basis (Grundgebirge) ebenso zur oberostalpinen Decke wie die Nördlichen Kalkalpen gerechnet.

Die Kalke der Kalkalpen – der Nördlichen wie auch der Südlichen – sind rund 250–150 Millionen Jahre alte Ablagerungen des Tethys-Meeres. Ältere und jüngere Kalkvorkommen gibt es außerhalb der Kalkalpen, beispielsweise am Schöckl bei Graz,Schöcklkalk des Grazer Paläozoikums oder am Triebenstein,Triebensteinkalk der Veitscher Decke, Mittelostalpines Deckgebirge die in einem Vorläufermeer der Tethys vor schon 400–250 Millionen Jahren gebildet wurden, oder im Leithagebirge,Leithakalk der Molasse-Zone wo sie in einem ganz späten Restmeer der Thetys vor erst etwa 15 Millionen Jahren abgelagert wurden. Derartige Kalke gehören nicht zu den Nördlichen Kalkalpen. Daneben gibt es Kalkgestein-Decken des Ostalpins, die heute tektonisch tiefer (Unterostalpin) und südlich der Nördlichen Kalkalpen (Oberostalpin) liegen. Beispiele finden sich in den Radstädter TauernNamen wie die der Steirischen und Lungauer Kalkspitze zeigen die Ausnahmeerscheinung im sonst andersartigen Gebiet. am Ostrand des Tauernfensters der zentralalpinen Niederen Tauern Haupt- und Wettersteindolomit in der Radstädter Decke – die Radstädter Tauern gehören zu den geologisch interessantesten der Alpen, hier sind fast alle Systeme und Zonen des Ostalpins vertreten. oder im Semmeringgebiet.

Weiters wurden im zentralalpinen Raum nach Einsetzen der Alpenauffaltung spät-kalkalpine Sedimente (Gosau-Gruppe) abgelagert wie an der Kainach bei Köflach am Rand des Grazer Beckens oder im Krappfeld im Klagenfurter Becken.

miniatur|zentriert|700px|Blick vom Seefelder Joch auf Lechtaler Alpen, Mieminger Gebirge und Wettersteinmassiv

Geographie mini|300px|Der Gipfel des Roggenstocks (1778 m) in den Iberger Klippen (Kanton Schwyz) besteht aus Hauptdolomit der Nördlichen Kalkalpen mini|300px|Die Parseierspitze ist mit 3036 Meter die höchste Erhebung der Nördlichen Kalkalpen

Abgrenzung Die Nördlichen Kalkalpen erstrecken sich vom Alpenrheintal in einer Breite von 25 bis 45 km durch Vorarlberg, Tirol, die bayerischen Bezirke Schwaben und Oberbayern, durch Salzburg, die nördliche Steiermark, Ober- und Niederösterreich bis nach Wien, wo sie nach Abschneiden durch ostfallende Abschiebungen des miozänen Wiener Beckens ihre Fortsetzung in die Karpaten finden. Ihr Westrand ist von der Erosion herausgearbeitet – mit einigen vorgelagerten Auslegern, deren westlichste die Iberger Klippen in der Zentralschweiz darstellen.

Im Süden werden die Nördlichen Kalkalpen meist von einer markanten Längsfurche begleitet. Der Rätikon ganz im Westen ist ohne eine entsprechende Abgrenzung nach Süden. Im Westen folgt zunächst die Arlberglinie, nach Osten anschließend dann von Landeck über Innsbruck bis Wörgl das Inntal. Weiter ostwärts verläuft die Furche weniger markant über St. Johann in Tirol und Dienten nach Bischofshofen, folgt dann wieder sehr markant dem oberen Ennstal bis etwa zur Pyhrn Autobahn. Die tiefgreifende geologische Störung des Salzach–Enns–Mariazell–Puchberg-Lineaments (SEMP) bedient sich weiter ostwärts der Talfurche des Salzatals, wo sie in die Nördlichen Kalkalpen hineinragt. Der Kalkalpen-Südrand verläuft hingegen entlang des Palten-Liesing-Talzugs und schließlich gegen Südosten nördlich der Mur-Mürz-Furche. Die Südgrenze der nördlichen Kalkalpen verläuft dabei streckenweise zwischen den jeweiligen Talfurchen innerhalb der Berggruppen, teilweise jedoch intensiv mit der Grauwackenzone verzahnt und verschachtelt, und hat sodann bis Wien keine eindeutige orographische Abgrenzung mehr.

Die Nordgrenze folgt – weitestgehend ohne jegliche orographische Signifikanz – in 10–50 Kilometer Entfernung dem Alpennordrand. Eine Sonderstellung nehmen einige Stöcke wie beispielsweise der Untersberg bei Salzburg ein, wo die Kalkalpen weitgehend unvermittelt in das Alpenvorland abbrechen. Dadurch haben viele orographische Gruppen, die in die Nördlichen Kalkalpen gestellt werden, auch Anteile an Flysch- und Grauwackenzone, die verbreitet jeweils nur Vorberge bilden. Eine Ausnahme stellt der Wienerwald dar, der in Kalk- und Flyschwienerwald gegliedert wird. Das Bregenzerwaldgebirge, die Kitzbüheler Alpen, die Salzburger Schieferalpen, die Eisenerzer Alpen und die Mürztaler Alpen liegen weitgehend gänzlich außerhalb der Nördlichen Kalkalpen. Umgekehrt werden etliche Kalkstöcke einer Zentralalpen- oder Schieferalpen-Gruppe zugerechnet, etwa die Davenna im Verwall, oder die Kaiserschildgruppe der Eisenerzer Alpen.

Lokal kann die Abgrenzung aber markant sein, etwa im Mühlbachtal am Hochkönig zur Grauwacke, oder im Gschliefgraben am Traunstein zum Flysch.

Gliederung In Süd-Nord-Richtung werden die Kalkalpen in die Kalkhochalpen im Süden und die Kalkvoralpen im Norden gegliedert. Erste sind ein mächtiges Hochgebirge bis knapp über 3000 m, zweites vorgelagerte Gruppen, die schon Mittelgebirgscharakter haben, aber auch durchaus prägnante Kalkgipfel aufweisen.

In West-Ost-Richtung folgt die Grob-Gliederung wie bei den ganzen Nordalpen entlang der Durchbruchstäler (in erster Linie von Inn, Salzach und Enns, die jeweils nach ihrem Lauf in der Längstalfurche nordwärts knicken) in Nordtiroler Kalkalpen, Bayerisch-Salzburger Kalkalpen, Oberösterreichisch-steirische Kalkalpen und Steirisch-Niederösterreichische Kalkalpen. Hierbei unberücksichtigt bleibt die westlichste Gruppe des Rätikons, der südlich der Arlberglinie liegt.

Die weitere Gliederung erfolgt in charakteristische Ketten (insbesondere im Westen) und solitäre Stöcke (zunehmend gegen Osten). Diese entspricht den orographisch orientierten Systemen, wie der Alpenvereinseinteilung der Ostalpen (AVE), der Vereinheitlichten orographischen Einteilung (IVOEA/SUOISA), oder der Gebirgsgruppengliederung nach Trimmel – mit der Einschränkung, dass die dort angegebenen Gruppen auch die Grauwacken-, Flysch-, Helvetikum- und Molasse-Anteile subsumieren, und einige Kalkberge anderorts zugeordnet werden.

Zu den bekanntesten weitgehend gänzlich kalkigen Gruppen der Kalkhochalpen gehören Rätikon, Lechquellengebirge, Lechtaler Alpen, Wettersteingebirge und Mieminger Kette, Karwendel, Kaisergebirge, Loferer und Leoganger Steinberge, Berchtesgadener Alpen, Tennengebirge, Dachsteingebirge, Totes Gebirge, Gesäuseberge, Hochschwabgruppe, Mürzsteger Alpen und Rax-Schneeberg-Gruppe.

Geomorphologie Gletscher mini|300px|Der Hallstätter Gletscher 2011 mini|300px|Der Höllentalferner vom Jubiläumsgrat im September 2005

In den Nördlichen Kalkalpen sind nur noch sehr kleine und kleinste Gletscher vorhanden.

Der größte Teil der Nördlichen Kalkalpen ist gletscherfrei. Die noch verbliebenen Gletscher der Nördlichen Kalkalpen weisen im Vergleich zu den Gletschern der zentralen Ostalpen oder gar der Westalpen nur eine geringe Dimension auf. In den südlichen Kalkalpen der Ostalpen sind aber wieder größere Gletscher anzutreffen.

Die Gletscher der Nördlichen Kalkalpen sind – wie viele andere Gletscher der Alpen und weltweit – seit 1850 in einem Schrumpfungsprozess begriffen. Ob auch die jährliche Schneebedeckung der Berge von der klimatischen Erwärmung betroffen ist, lässt sich nicht eindeutig ermitteln. Bisher ist noch nicht festzustellen, dass die Hochregionen auch früher im Jahr schneefrei werden.

Nur noch wenige Gletscher, die diesen Namen tragen, weisen in den Nördlichen Kalkalpen die für Gletscher typischen Eigenschaften auf, wie Gletscherspalten, Randkluft und Fließen des Eises. Selbst bei einem Anhalten der gegenwärtigen Klimatendenz werden die meisten Gletscher der Nördlichen Kalkalpen wohl spätestens in 50 bis 100 Jahren verschwunden sein.

Gletscher werden im bajuwarischen Sprachbereich – in Bayern und in Tirol – als „Ferner“ bezeichnet. In anderen Gebieten der Nördlichen Kalkalpen wird der hochdeutsche Begriff verwendet.

Die mit Abstand größten Gletscher der Nördlichen Kalkalpen befinden sich in der Dachstein-Gruppe. Der Hallstätter Gletscher ist der größte Gletscher des Dachsteins. Diese Untergruppe beherbergt noch zwei weitere größere Gletscher, den Großen Gosau- und den Schladminger Gletscher. Die anderen Gletscher des Dachsteingebirges sind heute kaum mehr als Eisfelder, wie der Edelgrießgletscher, der Südliche und Nördliche Torsteingletscher, der Kleine Gosaugletscher und der Schneelochgletscher.

Der Schneeferner im Wettersteingebirge ist der größte Gletscher Deutschlands. Vor Jahren noch wurde hier Sommerskilauf betrieben. Dieser Gletscher ist inzwischen soweit geschrumpft, dass er sich längst in zwei Teile gespalten hat, den Nördlichen und Südlichen Schneeferner. Das Wettersteingebirge beherbergt mit dem Höllentalferner den am besten ausgebildeten deutschen Gletscher mit einer Vielzahl von Spalten, Randkluft und Gletscherzunge. Über diesen führt der berühmte Höllentalanstieg auf die Zugspitze.

In den Berchtesgadener Alpen wird die Nordabdachung des Hochkönigs von der Übergossenen Alm überzogen – ein Plateaugletscher, der aber neuerdings zunehmend Auflösungserscheinungen zeigt. Das ebenfalls stark in seiner Existenz bedrohte Blaueis am Hochkalter gilt als nördlichster Gletscher der Alpen. Auch der Watzmanngletscher wird von der Bayerischen Akademie der Wissenschaften als Gletscher angesehen. Am Fuß der Watzmann-Ostwand befindet sich der Lawinenkegel der Eiskapelle, dessen unteres Ende auf 930 m Seehöhe liegt und bei dem es sich damit um das niedrigste ganzjährig vorhandene Eisfeld der Alpen handeln dürfte.

In den Allgäuer Alpen wird die Südflanke der Mädelegabel vom Schwarzmilzferner eingenommen, der durch die starke Abschmelzung der letzten Jahrzehnte seinen Gletschercharakter zunehmend eingebüßt hat. Der berühmte Heilbronner Weg führt direkt über das jetzige „Gletscherchen“.