Der Begriff Combined Bomber Offensive (CBO; Der Begriff Combined kennzeichnet im angloamerikanischen Militärjargon Operationen, an denen mehr als eine nationale Streitkraft beteiligt ist.; Codename: Operation Pointblank) bezeichnet den strategischen Luftkrieg im Zweiten Weltkrieg der anglo-amerikanischen Alliierten gegen das Deutsche Reich von 1943 bis 1945. Die auf der Casablanca-Konferenz beschlossene Offensive entsprang ursprünglich dem Bemühen der Alliierten, den militärischen Druck auf Deutschland aufrechtzuerhalten, während die Operation Overlord vorbereitet wurde, und richtete sich gegen „das deutsche militärische, industrielle und wirtschaftliche System“ und den Durchhaltewillen der Zivilbevölkerung.
Die Kampagne vereinte zwei zunächst sehr unterschiedliche Strategien – die Nachtangriffe des RAF Bomber Command gegen Flächenziele und die Tagangriffe der United States Army Air Forces (USAAF) gegen Punktziele – zu einer Gesamtstrategie, die bis zum Kriegsende zur weitgehenden Zerstörung nahezu aller deutschen Großstädte und zahlreicher Mittel- und Kleinstädte führte.
Vorgeschichte Luftkriegsdoktrinen der beteiligten Luftstreitkräfte Sowohl Briten als auch Amerikaner brachten eigene Vorstellungen vom strategischen Bombenkrieg in Europa mit, als sie sich 1943 zur Combined Bomber Offensive entschlossen.
Die britische Luftkriegsdoktrin, entstanden in der Zeit nach dem „Blitz“ und festgelegt in der Area Bombing Directive von 1942, legte den Schwerpunkt auf die Demoralisierung der Zivilbevölkerung durch Flächenbombardements auf deutsche Städte. Nach einigen verlustreichen Versuchen mit Tagangriffen ging das britische Bomber Command bereits früh im Krieg zu einer fast ausschließlichen Nachtangriffsstrategie über.
In der amerikanischen Luftkriegsdoktrin, niedergelegt in den Direktiven AWPD-1 von 1941Mark Clodfelter: Pinpointing Devastation: American Air Campaign Planning before Pearl Harbor. In: The Journal of Military History. Vol. 58, No. 1 (Jan., 1994), S. 75–101. und AWPD-42 von 1942, waren Angriffe auf spezifische industrielle Schlüsselziele bei Tag vorgesehen. Kollateralschäden unter der Zivilbevölkerung sollten so weit wie möglich vermieden werden. Mit der schwer bewaffneten Boeing B-17 und dem Norden-Bombenzielgerät fühlte sich die USAAF diesen Anforderungen gewachsen. Ein Begleitschutz durch Jagdflugzeuge wurde zunächst nicht für notwendig erachtet, die in großen Höhen fliegenden Bomber sollten sich in dichten Formationen gegenseitig verteidigen.
Luftkriegstheoretiker beider Alliierten gingen davon aus, durch Luftangriffe, wenn schon nicht den Krieg allein entscheiden, so doch maßgeblich zu dessen Ausgang beitragen zu können. Dabei spielte auch das Bestreben eine Rolle, die Existenzberechtigung unabhängiger Luftstreitkräfte zu demonstrieren.
Der strategische Luftkrieg bis 1943 mini|hochkant|Arthur Harris, April 1944 Die Royal Air Force eröffnete den strategischen Luftkrieg gegen das Deutsche Reich im Mai 1940 im Zuge des Westfeldzugs. Nach der Bombardierung Rotterdams durch die deutsche Luftwaffe am 14. Mai wurde der strategische Luftkrieg gegen deutsche Städte autorisiert. Durch die deutschen Erfolge in die Defensive gedrängt (→ Luftschlacht um England) wurden Luftangriffe zum Mittel der Wahl, um den Krieg zum Gegner zu tragen. Die Effektivität dieser frühen Angriffe blieb jedoch gering, wie im Butt Report von 1941 offengelegt.
Untrennbar verbunden mit dem Luftkrieg des Bomber Command gegen Deutschland ist dessen Oberbefehlshaber seit Februar 1942, Air Marshal Arthur Harris. Unter seiner Führung ging das Bomber Command zu einer Strategie der Flächenbombardements über, wie sie in der Area Bombing Directive und im Dehousing Paper vorgesehen wurden. Primäres Ziel dieser Angriffe war die Moral der Zivilbevölkerung, deren Zerrüttung als wesentliche Bedingung eines erfolgreichen Kriegsausgangs galt.
Die United States Army Air Forces erschienen 1942 in Europa in Form der im Vereinigten Königreich stationierten Eighth Air Force. Diese führte im August 1942 ihre ersten Operationen gegen den europäischen Kontinent durch. Unter anderem aufgrund von Abgaben für die Operation Torch in Nordafrika Ende 1942 blieb ihre Beteiligung am Luftkrieg gegen die „Festung Europa“ jedoch zunächst überschaubar. Erst am 27. Januar 1943 flog die Eighth Air Force ihren ersten Angriff auf Ziele in Deutschland (55 Bomber – Wilhelmshaven und Emden).
Die Casablanca-Direktive mini|Kopie der Casablanca-Direktive Auf der Casablanca-Konferenz im Januar 1943, auf der die Kriegspläne der Alliierten für das Jahr 1943 besprochen wurden, wurde der Grundstein für die Combined Bomber Offensive gelegt. In der maßgeblich von dem britischen Air Vice-Marshal John Slessor entworfenen Direktive CCS 166/1/D der Combined Chiefs of Staff vom 21. Januar 1943 wurde als Ziel festgelegt:United States Department of State: Foreign relations of the United States. The Conferences at Washington, 1941–1942, and Casablanca, 1943. S. 781 f.
Als Primärziele wurden definiert: U-Boot-Werften die Flugzeugindustrie Transportziele Ölgewinnung und -verarbeitung weitere Ziele der Kriegsindustrie
Mit der Koordinierung der Luftoffensive zwischen Briten und Amerikanern wurde der Chef des britischen Luftstabs, Air Chief Marshal Charles Portal, beauftragt. Die sehr allgemein gehaltene Direktive räumte beiden Seiten die Möglichkeit ein, ihre jeweilige strategische Konzeption weitgehend unabhängig voneinander zu verfolgen.Overy: Der Bombenkrieg. Rowohlt 2014, S. 441.
Entstehung des CBO-Plans und Pointblank-Direktive Der Oberbefehlshaber der United States Army Air Forces, General Henry H. Arnold, hatte im Vorfeld der Casablanca-Konferenz im Dezember 1942 ein eigenes Analystenkomitee (Committee of Operations Analysts; COA) gebildet, um Schwachpunkte im deutschen industriellen System zu identifizieren. Die Experten legten am 8. März 1943 ihren Abschlussbericht vor, der neunzehn Sektoren der deutschen Wirtschaft zur Zerstörung vorschlug. Gemäß der „Industrial-Web-Theorie“ würde die Ausschaltung einzelner Schlüsselsektoren der deutschen Wirtschaft ausreichen, die deutsche Kriegsproduktion entscheidend zu lähmen. Auf der Basis dieses Berichts wurde unter Berücksichtigung der Empfehlungen des britischen Ministry of Economic Warfare, des britischen Air Staff und der Eighth Air Force eine Liste von 76 Primärzielen in sechs Kategorien zusammengestellt, die wie folgt priorisiert waren:Wesley Frank Craven, James Lea Cate: The Army Air Forces in World War II, Vol. II – Europe: Torch to Pointblank, August 1942 to December 1943. S. 364 f. U-Boot-Werften und -Basen Flugzeugindustrie Kugellagerwerke synthetisches Öl Gummi und Reifen militärische Transportfahrzeuge
Auf dieser Grundlage arbeitete ein anglo-amerikanisches Komitee unter Leitung von Haywood S. Hansell den „Plan für die kombinierte Bomberoffensive aus dem Vereinigten Königreich“ („CBO-Plan“, auch „Eaker-Plan“, nach Ira C. Eaker, dem Oberbefehlshaber der Eighth Air Force) aus. In diesem wurde eine Abfolge von Angriffen festgelegt und die Anzahl der benötigten Bomber bestimmt. Dem Plan zufolge sollten die amerikanischen Bomberstreitkräfte im Vereinigten Königreich bis Ende März 1944 auf eine Stärke von über 2700 schweren Bombern gebracht werden. Als Zwischenziel () mit höchster Priorität wurde die Reduzierung der deutschen Tagjagdstreitkräfte genannt. Am 29. April wurde der Plan von Eaker den Joint Chiefs of Staff vorgestellt und mit geringeren Modifikationen am 14. Mai auf der Washingtoner Trident-Konferenz von den Combined Chiefs of Staff genehmigt. Am 10. Juni wurde die Pointblank-Direktive, wie der Plan nun genannt wurde, an die zuständigen Befehlshaber ausgegeben. Zur Koordinierung der Pointblank-Offensive wurde zugleich ein Combined Operational Planning Committee unter Vorsitz von Brigadier General Orvil A. Anderson eingerichtet.
Verlauf 1943 Als die Combined Bomber Offensive somit am 10. Juni 1943 offiziell begann, war das Bomber Command seit drei Monaten in der Battle of the Ruhr engagiert, die noch bis Ende Juli fortgeführt wurde. Die „Schlacht um das Ruhrgebiet“ hatte Harris eröffnet, als die Oboe-Navigationshilfe einsatzbereit war, deren Reichweite gerade das Ruhrgebiet abdeckte. Flugzeuge der im Sommer 1942 aufgestellten Pathfinder Force benutzten das System, um für die nachfolgenden Bomberverbände das Ziel mit Leuchtbomben zu markieren. Bei schlechter Sicht kam das Bodenradar H2S zum Einsatz.
mini|Reichweiten der Begleitjäger von 1943 bis 1944 Aus Mangel an einem Begleitjäger, der Ziele tief in Deutschland erreichen konnte, war die Eighth Air Force bis zum Sommer 1943 hauptsächlich mit Angriffen auf deutsche U-Boot-Werften und -Basen an den Küsten Frankreichs, der Niederlande und Deutschlands beschäftigt. Am 11. Juni flog die „Eighth“ erstmals einen Angriff mit mehr als 200 viermotorigen Bombern auf Deutschland. Am 22. Juni fand der erste große Tagangriff durch die USAAF auf das Ruhrgebiet statt. Ziel waren die Chemischen Werke Hüls. Die Eighth Air Force hatte im Mai 1943 Versuche begonnen, die Boeing B-17 zu einem schwer bewaffneten Begleit-Gunship umzurüsten (Boeing YB-40). Dies war kaum mehr als eine Verlegenheitslösung, nachdem schon im Januar die Verlegung der zweimotorigen P-38-Langstreckenjäger in den Mittelmeerraum beschlossen worden war. Dies beließ nur die P-47 für Geleitaufgaben, deren Reichweite noch nicht für Einsätze über Deutschland ausreichte. Erst im Juli 1943 wurden die ersten Abwurftanks für die P-47 der Eighth Air Force verfügbar.
mini|links|Nachtangriff der RAF auf Hamburg am 24./25. Juli 1943 im Rahmen der Operation Gomorrha Zum ersten wirklich kombinierten Einsatz beider Luftstreitkräfte kam es während der Operation Gomorrha Ende Juli, als US-Bomber bei Tag am 25. Juli das bereits durch einen vorhergehenden britischen Nachtangriff schwer getroffene Hamburg angriffen. Dies war der Auftakt zur „Blitz Week“ der Eighth Air Force, während der erstmals auch Ziele tief in Deutschland angegriffen wurden, unter anderem die Focke-Wulf-Werke in Oschersleben. Die „Battle of Hamburg“ war die erste Gelegenheit, bei der die Briten Düppel, von ihnen „Window“ genannt, einsetzten, wodurch das deutsche Radarfrühwarnsystem der Kammhuber-Linie mit einem Schlag unwirksam wurde.
mini|B-17 über Schweinfurt am 17. August 1943 Den vorläufigen Höhepunkt der US-Bomberoperationen bildete die Operation Double Strike gegen Schweinfurt und Regensburg am 17. August. Die dabei erlittenen hohen Verluste wie auch die bei einem zweiten Angriff auf Schweinfurt im Oktober signalisierten, dass entgegen den Vorhersagen Missionen tief im Feindesland ohne Begleitschutz nicht erfolgversprechend durchgeführt werden konnten. Die Angriffe auf Kugellagerwerke waren im CBO-Plan vorgesehen worden. Aus amerikanischer Sicht womöglich kriegsentscheidend, tat Harris diese Angriffe gegen „panacea targets“ von vornherein ab. Die deutsche Rüstungsindustrie wurde dadurch nicht beeinträchtigt. Im September 1943 kam es zur ersten Mission, bei der die US-Bomber ihre Bombenlast absichtlich „blind“ abwarfen: bei einem Angriff auf Emden wurde das von den Briten übernommene H2S-Radar eingesetzt, um durch eine Wolkenschicht das Ziel zu bombardieren. Derartige Angriffe wurden im Herbst und Winter 1943/44 immer häufiger angewendet, damit die Bomber bei schlechten Wetterbedingungen dennoch aktiv eingesetzt werden konnten. Die Amerikaner entwickelten das System selbständig weiter und nannten ihre Version „H2X“.