Der Aspekt (von lateinisch aspectus „Hinsehen, Anblick, Blickrichtung“ zu aspicere „hinsehen, ansehen“) bezeichnet in der Linguistik eine grammatische Kategorie des Verbs. Der Aspekt drückt Unterscheidungen darin aus, wie sich die vom Verb beschriebene Situation relativ zur betrachteten Zeit erstreckt. Eine typische Aspekt-Unterscheidung besteht dann darin, ob ein Ereignis im Betrachtszeitraum vollständig enthalten ist und zum Abschluss gelangt (vollendeter Aspekt) oder ob es nicht vollständig enthalten ist (unvollendeter Aspekt).Wolfgang Klein: Time in Language. Routledge, London 1994.
Der Aspekt unterscheidet sich von der benachbarten Kategorie Tempus dadurch, dass das Tempus vielmehr das Verhältnis einer betrachteten Zeit zur Sprechzeit ausdrückt (man redet über die Vergangenheit bzw. Zukunft). Das Tempus ist am Sprechzeitpunkt, dem Jetzt, verankert, also deiktisch. Nicht so der Aspekt: Er beschreibt nur die Relation zwischen dem betrachteten Zeitraum und der Ausdehnung der beschriebenen Situation. Dieses Paar aus Betrachtzeit und Situationszeit kann dann als Ganzes in die Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft eingeordnet werden. Dementsprechend wird in vielen Sprachen die Kategorie des Aspekts zusätzlich zum Tempus ausgedrückt, wobei es auch Formen geben kann, die Aspekt- und Tempusangaben in eins kombinieren (so etwa in den romanischen Sprachen).
Der Aspekt kann durch Wortformen des Verbs, also morphologisch realisiert sein, das heißt, es gibt unterschiedliche Konjugationsendungen oder bestimmte Stammveränderungen im Verb zur Darstellung des Aspektes. Im Englischen hat die Verlaufsform die Funktion eines unvollendeten Aspekts, d. h. hier wird Aspekt durch ein Hilfsverb ausgedrückt.
Sprachen, die den Aspekt nicht als grammatische Kategorie markieren, wie etwa das (Standard-)Deutsche, können sich anderer Ausdrucksmittel bedienen, zum Beispiel kann die Information, die durch einen unvollendeten Aspekt vermittelt wird, im Deutschen oft durch Adverbien wie „gerade“ oder „immer“ signalisiert werden.Östen Dahl: Tense and aspect systems in the languages of Europe. Blackwell, Oxford 1985. Differenzierter: Karen Ebert: Progressive Markers in Germanic Languages. In: Ö. Dahl (Hrsg.): Tense and Aspect in the Languages of Europe. Mouton de Gruyter, Berlin 2000, S. 605–654. (Zum deutschen gerade v. a. Abschnitt 4) (Zum Beispiel: „Sie bäckt gerade einen Kuchen, er ist aber noch nicht fertig.“)
Vom Aspekt wird die Aktionsart unterschieden, die nicht wie der Aspekt eine grammatische Kategorie ist, sondern eine Klassifikation von Wortbedeutungen darstellt.Bernd Kortmann: The Triad “Tense-Aspect-Aktionsart”. Problems and possible solutions. In: Carl Vetters (Hrsg.): Perspectives on aspect and Aktionsart. Belgian journal of linguistics, 6., Ed. de l’Univ. de Bruxelles, Brüssel 1991, S. 9–27 (freidok.uni-freiburg.de). Aktionsart wird allerdings, vor allem in der englischsprachigen Fachliteratur, auch lexikalischer Aspekt (oder situation aspectCarlota Smith: The parameter of aspect. Kluwer, Dordrecht 1997.) genannt. Diese Verwendungsweise stammt aus der Betrachtung des Russischen, das keine separaten Flexionsmorpheme zum Ausdruck des Aspekts besitzt, sondern den Aspekt mithilfe der Morphologie ausdrücken muss, die eigentlich zur Bildung von Aktionsarten dient. Beispielsweise können von dem Verb читать (tschitat') „lesen“ abgeleitete Aktionsarten gebildet werden, wie прочитать (protschitat') „durchlesen“ oder почитать (potschitat') „eine Zeitlang lesen“. Diese Aktionsarten weisen eine natürliche Assoziation zu einem perfektiven Aspekt auf, und werden daher als standardmäßiger Ausdruck dieses Aspekts angesehen. Für den Ausdruck der reinen Aktionsart, die mit „durch-“ angezeigt wird, kann allerdings auch wieder eine besondere imperfektive Form gebildet werden: Dies geschieht dann durch eine Weiterbildung wie прочитывать (protschityvat') „durchlesen“, in der das zusätzliche Morphem -ыва- (yva) die normale Verbindung zum perfektiven Aspekt aufhebt.
Insgesamt entsteht also häufig eine begriffliche Unschärfe: Mit dem Wort „Aspekt“ ist standardmäßig eine grammatische Kategorie gemeint (wie oben), aber manchmal geschieht auch eine Ausdehnung auf allgemeinere zeitbezogene Eigenschaften von Verbbedeutungen.
Zusammenspiel von Aspekt und Tempus Im Gegensatz zum Tempus (das heißt der „Zeitstufe“) bezieht sich der Aspekt nicht auf den Zeitpunkt des Vorgangs relativ zum Moment der Aussage (Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft), sondern auf die Art und Weise, wie dieser Vorgang betrachtet wird (das heißt der „Zeitrichtungsbezug“).
Die Begriffe Tempus und Aspekt werden jedoch nicht in allen Sprachen gleich deutlich voneinander geschieden. Dies hängt damit zusammen, dass es Sprachen gibt, in denen die Aspektunterscheidung morphologisch nur in Vergangenheitstempora ausgedrückt wird, so dass die Aspekte mit den Tempusbezeichnungen verknüpft sind. Beispielsweise ist das lateinische Imperfekt ein Vergangenheitstempus im unvollendeten Aspekt (daher der Name). Andere Sprachen unterscheiden morphologisch nur den Aspekt und kennen keine grundsätzliche Kategorisierung in Zeitstufen. In wieder anderen Sprachen werden Zeitstufen und Aspekte systematisch miteinander kombiniert, so dass zu jedem Aspekt drei Zeitstufen existieren. Das Deutsche wiederum hat zwar ein Tempussystem, aber keine grammatische Kategorie des Aspekts.
Hans Reichenbach schuf eine Terminologie zum Verständnis der versprachlichten Zeitenfolge.Hans Reichenbach: Elements of Symbolic Logic. Macmillan Co., New York 1947.Martin Becker: (PDF.) In: Günther Grewendorf, Arnim von Stechow (Hrsg.): Linguistische Berichte. Heft 221. Helmut Buske, Hamburg 2010, , S. 79–108. Er beschrieb die Tempora mittels zweier Relationen zwischen den zuvor genannten drei Bezugspunkten. Für die Charakterisierung der verschiedenen Tempusformen wurde die Relation zwischen dem Sprechzeitpunkt S und dem Referenzpunkt R gesetzt sowie diejenige zwischen dem Ereigniszeitpunkt E und dem Referenzpunkt R.Ángeles Carrasco Gutiérrez: Reichenbach y los tiempos verbales del español. Dicenda. Cuadernos de Filología Hispánica. 12, 1994, S. 69–86, (revistas.ucm.es).
In seinem von ihm ursprünglich formulierten Ansatz konnten aber nur temporale Relationen zwischen diesen drei Bezugspunkten beschrieben werden. Weiterentwicklungen seiner Theorie waren dann auch in der Lage, komplizierte Beschreibungen der Vergangenheitstempora, wie etwa die des Imperfekts, zu erklären.
Mit der Kategorie des Aspekts werden in den romanischen Sprachen, etwa im Spanischen als das Gegensatzpaar pretérito imperfecto für das unabgeschlossene Ereignis und des pretérito perfecto (compuesto) bzw. pretérito indefinido für eine abgeschlossene Handlung bestimmt. Im Spanischen, stellvertretend für die übrigen romanischen Sprachen, sind die Begriffe Tempus und Aspekt jedoch nicht so deutlich voneinander geschieden wie in den slawischen Sprachen. Dies liegt daran, dass die Aspektunterscheidung morphologisch nur in den Vergangenheitstempora ausgedrückt wird, dadurch fällt der Aspekt mit den Tempusbezeichnungen zusammen.Silvia Ramírez Gelbes: Aspectualidad y significado léxico: el caso de intentar en el discurso académico. Espacios Nueva Serie. Estudios literarios y del lenguaje. Año II / Nr. 2, 2006, S. 242–261 (academia.edu). Dennoch werden bei der Betrachtung des Aspektes nicht die „Zeitstufen“, also die Tempora in den Mittelpunkt gestellt, sondern die zeitliche Struktur von Handlungen, der „Zeitrichtungsbezug“.Erwin Koschmieder: Zeitbezug und Sprache. Ein Beitrag zur Aspekt- u. Tempusfrage. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1971, ISBN 3-534-05775-9, Nachdruck von B. G. Teubner, Leipzig 1929.
Für den Aspekt ist es entscheidend, welche Ausdehnung eine Handlung besitzt, ob sie abgeschlossen ist oder noch andauert und wie der Sprecher in diese Situation integriert ist. Folgt man den Reichenbach’schen Überlegungen so läge ein perfektiver Aspekt vor, wenn die Referenzzeit R die Ereigniszeit E einschließt oder ihr nachgeschaltet ist. Wird die Referenzzeit R von der Ereigniszeit E inkludiert, spricht man von einem imperfektiven Aspekt. Liegt E vollständig vor R, kann dies auch als perfektischer Aspekt bezeichnet werden, liegt E vollständig nach R, ergibt sich ein prospektiver Aspekt.
Geschichte des Begriffs Aspekt ist eine Lehnübersetzung des Begriffs видъ (vid, deutsch „Ansicht“) aus der altkirchenslawischen Grammatik des Meletij Smotrićkyj (1619),Meletij Smotryckyj: Hrammatiki Slavenskija Pravilnoe Syntagma. Jevje 1619. (deutsch: Kirchenslavische Grammatik. digi20.digitale-sammlungen.de). der seinerseits als Lehnübersetzung auf das Wort aus der griechischen Grammatik des Dionysios Thrax aus dem 2. Jahrhundert v. Chr. zurückgeht.Horst G. Klein: Tempus, Aspekt, Aktionsart. Max Niemeyer Verlag, Tübingen 1974, S. 76.
Der russische Sprachwissenschaftler Nikolai Iwanowitsch Gretsch (1830)Nikolaj I. Greč: Prostrannaja russkaja grammatika. Sankt Petersburg 1830. führte den Begriff видъ (heutige Orthografie: вид) in die russische Grammatik ein; er verstand darunter jedoch das morphologische Verhältnis von Grund- und abgeleiteter Form eines Verbs. Karl Philipp Reiff, ein Schweizer Philologe und Lexikograph, gab in einer späteren französischen Übertragung (1829)Karl Philipp Reiff: Grammaire raisonnée de la langue russe, précédée d’une introduction sur l’histoire de cet idiome, de son alphabet et de sa grammaire. Sankt Petersburg 1829. dann das russische Wort видъ mit der Bezeichnung aspect wieder. So gelangte der zunächst für slawische Sprachen genutzte Begriff auch in die Terminologie der Romanistik.
Es war der Philologe Georg Curtius (1846)Georg Curtius: Die Bildung der Tempora und Modi im Griechischen und Lateinischen sprachvergleichend dargestellt. Wilhelm Besser, Leipzig 1846. Privatdozent an der Universität Berlin und späterer Hochschullehrer für klassische Philologie an der Universität Leipzig, der den ersten Versuch unternahm, die Kategorie des Aspekts auf weitere indoeuropäische Sprachen auszudehnen, und damit begann, das Tempus vom Aspekt und der späteren Aktionsart begrifflich abzutrennen. Curtius unterschied in seinem Werk zwischen „Zeitstufe“ und „Zeitart“. In der Zeitstufe sah er den zeitlichen Standpunkt einer Handlung, wogegen die Zeitart die Art und Weise des Ablaufs der Verbalhandlung bestimmte.
Karl Brugmann (1887),Karl Brugmann, Berthold Delbrück: Grundriß der vergleichenden Grammatik der indogermanischen Sprachen. Karl J. Trübner, Strassburg 1887. ein Schüler von Curtius an der Universität Leipzig, beschäftigte sich zeitgleich mit dem indogermanischen Verbalsystem. Zusammen mit Berthold Delbrück entwickelte er den Ansatz von Curtius weiter, da er der Meinung war, dass der Begriff der Zeitart zu unscharf von der Zeitstufe abgegrenzt sei. Brugmann war es auch, der den Terminus „Aktion“ mit in die wissenschaftliche Diskussion aufnahm; er sah in der „Aktion“ mehr die Art und Weise ausgedrückt, wie die Handlung eines Verbs vor sich geht im Gegensatz zur „Zeitstufe“.
Eine erste wissenschaftlich fundierte Definition des Begriffs „Aktionsart“ bzw. Differenzierung zwischen „Aspekt“ und „Aktionsart“ lieferte der Slawist Sigurd Agrell (1908).Sigurd Agrell: Aspektänderung und Aktionsartbildung beim polnischen Zeitworte. Ein Beitrag zum Studium der indogermanischen Präverbia und ihrer Bedeutungsfunktionen. Lund 1908. Bis dahin waren diese Begriffe synonym gebraucht worden, was aber zum Teil auch bis in die gegenwärtige Literatur noch der Fall ist.
Arten des Aspekts mini|Veranschaulichung der Aspekte Imperfektiver Aspekt
Der imperfektive Aspekt ( ‚unvollendet‘) betrachtet eine Handlung ohne Hinblick auf ihre Abgeschlossenheit, also auf einen Zustand, der entweder andauert (durativ), sich dauernd wiederholt (iterativ) oder gewöhnlich stattfindet (habituativ).