mini|Zeichnung von E. T. A. Hoffmann zu seiner Erzählung Der Sandmann Der Sandmann ist eine Erzählung von E. T. A. Hoffmann in der Tradition des Kunstmärchens der Schwarzen Romantik, die erstmals 1816 veröffentlicht wurde. Sie erschien ohne explizite Nennung des Autors in der Berliner Realschulbuchhandlung als erste Erzählung in Hoffmanns Sammlung Nachtstücke.
Die Erzählung gilt als die meist gelesene und gedeutete Erzählung der deutschen Romantik.
Inhalt Der Protagonist Nathanael, ein Phystikstudent, berichtet Lothar in einem Brief von der Begegnung mit dem Wetterglashändler Giuseppe Coppola, dessen Anblick Erinnerungen an seine Kindheit hervorruft. Damals hatte seine Mutter den Kindern angekündigt, der „Sandmann“ komme, wenn sie abends nicht zu Bett gehen wollten. Nathanael entwickelte daraufhin die Vorstellung eines unheimlichen Wesens, das Kindern die Augen ausreiße. Später identifiziert er den gefürchteten Sandmann mit dem Advokaten Coppelius, der regelmäßig mit seinem Vater nächtliche alchemistische Versuche durchführte. Als Nathanael heimlich eine solche Zusammenkunft beobachtet, wird er von Coppelius entdeckt und misshandelt. Ein Jahr später kommt es bei einem erneuten Versuch zu einer Explosion, bei der Nathanaels Vater ums Leben kommt. Coppelius verschwindet daraufhin aus der Stadt. Nathanael ist überzeugt, dass Coppelius für den Tod seines Vaters verantwortlich ist, und erkennt in dem inzwischen unter dem Namen Coppola auftretenden Wetterglashändler denselben Mann. Klara versucht, seine Angst rational zu erklären. Sie führt Nathanaels Erlebnisse auf seine eigene Einbildungskraft zurück. Nathanael lehnt diese Deutung ab und entwickelt zunehmend eine düster geprägte Weltsicht.
Nathanael beschäftigt sich immer stärker mit seinen düsteren Vorstellungen und verfasst ein Gedicht, in dem Coppelius als zerstörerische Macht erscheint, die seine Liebe zu Klara bedroht. Als Klara das Gedicht als „tolle“ und „wahnsinnige“ Phantasie bezeichnet, beschimpft Nathanael sie als „Automat“. Ihr Bruder Lothar greift daraufhin Nathanael an, worauf es beinahe zu einem Duell kommt. Klara verhindert den Kampf, und die drei versöhnen sich.
Nathanael kehrt anschließend zu seinem Studienort zurück. Dort bezieht er nach einem Brand seines Hauses ein Zimmer gegenüber dem Haus des Physikprofessors Spalanzani. Durch ein von Coppola erworbenes Perspektiv beobachtet er Spalanzanis Tochter Olimpia, die er zunächst für eine schöne und geheimnisvolle junge Frau hält. Bei einem von Spallanzani veranstalteten Fest verliebt er sich in sie. Während die übrigen Anwesenden Olimpias starres Verhalten, ihre mechanischen Bewegungen und ihre auffällige Wortkargheit bemerken, deutet Nathanael gerade diese Eigenschaften als Zeichen einer besonderen geistigen und seelischen Tiefe. Er vernachlässigt Klara und richtet seine gesamte Aufmerksamkeit auf Olimpia.
Als Nathanael seine Liebe gegenüber Olimpia erklären und ihr einen Ring schenken will, entdeckt er Spalanzani und Coppola in einem heftigen Streit um die Gestalt Olimpias. Beide versuchen, sie an sich zu reißen. Coppola entreißt Spalanzani schließlich Olimpia und flieht mit ihr. Spalanzani erklärt, dass er ihren Körper konstruiert, während Coppola beziehungsweise Coppelius die Augen gefertigt habe und Olimpia somit lediglich eine leblose Puppe sei. Als Spalanzani Nathanael die herausgerissenen Augen entgegenwirft, verfällt dieser dem Wahnsinn und wird in eine Anstalt gebracht.
Nach einiger Zeit scheint Nathanael geheilt. Er kehrt zu Klara zurück und plant mit ihr ein gemeinsames Leben. Die Familie erhält durch eine Erbschaft die Möglichkeit, auf ein Landgut zu ziehen. Nathanael scheint seine frühere Krise überwunden zu haben. Kurz vor dem Umzug besteigen Nathanael und Klara jedoch einen Ratsturm. Nathanael betrachtet Klara durch Coppolas Perspektiv und verfällt erneut in Wahnsinn. Er versucht, Klara vom Turm zu stürzen, doch Lothar kann sie im letzten Augenblick retten. Nathanael sieht anschließend den inzwischen wieder aufgetauchten Coppelius auf dem Marktplatz und stürzt sich mit dem Ruf „Sköne Oke“ vom Turm in den Tod. Coppelius verschwindet in der Menge. Jahre später wird Klara mit einem anderen Mann und zwei Kindern gesehen, sodass die Erzählung mit der Aussicht auf ein ruhiges bürgerliches Familienleben für sie endet.
Aufbau In der Druckfassung gliedert sich Der Sandmann in fünf Teile. Die ersten drei bilden die beiden Briefe des Protagonisten Nathanael und Claras Antwortbrief, gefolgt von der Geschichte Nathanaels und Claras bis zum drohenden Zweikampf zwischen Nathanael und Claras Bruder Lothar. Der letzte und zugleich weitaus längste Teil erzählt von Nathanaels leidenschaftlicher Liebe zum Automaten Olimpia und schildert sein weiteres Schicksal bis zu seinem Tod, bevor der Text schließlich mit dem Gerücht über Claras bürgerliches Glück mit einem anderen Mann endet.
Die Teile der Erzählung unterscheiden sich nach der Germanistin Britta Herrmann sowohl in ihrer narrativen Gestaltung als auch typographisch voneinander und bieten unterschiedliche Sichtweisen auf die Geschichte des Protagonisten Nathanael.
Die Erzählung setzt unvermittelt und zunächst erzählerlos mit drei Briefen in subjektiver Perspektive ein. Typographisch von diesen abgesetzt, beginnt ein neuer Teil mit einem Erzähler, der sich ausdrücklich darum bemüht, bei der aufgeklärten Leserschaft Akzeptanz für das Wunderbare zu erzeugen. Zunächst gibt er sich als Teil der diegetischen Welt zu erkennen, indem er Nathanael etwa als „armen Freund“ bezeichnet, und verleiht dem Erzählten dadurch den Anschein von Authentizität. Zugleich spricht er den Leser in der zweiten Person an. Dies stellt einen metaleptischen Trick dar, der die Grenze zwischen der Welt des Lesers, des Erzählers und der Erzählung aufzuheben scheint und dazu führt, dass die Leser „sich selbst mitten im Bilde“ sehen.
Im letzten Teil der Erzählung setzt eine Irrealisierung des Realen ein, die ebenfalls typographisch markiert ist. Hier wechselt die Erzählperspektive zwischen auktorialer und personaler Darstellung.
Interpretation
Themen E.T.A. Hoffmann verarbeitet in Der Sandmann verschiedene Themen: Das Augenmotiv: Die Bedeutung der Augen ist ein zentrales Thema: beim Sandmann im Ammenmärchen, bei Nathanaels Angstträumen, in seinem Gedicht, bei Olimpia und in weiteren Textstellen. Augen sind Sinnesorgane, mit welchen die objektive Realität wahrgenommen wird. Jemandem Sand in die Augen zu streuen, bedeutet, ihm die Wahrnehmung der Wirklichkeit zu nehmen. Die Welt wird dann nur noch durch die eigenen Vorstellungen, schlimmstenfalls Angstträume oder Wahnsinn wahrgenommen. Ein ähnliches Mittel, um jemanden von der Wirklichkeit abzukoppeln, sind Brillen, die ideologisch eingefärbt sind, oder Coppolas Perspektiv. Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass Nathanael beim Hindurchsehen einen Automaten für einen Menschen hält. Augen spiegeln auch die eigene Lebendigkeit wider, vielleicht auch die Seele. Sie sind eine Schwachstelle an der Automatenpuppe Olimpia, die nur durch den Blick durchs Perspektiv vertuscht wird. Sigmund Freud beschäftigte sich mit Hoffmanns Erzählung in seinem Aufsatz Das Unheimliche. Für Freud steht das Augenmotiv im Zentrum der Erzählung. Er schreibt: „Im Mittelpunkt der Erzählung steht […] ein […] Moment, nach dem sie auch den Namen trägt, und das an den entscheidenden Stellen immer wieder hervorgekehrt wird: das Motiv des Sandmannes, der den Kindern die Augen ausreißt.“ Freuds Deutung beruft sich auf die damalige „psychoanalytische Auffassung“: „Das Studium der Träume, der Phantasien und Mythen hat uns dann gelehrt, daß die Angst um die Augen, die Angst zu erblinden, häufig genug ein Ersatz für die Kastrationsangst ist.“ Das Verhältnis Mensch – Maschine: Durch das Perspektiv, ein wissenschaftliches Instrument, wird der Wahnsinn Nathanaels immer wieder ungewollt hervorgerufen. Auch die Gäste auf Spalanzanis Ball scheinen nicht auf den ersten Blick den Unterschied von Mensch und Maschine zu erkennen. Kritik an der aufklärerischen Gesellschaft: Der Wissenschaftler wird in Form des Spalanzani kritisiert, der die Grenzen der Wissenschaft nicht zu kennen scheint und seine Mitmenschen bewusst hintergeht. Das Feuermotiv: Feuer steht in Der Sandmann immer am Anfang einer Veränderung. Durch alchemistische Experimente stirbt Nathanaels Vater bei einer Explosion. Nathanael ist daraufhin wochenlang krank. Auch das Feuer in seinem Studentenzimmer führt dazu, dass er in das Haus gegenüber von Spalanzani einzieht und so auf Olimpia trifft. Feuer und Hitze stehen in Zusammenhang mit Nathanaels zunehmendem Wahnsinn. Zu Beginn empfindet er noch eine „glühende Liebeslust“ für Clara, später bezeichnet er Olimpias Augen als „lebendig flammend“. Der Höhepunkt des Wahnsinns wird erreicht, als Nathanael auf dem Turm mehrmals „Feuerkreis, dreh dich“ ruft und anschließend in den Tod springt.
Rezeption
Rezeption in Deutschland Nach Einschätzung der Germanistin Britta Herrmann war zunächst nicht abzusehen, dass die Erzählung Der Sandmann einmal „die meist gelesene und gedeutete Erzählung der deutschen Romantik“ werden würde. Die deutsche Rezeption der Erzählung fiel im 19. Jahrhundert zunächst enttäuschend aus. Wenn der Text überhaupt wahrgenommen wurde, erhielt er meist vernichtende Urteile. Ein anonymer Rezensent der Allgemeinen Literatur-Zeitung schrieb 1817 über die Erzählung, diese sei „ein schauderhaftes Nachtstück“, in dem die „Schwärmerey und Geistesfurcht“ in „selbstvernichtender Verrückung“ ende. Des Weiteren überschreite nach dem Rezensenten „der gräßliche Ernst die Grenze der Dichtung“. Abschließend fragte er: „darf der Dichter seine Menschen schaffen, um sie zu vernichten?“ Fast durchweg negativ fallen auch die Bemerkungen des Literaturkritikers Konrad Schwenck in einem Beitrag für die Zeitschrift Hermes oder Kritisches Jahrbuch der Literatur aus dem Jahr 1823 aus. Die Darstellung der Erzählung erschien ihm „ungeschickt und trotz aller groben Pinselstriche so matt“, dass „kein Interesse, kein Leben sichtbar wird“. Das meiste an der Erzählung empfand Schwenck als „lächerlich und unglaublich“, insbesondere Nathanaels Verhalten, das „nur medicinisches Mitleid erweckt, und eine scheusliche Beleidigung des Gefühls [...] mit sich führt.“ mini|204x204px|Heinrich Voß (1800) Die Erzählung Der Sandmann wurde in den wenigen zeitgenössischen Zeugnissen über die Nachtstücke nach dem Literaturwissenschaftler Hartmut Steinecke zwar vor allem abwertend erwähnt, doch gab es auch positive Urteile. Der Philologe Heinrich Voß bezeichnete die Erzählung als „eine der geistreichsten Erzählungen unserer Zeit“, bemängelte zugleich jedoch, dass sich der Sandmann „wiederum in Schauer und Entsetzen“ umtreibe. Der Schriftsteller Willibald Alexis bewunderte in seinem Essay von 1823 „die reine Darstellung“ der Erzählung, wünschte sich jedoch zugleich, „daß einige höchst originelle Ideen, in einer minder gräslichen und widerlichen Dichtung erschienen wären, um das Ganze mit Vergnügen noch einmal lesen zu können.“
Für die weitere deutsche Rezeption war der einflussreiche Aufsatz des schottischen Autors Walter Scott von 1827 mit dem Titel On the Supernatural in Ficticious Composition; and particularly on the Works of Ernest Theodore William Hoffmann von Bedeutung, in dem er die Erzählung als nicht interpretierbar und ihren Autor als Fall für den Psychiater darstellte. Die Vorstellung, die Erzählung sei ein warnendes Beispiel krankhafter Einbildungskraft, fand bei Johann Wolfgang Goethe Zustimmung, was für die Rezeption des Sandmanns im 19. Jahrhundert prägend wurde.
Rezeption in Frankreich Hoffmann gelangte in England und vor allem in Frankreich zunächst zu größerer Berühmtheit als in Deutschland. Die erste Übersetzung erschien 1830 in Frankreich und die „hoffmanneske Manier“ beeinflusste zahlreiche französische Schriftsteller. Es ist jedoch keine direkte literarische Bearbeitung des Sandmann bekannt.