mini|hochkant|Norman Lamm (2007) Norman (Nachum) Lamm (* 19. Dezember 1927 in Brooklyn, New York, Vereinigte Staaten; gestorben 31. Mai 2020) war ein bekannter US-amerikanischer modern-orthodoxer Rabbiner, Gelehrter und Autor. Er war der Kanzler der Yeshiva University, bis er am 1. Juli 2013 seinen Rücktritt bekannt gab. Lamm hatte einen Ph.D. in Jüdischer Philosophie. Von 1976 bis 2003 war er als Nachfolger von Samuel Belkin der dritte Präsident der Yeshiva University (YU) und damit der erste in den Vereinigten Staaten geborene. Er war ein Schüler von Rabbiner Joseph Ber Soloveitchik (einem der einflussreichsten modernen Gelehrten des orthodoxen Judentums), welcher ihn 1951 am Rabbi Isaac Elchanan Theological Seminary (RIETS, die rabbinische Schule an der YU) zum Rabbiner ordinierte.

Aufarbeitung und Entschuldigung zu Fehlverhalten (2013) Im Jahr 2013, kurz nach seinem vollständigen Rückzug aus allen Ämtern der Yeshiva University, sah sich Norman Lamm mit Vorwürfen konfrontiert, er habe in seiner Zeit als Präsident (1976–2003) Berichte über sexuellen Missbrauch an der zugehörigen High School der Universität ignoriert oder unangemessen behandelt.

Das Entschuldigungsschreiben In einem öffentlichen Brief reagierte Lamm auf die Vorwürfe ehemaliger Schüler gegen die Rabbiner George Finkelstein und Macy Gordon. Er räumte dabei ein institutionelles und persönliches Versagen ein:

Eingeständnis von Fehlentscheidungen: Lamm schrieb, er habe zum Zeitpunkt der Meldungen in einer Weise gehandelt, die er damals für korrekt hielt, die sich jedoch rückblickend als „fehlgeleitet“ (ill conceived) erwiesen habe. Diskrepanz zwischen Absicht und Wirkung: Er reflektierte, dass seine Handlungen trotz guter Absichten nicht den notwendigen Anforderungen entsprochen hätten: „Man glaubt zu helfen, aber man tut es nicht.“ Rücktritt von Ehrentiteln: Infolge der Aufarbeitung trat Lamm von seinen Positionen als Kanzler und Professor für jüdische Philosophie zurück, um der Universität einen Neuanfang zu ermöglichen.

Institutionelle Folgen Die Vorwürfe führten zu weitreichenden Konsequenzen für die Yeshiva University: AspektAuswirkungJuristische AufarbeitungEine 380-Millionen-Dollar-Klage ehemaliger Schüler wurde 2014 aufgrund von Verjährungsfristen abgewiesen, was jedoch zu einer verstärkten Debatte über Gesetzesänderungen führte.UntersuchungsberichtDie Kanzlei Sullivan & Cromwell erstellte einen unabhängigen Bericht, der Versäumnisse in der Verwaltungshierarchie unter Lamms Leitung bestätigte.ReputationDer Fall gilt als Wendepunkt im Umgang mit Missbrauch in der modern-orthodoxen jüdischen Gemeinschaft in den USA.

Rechtliche Konsequenzen und Klageverfahren Die Aufarbeitung der Missbrauchsvorwürfe an der Yeshiva University (YU) zog sich über mehr als ein Jahrzehnt hin und war von mehreren juristischen Etappen geprägt.

1. Die 680-Millionen-Dollar-Klage (2013–2014) Im Jahr 2013 reichten 34 ehemalige Schüler der Yeshiva University High School for Boys (MTA) eine Zivilklage über 680 Millionen US-Dollar gegen die Universität, ehemalige Verwaltungsangestellte und das Kuratorium ein.

Vorwurf: Die Kläger warfen der Leitung eine systematische Vertuschung (massive cover-up) des Missbrauchs vor, der in den 1970er und 1980er Jahren stattgefunden haben soll. Urteil: Im Januar 2014 wies ein Bundesrichter die Klage ab. Ein Berufungsgericht bestätigte dies im September 2014. Begründung: Die Abweisung erfolgte ausschließlich aufgrund der damals geltenden Verjährungsfristen (statute of limitations). Die Richter sahen die Ansprüche als rechtlich verfallen an, da die Vorfälle Jahrzehnte zurücklagen.

2. Der Child Victims Act (2019) und die Wiederaufnahme Eine entscheidende Wende trat 2019 mit der Verabschiedung des New York Child Victims Act (CVA) ein. Dieses Gesetz öffnete ein einjähriges Zeit Fenster, in dem Opfer von Kindesmissbrauch zivilrechtliche Klagen einreichen konnten, selbst wenn diese bereits verjährt waren.

Neu Klage: Im August 2019 reichten daraufhin 38 ehemalige Schüler (später auf 48 angewachsen) eine neue Klage gegen die YU und den Nachlass des 2020 verstorbenen Norman Lamm ein. Gegenwehr der Universität: Die YU versuchte mehrfach, die Klage mit dem Argument abzuweisen, dass das neue Gesetz verfassungswidrig sei oder die frühere Abweisung von 2014 eine erneute Klage ausschließe (res judicata). Diese Anträge wurden im April 2024 vom New York Supreme Court abgelehnt.

3. Außergerichtliche Einigungen (2024) Im September 2024 wurde bekannt, dass die Yeshiva University erste Vergleiche mit einer Gruppe von neun Klägern geschlossen hat.

Status: Die Details dieser Einigungen (insbesondere die Entschädigungssummen) sind vertraulich. Es wird jedoch erwartet, dass dies der Auftakt für weitere Siedlungsgespräche mit den verbleibenden Klägern ist.

JahrEreignisErgebnis2013Erste Zivilklage über 680 Mio. $Abweisung 2014 wegen Verjährung.2019Child Victims Act (CVA)Gesetz ermöglicht Neuklage trotz Verjährung.2024Gerichtliche EntscheidungKlage wird zugelassen; YU-Anträge auf Abweisung scheitern.2024Erste VergleicheAußergerichtliche Einigung mit den ersten 9 Klägern. Rechtshistorik: Erwähne, dass die Klage von 2013 nicht aus inhaltlichen Gründen, sondern aufgrund der Verjährung abgewiesen wurde. Dies ist ein wichtiger neutraler Faktenpunkt.Benjamin Weiser: Judge Dismisses Abuse Lawsuit Against Yeshiva University. In: The New York Times, 15. Januar 2014, abgerufen am 28. März 2026. Gesetzesänderung: Der Child Victims Act von New York ist der entscheidende rechtliche Hebel, der die Wiederaufnahme ermöglichte.Ari Feldman: Dozens of Men Sue Yeshiva University Under New Child Victims Act. In: The Forward, 16. August 2019, abgerufen am 28. März 2026. Vergleiche: Die Tatsache, dass die Universität 2024 erste Vergleiche schloss, signalisiert das Ende einer jahrelangen rechtlichen Abwehrstrategie.Luke Tress: Yeshiva University settles with 9 former students who alleged sexual abuse. In: The Jewish Week / Jewish Telegraphic Agency, 12. September 2024, abgerufen am 28. März 2026.

Zusammenfassung Der Fall Norman Lamm und sein öffentliches Eingeständnis von Versäumnissen gelten als Wendepunkt im Umgang mit sexuellem Missbrauch innerhalb der modern-orthodoxen jüdischen Gemeinschaft in den USA.Nathaniel Popper: Norman Lamm Leaves Outsized Legacy in Modern Orthodoxy — And a Cloud. In: The Forward, 3. Juli 2013, abgerufen am 28. März 2026 (englisch). – Der Artikel beschreibt, wie Lamms Entschuldigung die jahrzehntelange Praxis des internen Schweigens in der orthodoxen Welt beendete. Er markierte das Ende einer Ära, in der Vorwürfe bevorzugt intern und ohne Einbeziehung der Strafverfolgungsbehörden behandelt wurden, und führte zu einer breiteren Debatte über Transparenz und Opferschutz in religiösen Institutionen.Uriel Heilman: Acknowledging failure on sex allegations, Lamm steps down from Y.U. In: Jewish Telegraphic Agency (JTA), 1. Juli 2013, abgerufen am 28. März 2026 (englisch). – Hier wird dargelegt, dass Lamms öffentliches Schuldeingeständnis (Mea Culpa) als beispielloser Schritt für einen Führer seiner Statur galt.

Weblinks Norman Lamm auf familydefensecouncil.com von Haredi Rabbi Elya Svei (1999) Artikel auf jewishsf.com

Video von Norman Lamm auf yutorah.org Yeshiva College

Einzelnachweise

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