Bei der Parlamentswahl in Indien 2014 wurde die Lok Sabha, das Unterhaus für das gesamtindische Parlament, gewählt. Die Wahl fand über mehrere Wahltermine verteilt vom 7. April 2014 bis zum 12. Mai 2014 statt. Gewählt wurden insgesamt 543 Abgeordnete in Einzelwahlkreisen nach dem relativen Mehrheitswahlrecht. Knapp 815 Millionen Inder waren wahlberechtigt, mehr Wähler, als die gesamte Europäische Union, die Vereinigten Staaten und Russland zusammen an Wählern haben. Nach der Stimmenauszählung am 16. Mai 2014 zeigte sich ein erdrutschartiger Sieg der Bharatiya Janata Party (BJP) und der von ihr angeführten Parteienkoalition National Democratic Alliance (NDA). Die Kongresspartei, die bisher die Regierung führte, erzielte das schlechteste Ergebnis aus allen gesamtindischen Wahlen der letzten 60 Jahre. Die Wahlbeteiligung war mit 66,4 % höher als bei Wahlen in der Vergangenheit. Parallel zur gesamtindischen Wahl fanden auch die Wahlen zu den Vidhan Sabhas, d. h. den Regionalparlamenten der Bundesstaaten Andhra Pradesh, Arunachal Pradesh, Odisha und Sikkim statt.
Vorgeschichte Die indische Verfassung sieht vor, dass das Unterhaus des Parlaments, die Lok Sabha, alle fünf Jahre neu gewählt werden muss. Die letzte Wahl fand im April/Mai 2009 statt. Die damalige Wahl hatte die Parteienkoalition United Progressive Alliance (UPA) unter Führung der Kongresspartei gewonnen. Die Opposition bestand aus der hindunationalistischen Bharatiya Janata Party (BJP) und ihren Verbündeten, die sich in der National Democratic Alliance (NDA) gesammelt hatten, sowie den linksgerichteten Parteien der sogenannten Third Front und Fourth Front. Nach den Wahlen bildete der damals schon 76-jährige Wirtschaftsprofessor Manmohan Singh eine Koalitionsregierung unter Führung der Kongresspartei.
Seit dieser letzten Wahl kam es zu Verschiebungen der Machtverhältnisse. Die UPA verlor 2012/2013 durch den Austritt zweier Koalitionspartner, des All India Trinamool Congress und der Dravida Munnetra Kazhagam, ihre Parlamentsmehrheit und war seitdem auf die Duldung durch die Samajwadi Party und die Bahujan Samaj Party angewiesen. Bei den Wahlen auf Bundesstaatsebene ergab sich ein gemischtes Bild: Die Kongresspartei verteidigte eine Reihe von Bundesstaaten, verlor aber die Wahlen in Goa (2012), Delhi und Rajasthan (beide 2013) gegen die BJP. Die BJP verteidigte ihrerseits Gujarat (2012), Madhya Pradesh und Chhattisgarh (beide 2013), verlor aber Uttarakhand, Himachal Pradesh (beide 2012) und ihre südliche Hochburg Karnataka (2013) an die Kongresspartei. Die als wichtig angesehene Wahl in Indiens größtem Bundesstaat Uttar Pradesh (2012) ging dagegen sowohl für die Kongresspartei als auch für die BJP enttäuschend aus. Die Präsidentschaftswahl am 19. Juli 2012 wurde wesentlich aufgrund Uneinigkeit der Opposition vom Kandidaten der Kongresspartei Pranab Mukherjee gewonnen.
Wahlkampfthemen Hauptwahlkampfthemen waren das sich verlangsamende Wirtschaftswachstum und die Preissteigerung. Hatte Indien in den Jahren 2004 bis 2008 noch jährliche Wachstumsraten von ungefähr 8 Prozent und mehr aufzuweisen, schwächte sich das Wachstum im Jahr 2013 auf weniger als 5 Prozent ab. Von westlichen Beobachtern wurden Defizite beim Ausbau und Erhaltung der indischen Infrastruktur sowie eine ineffiziente Bürokratie als Wachstumshindernisse genannt. Die Inflationsrate erreichte kurz vor den Wahlen 8,3 Prozent. Vor allem die Steigerung der Lebensmittel- und Spritpreise machte sich für viele Haushalte schmerzhaft bemerkbar. Der Spitzenkandidat der BJP, Narendra Modi, setzte im Wahlkampf vor allem auf das Wirtschaftsthema und versuchte so auch Wähler zu erreichen, die ansonsten nicht der BJP nahestehen. Aufgrund des wirtschaftlichen Aufschwungs im Bundesstaat Gujarat, den er seit 2001 regierte, gelang es Modi, sich als „Mann der Entwicklung“ (vikas purush) zu profilieren. Dagegen vermied die BJP im Wahlkampf klassische Hindutva-Themen wie den Bau des Ram-Janmabhumi-Tempels anstelle der von Hindu-Fundamentalisten zerstörten Babri-Moschee in Ayodhya. Dadurch versuchte Modi, das negative Image aufzupolieren, das ihm wegen seiner möglichen Mitverantwortung für die anti-muslimischen Pogrome 2002 in Gujarat anhing.,
Ein weiteres wichtiges Thema im Wahlkampf war die Korruption, die ein schwerwiegendes Problem in der politischen Klasse Indiens darstellt. Die Kongresspartei hatte mit einer Reihe von Korruptionsskandalen um die UPA-Regierung zu kämpfen. Der größte Fall drehte sich 2010 um die Vergabe von Mobilfunklizenzen durch den Telekommunikationsminister A. Raja. Die BJP versuchte im Wahlkampf die Skandale der Kongress-Regierung auszuschlachten, war aber ihrerseits auch in Korruptionsfälle verwickelt, etwa 2011 in einen Skandal um illegalen Bergbau im Bundesstaat Karnataka. Ein Problem, das alle Parteien betraf, waren kriminelle Machenschaften von Politikern. Nach Angaben von unabhängigen kritischen Beobachtern waren gegen etwa 30 Prozent aller Kandidaten bei der aktuellen Wahl Strafverfahren anhängig. In 13 Prozent davon handelte es sich um gravierende Tatbestände wie Mord, Mordversuch, Vergewaltigung, Raub, Erpressung oder Entführung. Auch gegen 162 der 543 Lok-Sabha-Abgeordneten liefen im Jahr 2009 Strafverfahren, in 75 Fällen handelte es sich um schwerwiegende Anklagen. Der Wunsch nach einer „sauberen“ Politik war dementsprechend groß. Im Jahr 2011 bildete sich unter der Führung des Aktivisten Anna Hazare indienweit eine außerparlamentarische Massenbewegung gegen Korruption. Aus einem Teil dieser Bewegung ging die Aam Aadmi Party (AAP) hervor, die bei ihrer ersten Teilnahme an Wahlen 2013 im Hauptstadtterritorium Delhi auf Anhieb zweitstärkste Kraft wurde und kurzzeitig eine Minderheitsregierung bildete. Im Wahlkampf für die gesamtindische Parlamentswahl versuchte sich die indienweit antretende AAP als Alternative zu den bestehenden Parteien zu positionieren.
Ein innenpolitisches Dauerthema waren Diskussionen um die Gründung des Bundesstaates Telangana. 2013 beschloss die indische Regierung, den anhaltenden Forderungen aus der Telangana-Region nachzukommen und Telangana mit Wirkung zum Juni 2014 als eigenen Bundesstaat aus Andhra Pradesh zu lösen. Die Entscheidung löste in Rest-Andhra-Pradesh politische Verwerfungen aus und führte zum Rücktritt der Kongress-Regierung Andhra Pradeshs und einer Spaltung innerhalb der Partei. Im Wahlkampf für die Lok-Sabha-Wahlen war die Telangana-Frage in Andhra Pradesh das beherrschende Thema.
Parteienkoalitionen mini|450px|Kandidaten der UPA. In 540 der 543 Wahlkreise trat ein Kandidat der UPA an. Um konkurrierende Doppelkandidaturen zu vermeiden, hatten sich die UPA-Parteien auf einen gemeinsamen Kandidaten pro Wahlkreis geeinigt. In den Wahlkreisen UP-21 (Mainpuri) und UP-42 (Kannauj) verzichtete die UPA auf die Aufstellung von Kandidaten, da dies die Wahlkreise von Mulayam Singh Yadav und Dimple Yadav von der Samajwadi Party (SP) sind. Im Gegenzug verzichtete die SP auf die Aufstellung von Kandidaten in den Wahlkreisen von Sonia Gandhi (UP-36, Rae Bareli) und Rahul Gandhi (UP-37, Amethi). mini|450px|Kandidaten der NDA. In jedem der 543 Wahlkreise trat ein Kandidat der NDA an. Auch hier hatten sich die NDA-Parteien auf einen gemeinsamen Kandidaten pro Wahlkreis geeinigt.
mini|450px|Kandidaten der beiden großen Kommunistischen Parteien traten in 164 Wahlkreisen an: Bei der Wahl standen sich (ähnlich wie schon 2009) mehrere große Parteienbündnisse gegenüber. Das relative Mehrheitswahlrecht fördert die Bildung solcher Wahlbündnisse. Neben den beiden großen Parteien Kongresspartei und BJP traten die meisten anderen Parteien nur in einem oder wenigen Bundesstaaten an. Ausnahmen waren die beiden kommunistischen Parteien und auch die neu gegründete Aam Aadmi Party.
United Progressive Alliance (UPA) Die Kongresspartei wählte am 17. Januar 2014 Rahul Gandhi, den Sohn Sonia Gandhis, zum Führer des Wahlkampfs. Er wurde jedoch ausdrücklich nicht zum Kandidaten für den Premierminister-Posten nominiert. Er erklärte, dass die Abgeordneten der neu gewählten Lok Sabha den Premierminister zu wählen hätten, schloss aber eine eigene Kandidatur ausdrücklich nicht aus.
Die wichtigsten Verbündeten der Kongresspartei waren die programmatisch verwandte Nationalist Congress Party (NCP) mit Schwerpunkt in Maharashtra, die Rashtriya Janata Dal (RJD) in Bihar, Rashtriya Lok Dal (RLD) im westlichen Uttar Pradesh und die National Conference (JKNC) in Jammu und Kashmir. Zwischen Kongresspartei und NCP kam es zu einer Übereinkunft, nach der der NCP in Maharashtra 26 der 48 Wahlkreise und in Gujarat einer von 26 Wahlkreisen reserviert wurden. Die 40 Wahlkreise von Bihar wurden in einem gemeinsamen Abkommen zwischen Kongresspartei, NCP und RJD aufgeteilt: 27 für RJD, 12 für die Kongresspartei und einer für die NCP. Der RLD wurden seitens der Kongresspartei 8 Wahlkreise in Uttar Pradesh reserviert. In Jharkhand überließ die Kongresspartei der verbündeten Jharkhand Mukti Morcha vier Wahlkreise.
National Democratic Alliance (NDA) Die BJP nominierte am 13. September 2013 Narendra Modi zu ihrem Kandidaten für das Amt des Ministerpräsidenten.
Die wichtigsten Verbündeten der BJP waren Shiv Sena in Maharashtra, Shiromani Akali Dal im Punjab, die drei Tamilen-Parteien Desiya Murpokku Dravida Kazhagam (DMDK), Pattali Makkal Katchi (PMK) und Marumalarchi Dravida Munnetra Kazhagam (MDMK) in Tamil Nadu sowie die Telugu Desam Party (TDP) in Andhra Pradesh. Shiv Sena, die deutlich extremere Hindu-nationalistische Standpunkte als die BJP vertritt und Shiromani Akali Dal, die als nationalistische Sikh-Partei traditioneller Gegner der Kongresspartei im Punjab ist, waren gewissermaßen natürliche Alliierte der BJP. Bei den anderen Parteien war dies nicht der Fall. Telugu Desam trat bei der letzten Wahl 2009 als Teil der linksgerichteten Third Front an und schloss erst kurz vor dem Beginn der jetzigen Wahl nach nicht spannungsfreien Verhandlungen ein Abkommen mit der BJP, nach dem sich beide auf gemeinsame Kandidaten in Andhra Pradesh einigten. Die BJP, die in den letzten beiden gesamtindischen Wahlen 2004 und 2009 keinen einzigen Wahlkreis in Andhra Pradesh gewinnen konnte, stellte Kandidaten in 12 der 42 Wahlkreise von Andhra Pradesh (acht davon in Telangana), in den restlichen 30 traten Kandidaten der TDP an. In Tamil Nadu schloss die BJP ein Wahlbündnis mit fünf Tamilenparteien, darunter MDMK, PMK und DMDK, nach dem die DMDK in 14 Wahlkreisen kandidiert, die BJP und PMK in jeweils acht und die MDMK in sieben. Zwei weitere der insgesamt 39 Wahlkreise sind für Kleinstparteien (KMDK – Kongunadu Makkal Desia Katchi und IJK – Indhiya Jananayaka Katchi) reserviert. Auch MDMK und PMK waren bei der letzten Wahl 2009 im Rahmen der Third Front angetreten, während DMDK sich keiner Koalition angeschlossen hatte.
Kommunistische und andere Parteien des linken politischen Spektrums Mehrere Linksparteien der ehemaligen sogenannten Third Front bekräftigten am 25. Februar 2014 ihr Zusammengehen im Wahlkampf, ohne einen einheitlichen Spitzenkandidaten zu benennen. Allerdings kam es landesweit nicht überall zu Wahlkampfabsprachen, so dass sich in mehreren Wahlkreisen verschiedene Kandidaten von Linksparteien gegenüberstanden. In Westbengalen kam es zur Absprache innerhalb der Left Front, die die Kommunistische Partei (Marxisten) (CPM)), die Kommunisten (CPI), die Revolutionary Socialist Party (RSP) und den All India Forward Bloc (AIFB) umfasste. Die 42 bengalischen Wahlkreise wurden nach dem Schlüssel CPM 32 : CPI 3 : AIFB 3 : RSP 4 aufgeteilt. Auch in Tripura trat ein Linksbündnis unter Führung der CPM an. In Kerala formierte sich die Left Democratic Font unter Führung der beiden kommunistischen Parteien und anderer Linksparteien.