mini|hochkant=1.5|Titelseite der Erstausgabe Die Philosophie der Freiheit – Grundzüge einer modernen Weltanschauung ist ein 1893 publiziertes philosophisches Werk Rudolf Steiners, des späteren Begründers der Anthroposophie. Das Buch besteht aus zwei Hauptteilen, mit jeweils sieben Kapiteln. Der erste Hauptteil beschäftigt sich mit den Voraussetzungen, unter denen der Mensch in seinem Denken und Handeln als geistig freies Wesen bezeichnet werden könne. Der zweite Hauptteil behandelt die Freiheit und ihr Verhältnis zu ethischem Handeln.

Die erste Auflage fand nur wenig Beachtung und wurde in der Fachwelt teils scharf zurückgewiesen. Eine zweite, überarbeitete Fassung erschien 1918 im eigenen anthroposophischen Verlag und wurde seither vielfach erneut aufgelegt.

Entstehung Bevor Steiner Die Philosophie der Freiheit schrieb, hatte er sich mit folgenden Denkern schwerpunktmäßig auseinandergesetzt: Immanuel Kant, Johannes Volkelt, Johann Friedrich Herbart, Johann Gottlieb Fichte, Friedrich Wilhelm Joseph Schelling, Georg Wilhelm Friedrich Hegel, intensiv mit Johann Wolfgang von Goethe (u. a. als Herausgeber seiner naturwissenschaftlichen Schriften) und Friedrich Schiller sowie den Neukantianern wie z. B. Eduard von Hartmann und Otto Liebmann. Er lernte Friedrich Nietzsches Denken ab 1889 kennen. 1891 promovierte er bei Heinrich von Stein im Fach Philosophie, mit der Note rite (ausreichend). Seine Dissertation veröffentlichte er etwas erweitert 1892 unter dem Titel Wahrheit und Wissenschaft, Vorspiel einer Philosophie der Freiheit.Christian Clement: Einleitung. In: Rudolf Steiner: Schriften. Kritische Ausgabe / Band 2: Philosophische Schriften: Wahrheit und Wissenschaft. Die Philosophie der Freiheit. Herausgegeben und kommentiert von Christian Clement. Mit einem Vorwort von Eckart Förster. Frommann-holzboog Verlag, Stuttgart Bad-Cannstatt, 2016. ISBN 978-3-7728-2632-0.

Steiner wollte seine Leser zur Selbstbeobachtung ihres Erkennens anregen. Die Denkmotive seiner Philosophie der Freiheit wurzeln dabei am stärksten im deutschen Idealismus und der durch ihn beleuchteten phänomenologischen Art der Naturforschung Goethes. Sie stellen sich dabei in einen Gegensatz zu Kant. Ferner habe schon die erste Auflage eine abendländisch-mystische Unterströmung, die in ihrem Schlusskapitel offen zu Tage trete. Steiner suchte in der Philosophie der Freiheit keine differenzierte explizite Auseinandersetzung mit anderen Denkern, vielmehr reduzierte er komplexe ideengeschichtliche Entwicklungen auf Begriffe wie z. B. „Dualismus“, „Monismus“, die er bisweilen auch bestimmten historischen Denkerpersönlichkeiten zuordnete, zumeist um seine eigenen Gedankengänge in einen (mitunter auch polemisch zugespitzten) Kontrast zu ihnen zu bringen.

Erste Auflage 1893 mini|Rudolf Steiner während der Zeit, als er die Veröffentlichung seiner „Philosophie der Freiheit“ vorbereitete; gemalt von Otto Fröhlich, Weimar 1892

Steiner schloss mit seinem Buch inhaltlich an seine zwei Jahre zuvor eingereichte Dissertation an. Die Philosophie der Freiheit. Grundzüge einer modernen Weltanschauung. — Beobachtungsresultate nach naturwissenschaftlicher Methode entstand, wie die meisten Bände seiner zeitgleichen Goetheausgaben, unter starkem Zeitdruck. Für eine sorgfältige Durcharbeitung des Manuskripts, Konzepts und zum Korrekturlesen fehlte ihm die Zeit. Steiner konnte die seinem Verleger Emil Felber genannten Termine wiederholt nicht einhalten. Wegen seiner Säumigkeit drohte Felber den schon laufenden Druck zu stoppen. Felber lagen bereits die ersten Druckfahnen vor, während Steiner noch am Schluss des Buches schrieb, das dann am 14. November 1893 erschien. Das Titelblatt verzeichnet die Jahreszahl 1894. Die Philosophie der Freiheit gliedert sich in drei Teile: eine Erkenntnistheorie, eine Ethik und einen Anhang mit dem Titel: Die letzten Fragen. Abgesehen von dem letzten Kapitel folgt sie damit dem Aufriss seiner Dissertation. In Steiners Sicht ist Die Philosophie der Freiheit ein erkenntnistheoretisches Grundlagenwerk.Helmut Zander: Anthroposophie in Deutschland. Theosophische Weltanschauung und gesellschaftliche Praxis 1884–1945. 2 Bände. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2007, S. 526 ff.; Helmut Zander: Rudolf Steiner. Die Biographie. Piper, München 2011. Helmut Zander: Rudolf Steiner. Die Biographie. Piper, München 2011. S. 89. Abgerufen bei Google-Books am 11. November 2018. Mit dem Schlusskapitel zeige sich Steiner laut dem katholischen Theologen Helmut Zander als Atheist, Nihilist und überzeugter Anhänger von Friedrich Nietzsche und Max Stirner.Helmut Zander: Anthroposophie in Deutschland. Theosophische Weltanschauung und gesellschaftliche Praxis 1884–1945. 2 Bände. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2007, S. 535.Von den tausend gedruckten Exemplaren der ersten Auflage wurden bis 1907 vierhundert verkauft.Dokumente zur „Philosophie der Freiheit“. Zusatzband der Rudolf-Steiner-Gesamtausgabe, Bibliographienummer GA 4a, Rudolf Steiner Verlag, Dornach 1994; ISBN 978-3-7274-0045-2. S. 30.Die restlichen sechshundert Exemplare wurden 1907 von Marie von Sivers und Rudolf Steiner von dem in finanzielle Schwierigkeiten geratenen Verleger aufgekauft, ebenso die Verlagsrechte. Die Vermarktung des Buches geschah bis zur 2. Auflage 1918 ohne Verlag in eigener Regie. S. Rudolf Steiner Mein Lebensgang. (= Rudolf Steiner Taschenbuch-Ausgaben Bd. 13). 2. Auflage. Verlag Freies Geistesleben. Stuttgart 1975. ISBN 3-7725-0013-7. S. 306.

Zweite Auflage 1918 1918 brachte Steiner das Buch in einer überarbeiteten Fassung in dem von seiner Ehefrau Marie Steiner geleiteten Philosophisch-Anthroposophischen Verlag erneut heraus. Diese zweite Auflage war mit einem neuen Vorwort und umfangreichen Zusätzen versehen. Sie dokumentiere, so Christian Clement, Steiners nach der Jahrhundertwende erfolgte Entwicklung zum Esoteriker, der nun im Rückblick seine philosophische Frühschrift als Grundlage und Rechtfertigung seines theosophischen und anthroposophischen Lebenswerkes interpretiere und explizit entsprechend umgestaltete. Gemäß dem Religionshistoriker Helmut Zander betrachtete Steiner Die Philosophie der Freiheit bis zu seinem Lebensende als sein Opus Magnum, das er rückwirkend zum erkenntnistheorischen Grundlagenwerk der Anthroposophie erhob.Helmut Zander: Rudolf Steiner. Die Biographie. Piper, München 2011. Abgerufen bei Google-Books am 10. November 2018. Die Textentwicklung zwischen erster und zweiter Auflage ist Gegenstand kontroverser Interpretationen der Beziehung zwischen Steiners Frühwerk und seiner späteren Anthroposophie. Steiner selbst betont, dass das Buch einerseits in Bezug auf seine späteren geisteswissenschaftlichen Schriften eine gesonderte Stellung einnehme, andererseits aber auch eng damit verbunden sei. Dies sei der Grund dafür, dass er in der 2. Auflage den Inhalt „im wesentlichen fast ganz unverändert“ wieder veröffentlicht habe.Die Philosophie der Freiheit. Grundzüge einer modernen Weltanschauung. (= Taschenbücher aus dem Gesamtwerk von Rudolf Steiner). Rudolf Steiner Verlag, Dornach 1977, ISBN 3-7274-6270-1. S. 9. Die Steiner-Biografin Miriam Gebhardt konstatiert in der zweiten Auflage Änderungen und Tilgungen aller Passagen, die ihn als ehemals radikalindividualistischen und atheistischen Denker auswiesen.Miriam Gebhardt: Rudolf Steiner. Ein moderner Prophet. DVA, München 2011, S. 127. Traub hingegen charakterisiert Steiner durchweg als eher pantheistisch denn als atheistisch.

In der Fassung der zweiten Auflage hat die Philosophie der Freiheit zahlreiche Neuauflagen mit ungefähr 220.000 Exemplaren erlebt und wurde bisher in 14 Sprachen übersetzt.

Inhalt Alle Seitenzahlen beziehen sich auf die zitierte Online-Ausgabeanthroposophie.byu.edu der 2. Auflage der Philosophie der Freiheit von 1918.

Vorrede (zur Neuausgabe 1918)

Teil 1 fragt nach einem auf Evidenzerleben gegründeten Erkennen und Teil 2 nach der Freiheit des Menschen. Wie man die zweite Frage beantworten könne, hänge von der Antwort auf die erste Frage ab.Jaap Sijmons: Phänomenologie und Idealismus. Struktur und Methode der Philosophie Rudolf Steiners. Schwabe, Basel 2008, ISBN 978-3-7965-2263-5, kommentiert auf Seite 30 so: „Das Buch enthält eine monistische Erkenntnistheorie als Bedingung für eine Freiheitslehre. Der erkenntnistheoretische Monismus, der jeden objektiven Dualismus (von Ich und Welt, Geist und Materie usw.) und daraus hervorgehenden Transzendentalismus überwinden will, ist eine notwendige Voraussetzung für die menschliche Freiheit, denn wenn wir in die Ursachen der Weltgeschehnisse nicht erkennend eindringen können, ist uns wohl auch der erkenntnismäßige Zugang zu den Ursachen unseres Handelns versagt. Kennen wir aber die Ursachen unseres Tuns nicht, so können wir auch nicht frei sein, denn es fehlte der Ansatzpunkt, die Ursachen irgendwie zu beeinflussen oder in die Hand zu nehmen.“ Es solle auf ein Erlebnisgebiet der Seele verwiesen werden, „auf dem sich durch die innere Seelentätigkeit selbst in jedem Augenblicke, in dem der Mensch dessen bedarf, die Frage erneut lebendig beantwortet.“ (S. II). Geistige Erfahrungswelten Rudolf Steiners aus seinen späteren anthroposophischen Werken werden hier nicht vorausgesetzt oder behandelt. Für ihr Verständnis könne die Philosophie der Freiheit jedoch Grundlage sein. Seine Sicht auf die philosophische Arbeit anderer Denker seiner Zeit stelle Rudolf Steiner vor allem in den „Rätseln der Philosophie“Rudolf Steiner (1900, 1914): Die Rätsel der Philosophie - in ihrer Geschichte als Umriß dargestellt. Dornach, Gesamtausgabe Bibliographie Nr. 18, ISBN 3-7274-0180-X (anthroposophie.byu.edu PDF; Volltext). dar.

Teil 1: Wissenschaft der Freiheit I. Das bewusste menschliche Handeln

Ausschließlich bewusst mit Hilfe des Denkens gefasste Entschlüsse können evtl. zu freien Handlungen führen; auch gefühlte Motive seien immer von Gedanken durchsetzt. Es müsse also zunächst betrachtet werden, wie das menschliche Denken auf sein Handeln wirke und was der Ursprung des Denkens sei.

II. Der Grundtrieb zur Wissenschaft

Der bewusste Mensch stelle sich einerseits als ein selbständiges, mit Erkenntnisdrang ausgestattetes Wesen der Welt entgegen und andererseits fühle er sich immer als ein Teil der Natur. Er strebe, diesen Gegensatz zu überbrücken. Steiner will hierzu versuchen, „in den Tiefen unseres eigenen Wesens (…) jene Elemente zu finden, (…) wo wir uns sagen können: Hier sind wir nicht mehr bloß ‚Ich‘, hier liegt etwas, was mehr als ‚Ich‘ ist.“ (S. 15).

III. Das Denken im Dienste der Weltauffassung

Jede menschliche Erkenntnis setze Beobachtung und Denken voraus (S. 19 f.). Innerhalb dieses Beobachteten tauche auch das Denken als Erfahrungstatsache auf, denn über alles Beobachtete denke man schon immer nach und ordne es so in bedeutungsgebende begriffliche Zusammenhänge ein. Man übersähe das immer im alltäglichen Beobachten anwesende Denken zumeist, weil es auf der eigenen Tätigkeit beruhe, während man sich dem Gegenstand der eigenen denkenden Beobachtung zuwenden. Erst in einem seelischen Ausnahmezustand (der Selbstreflexion) bemerkte man es.

IV. Die Welt als Wahrnehmung

Das Denken bilde Begriffe und Ideen, die in sich selber zusammenhängen und auf dem Schauplatz des menschlichen Bewusstseins zu dem Beobachteten hinzugefügt werden. Ideen könne man nicht (wie Hegel) als Ursprüngliches setzen, denn sie werden erst durch das Denken gewonnen.

Es folgt eine lange (zuweilen polemisch zugespitzte) Auseinandersetzung mit anderen erkenntnistheoretischen Positionen, in deren Gedankengängen Steiner ungeprüfte Voraussetzungen aufzeigt und die dadurch folgenden logischen Brüche beschreibt, die schließlich dazu führen, dass sowohl die Wahrnehmungen als auch das Denken über sie als subjektiv angesehen werden, weswegen eine grundsätzliche Erkenntnisfähigkeit des Menschen bestritten werde.

V. Das Erkennen der Welt