Paul Pörtner (* 25. Januar 1925 in Elberfeld; † 16. November 1984 in München) war ein deutscher Schriftsteller, Hörspielautor und Übersetzer.
Leben Paul Pörtner – Sohn eines Kaufmanns – verlebte seine Kindheit und Jugend im Wuppertaler Arbeitermilieu. 1944 wurde er einberufen, konnte sich aber aufgrund einer angeborenen Fußverletzung der unmittelbaren Kriegsfront entziehen. 1945 gründete Pörtner in Wuppertal die Künstlervereinigung Der Turm, deren Leiter er bis 1948 war. Von 1947 bis 1948 arbeitete Pörtner als Regieassistent an den Städtischen Bühnen Wuppertal. Von 1948 bis 1949 leitete Pörtner die Junge Bühne in Remscheid. Ab 1951 studierte er Germanistik, Romanistik und Philosophie in Köln und vor allem in Frankreich. Während des Studiums war er unter anderem als Fotograf und Reiseleiter tätig. In Wuppertal-Elberfeld leitete er – gemeinsam mit Klaus Siebecke – unter der Firmierung it copyright ein Unternehmen für Werbefotos. In dieser Firma war die Fotografin Abisag Tüllmann von 1956 bis zu ihrem Umzug nach Frankfurt am Main im Jahr 1957 als seine Mitarbeiterin tätig.Ulrike May: Betrifft: Abisag Tüllmann. Biografische Notizen. In: Martha Caspers (Hrsg.): Abisag Tüllmann 1935–1996. Bildreportagen und Theaterfotografie. Ausstellung im Historischen Museum Frankfurt. Hatje-Cantz, Ostfildern 2011, S. 243.
Seit 1958 lebte er als freier Schriftsteller, Übersetzer und Herausgeber in Zumikon (bei Zürich). Er arbeitete bei verschiedenen Rundfunkanstalten und Zeitungen, verfasste Übersetzungen und Theaterprojekte. Zudem sammelte Pörtner literarische Texte, die im Zuge der nationalsozialistischen 'Säuberungsaktionen' aus dem öffentlichen Gedächtnis getilgt worden waren. Mit den beiden Bänden Literatur-Revolution 1910–1925 (der dritte Band blieb unveröffentlicht) veröffentlichte Pörtner bis dato unzugängliche Dokumente und Quellentexte der europäischen Avantgarde, die als verschollen galten oder bereits vergessen waren. 1958 gab Pörtner die erste nahezu vollständige Textsammlung des expressionistischen Lyrikers Jakob van Hoddis heraus.
Nach ersten Lyrikbänden und teilweise autobiographischen Erzählungen und Romanen wandte er sich dem Theater zu: als Theoretiker und Autor des Experimentaltheaters – anknüpfend etwa an Kurt Schwitters oder Jacob Levy Moreno, Erwin Piscator und Antonin Artaud. Paul Pörtner schrieb mit Scherenschnitt oder Der Mörder sind Sie das erste Theaterstück zum Mitspielen des Publikums.Der Revoluzzer als Entertainer. Süddeutsche Zeitung, 16. November 2009 Der Uraufführung 1963 am Ulmer Theater folgten 75 Inszenierungen an deutschsprachigen Stadt- und Staatstheatern. Unter dem Titel Shear Madness ist Scherenschnitt das meistgespielte Theaterstück in der Geschichte der USA. Produktionen in 18 weiteren Ländern verhalfen dem deutschen MitspielVgl. auch Peter Weibel, Holger Jost (Hrsg.): Claus Bremer: Mitspiel. Die Aktivierung des Publikums: Vom dynamischen Theater zur Theaterstadt. Dramaturgische Texte 1948–1971. zkm book im Alexander Verlag, Berlin 2014, ISBN 978-3-89581-336-8. zu internationalem Ruhm: es wurde zum zweitmeistgespielten Stück der Welt.
Pörtner schrieb mehr als 20 Hörspiele. Seine im Elektronischen Studio der Ulmer Hochschule für Gestaltung in München produzierten und am 7. Februar 1964 im Bayerischen Rundfunk urgesendeten „Schallspielstudien“ gelten als Beginn des experimentellen Neuen Hörspiels. 1968 wurde sein Hörspiel Was sagen Sie zu Erwin Mauss? (mit Musik von Walter Baumgartner) mit dem Karl-Sczuka-Preis ausgezeichnet.
Paul Pörtner hat, zusammen mit seiner Schweizer Frau Marlis Pörtner, geborene Bindschedler (1933 bis 2020), unter anderem das Theaterstück König Ubu von Alfred Jarry ins Deutsche übersetzt. Darüber kam er auch mit dem Komponisten Bernd Alois Zimmermann in Kontakt, der Auszüge aus Pörtners Gedichtband Wurzelwerk in seinem Stück Présence benutzt hat.
Ab 1976 war er festangestellter Redakteur mit Regie- und Dramaturgie-Aufgaben in der Hörspiel-Abteilung des Norddeutschen Rundfunks.Marianne Kesting: Panorama des zeitgenössischen Theaters. 50 literarische Porträts. Piper, München 1962. Die letzten Jahre bis zu seinem frühen Tod 1984, verursacht durch eine Herzmuskelentzündung, sind von Aufenthalten in Sanatorien überschattet. Eine umfassende Darstellung seines interdisziplinären Wirkens fehlt bis heute.
Seine beiden Kinder Milena Moser und Stephan Pörtner sind ebenfalls Schriftsteller.
Der Nachlass Pörtners befindet sich im Autorenarchiv der Stadtbibliothek Wuppertal.
Werke Buchveröffentlichungen Lebenszeichen. Gedichte. Selbstverlag, Wuppertal 1956 Sternbild Selbstbild. Gedichte. Selbstverlag, Wuppertal 1958 Schattensteine. Gedichte. Mit einem Schieferschnitt von Raoul Ubac. Selbstverlag, Wuppertal 1958 Wurzelwerk. Gedichte. Selbstverlag, Wuppertal 1960 Experiment Theater. Chronik und Dokumente. Arche, Zürich 1960 Tobias Immergrün. Roman. Kiepenheuer & Witsch, Köln 1962 Sophie Imperator. Schauspiel. Kiepenheuer & Witsch, Köln 1964 Scherenschnitt. Kriminalstück zum Mitspielen. Kiepenheuer & Witsch, Köln 1964 Gestern. Roman. Kiepenheuer & Witsch, Köln 1965 Einkreisung eines dicken Mannes. Erzählungen, Beschreibungen, Grotesken. Kiepenheuer & Witsch, Köln 1968 Spontanes Theater. Erfahrungen, Konzepte. Kiepenheuer & Witsch, Köln 1972
Theaterstücke Mensch Meier oder Das Glücksrad, 1959 Variationen für zwei Schauspieler, 1960 Sophie Imperator, 1961 Drei, 1962 Scherenschnitt oder Der Mörder sind Sie, 1963 Entscheiden Sie sich, 1965 Spielautomat, 1967 Evokationen, 1967 Mascha, Mischa und Mai, 1968 Börsenspiel, 1970 Hieronymus im Gehäuse, 1970 Kontaktprogramm, 1971 Interaktionen, 1971 Test Test Test, 1972 Polizeistunde, 1975 Halt Dich da raus, 1975 Tierspiel, 1978
Hörspiele 1961:Mensch Meier, BR/NDR 1963: Die Sprechstunde, NDR 1964: Schallspiel-Studie, BR 1967: Börsenspiel WDR/BR 1967: Dialog mit einer verschlossenen Tür, WDR 1968: Test, HR/BR 1968: Was sagen Sie zu Erwin Mauss? Einkreisung eines dicken Mannes, NDR 1969: Das konkrete Hörspiel – Geräusch, Musik, Sprache als Schallereignisse verarbeitet, WDR 1969: Transfer, WDR 1969: Treffpunkte, WDR/BR/SWF 1969: Alea, WDR/BR/SDR (Neufassung 1971) 1970: Scherben bringen Glück, WDR 1971: Kontaktprogramm, WDR 1973: Hieronymus im Gehäuse, NDR 1973: Polizeistunde oder Überprüfung einer Ermittlung, WDR 1974: Dadaphon. Hommage à Dada, WDR 1974: Hörerspiele, WDR 1975: Das Tierspiel, NDR 1976: Test – Regie: Ferry Bauer, ORF Oberösterreich 1976: Comeback – Porträt einer Frau, die singt, WDR 1978: Hörspiel als Psychodrama oder Experimente mit Spontanspielen, WDR 1980: Blitzlicht, HR 1983: Radio-Erinnerung, NDR
Übersetzungen André Frénaud: Unteilbares Teil. Mit 6 Lithografien von Karel Appel. Galerie Der Spiegel, Köln o. J. Alfred Jarry: König Ubu. Ein Drama in 5 Akten. Arche, Zürich 1959 Pablo Picasso, Jean Tardieu: Der Raum und die Flöte. Variationen zu 12 Zeichnungen. Arche, Zürich 1959 Blaise Cendrars: Gold. Der Lebensroman General Suters. Arche, Zürich 1959 Jean Tardieu: Kammertheater. Luchterhand, Neuwied 1960 André Frénaud: Quelle der Quellen. Luchterhand, Neuwied 1962 Jean Tardieu: Professor Froeppel. Kiepenheuer & Witsch, Köln 1966
Weblinks
Reinhard Döhl über Paul Pörtner Porträt der Stadtverwaltung Wuppertal
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