Hubert Aquin (* 24. Oktober 1929 in Montreal; † 15. März 1977 ebenda) war ein frankokanadischer Schriftsteller, der insbesondere durch seine vier komplexen modernistischen Romane bekannt wurde und als politischer Aktivist, Essayist, Filmemacher und Herausgeber auch die zeitgenössische Kultur Québecs beeinflusste.

Leben Studium, berufliche Tätigkeit und Einsatz für die Souveränität Québecs Aquin absolvierte nach dem Schulbesuch ein Studium der Philosophie an der Universität Montreal, das er 1951 mit einem Lizenziat abschloss. Nach einem anschließenden Studium von 1951 bis 1954 am Institut d’études politiques de Paris (Sciences Po Paris) arbeitete er nach seiner Rückkehr nach Montreal zwischen 1955 und 1959 für Radio-Canada. Im Anschluss war er zwischen 1959 und 1963 Mitarbeiter der staatlichen Filmbehörde ONF (Office national du film du Canada) sowie zeitgleich von 1960 bis 1964 der Börse von Montreal.

Zwischen 1960 und 1968 war Aquin eine bekannte und einflussreiche Persönlichkeit in der wachsenden Bewegung zur Erreichung der Souveränität Québecs und gehörte zwischen 1960 und 1969 Exekutivmitglied dem Rassemblement pour l’Independence National (RIN) an, der ersten nach einer Unabhängigkeit Québecs strebenden politischen Partei. Zur gleichen Zeit engagierte er sich als Herausgeber der Zeitschrift Liberté in Debatten mit Pierre Trudeau in der Frage der Souveränität Québecs. In einer Presseveröffentlichung aus dem Jahr 1964 erklärte er, dass er in den Untergrund gehen werde, um für die Unabhängigkeit mit terroristischen Mitteln zu arbeiten.

Die Romanveröffentlichungen in den 1960er Jahren Kurz danach wurde er verhaftet und für vier Monate in eine Psychiatrische Klinik eingewiesen, wo er seinen ersten Roman Prochain Épisode (1965), die Geschichte eines eingesperrten Revolutionärs. Im Dezember 1964 wurde er von einer Anklage "unerlaubter Waffenbesitz" freigesprochen. Die Veröffentlichung von Prochain Épisode etablierte Aquin als eine wichtige kulturelle Persönlichkeit im Québec seiner Generation. Er fuhr fort zu behaupten, er sei unfähig zu Kompromissen mit jeder etablierten Ordnung.

1966 wurde er aus der Schweiz ausgewiesen. Aquin schrieb, dass dies auf Einwirken der Gendarmerie royale du Canada (GRC) zurückzuführen ist. Eine erste Anerkennung erfuhr er, als er 1969 als erster Schriftsteller aus Québec für Trou de mémoire (1968) mit einem Preis des Generalgouverneurs, Prix du Gouverneur général, ausgezeichnet wurde. Ebenfalls 1969 prangerte er die Entscheidung von Pierre Bourgault an, die RIN mit der Mouvement pour la souverainté-association (MSA) von René Lévesque zur Parti Québécois (PQ) zu vereinigen und trat aus der Partei aus.

Die folgenden Jahre schienen durch eine wachsende Verzweiflung geprägt zu sein, die mit Aquins Gefühl der Trennung aus dem politischen Zentrum seines geliebten Québecs verbunden war. 1969 veröffentlichte er mit L’Antiphonaire seinen dritten Roman, der jedoch anders als die beiden vorhergehenden Romane keinen eindeutigen politischen Inhalt hatte.

Die 1970er Jahre: Letzter Roman, Herausgeber und Suizid 1971 trat Aquin aus dem Herausgebergremium der Zeitschrift Liberté zurück, und beklagte, dass dessen Vertrauen auf die Unterstützung durch den Kanadischen Kunstrat (Conseil des arts du Canada) es bezüglich der Oktoberkrise 1970 stumm gemacht hätte.

1974 erschien mit Neige noire Aquins letzte Roman, eine moderne Version des Hamlet, in dem Aquin Film-, Musik- und Maltechniken mit einer nachhaltigen philosophischen Betrachtung über Zeit, Liebe, Tod und die Heiligen verband.

Im März 1975 übernahm er die Funktion als literarischer Direktor von Éditions La Presse, der Sparte Buchveröffentlichungen der Tageszeitung La Presse. Aufgrund der wirtschaftlichen Verbindungen der Zeitung zur Unternehmensgruppe Power Corporation of Canada (PCC) wurde die Übernahme dieser Funktion von einigen als Widerspruch zu seiner früheren „revolutionären“ Haltung gesehen. Allerdings nahm er für sich in Anspruch, dass er revolutionär geworden sei, weil ihm als Einwohner Québecs die Möglichkeit, Banker zu werden, verwehrt wurde, und seine Zeit bei Éditions La Presse durch einen Konflikt über Geldmittel gekennzeichnet war, die er für unprofitable literarische Projekte in Québec investieren wollte. Im August 1976 trat er als literarischer Direktor zurück und warf seinem Vorgesetzten und Herausgeber von La Presse, Roger Lemelin, vor, Quebec von innen heraus zu kolonisieren.

Seine letzten Lebensmonate waren schließlich von finanzieller Unsicherheit und ernsthaften Depressionen geprägt, die schließlich in seinem Suizid endeten.

Er war seiner Heimatprovinz Québec zutiefst verpflichtet, deren Gegensätze er zu verkörpern schien und hatte ein Gespür für dramatische und politische Gesten. Er erklärte einmal: „Es ist mein Leben, das sich als mein Super-Meisterwerk herausstellen wird“ (‚It is my life that will turn out to have been my super-masterpiece‘).

Bereits zu seinen Lebzeiten und auch nach seinem Tod waren Leben und Werk Aquins Thema zahlreicher Monografien. Sein Nachlass wurde in Quebec (Bibliothèque et Archives nationales du Québec) archiviert.Beschreibung des „Fonds Hubert Aquin“ (MSS 145) auf der Bibliotheksseite, abgerufen am 5. Juli 2017.

Werke Prochain épisode, 1965 Nächste Episode, in Anders schreibendes Amerika. Literatur aus Québec. Hgg. Lothar Baier, Pierre Filion. Das Wunderhorn, Heidelberg 2000, S. 19–27 Trou de mémoire, 1968 L’ Antiphonaire, 1969 Point de fuite, 1971 Neige noire, 1974 Blocs erratiques, 1977 posthume Erscheinungen und Neuauflagen Hamlet’s twin, 1979 Dossier de presse 1965-1980, 1981 Writing Quebec, 1988 L’invention de la mort, 1991 Mélanges littéraires, 1995 Confession d’un héros ; Le choix des armes ; La toile d’araignée, 1997 Récits et nouvelles: tout est miroir, 1998 Sables mouvants: nouvelle. - Shifting Sands. novella, 2009

Literatur Christiane Tremblay: Lecture d’Hubert Aquin: Prochain épisode, 1971 Françoise Maccabée Iqbal: L’oeuvre romanesque de Hubert Aquin, 1972 Patricia Smart: Hubert Aquin, agent double. La dialectique de l'art et du pays dans „Prochain épisode“ et „Trou de mémoire“, 1973 Françoise Maccabée Iqbal: Hubert Aquin, romancier, 1978 René Lapierre: Les masques du récit. Lecture de Prochain épisode de Hubert Aquin, 1980 René Lapierre: L’imaginaire captif. Hubert Aquin, 1981 Pierre-Yves Mocquais: La quete de l’autre par l’ecriture. Une lecture de l’œuvre romanesque de Hubert Aquin, 1983 Gordon Sheppard: Signé Hubert Aquin. Enquête sur le suicide d'un écrivain, 1985 Pierre-Yves Mocquais: Hubert Aquin, ou, La quête interrompue, 1985 Françoise Maccabée-Iqbal: Desainado. Otobiographie de Hubert Aquin, 1987 Marilyn Randall: Le contexte littéraire. Lecture pragmatique de Hubert Aquin et de Réjean Ducharme. 1990 Robert Richard: Le corps logique de la fiction. Le code romanesque chez Hubert Aquin : Essai, 1990 Anthony John Wall: Hubert Aquin entre référence et métaphore, 1991 Anne Elaine Cliche: Le désir du roman. Hubert Aquin, Réjean Ducharme, 1992 André Lamontagne: Les mots des autres. La poétique intertextuelle des œuvres romanesques de Hubert Aquin, 1992 Guylaine Massoutre: Itinéraires d'Hubert Aquin. Chronologie, 1992 Jacques Cardinal: Le roman de l’histoire. Politique et transmission du nom dans Prochain épisode et Trou de mémoire de Hubert Aquin, 1993 Winfried Siemerling: Discoveries of the other. Alterity in the work of Leonard Cohen, Hubert Aquin, Michael Ondaatje, and Nicole Brossard. 1994 Manon Dumais: Répertoire Hubert Aquin. Bibliographie analytique 1947-1997, 1998 Jean-Christian Pleau: La révolution québécoise. Hubert Aquin et Gaston Miron au tournant des années soixante, 2002 Richard Dubois: Hubert Aquin blues: Essai, 2003 Renée Legris: Hubert Aquin et la radio. Une quête d'écriture, (1954-1977), 2004 Robert Richard: L' émotion européenne. Dante, Sade, Aquin, 2004 Jacques Beaudry: Hubert Aquin. La course contre la vie, 2006 Jacques Beaudry: La fatigue d’être. Saint-Denys Garneau, Claude Gauvreau, Hubert Aquin, 2008 Martine-Emmanuelle Lapointe: Emblèmes d'une littérature. Le libraire, Prochain épisode et L'avalée des avalés, 2008 Janin Taubert: Über den Roman "Trou de mémoire" von Hubert Aquin. Die "écriture éclatée" und die Bedeutung der Gewalt gegen Frauen im Kontext der nationalen Identitätssuche. GRIN Verlag, 2009 Filippo Palumbo: Saga gnostica. Hubert Aquin et le patriote errant. 2012 Jean de Dieu Itsieki Putu Basey: De la mémoire de l’Histoire à la refonte des encyclopédies. Hubert Aquin, Henry Bauchau, Rachid Boudjedra, Driss Chraïbi et Ahmadou Kourouma. Peter Lang, Bruxelles 2017

Weblinks

Eintrag in The Canadian Encyclopedia Eintrag in Encyclopédie sur la mort Deux épisodes dans la vie d’Hubert Aquin (ONF, 1979) Werke von Hubert Aquin Open Library Hintergrundliteratur zu Hubert Aquin (Open Library) Comptoir littéraire, 3 Einträge zu Aquin (1. Biografie mit ’Les rédempteurs’ und ’La toile d'araignée’ und ’L’invention de la mort’ und ’Le choix des armes’ und 'Le choix des armes' und viele weitere Stücke; 2. Neige Noir; 3. Prochain épisode), von André Durant

Einzelnachweise

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