mini|Wilhelm Krückeberg, kurz vor seinem Tod 1990

Wilhelm Friedrich Krückeberg (* 21. April 1914 in Mitterbach; † 5. September 1990 in Fulda) war ein deutscher lutherischer Theologe, Wegbereiter der Ökumene, Mitbegründer des Bundes für evangelisch-katholische Wiedervereinigung, in dem er seit 1968 hauptamtlich als Vermittler zwischen den Kirchenbehörden tätig war.

Leben Jugend und Studium Sein Vater, ein evangelischer Pfarrer aus Brandenburg, hatte in Mitterbach seine erste Pfarrstelle angetreten. Als Wilhelm Krückeberg acht Jahre alt war, zog die Familie nach Berlin, wo der Vater die Leitung des Diakonissen-Mutterhauses Bethanien übernahm, und später in die Gemeinde Grunow bei Frankfurt an der Oder. Hier machte Krückeberg 1933 das Abitur und entschloss sich zum Theologiestudium, welches er zunächst in Königsberg begann und an der Kirchlichen Hochschule Bethel fortsetzte. Darauf folgte er dem Theologen Karl Barth, der im Dritten Reich seinen Lehrstuhl an der Universität Bonn verloren hatte, nach Basel, wo er erstmals zu intensiverem Nachdenken über die Kirche in ihrem Gesamtgefüge angeregt wurde. Eine Vertiefung in dieser Richtung erfuhr er in Berlin durch Hans Asmussen und zudem durch die Kirchenkampfsituation des Dritten Reiches. Seit 1934 hielt sich Krückeberg zur Bekennenden Kirche, weshalb er 1937 vom Studium an der Universität Berlin ausgeschlossen wurde und in Erlangen weiterstudierte.

1938 legte er sein erstes theologisches Examen bei der Prüfungskommission der Bekennenden Kirche unter Leitung von Pfarrer Hans Asmussen und Superintendent Martin Albertz ab. Es folgte das Gemeindevikariat in Grunow/Niederlausitz und in Spremberg-Land.

Erfahrungen in Krieg und Gefangenschaft mini|Wilhelm Krückeberg als junger Soldat Von Kriegsbeginn an Soldat, kam Krückeberg als Feldwebel nach Polen, Frankreich, Jugoslawien und Russland. 1940 legte er während eines Fronturlaubes das zweite theologische Examen ab und wurde im gleichen Jahr in der St. Annen-Kirche zu Berlin-Dahlem in einem Fürbittengottesdienst für den im Konzentrationslager befindlichen Martin Niemöller, der Pfarrer dieser Gemeinde war, ordiniert.

Da seine jüngeren Brüder als aktive Offiziere zu Beginn des Krieges gefallen waren, beantragte sein Vater 1941 die Versetzung von der russischen Front zur Ersatztruppe. Als Krückeberg seine Truppe nicht verlassen wollte, überredete ihn sein Vorgesetzter mit den Worten: „Krückeberg, geh nach Hause, wir brauchen nach dem Krieg dringend Seelsorger in der Heimat!“Persönliche Mitteilung an den Verfasser Da dies wahrscheinlich sein Leben rettete, sollte dieser Satz für Krückeberg ein Leben lang Aufforderung zu couragiertem, selbstlosem Handeln sein. Während seiner Tätigkeit als Ausbilder in Bad Freienwalde (Oder) heiratete er 1942 die Pfarrerstochter Flora Herlyn. 1943 zum Leutnant befördert, kam er in das italienische Frontgebiet, wo er zunächst in italienische, dann in amerikanische Gefangenschaft geriet.

Durch verschiedene Erlebnisse während der zweieinhalb Jahre dauernden Gefangenschaft in einem Lager in Crossville (Tennessee) bekam Krückeberg entscheidende geistliche Anstöße aus dem Katholizismus, und es war u. a. die Persönlichkeit Heinrich Kahlefelds, den er hier kennenlernte, die eine starke Sehnsucht nach Gemeinschaft mit der katholischen Kirche in ihm wachrief und sie auch grundsätzlich möglich erscheinen ließ.

Gemeindearbeit und ökumenische Bewegung mini|Das Pfarrhaus in Horneburg ca. 1965

1946 in Westdeutschland aus der Gefangenschaft entlassen, meldete er sich nach Zusammentreffen mit seiner Familie sofort bei seiner Heimatkirchenbehörde Berlin-Brandenburg und übernahm, ohne sich Erholung zu gönnen, sogleich die große Gemeinde Buckow (Märkische Schweiz). Nach drei Jahren Arbeit unter erschwerten kirchlichen Bedingungen in der sowjetischen Besatzungszone und kümmerlichster Versorgung mit Nahrungsmitteln zwangen ihn gesundheitliche Gründe zur Übersiedlung nach Westdeutschland, wo er die Pfarrstelle in Horneburg/Kreis Stade übernahm, die er 18 Jahre innehatte.

Krückeberg nahm das ihm übertragene geistliche Amt sehr ernst. In seiner Gemeindearbeit war ihm als Lutheraner die Sakramentenspendung als kirchliche Aufgabe äußerst wichtig, doch fühlte er gerade in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg eine besondere Verantwortung für die Verkündigung des Evangeliums und seine Erfüllung in der Nächstenliebe. Er war unkompliziert im Helfen und Handeln und so fanden auch immer wieder Obdachlose, reisende Handwerksburschen, sozial verunsicherte Jugendliche oder in Bewährung befindliche Straftäter im Pfarrhaus Unterkunft, was seiner Frau und den sieben Kindern oftmals viel Verständnis und persönliche Einschränkung abverlangte.

In seiner seelsorgerlichen Arbeit spiegelte sich auch das ökumenische Anliegen. So bemühte er sich intensiv um die Probleme der Mischehen und -familien, und ganz besonders wichtig war ihm der Konfirmandenunterricht. Er gestaltete ihn mit großer Liebe und Offenheit für kritische Fragen systematisch als evangelisch-katholische Glaubensunterweisung und somit auch als Basis für die Ökumene. Das gottesdienstliche Leben wurde durch das Einbeziehen der Kinder in Familiengottesdiensten, die regelmäßige Durchführung von Abendmahlsgottesdiensten (früher nur zu hohen Festtagen) und das Feiern der Osternacht erneuert. Alles dies war zu seiner Zeit ungewöhnlich und gewagt und nicht ohne Widerspruch, erwies sich aber besonders deshalb als fruchtbar, weil Krückeberg als ein im evangelischen Christentum tief verwurzelter Mensch erkannt hatte, dass es keine wesentlichen Unterschiede im Glauben gab, und er daher die Ökumene in innerer Bekehrung im Herzen trug und sie lebte, sodass auch seine Gegner sie ihm abnehmen mussten.

Während seiner Amtszeit gab es mancherlei Berührungen mit katholischen Priestern und Laien, die Krückeberg auch bewusst herbeiführte, indem er z. B. die Abhaltung des katholischen Gottesdienstes im evangelischen Gemeindehaus erlaubte. Verschiedenste Bemühungen um einen ökumenischen Standort waren in Deutschland in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vorausgegangen, wie die Gründung der Hochkirchlichen Vereinigung Augsburgischen Bekenntnisses, die Una-Sancta-Bewegung, die Evangelische Michaelsbruderschaft und die Sammlung um Hans Asmussen, die in tiefer Überzeugung, die Trennung der Kirchen stehe im Widerspruch zum Neuen Testament und sei in diesem Sinne eine Sünde, um eine Verständigung warb und die Gemeinsamkeiten des Glaubens herausarbeitete, um die Trennung der Kirchen zu überwinden. Es spiegelt sich in all diesen Bemühungen ein Bedürfnis nach Spiritualität, die dem Protestantismus nach Meinung der Beteiligten abhandengekommen war und deren Mangel viele Menschen in der Zeit nach dem Krieg für den Machtgewinn des Nationalsozialismus verantwortlich machten. Seit der Mitte der fünfziger Jahre nahm die Sammlung Gespräche mit der katholischen Seite auf mit dem Ziel, den Kirchenleitungen Handhaben anzubieten, die später dem ökumenischen Bemühen des II. Vatikanischen Konzils sehr nützlich werden konnten. Auf dem Boden all dieser Vorbereitungen wurde 1960 von Pastor Max Lackmann, Direktor Gustav Huhn (Heimvolkshochschule Burg Fürsteneck) und dem Indologen Paul Hacker der Bund für evangelisch-katholische Wiedervereinigung (heute „Bund für evangelisch-katholische Einheit“evangelischkatholisch.wordpress.com) in Fürsteneck gegründet, dem Krückeberg von Anfang an angehörte. Ziel des Bundes war eine Vereinigung der evangelischen mit der katholischen Kirche.Gustav Huhn: Es begann mit Hans Asmussen, S. 38. Ab 1960 versorgte die Viertel-Jahresschrift BausteineBausteine für die Einheit der Christen im Dienst evang.-kath. Verständigung alle wichtigen kirchlichen Behörden und Kirchenleitungen mit theologischen Aufsätzen zur Wiedervereinigung. Max Lackmann, der 1958 wegen „katholisierender Tendenzen“ aus dem evangelischen Pfarrdienst entlassen worden war, reiste zu Vorträgen über die Anliegen des Bundes auch nach Schweden, Dänemark, Österreich und die USA, und die sich bildenden interessierten Kreise im In- und Ausland entgingen auch der Aufmerksamkeit des Vatikans nicht.

Nach der großen Wende des Pontifikats Johannes XXIII. und des Zweiten Vatikanischen Konzils 1962–1965 erkannte Krückeberg für sich die Aufgabe, an der Herbeiführung der Gemeinschaft mit der katholischen Kirche mitzuwirken. Die katholische Kirche hatte weitreichende Reformen beschlossen, die dem Protestantismus sehr entgegenkamen, doch die Reaktion auf evangelischer Seite blieb verhalten. Deshalb war Krückeberg überzeugt, die Annäherung könne nur an der Basis erfolgen, und wollte sie innerhalb seiner Gemeindearbeit leisten, doch ein solches Vorhaben gestaltete sich ohne Rückhalt durch die Hannoversche Landeskirche sehr schwierig. Selbst ökumenische Gottesdienste waren zu dieser Zeit kaum durchzusetzen.

Zur Unterstützung der Gemeindepfarrer in ihrer schweren Arbeit und als Verbindungsglied zu den anderen evangelischen und katholischen Bruderschaften wurde 1964 als geistliche Gebetsgemeinschaft innerhalb des Bundes die Bruderschaft St. Jakobus gegründet. Die Mitglieder legen ein geistliches Gelöbnis ab, das dazu verpflichtet, das Christentum beispielhaft zu leben und sich je nach Kräften aktiv mit Gebet und Tat für den Dienst an der Einheit der Kirche gemäß den Zielen des „Bundes“ einzusetzen.

Seine „Unkompliziertheit im Helfen“ ließ Krückeberg zuweilen auch vorschnell und ohne Rückversicherung handeln. So meinte er 1966 dem Pfarrer seiner Nachbargemeinde zu Hilfe kommen zu müssen, in dessen in Renovierung befindlicher Kirche nach dem Willen des zuständigen Landeskonservators eine neogotische Christusfigur mit wallendem Gewand und Reichsapfel in der Hand wieder aufgestellt werden sollte, die mit den Erneuerungstendenzen der Gemeindearbeit nach den Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges nicht vereinbar war, da sie den "Weltherrscher" und nicht den "Schmerzensmann" darstellte. In dieser Hinsicht waren sich beide Pfarrer einig. Krückeberg entfernte diese Figur kurzerhand und vernichtete sie, gab die Tat aber bereitwillig und nicht ohne Stolz zu. Das sich anschließende Disziplinarverfahren wegen Sachbeschädigung endete mit einem Verweis und dem Vorschlag zu einem Pfarrstellenwechsel, der nach 18 Jahren in Horneburg ohnehin anstand. Krückeberg bat jedoch um seine frühzeitige Entlassung in den Ruhestand, da er sich nun ganz der Arbeit des Bundes für evangelisch-katholische Wiedervereinigung widmen wollte, welche sich am Ende der 1960er Jahre in einer Phase befand, die durchaus Hoffnung auf Erfolg versprach und sehr umfangreich wurde, verbunden mit vielen Reisen zu den Kirchenleitungen auf evangelischer und katholischer Seite.

Tätigkeit für die evangelisch-katholische Wiedervereinigung mini|Wilhelm Krückeberg während einer evangelischen Messe im Hans-Asmussen-Haus

Die Kommission zur Untersuchung der Confessio Augustana