hochkant=2|mini|Arten des Zweitsprachenerwerbs
Fremdsprachenunterricht bezeichnet das Lehren und das Erlernen einer Sprache, die nicht zu der/den Muttersprache(n) gehört, in Bildungsinstitutionen oder im Privatunterricht.
Unterrichtsmethoden Im Laufe seiner Geschichte hat der Fremdsprachenunterricht folgende wesentliche methodische Konzepte hervorgebracht (chronologische Anordnung) (vgl. auch Methodengeschichte des Fremdsprachenunterrichts sowie Fremdsprachendidaktik):
Grammatik-Übersetzungsmethode Die Grammatik-Übersetzungsmethode (GÜM) entstammt dem altsprachlichen Unterricht, in dem sie vorherrschende Unterrichtsmethode ist. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts war sie die an höheren Schulen und Hochschulen – an anderen Schulformen wurden keine Fremdsprachen unterrichtet – verwendete Methode. Sie zielte neben dem bloßen Erlernen der Fremdsprache nach dem damaligen neuhumanistischen Bildungsideal auf die allgemeine Geistesschulung der Lerner ab.
Die Texte des Unterrichts bedienten sich des hochkulturellen Repertoires der Zielsprache. Neben literarischen Texten gehören oder gehörten dazu erzählende Texte über wichtige Persönlichkeiten von Kunst, Literatur und Politik.
Ausgangs- und ausschließliche Unterrichtssprache in der GÜM ist die Muttersprache. Die gesprochene Zielsprache spielt keine Rolle. Stattdessen wird ausschließlich die Schriftsprache eingeübt. Am Anfang steht das Erlernen der gesamten Grammatik nach einem festgelegten Lernplan (Curriculum). Dies geschieht durch Übersetzungen und besonders mit Hilfe von Übungssätzen (Lückensätzen), die auf die jeweilige grammatische Unterrichtseinheit zugeschnitten sind. Nach dem Erlernen der Grammatik wird Lektüre und Übersetzung zielsprachlicher (literarischer) Texte betrieben. Teilweise wurden auch Anthologien verwendet.
Lerntheoretischer Hintergrund ist eine starke auf Erkenntnis beruhende Ausrichtung. Hauptvorteil der GÜM ist die gute geistige Durchdringung des Stoffes und die gute Vermittlung von Grammatik und Schriftsprachbeherrschung. Dem gegenüber steht insbesondere, dass die Sprechfertigkeit wegen der Vernachlässigung des Sprechens und Hörens nicht geübt wird. In der Vergangenheit führte dies auch zu einer Auseinandersetzung um die Ausrichtung des Fremdsprachenunterrichts und seit Beginn der 1880er zur Ablösung der GÜM durch andere Methoden (Viëtors „Direkte Methode“ und schrittweise deren Nachfolger), da das zunehmend nach außen gerichtete deutsche Kaiserreich im imperialistischen Zeitalter dringenden Bedarf an befähigten Sprechern neuer Sprachen entwickelte und sich die GÜM darin unterlegen zeigte.
Behavioristische Methoden mini|Beispiel für an Alltagssituationen orientierte Sprachlernmethode: LAMP-Methode
Zu den behavioristischen Methoden zählen die Audiolinguale Methode und die audiovisuelle Methode. Die Inhalte bestehen zumeist aus Dialogen über Alltagssituationen. Als Sprachebene gilt die gesprochene, die Dialogsprache, wobei stets Einsprachigkeit vorherrscht. Die Übungen beinhalten Satzmusterübungen (Pattern-Drills) und Situationsspiele.
Vorteile: Die Sprachstrukturen werden verselbständigt. Beim Erlernen von Fremdsprachen mit anspruchsvoller Aussprache (z. B. Hochchinesisch) ist die audiolinguale Methode außerordentlich wirksam. Nachteile: Das Lernen kann als langweilig empfunden werden; dies trifft besonders zu, wenn der Schüler die Lerngeschwindigkeit nicht jeweils steuern kann. Wenn auch die Schriftsprache erworben werden soll, muss die audiolinguale Methode durch andere Methoden ergänzt werden.
Kommunikative Methoden In Deutschland wurde sie durch den Fremdsprachendidaktiker Hans-Eberhard Piepho eingeleitet (vgl. Kommunikative Wende). Die textlichen Inhalte dieser Methode sollen Konflikte aufzeigen, die die Sprachschüler zu persönlichen Stellungnahmen anregen. Die Sprachproduktion besitzt Vorrang gegenüber der Sprachkorrektheit, Fehler werden akzeptiert. Bei den Übungen wird der Lernende aufgefordert, seine Meinung zu äußern.
Vorteil: Die Lernenden gewinnen an Sprechfertigkeit, die Angst vor Fehlern wird abgebaut. Nachteil: Die Qualität der Sprache wird vernachlässigt; die kommunikative Kompetenz erreicht schnell ihre Grenzen.
Konstruktivistische Grundsätze Hier steht das eigenaktive „Lernen“ der Schüler im Vordergrund, nicht die lehrerseitige „Anleitung.“ Das heißt, die Aufgabe der Lehrperson ist es nicht zu „lehren“, sondern „Lernen“ zu ermöglichen und zu erleichtern. (Vgl. hierzu ausführlicher Lernorientierung (Fremdsprachenunterricht).) Der Unterricht ist handlungsorientiert und die Inhalte sind nahe an der Schülerwirklichkeit. Sie sollen den Schüler anregen, sich selbst Wissen beizubringen (zum Beispiel im Rahmen von Projekten). Die Sprachebene ist so breit wie möglich. Abweichungen werden akzeptiert. Bei den Übungen steht die Sprachproduktion im Mittelpunkt.
Vorteil: Vorbereitung auf die reale Welt. Nachteil: Nachteile haben sich noch nicht gezeigt.
Lernen durch Lehren mini|hochkant=1.4|Anwendung von LdL im Sprachunterricht: Schülerin führt neuen Wortschatz ein.
Lernen durch Lehren (LdL) ist eine besonders in Deutschland verbreitete Unterrichtsmethode (Jean-Pol Martin, Joachim Grzega), die zwar in allen Fächern angewendet werden kann, sich aber besonders für den Fremdsprachenunterricht eignet. Hier bringen sich die Schüler gegenseitig den Lernstoff bei. Darüber hinaus wird die Lernergruppe bildlich gesprochen zum neuronalen Netz umgestaltet, das im Rahmen eines starken gegenseitigen Austausches Informationen vermittelt. Für Nieweler, den Herausgeber des Handbuchs zur Französischdidaktik (2006) ist LdL „eine radikale Form der Schüler- und Handlungsorientierung“Andreas Nieweler (Hrsg.): Fachdidaktik Französisch – Tradition|Innovation|Praxis. Klett, Stuttgart 2006, S. 318. Insofern verwirklicht LdL den in der Gesellschaft breit geforderten Paradigmenwechsel von der Anleitung (Instruktion) zur gemeinsamen Handlungsorientierung. Dieser Paradigmenwechsel wird durch folgende Strukturen und Merkmale gekennzeichnet:
Zwischen den Lernern entsteht durch starken gegenseitigen Austausch (Interaktionen) eine Vernetzung mit entsprechenden Netzwerkeffekten (Reaktionsschwelle, Resonanz, Redundanz). Im Rahmen dieser Interaktionen werden Informationen zu Wissen veredelt, indem ständig wesentliche von unwesentlichen Informationen getrennt werden und zur nächsthöheren Ebene zur Bearbeitung weitergeleitet werden. So entstehen aus diesen gegenseitigem Austausch etwas Neues (Emergenzen), es wird handlungsorientiert gearbeitet. Während man es im instruktionistischen Modell mit Linearität von vornherein (a priori) zu tun hat, entsteht bei LdL Linearität erst im Nachhinein (a posteriori). Oberster Grundsatz ist die Ressourcenorientierung. Wichtig in diesem Zusammenhang ist, dass in der Klassenraum lebhaft die Unterrichtsgegenstände erörtert werden, damit alle Informationen erkannt und verarbeitet werden (Aufmerksamkeitsökonomie, Reaktionsschwelle).
Gegenwärtige Entwicklungen Die neueren Lehrpläne und Lehrmaterialien zeigen eine Schwerpunktlegung auf folgende Gesichtspunkte:
Verstärkung der Bedeutung der mündlichen Leistung (in Bayern muss eine Schulaufgabe pro Lernjahr als mündliche Prüfung gestaltet werden) Selbständigkeit des Lernens (Lernerautonomie): Die Lehrmaterialien sollen dem Lerner die Möglichkeit eröffnen, auch ohne Unterstützung des Lehrers sein Wissen zu vertiefen und auszubauen. So werden die Lerner in den Lehrwerken unmittelbar angesprochen und sie bekommen Ratschläge zur Ausspracheschulung, zum Wortschatzerwerb (Wörterkarteien, Gedächtnisübung), zum Lese- und Hörverstehen. Selbstüberprüfung (Selbstevaluation) und lebenslanges Lernen: Um die Lerner daran zu gewöhnen, ihren Lernprozess immer selbständiger in die Hand zu nehmen, enthalten die Lehrwerke Selbstevaluationsbögen. Ferner werden Portfolios eingeführt, die den Lerner anregen, über seine Lernerfolge und -zielsetzungen Buch zu führen. Weitere Veränderungen in der Konzeption von schulischem Fremdsprachenunterricht, die insbesondere im Gefolge der beiden PISA-Studien () von 2001 bzw. 2003 angestrengt werden, lassen sich an den Begriffen Bildungsstandards und Standardorientierung festmachen.
Weitere Unterrichtsarrangements Bilingualer Unterricht
In einigen Ländern wird der Unterricht gänzlich in der zu lernenden Sprache abgehalten. Seit den 1960er und 1970er Jahren wurden in Mittel- und Osteuropa (auch in Deutschland) zweisprachige Schulen für besonders gute Schüler eingerichtet. Abgesehen von Sprachen wurde jedes Fach in der Fremdsprache gelehrt. Ab den 1990er Jahren wurde dieses System für alle geöffnet, allerdings müssen Schüler in einigen Ländern noch Eingangstests bestehen. Zur selben Zeit richteten Belgien (französischer Teil), Frankreich, Niederlande, Österreich und Finnland ebenfalls bilinguale Schulen ein.
Abkürzungen CALL: Computer Assisted Language Learning – Computergestütztes Lernen von Sprachen DAF: Deutsch als Fremdsprache DAZ: Deutsch als Zweitsprache DALF: Diplôme approfondi de langue française – Französisches Sprachdiplom (Stufe II) DELE: Diploma de español como lengua extranjera – Diplom für das Erlernen von Spanisch als Zweitsprache [diplomas.cervantes.es] DELF: Diplôme d’études en langue française – Französisches Sprachdiplom (Stufe I) DSH: Deutsche Sprachprüfung für den Hochschulzugang – Sprachtest für fremdsprachige Studienbewerber in Deutschland EAL: English as an Additional Language – Englisch als Zusatzsprache. Gilt, wenn jemand im englischsprachigen Raum Englisch erlernen möchte. EFL: English as a Foreign Language – Englisch als Fremdsprache ELT: English Language Teaching – Englischer Sprachunterricht ESL: English as a Second Language – Englisch als Zweitsprache LDL: Lernen durch Lehren – Konstruktivistische Unterrichtsmethode ÖSD: Österreichisches Sprachdiplom Deutsch – Internationale Sprachprüfungen für DaF SLA: Second Language Acquisition – Erwerben einer Zweitsprache TEFL: Teaching English as a Foreign Language – Unterrichten von Englisch als Fremdsprache TESL: Teaching English as a Second Language – Unterrichten von Englisch als Zweitsprache TESOL: Teaching English to Speakers of Other Languages – Unterrichten von Englisch für Sprecher anderer Sprachen TELL: Technology-Enhanced Language Learning – Technik-gestütztes Sprachlernen TOEFL: Test of English as a Foreign Language – Test des Englischen als Fremdsprache TOEIC: Test of English for International Communication – Test des Englischen in Internationaler Kommunikation. HSK: Hanyu Shuiping Kaoshi – Chinesisch für Ausländer. TOPIK: Test of Proficiency in Korean. JLPT: Japanese Language Proficiency Test.
Situation in einzelnen Ländern China In China ist Englisch die erste Fremdsprache in der Grundschule. Später folgen andere Sprachen wie zum Beispiel Deutsch und Japanisch. Die Schüler müssen viele Prüfungen ablegen:
Abkürzung Chinesische Übersetzung TOEFL Tuofu 托福 IELTS Yasi 雅思 TestDaf Defu 德福
Darstellung der Prüfungen auf Chinesisch: 中国国内主要英语考试分类
Europäische Union 1995 publizierte die Europäische Kommission im Weißbuch Lehren und Lernen – Auf dem Weg zur kognitiven Gesellschaft die Empfehlung, dass jeder Schüler in zwei Sprachen der Union ausgebildet sein solle. Auf dem Lissabonner Gipfel von 2000 wurde die Beherrschung von (Fremd)sprachen als eine von fünf Schlüsselqualifikationen angesehen.