Das Kultur- und Kommunikationszentrum Gassergasse (GaGa) war das erste autonome alternative Jugendzentrum in Wien.
Geschichte Die GaGa wurde von der Gemeinde Wien unter Bürgermeister Leopold Gratz (SPÖ) und Kulturstadträtin Gertrude Fröhlich-Sandner zwischen 1981 und 1983 alternativen Gruppen zur Verfügung gestellt. Dies war eine Reaktion auf die immer stärker werdende Jugendbewegung in Wien (unter anderem der Burggarten-Bewegung) und dem Wunsch der Verantwortlichen, Situationen wie die in der „jugendkrisen-geschüttelten“ Schweiz zu vermeiden. Nachdem sich eine Delegation der Gemeinde Wien Rat in Basel holte, wurde deren Modell und Krisenmanagement-Strategie eines autonomen Jugendzentrums übernommen.
Als Ort wurden die Gebäude der ehemaligen Wiener öffentlichen Küchenbetriebsgesellschaft (WÖK) in der Gassergasse im 5. Wiener Gemeindebezirk (eigentlich Laurenzgasse 1), dem „Verein zur Schaffung, Förderung und Unterstützung von selbstverwalteten Kultur- und Kommunikationszentren“ zur Verfügung gestellt und, in weiterer Folge, von der Stadt Wien subventioniert. 1983 lagen diese Subventionen in der Höhe von „bis zu 2,1 Million Schilling“.Band 1, Wiener Gemeinderat, Wiener Landtag: Register zu den Sitzungen der Funktionsperiode, 1983–1987, Vienna (Austria). Gemeinderat, S. 166.
Die GaGa wurde am 1. Mai 1981 in einem drei Tage langen Fest eröffnet.
Probleme mit Anrainern, Rechtsradikalen, aber auch interne Probleme und Konflikte der Gassergassen-Bewegung, führten immer wieder zu Auseinandersetzungen mit der Polizei, zu Rauschgiftrazzien und schließlich zu einem Stopp der Subventionszahlungen der Stadt Wien im Jahr 1983.L. Wieger: Soziale Bewegung im öffentlichen Raum. Diplomarbeit 2010.
Im Juni 1983 beschlossen Bürgermeister Leopold Gratz und der Bezirksvorsteher des 5. Bezirkes Johann Walter die Räumung und Schleifung des Gebäudes. Kurz darauf, am 27. Juni 1983, wurde die GaGa polizeilich unter heftigen Auseinandersetzungen geräumt.Erkenntnis des Verfassungsgerichtshofs, B488/83 vom 4. März 1985. Entscheidungstext im Rechtsinformationssystem des Bundes (RIS). Es wurden 120 Festnahmen vorgenommen und etliche der Besetzer krankenhausreif geschlagen. Anschließend wurde das Haus samt Inventar abgerissen.
Das Lokal Rotstilzchen wurde nach Abriss der GaGa ein wichtiger Treffpunkt der Hausbesetzer und anderer linker Strukturen.
Trotzdem überlebte der Mythos GaGa. Noch Mitte der 1990er Jahre wurden Opernball-Demonstranten von den Medien mit der „Gassergassen-Szene“ verknüpft. Politische Gruppen wie Global 2000 oder Greenpeace Österreich haben ihre Ursprünge in der GaGa.
Reaktionen auf die Räumung Demonstration am Nachmittag des 28. Juni 1983 am Schottenring im 1. Bezirk. Kurz nach 17:00 Uhr nahmen etwa 70 Personen bei der unangemeldeten Demonstration teil. .
GaGa und das WUK Nach der Räumung zogen einige GaGa-Gruppen, darunter auch Punks, in das Kulturzentrum WUK. Dies führte zu Auseinandersetzungen, die in der Folge zur Errichtung eines Pförtnerdienstes im WUK führten, mit dem Ziel, die GaGa-Leute vom WUK fernzuhalten.Andrea Grisold, Elfie Miklautz, Andreas Resch (Hrsg.): Kreativ in Wien: vierzehn Fallstudien im Spannungsfeld von Ökonomie und Kunst.
Chronik 1.–3. Mai 1981: GaGa wird mit einem 3 Tage langem Fest eröffnet. 11. Mai 1983: Liveaufnahme von ZSD bei einem Festival in der Gassergasse im April 1983. 1.–3. April 1983: Konzertwochenende „Chaotische Ostern“ 1. April 1983: Rote Front, Schund, Kleenex Aktiv, ZSD 2. April 1983: Extrem, Rotting Carcass, K 70, The Kalaschnikovs 3. April 1983: Depressed Kids, Inferno, Nikoteens, Dead Nittels ?. Juni 1983: Beschluss die GaGa polizeilich zu räumen 27. Juni 1983: GaGa wird polizeilich geräumt 28. Juni 1983: Demonstration Schottenring. 56 verhaftet. „Sturm auf Polizeigefangenenhaus“Videoaufnahmen der Demonstration am 28. Juni 1983 im Onlinearchiv der Österreichischen Mediathek 28. Juni 1983: Abbruch beginnt um 6:00 Uhr
Projekte Eine Reihe von Projekten wurden in der GaGa durchgeführt: Sozialdienst „Bernhardiner“ Haftentlassenenbetreuung Punks und heimatlose Jugendliche Autonome Frauenprojekte Gefangenensolidaritätgruppe Schwarzau Arbeitsgruppe Schwulen und Lesben (verlässt die GaGa und etabliert die Rosa Lila Villa) Proberäume für Musiker Beisl „Punkbeisl Bunker“ Sportgruppe (Taekwondo) Handwerksgruppen Tischlerei Hanf-Legalise-Aktivisten Radfahrer Fotoatelier Tischlerei Druckerei Kindergruppen Humane Umwelt für Kinder (HUK) Zwei Alternativschulen: Ätsch Verein für emanzipatorische Erziehung Eltern Schüler Lehrer Kooperation (ESL Coop)
Alternative Bildung Wiens Underground hinterließ Spuren im Bildungsbereich Wie sehr Anfang der 80er Jahre seitens der „GAGAisten“ auch Neuland betreten wurde, zeigt etwa die damalige Gründung erster alternativer Schulformen auf dem Gelände der GaGa, wie auch das Hereinholen von Schwulengruppen, die aber aufgrund heftiger Spannungen mit den ebenfalls dort lebenden Rockern, bald in die über Verhandlungsweg mit der Stadt Wien bereit gestellte Rosa Lila Villa übersiedelten bzw. diese öffentlichkeitswirksam „besetzten“.
Die GaGa beherbergte Kindergruppen und Alternativschulen: ÄTSCH-Verein für emanzipatorische Erziehung (siehe) Eltern-Schüler-Lehrer Kooperative Humane Umwelt für Kinder Kindergruppe Ich bin Ich Kindergruppe Liniengasse
Das Kinderhaus Hofmühlgasse hat ihren Ursprung in der GaGa.
Sozialdienste Die Gemeinde subventionierte Sozialdienste in der GaGa. Bahnhofssozialdienst schickte obdachlose Jugendliche in die GaGa
Musik und Veranstaltungen Die folgenden Musiker und Gruppen spielten in der GAGA:
Punk Die GaGa spielt laut Schreibmüller eine wichtige Rolle in der Entwicklung der Wiener Punk-Szene.
Punk-Bands, die in entweder in der GaGa Proberäume und/oder Auftritte hatten: ZSD (Muenchen, Deutschland) Nikoteens (Österreich) Inferno CONDOM (Österreich) Rote Front Toxoplasma (Deutschland) Dead Nittels (Österreich) Extrem (Österreich) Die Böslinge (Österreich)
Sonstige Musikgruppen/Initiativen: MOMENtMUSIK (Österreich) Tonau (Österreich) Traumtanz
Personenverzeichnis Verein Obmänner Christian SchreibmüllerKlaus Kamolz: Hermes Phettberg: die Krücke als Zepter. Reihe Schräge Köpfe. Christoph Links Verlag 1996, S. 78. Herbert Loitsch
Martin Balluch, Nachtwächter
Schreibmüller, der, neben seiner Tätigkeit als Filmemacher, bis heute in der gewandelten Wiener Alternativ-Szene künstlerisch und journalistisch zu Hause ist, spielte damals in der seinerzeit sehr experimentierfreudigen „Wiener Szene“ eine tragende Rolle: Zuletzt als Obmann der Gassergasse, zuvor als Betreiber der dortigen Fotogruppe. Seines Erachtens unterschied sich die im Frühjahr 1981 gegründete Szene der Gassergasse in Margareten vom WUK im Alsergrund durch ihre „größere Wildheit“, nicht zuletzt entfacht durch die dortige relativ junge Punk-Szene. , erzählt Schreibmüller im Gespräch mit der Rathauskorrespondenz. Eine wesentliche Rolle für die Etablierung der „Wiener Szene“, die in realiter in durchwegs heterogene Gruppierungen, etwa in Friedensaktivisten, Rocker oder Punks, aber auch Schwule und Lesben zerfiel, spielten künstlerisch auch die seinerzeitigen „Wiener Festwochen Alternativ“, die, verortet im ehemaligen 20er Haus beim Südbahnhof, wichtige lokale Impulse für diese europaweit sich etablierende Sub- und Underground-Kultur setzte.
Bewohner Diese Gruppe von 15- bis 20-Jährigen umfasste ca. 70 bis 80 Jugendliche und konnte damals als harter Kern der Wiener Punkszene betrachtet werden.Herbert Grabner: Punks in der Wiener Gassergasse: Studie zur Lebenswelt jugendlicher ‘Außenseiter’. In: Österreichische Zeitschrift für Soziologie Vierteljahresschrift der Österreichischen Gesellschaft für Soziologie, Jg. 10, H. 2, 1985, S. 103–120. Diese stammten laut dieser Studie hauptsächlich aus der „unteren Arbeiterschicht bzw. der Unterschicht“.Herbert Grabner: Punks in der Wiener Gassergasse: Studie zur Lebenswelt jugendlicher ‘Außenseiter’. In: Österreichische Zeitschrift für Soziologie. Vierteljahresschrift der Österreichischen Gesellschaft für Soziologie, Jg. 10, H. 2, 1985, S. 103–120 zitiert in Seite 105 Herbert Grabner: Punks in der Wiener Gassergasse: Studie zur Lebenswelt jugendlicher ‘Außenseiter’. In: Österreichische Zeitschrift für Soziologie. Vierteljahresschrift der Österreichischen Gesellschaft für Soziologie, Jg. 10, H. 2, 1985, S. 103–120 zitiert in Anton Tantner: “Schlurfs” Annäherungen an einen subkulturellen Stil Wiener Arbeiterjugendlicher (PDF; 1,1 MB) Diplomarbeit, Universität Wien, 1993, S. 105.Dieter Baacke, Hans-Dieter (Hrsg.): Qualitative Medienforschung: Konzepte und Erprobungen.1989, S. 239 ()
Assoziiert Manfred Rakousky Gerald Teufel (Fotograf)
Mediale Rezeption „Anderes“ Die GaGa taucht in DaF Texten auf – Es darf gesprochen werden …: acht Dossiers für den DaF-Unterricht mit Fortgeschrittenen
GaGa im Spielfilm Atemnot – Käthe Kratz (Regie), Peter Turrini (Drehbuch)
GaGa in Ausstellungen 2012 Wien Museum: Besetzt! Kampf um Freiräume seit den 70ern
Fotografien „Sue“ in der Wien Museum Ausstellung In der GaGa
Filmdokumentationen Gassergasse (ca. 1982) von Alexander Pöpperl. Farbe, 17 min Videoaufnahmen von Heinz Granzer und der Gruppe Alternativvideo rund um die Räumung der Gassergasse
Presse 16. Juli 1983 ORF Programm Ohne Maulkorb: Standpunkte. Gassergasse Dieses Programm löste heftige Proteste aus. „Gaga“ wird nach Krawallen geschleift. In: Arbeiter-Zeitung. 28. Juni 1983 Zur Räumung der „Gassergasse“. Meinung. In: Arbeiter-Zeitung. 2. Juli 1983, S. 4. AZ-Gespräch mit Leopold Gratz – Der Friedensbewegung politische Inhalte geben. Aufgabenteilung soll für neuen Schwung sorgen. In: Arbeiter-Zeitung. 2. Juli 1983, S. 5. Das Aus für die GAGA und die Folgen. In: Arbeiter-Zeitung. 4. Juli 1983, S. 4.
Weiterführende Literatur Robert Foltin: Und wir bewegen uns doch. Soziale Bewegungen in Österreich. edition grundrisse, Wien 2004, ISBN 3-9501925-0-6. Herbert Grabner: Die Punks in der Wiener Gassergasse. Eine soziologische Feldstudie aus dem Jahr 1983/1984. Verlag Bibliothek der Provinz, Weitra 2025, ISBN 978-3-99126-221-3. Andreas Suttner: „Beton brennt“: Hausbesetzer und Selbstverwaltung im Berlin, Wien und Zürich der 80er (= Kulturwissenschaft. Band 31). Lit, Münster u. a. 2011, ISBN 978-3-643-50260-5.
Weblinks Demokratiezentrum Wien Adi Rasworschegg Besetzungsarchiv Besetzt: Kampf um Freiräume seit den 70er Jahren, Ausstellungskatalog Wien Museum
Ohne Maulkorb: Standpunkte. Gassergasse Kinder im Kultur- und Kommunikationszentrum Gassergasse, 1982 FAQ, Mai/June 2012, No. 17
Einzelnachweise
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