mini|300px|Mit psychischer Belastung verbundene Arbeitssituation (Illustration von Henry Holiday aus Lewis Carrolls „The Hunting of the Snark“)
Psychische Belastung ist nach der Norm EN ISO 10075baua.de: „die Gesamtheit aller erfassbaren Einflüsse, die von außen auf den Menschen zukommen und psychisch auf ihn einwirken.“ Auch gemäß Arbeitsschutzgesetz (siehe auch Norm EN ISO 9241) ergibt sich für Arbeitsplätze die Pflicht des Arbeitgebers, psychomentale Belastungen zu ermitteln und zu beurteilen.BAG: Beschluss vom 8. Juni 2004: „Nach § 3 der Bildschirmarbeitsverordnung hat der Arbeitgeber bei dieser Beurteilung bei Bildschirmarbeitsplätzen die Sicherheits- und Gesundheitsbedingungen insbesondere hinsichtlich einer möglichen Gefährdung des Sehvermögens sowie körperlicher Probleme und psychischer Belastungen zu ermitteln und zu beurteilen.“ Im Unterschied zur psychischen Belastung ist psychische Beanspruchung „die unmittelbare (nicht die langfristige) Auswirkung der psychischen Belastung im Individuum in Abhängigkeit von seinen jeweiligen überdauernden und augenblicklichen Voraussetzungen, einschließlich der individuellen Bewältigungsstrategien“.
Es existieren viele (psycho-)physiologische Messverfahren, welche mehr oder weniger gut mit der psychischen Belastung (mental oder emotional) korrelieren und somit als möglicher Indikator genutzt werden.Klimmer, F.; Rutenfranz, J.; Rohmert, W. (1979): Investigations on physiological and biochemical indicators for differentiation of mental and emotional strain in psychical efforts. In: Int. Arch Occup Environ Heath 44 (3), S. 149–163. doi:10.1007/BF00381130 Gopher, Daniel; Donchin, Emanuel (1986): WORKLOAD – AN EXAMINATION OF THE CONCEPT. In: Kenneth R. Boff, Lloyd Kaufman und James P. Thomas (Hg.): Handbook of perception and human performance. Volume II - Cognitive Process and Performance. New York: John Wiley ans Sons (A Wiley-Interscience publication), S. 1–49. Boucsein, Wolfram (1988): Elektrodermale Aktivität. Grundlagen, Methoden und Anwendungen. Berlin, Heidelberg: Springer. doi:10.1007/978-3-662-06968-4 – ISBN 978-3-662-06969-1 Böckelmann, Irina; Seibt, Reingard (2011): Methoden zur Indikation vorwiegend psychischer Berufsbelastung und Beanspruchung — Möglichkeiten für die betriebliche Praxis. In: Z. Arb. Wiss. 65 (3), S. 205–222. doi:10.1007/BF03373839 Chen, Fang; Zhou, Jianlong; Wang, Yang; Yu, Kun; Arshad, Syed Z.; Khawaji, Ahmad; Conway, Dan (2016): Robust multimodal cognitive load measurement. Cham: Springer (Human-computer interaction series). doi:10.1007/978-3-319-31700-7 – ISBN 978-3-319-31698-7 Kramer, Arthur F. (1990): Physiological Metrics of Mental Workload: A Review of Recent Progress. Bericht. University of Illinois at Urbana-Champaign, San Diego. ISBN 978-1-003-06944-7 Rau, Renate; Richter, Peter (1995): 24-Stunden-Monitoring zur Prüfung der Reaktivität psychophysiologischer Parameter in Belastungs- und Erholungsphasen. Speichelparameter und kardiovaskuläre Parameter in Feld- und Experimentaluntersuchungen. Schriftenreihe der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (FB 12.001), Bremerhaven: Wirtschaftsverlag NW. Ribback, Sven (2005): Psychophysiologische Untersuchung mentaler Beanspruchung in simulierten Mensch-Maschine-Interaktionen. Doctoralthesis. Universität Potsdam. Schlick, Christopher; Bruder, Ralph; Luczak, Holger (2018): Arbeitswissenschaft. 4. Aufl. 2018. Berlin, Heidelberg: Springer Berlin Heidelberg. doi:10.1007/978-3-662-56037-2 – ISBN 978-3-662-56036-5 Stanton, Neville; Hedge, Alan; Brookhuis, Karel; Salas, Eduardo; Hendrick, Hal (Hg.) (2005): Handbook of human factors and ergonomics methods. ebrary, Inc. Boca Raton: CRC Press. doi:10.1201/9780203489925 – ISBN 978-0-429-20571-2
Alleine im physiologischen Bereich der Okulomotorik stehen mehrere adäquate Reaktionen im Verdacht, unterschiedliche Beanspruchungssituationen personenbezogen und objektiv – also nicht mittels einer subjektiven Erhebung (u. a. einer Befragung) – zu detektieren. Zum Beispiel über die Augenbewegung und dem Blickverhalten Galley, Niels (1993): Augenbewegungen, Antizipation und Leistung: Auf dem Wege zu einem neuropsychologischen Konzentrationsmodell. In: Jürgen Beckmann, Hanno Strang und Erwin Hahn (Hg.): Aufmerksamkeit und Energetisierung. Facetten von Konzentration und Leistung. Göttingen, Bern, Toronto, Seattle: Hogrefe Verl. für Psychologie, S. 229–245. ISBN 978-3-8017-0421-6 Biswas, Pradipta; Dutt, Varun; Langdon, Pat (2015): Comparing Ocular Parameters for Cognitive Load Measurement in Eye-Gaze-Controlled Interfaces for Automotive and Desktop Computing Environments. In: International Journal of Human-Computer Interaction 32 (1), S. 23–38. DOI: 10.1080/10447318.2015.1084112Schneider, Marc (2019): Blickbasierte Beanspruchungsmessung : Entwicklung und Evaluation eines Kalibrierungssystems zur individuellen Bewertung der mentalen Beanspruchung in der Mensch-Technik-Interaktion. Dissertation. ISBN 3-7315-0809-5, über das Pupillenverhalten Brunn, Walter v.; Falk, Ruth; Hedwig; Matthes, Karl (1941): Untersuchungen über die Pupillenreflexe beim Menschen. In: Pflüger, Arch. 244 (5), S. 644–658. doi:10.1007/BF01756035 Kerkau, Florian (2005): Biosignale der Pupille zur Steuerung intelligenter User Interfaces. Untersuchung von Pupillenbewegungen zur Realisierung einer biopsychologischen Computerschnittstelle für die Mensch-Computer-Interaktion. Dissertationsschrift. Freie Universität Berlin, Berlin. Fachbereich Erziehungswissenschaft und Psychologie. URL: refubium.fu-berlin.de Beatty, Jackson; Lucero-Wagoner, Brennis (2000): The pupillary system. In: J. T. Cacioppo, L. G. Tassinary und G. G. Berntson (Hg.): Handbook of psychophysiology: Cambridge University Press, S. 142–162. ISBN 0-521-84471-1 Chen, Siyuan; Epps, Julien (2014): Using Task-Induced Pupil Diameter and Blink Rate to Infer Cognitive Load. In: Human–Computer Interaction 29 (4), S. 390–413. doi:10.1080/07370024.2014.892428 sowie über den LidschlagPonder, Eric; Kennedy, W. P. (1927): ON THE ACT OF BLINKING. In: Exp Physiol 18 (2), S. 89–110. doi:10.1113/expphysiol.1927.sp000433Stern, John A.; Walrath, Larry C.; Goldstein, Robert (1984): The Endogenous Eyeblink. In: Psychophysiology 21 (1), S. 22–33. DOI: 10.1111/j.1469-8986.1984.tb02312.x Galley, Niels (1993): Augenbewegungen, Antizipation und Leistung: Auf dem Wege zu einem neuropsychologischen Konzentrationsmodell. In: Jürgen Beckmann, Hanno Strang und Erwin Hahn (Hg.): Aufmerksamkeit und Energetisierung. Facetten von Konzentration und Leistung. Göttingen, Bern, Toronto, Seattle: Hogrefe Verl. für Psychologie, S. 229–245. ISBN 978-3-8017-0421-6Reßut, Norman; Hoppe Annette (2019): Erfassung von individuellem Beanspruchungserleben bei kognitiven Belastungssituationen mittels Mustererkennung im Lidschlagverhalten. In: Zeitschrift für Arbeitswissenschaft 65 (2019), S. 1–13. doi:10.1007/s41449-019-00165-y. – ISSN 0340-2444Reßut, Norman (2021): Das Lidschlagverhalten als Indikator psychischer Belastung, Wiesbaden: Springer Vieweg, 2021. doi:10.1007/978-3-658-36052-8 – ISBN 978-3-658-36051-1.
Gemäß EN ISO 10075 kann auch von mentaler BelastungIm Englischen ist der Titel für die Norm „Ergonomic Principles Related To Mental Workload“. Zusammengefasst mit dem in der deutschen Fassung verwendeten Begriff der psychischen Belastung ergibt sich daraus der Begriff der psychomentalen Belastung, mit dessen Verwendung eine Assoziation mit psychischer Störung vermieden wird. gesprochen werden. Gegenstand der Norm ist also nicht irgendeine Art von individuellem psychischem Defizit einer Person, sondern die Belastung von Geist und Seele. Psychomentale Belastung ist dafür der treffende Begriff. Psychosoziale Belastung ist ein weiterer Begriff, der in der Diskussion zum Thema der psychischen Belastung verwendet wird.
Psychische Belastungen wirken ausgehend von einer Situation auf den Menschen. Sie beanspruchen seine Ressourcen. Der Begriff der Belastung beschreibt also eine Eigenschaft von Situationen und nicht Eigenschaften von Personen. Im Unterschied zum Begriff der Belastung bezeichnet der Begriff Stress „die unspezifische Reaktion des Organismus auf jede Form von Belastung“.Bericht des Berufsverbands Deutscher Psychologinnen und Psychologen: , Seite 55Hans Selye: Hormones and Resistance, 1971. Eine psychische Belastung, die Stress auslöst, wird Stressor genannt.BAuA Glossar, Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin:
In Abhängigkeit von der Art der Belastung und den individuellen psychischen Voraussetzungen kann eine Belastung – und Stress als Reaktion auf eine Belastung – sowohl schädlich wie auch anregend wirken. Anregende Belastungen können langfristig zur persönlichen Entwicklung und Gesunderhaltung beitragen. Arbeit ist in der Regel eine psychische Belastung des Menschen. Wichtig ist dabei der Unterschied zwischen legitimer Belastung und Fehlbelastung. Schädlicher Stress ist die Folge von Fehlbelastung und kann zur Ermüdung und zu psychosomatischen Erkrankungen führen.
Burnout oder Boreout, Depressionen, Angststörungen, Süchte, ADS / ADHS oder Phobien gelten als Krankheitsbilder, die gleichberechtigt neben den körperlichen Störungen stehen und mittlerweile zu den sogenannten Volkskrankheiten zählen.
Fast jeder dritte Deutsche zwischen 18 und 65 Jahren leidet mindestens einmal pro Jahr unter einer psychischen Störung. Angststörungen nehmen hier mit 14,5 % eine Spitzenposition ein, gefolgt von Störungen durch psychotrope Substanzen (z. B. Alkohol, Drogen), den affektiven Störungen (z. B. Depression, Manie, bipolare Störungen) und den somatoformen Störungen (z. B. körperlich nicht begründbare Schmerzen).
Frauen leiden im Durchschnitt häufiger an psychischen Problemen. Eine Ausnahme bildet der Missbrauch von psychotropen Substanzen, der sich eher als eine Männerdomäne darstellt. Hier steht das Thema Alkohol im Vordergrund.
Belastungssituationen Belastungssituationen können erfüllend sein oder als unerwünscht abgewehrt werden. Es können Situationen der Fremdbestimmung und Unterordnung sein. Psychomentale Belastung kann sowohl mit Erfolg wie mit Versagen verbunden sein. Am schwersten zu bewältigen sind psychomentale Belastungen, die Folge unumkehrbarer Verluste sind.Christian Bourion: La logique emotionnelle, 2. Ausgabe 2001, ISBN 978-2-7472-0236-7 (Emotional Logic and Decision Making: The Interface Between Professional Upheaval and Personal Evolution, 2004, ISBN 978-1-4039-4508-2). Akute Belastungsreaktionen bis hin zu Trauma und posttraumatischen Belastungsstörungen sind in solchen Fällen mögliche Folgen.
Belastungssituationen sind nicht auf das Arbeitsleben beschränkt. Vielfältige psychosoziale Stressfaktoren kommen im Familien- und Privatleben vor, auch beeinflusst durch die individuelle soziale Situation. Unter Schülern treten ebenfalls schulbedingte psychische und physische Belastungen auf.
Bei Seeleuten in der Berufsschifffahrt auftretende extreme Belastungssituationen in der Arbeits- und Lebensumgebung Schiff sind international als Seafarer Fatigue bekannt und werden insbesondere seit 1995 vom Seafarers International Research Centre (SIRC) an der Cardiff University vor dem Hintergrund des International Safety Management Code und den Erfordernissen der Hafenstaatkontrolle erforscht.
Psychomentale Belastungen am Arbeitsplatz Bedeutung psychomentaler Belastungen „Seelische Krankheiten prägen das Krankheitsgeschehen“, berichtet der Bundesverband der Betriebskrankenkassen (BKK) in seinem Gesundheitsreport 2008.Bundesverband der Betriebskrankenkassen: Dem Report zufolge „zeigen Mitarbeiterbefragungen, dass psychische Fehlbeanspruchungen nicht nur mit seelischen Gesundheitsstörungen, sondern auch mit allgemein schlechteren Gesundheitszuständen einhergehen.“