Tynset ist ein 1965 erschienenes lyrisches Prosawerk des deutschen Schriftstellers Wolfgang Hildesheimer. Der häufig, nicht jedoch von Hildesheimer selbst, als Roman bezeichnete Text gibt die Gedanken eines Schlaflosen im Verlauf einer durchwachten Nacht wieder. Tynset, das zu Hildesheimers Hauptwerken gezählt wird, thematisiert die Resignation im Angesicht einer absurden Welt. Der Ich-Erzähler aus Tynset ist auch in anderen Werken Hildesheimers anzutreffen und weist Gemeinsamkeiten mit Hildesheimer selbst auf. Benannt ist das Werk nach der norwegischen Gemeinde Tynset, die sich der Erzähler als Reiseziel ausmalt.

Das Buch war in seinem Erscheinungsjahr ein Bestseller, fand in der zeitgenössischen Presse starke Beachtung und wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt, konnte aber nicht die Popularität von Hildesheimers Lieblosen Legenden erreichen. Hildesheimer wurde für Tynset mit dem Literaturpreis der Stadt Bremen ausgezeichnet.

Inhalt mini|Der Bahnhof von Tynset, Norwegen

Mit diesen Worten beginnt der Ich-Erzähler die monologisierenden Betrachtungen eines Schlaflosen, aus denen Tynset besteht. Der Erzähler, dessen Lebensumstände stark jenen von Wolfgang Hildesheimer selbst ähneln, lässt seine Gedanken schweifen, berichtet von seinen Erinnerungen, Wünschen und Ängsten, den Menschen in seiner Umgebung, und taucht in die Geschichte seiner beiden antiken Betten ein. Mehr als um eine eigentliche Handlung handelt es sich in Tynset um einen Assoziationsfluss. Nachdem sich der Erzähler Gedanken über die von ihm wahrgenommenen Geräusche und Gerüche gemacht hat, greift er „blind auf den Nachttisch nach einem Buch“.Wolfgang Hildesheimer: Tynset. Lizenzausg. Ex Libris, Zürich , S. 10. Ein Telefonbuch legt er wieder weg. Das Kursbuch der norwegischen Staatsbahnen von 1963 hingegen nimmt er anschließend auf, um darin zu lesen. Er liest „zum Beispiel von einer Nebenlinie, die führt von Hamar nach Stören, und zwar über Elverum, Tynset und Röros“.Wolfgang Hildesheimer: Tynset. Lizenzausg. Ex Libris, Zürich , S. 13. In der Folge stellt er Betrachtungen über den Klang der Stationsnamen und über die Vorstellungen an, die er mit ihnen verbindet. Besonders fasziniert zeigt er sich von Tynset, wo er nie gewesen ist. Später nimmt er sich vor, nach Tynset zu fahren, zuvor schweifen seine Gedanken aber wieder ab, als er aufsteht, um durch das Haus zu gehen, vorbei am obersten Treppenabsatz, wo „Hamlets Vater“ zu stehen pflege. Die Bedeutung, die diese zunächst rätselhafte Figur für den Erzähler hat, wird später deutlicher, da er sich selbst mit Hamlet vergleicht und erwähnt, dass sein Vater ermordet worden sei. „Hamlets Vater“ ist somit ein mahnender Geist – wie der Vater in Shakespeares Stück – angesichts der Tatenlosigkeit des Erzählers.

Nach Betrachtungen über seine trunksüchtige und sehr fromme Haushälterin Celestina kommt der Erzähler auf das Telefonbuch zurück und schildert, wie er eine Zeitlang, als er noch in Deutschland lebte, fremde Leute angerufen habe, um ihnen warnend mitzuteilen, es sei „alles entdeckt“, wobei er manchmal – bei Personen aus seiner Nachbarschaft – ihre anschließende Flucht beobachten konnte. Sein letzter Anruf, unter dem Namen Bloch, galt Kabasta – einem Mann, von dessen Existenz, „einer furchtbaren Existenz“,Wolfgang Hildesheimer: Tynset. Lizenzausg. Ex Libris, Zürich , S. 42. er vorher gewusst habe. Kabasta lässt sich aber nicht verunsichern und schaltet offenbar die Polizei ein. In der Folge hat der Erzähler den Eindruck, sein Telefon werde überwacht. Bald darauf verlässt er nicht nur das Haus, sondern auch Deutschland. Nach Gedanken über das spätherbstliche Wetter und einen im Schneetreiben auf dem nahen Pass erfrorenen „Vertreter der evangelistischen Erweckungsbewegung“, kommt der Erzähler auf das Telefonbuch zurück, berichtet von seinem Versuch, ein eigenes Telefonbuch mit erfundenen Namen zu schreiben, und gelangt schließlich über eine Assoziationskette zu „Doris Wiener, die sich ihre Nase verkleinern und ebnen ließ“Wolfgang Hildesheimer: Tynset. Lizenzausg. Ex Libris, Zürich , S. 62. und die mit ihrem Mann zu einem Opfer des nationalsozialistischen Terrors wurde – der Mann, Bloch, habe sich unter der Aufsicht von Kabasta sein eigenes Grab schaufeln müssen.

Es folgt ein Einschub, der mit „Die Hähne Attikas –: um sie krähen zu hören, stieg ich eines Abends zur Akropolis empor …“Wolfgang Hildesheimer: Tynset. Lizenzausg. Ex Libris, Zürich , S. 63. beginnt. Hildesheimer schildert darin das Konzert der Hähne, das von einem „Kikeriki“-Ruf des Erzählers vor Morgengrauen provoziert wird. Weiteren Abschweifungen folgt schließlich der feste Beschluss, nach Tynset zu fahren. Doch macht sich der Erzähler Sorgen über die Hindernisse, die sich ihm in den Weg stellen könnten, besonders die Städte, die er möglichst umfahren möchte, „als da sind Prada, Chur und Stuttgart, Hannover und – War es Hannover?“Wolfgang Hildesheimer: Tynset. Lizenzausg. Ex Libris, Zürich , S. 111. – die Aufzählung verortet den Erzähler in Poschiavo (wozu die Siedlung Prada gehört) im Schweizer Kanton Graubünden, wo auch Hildesheimer lebte. Der Text geht an dieser Stelle in die alptraumhafte Beschreibung der Fahrt durch eine labyrinthische deutsche Landeshauptstadt über, die Gemeinsamkeiten mit Hannover aufweist, vom Erzähler aber Wilhelmstadt genannt wird, und der durch irreführende Beschilderung nur schwer zu entrinnen ist.

Der Erzähler will den automatischen Straßenzustandsbericht anrufen, wählt aber die falsche Nummer und erhält ein Kochrezept, denkt an den Auftritt eines Kardinals in Rosenheim, der dort etwas eingeweiht habe, liegt wieder in seinem Bett und es wird Mitternacht. Nun beschreibt er sein Winterbett, „in dem vor mir hundertzwanzigtausend Nächte keiner gelegen hat, das ich einer infantilen Standesperson abgekauft habe“,Wolfgang Hildesheimer: Tynset. Lizenzausg. Ex Libris, Zürich , S. 128. als das Bett, in dem der italienische Komponist Carlo Gesualdo seine Frau und ihren Liebhaber ermordet hat und malt sich in langen, lyrischen Sätzen den Moment des Todes der Liebenden aus, bis seine Gedanken unvermittelt wieder bei Tynset landen. Zunehmend wird Tynset für den Erzähler zu einem besonderen Ort:

Weiter schlaflos, steht der Erzähler wieder auf, um sich eine neue Flasche Rotwein zu holen, geht wieder im Haus umher und stellt seine Betrachtungen an. In einer längeren Episode erinnert er sich an das letzte Fest, das er in seinem Haus gab, und wie sich Wesley B. Prosniczer, ein amerikanischer Erweckungsprediger, uneingeladen aufdrängte, die Gäste letztlich mit seinen Bekehrungsbemühungen vertrieb und diese auch dem Erzähler entfremdete, von dem sie glaubten, dass er den Auftritt des Predigers veranlasst habe. Prosniczer ist der einzige Gast dieses Festes, den der Erzähler wiedersehen wird – erfroren beim Versuch, den verschneiten Pass zu überqueren, wovon schon zu Beginn von Tynset berichtet wird.

Nach einer Weile beschließt der Erzähler, sein Sommerbett zu besuchen. Es ist ein großes Renaissance-Bett aus einem englischen Gasthof, vergleichbar dem Great Bed of Ware, etwas älter als dieses, und bietet sieben Schläfern Platz. Der Erzähler malt sich die Gäste im Jahre 1522 aus, das letzte Mal, als sieben Leute in diesem Bett schliefen, ihre Hintergründe und Wesensart, und ihren Tod durch die Pest. Es folgt wieder das Motiv seiner Haushälterin Celestina, ihrer Trunksucht und Religiosität. Diesmal besucht der Erzähler die trinkende Celestina in der Küche. Sie scheint ihn in ihrer Trunkenheit für Gott zu halten und verlangt von ihm, sie zu segnen, was er mit unbeholfenen Gesten und Worten versucht, sie damit aber nur enttäuscht, als die Verblendung von ihr abfällt.

Wieder macht sich der Erzähler Gedanken über seinen „ungereiften Plan, der heißt Tynset.“Wolfgang Hildesheimer: Tynset. Lizenzausg. Ex Libris, Zürich , S. 237 Erneut liegt er in seinem Winterbett, wieder denkt er über Gesualdo nach, auch über Celestina. Er hört sich den Straßenzustandsbericht am Telefon an und schläft schließlich doch noch ein. Als er erwacht, ist es hell und es ist Schnee gefallen, früh Winter geworden. Tynset ist für ihn nun „vorbei, erledigt. Es ist zu spät. Nichts mehr davon. In diesem Schnee wäre ich nicht nach Tynset gekommen, niemals.“Wolfgang Hildesheimer: Tynset. Lizenzausg. Ex Libris, Zürich , S. 257 Die Glocken des Ortes läuten für die Beerdigung eines Kindes. Der Erzähler beschließt, nicht nach Tynset zu fahren, nicht zur Beerdigung des Kindes zu gehen, sondern in seinem Winterbett liegenzubleiben:

Werkzusammenhang Tynset ist Bestandteil eines monologischen Werkkomplexes, der von Hildesheimer mit Vergebliche Aufzeichnungen begonnen und mit Zeiten in Cornwall und Masante abgeschlossen wurde. Obwohl Tynset häufig als (lyrischer) Roman bezeichnet wird, unter anderem von der amerikanischen Germanistin Patricia Haas Stanley, sah Hildesheimer selbst diese Gattungsbezeichnung als unangemessen an, bezeichnete das Buch als Nichtroman und schrieb „Was es geworden ist, weiß ich nicht […]“.Wolfgang Hildesheimer: Antworten über Tynset, zitiert nach Er bevorzugte es, Tynset und Masante als „Monologe“ zu bezeichnen, hielt dabei jedoch fest, dass der Monolog keine literarische Gattung sei. Obschon Masante nach Zeiten in Cornwall erschienen ist, bildet letzteres Werk gemäß der Hildesheimer-Werkgeschichte von Volker Jehle den „neueren Stand der Entwicklung“, da Masante ursprünglich früher erscheinen sollte. Gemeinsam ist diesen Werken ein Ich-Erzähler, der „Reflekteur“, der erstmals in Schläferung auftritt, der letzten von Hildesheimers Lieblosen Legenden. Während Hildesheimer den Erzähler, der in Tynset noch liegenbleibt und sich nicht mehr zum geplanten Aufbruch entschließen kann, in Masante auf eine Reise und wortwörtlich in die Wüste schickt, wo er vermutlich umkommt, ist Zeiten in Cornwall eine unmittelbar autobiographische Erinnerung an Hildesheimers Aufenthalte in Cornwall 1939 und 1946.

Der Literaturwissenschaftler Morton Münster ordnet Tynset in seiner Tübinger Dissertation von 2013 in die mittlere „absurde Phase“ Hildesheimers ein, die zwischen der „satirischen Phase“ und einer Abkehr von der Poetologie des Absurden stehe.

Themen, Motive und biografischer Hintergrund

Resignation angesichts des Absurden Hildesheimers Romane, wie auch seine Theaterstücke, stehen in der Tradition des absurden Theaters. Sowohl in Tynset als auch in Masante und in Hildesheimers letztem literarischen Werk Mitteilungen an Max über den Stand der Dinge und anderes zeigen sich „Zweifel an Sprache und Sinnhaftigkeit des Lebens“, wobei diese Zweifel, so Morton Münster, sich in Tynset noch in einem Findungsprozess befinden. Der Erzähler, „passiver Zuschauer in einer Welt ohne Antworten“, vergleicht sich an einer Stelle, als er über einen Betstuhl sinniert, der zu seinem Mobiliar gehört, mit Hamlet: „[…] ich bin Hamlet, ich sehe meinen Onkel Claudius, kauernd oder rutschend vor dem Stuhl […] aber ich töte ihn nicht, ich verzichte, ich handle nicht, andere handeln, ich nicht“.Wolfgang Hildesheimer: Tynset. Lizenzausg. Ex Libris, Zürich , S. 107. Angesichts des zusammenhang- und sinnlosen Lebens in einer absurden Welt reagiert Hildesheimers Erzähler mit Melancholie und Resignation. Diese Resignation ist es auch, die er seinen Lesern nahelegen möchte. So ist es nach Hildesheimer, wie Günter Blamberger dargestellt hat, die pädagogische Absicht der Literatur des Absurden, „dass der Mensch im Absurden heimisch wird, sich mit der Vernunftwidrigkeit des Lebens abfindet, dass er die Verzweiflung über das Schweigen der Welt mit Würde erträgt und als kontinuierliche Lebenshaltung annimmt“. In Tynset und Masante habe Hildesheimer, so Blamberger, demonstriert, „dass der Weg einer Literatur des Absurden, die sich nicht der praktischen Philosophie Camus' verschreibt, sondern auf Wahrheitssuche bleibt, vom Stillstand in der Krise zum Verstummen führt.“