Das Etschmiadsin-Evangeliar ist ein 989 im Kloster Bgheno-Norawank angefertigtes Evangeliar in Form eines armenischen illuminierten Buches, das in der Sammlung des Matenadaran in Jerewan unter der Nummer MS 2374, vormals 229, aufbewahrt wird. Die Ruine des Klosters liegt in der heutigen südarmenischen Provinz Sjunik. Das Etschmiadsin-Evangeliar gilt als die bedeutendste armenische Handschrift. Es enthält neben dem aus 224 Blättern bestehenden Textteil drei stilistisch unterschiedliche Gruppen von Miniaturmalereien: die zeitgleich mit dem Text entstandenen Kanontafeln vor dem Anfang des Kodex, im Text verstreute Randzeichnungen aus dem 11./12. Jahrhundert und – von besonderer kunsthistorischer Bedeutung – vier ganzseitige Miniaturen am Schluss, die Ende des 6. oder Anfang des 7. Jahrhunderts datiert werden. Sie sind die ältesten erhaltenen armenischen Buchmalereien. Der Einband aus reliefiertem Elfenbein ist eine byzantinische Arbeit aus dem 6. Jahrhundert.
mini|Christus auf dem Thron, Miniatur von 989, fol. 6
Grundlagen Die Armenische Apostolische Kirche führt ihre Tradition auf zwei Apostel zurück, die im 1. Jahrhundert das Christentum nach Armenien gebracht haben sollen. Drei Ereignisse in der frühchristlichen Zeit sind für die armenische Nation wesentlich: 314 erklärte König Trdat III. das Christentum zur Staatsreligion, im Jahr 405 führte Mesrop Maschtoz die armenische Schrift ein, was als religiöses Wunder aufgefasst wurde, und im 5. Jahrhundert verfasste Moses von Choren (Movses Chorenatsi) die erste Chronik Armeniens. In der frühchristlichen Zeit wurden die Bibel, liturgische Anweisungen und Texte der frühen Kirchenväter in altarmenischer Schrift aufgezeichnet, Mönche kopierten möglichst genau die Handschriften und statteten sie mit kostbaren Einbänden aus. Der Schrift selbst wurde nach alter vorchristlicher Tradition eine magische Bedeutung zuerkannt. Wer eine Handschrift kopierte, erwarb sich religiöse Verdienste. Es war für einen König, Fürsten oder einen hohen Geistlichen ebenso verdienstvoll, eine Handschrift wie eine Kirche zu stiften. Handschriften wurden neben Kirchen und Chatschkaren zu einem der Symbole armenischer Identität und genießen eine entsprechende Wertschätzung.Burchard Brentjes: Drei Jahrtausende Armenien. Koehler & Amelang, Leipzig 1973, S. 118. Sie galten wie die Ikonen der Orthodoxen Kirchen als heilig und mussten in den Klöstern stehend aufbewahrt werden, um sie von weltlichen Gegenständen zu unterscheiden. Aus dem Mittelalter sind rund 30.000 Handschriften bekannt, die neben religiösen Themen alle damaligen Wissenschaften beinhalten.Hamlet Petrosyan: Writing and the Book. In: Levon Abrahamian, Nancy Sweezy (Hrsg.): Armenian Folk Arts, Culture, and Identity. Indiana University Press, Bloomington 2001, S. 52, 57.
Es gab – wenn auch gegenüber der byzantinischen Kunst in bescheidenerem Umfang – großflächige armenische Wandmalereien in frühchristlicher Zeit; die armenische Bildkunst entwickelte sich jedoch vor allem im Format der Handschriften. Ein neben den Miniaturen weiterer wesentlicher Bestandteil der Handschriften ist das am Ende angefügte Kolophon (armenisch hischatakaran, „Gedächtnis“). Darin berichtet der Schreiber detailliert über seine Lebensumstände, Arbeitsweise, Auftraggeber und die mit ihm an der Herstellung des Buches beteiligten Personen. Ein Kolophon ist in den meisten armenischen Handschriften vorhanden. An das Hauptkolophon des Schreibers schließen sich häufig weitere Zusätze aus späterer Zeit an, aus denen sich die Veränderungen am Buch und dessen wechselnde Besitzer und Aufbewahrungsorte erkennen lassen.Heide und Helmut Buschhausen, S. 192f., 197.
Die aus dem 9. und 10. Jahrhundert überlieferten armenischen Handschriften sind fast alle Evangeliare. Das undatierte und unvollständig erhaltene Evangeliar der Königin Mlke (Venedig, MS 1144/86), dessen Herstellungsort unbekannt ist, ist das älteste bekannte armenische Evangeliar; es wurde 851 abgeschrieben und 862 eingebunden. Das älteste datierte Manuskript ist das Lazarian- (Lazarev-)Evangeliar von 877 (Mat. MS 6200). Fünf weitere Handschriften aus dem 10. Jahrhundert sind bis zum Etschmiadsin-Evangeliar von 989 bekannt.Vrej Nersessian, S. 157, 181. Die Malereien zeigen im 9. Jahrhundert einen ausgereiften Stil, weshalb es in den Jahrhunderten zuvor bereits eine reiche Tradition von Buchillustrationen gegeben haben muss. Den wertvollsten Hinweis darauf geben die zwei dem Etschmiadsin-Evangeliar am Ende angefügten Blätter, ansonsten sind nur Rückschlüsse aus den Kommentaren einiger Geschichtsschreiber möglich.
Am Anfang der Evangeliare finden sich Kanontafeln, die von Schmuckarkaden umrahmt dem Leser einen Überblick über den biblischen Inhalt geben sollten. Die Indexierung folgt einem System, das Eusebius von Caesarea in Palaestina Anfang des 4. Jahrhunderts einführte. Damit konnten die in den vier Evangelien unterschiedlich dargestellten Episoden aus dem Leben Jesu einander zugeordnet werden. Eusebius erfand eine durchnummerierte Gliederung in mehrere hundert Abschnitte für alle Evangelien, die dadurch harmonisiert wurden, ohne den Inhalt anzutasten. Letzteres war erforderlich, damit die Texte als authentische Zeugnisse erhalten blieben. Im Jahr 331 bestellte Konstantin der Große bei Eusebius für die Liturgie in den Kirchen Konstantinopels mehrere Evangeliare und andere Schriften. Eusebius gestaltete sie den Vorgaben entsprechend aufwendig, indem er die aus der römischen Sakralarchitektur geläufigen Arkaden als Schmuckmotive übernahm.
Nur in den armenischen Handschriften wurde das ursprüngliche Format des Eusebius von zehn Kanontafeln unverändert überliefert. Das Etschmiadsin-Evangeliar hat von allen Handschriften des 1. Jahrtausends die Urform der von Konstantin bestellten Tetraevangeliare am getreuesten bewahrt, erst später erhielten die dargestellten spätrömischen Architekturformen durch eine charakteristische ornamentale Gestaltung eine armenische Prägung.Heide und Helmut Buschhausen, S. 208. Während üblicherweise die Evangelien in der Reihenfolge Matthäus, Markus, Lukas und Johannes sortiert werden, folgt das Etschmiadsin-Evangeliar dem alten eusebianischen Ordnungsprinzip und stellt den dritten Apostel Lukas vor den zweiten Apostel Markus.Carl Nordenfalk: Die spätantiken Kanontafeln. Kunstgeschichtliche Studien über die eusebianische Evangelien-Konkordanz in den vier ersten Jahrhunderten ihrer Geschichte. Oscar Isacsons Boktryckery, Göteborg 1938, S. 70f.
Die Arkaden auf den Kanontafeln bilden mit einer halbkreisförmigen Lünette darüber ein gemaltes Portal, das für den Leser den Zugang zum Text versinnbildlicht. Dieser fühlt sich in der Rolle des Gläubigen, der durch ein Portal ein Heiligtum betritt. Die Kanontafeln sind des Weiteren mit geometrischen Formen und Blumen verziert; die abgebildeten Vögel lassen sich als Pfauen, Reiher, Hähne, Rebhühner und Tauben identifizieren oder stellen Phantasievögel dar. Die symbolische Bedeutung der in vielen Variationen auftauchenden Vögel ist nur teilweise bekannt. Im Etschmiadsin-Evangeliar kommt ein Vogel in einem Käfig vor, der seit der Antike die in ihrem Körper gefangene Seele symbolisiert. Was das in armenischen Manuskripten einzigartige Motiv an dieser Stelle bedeutet, ist jedoch unklar.Thomas E. Mathews: Psychological dimensions in the art of Eastern Christendom. In: Osmund Overby (Hrsg.): Art and Religion: Faith, Form and Reform. (1984 Paine Lectures in Religion) University of Missouri, Columbia 1986, S. 2–4.
Forschungsgeschichte Die ersten Erwähnungen des Etschmiadsin-Evangeliars stammen aus den Jahren 1840 und 1851 von Marie Felicité Brosset. Es folgten genauere Beschreibungen von Graf A. S. Uwarow (1862)auf Russisch, französische Übersetzung von J. J. Mourier: La bibliotheque d’Etchmiadzin et les manuscrits arminiens. Tiflis 1885., Wladimir Stassow (1886), Josef Strzygowski (1891), Frédéric Macler (1920), Kurt Weitzmann (1933), Sirarpie Der Nersessian (1933 und 1964), Thomas F. Mathews (1980) und Matevosyan Artashes (1990). Die umfangreiche kunsthistorische Forschung zum Etschmiadsin-Evangeliar konzentrierte sich auf die beiden angefügten Blätter mit den vier frühchristlichen Miniaturen. Strzygowski bezeichnete in seiner detaillierten Beschreibung, mit der er das Evangeliar erstmals unter Kunsthistorikern bekannt machte, die erste Gruppe von 15 Abbildungen fälschlich als syrische Malereien aus dem 5. Jahrhundert und die vier abschließenden Miniaturen ebenfalls als syrisch aus dem 6. Jahrhundert. Die im Text am Rand verstreuten groben Zeichnungen hielt er für das Werk des Schreibers Hovhannes, die deshalb relativ plump ausgefallen seien, weil der Kalligraph offensichtlich kein gelernter Illustrator war.Josef Strzygowski, S. 23. 1911 revidierte Strzygowski seine AuffassungJosef Strzygowski: Ein zweites Etschmiadzin-Evangeliar in Huschardzan. Festschrift aus Anlass des 100 jährigen Bestandes der Mechitaristen-Kongregation in Wien (1811–1911) und des 25. Jahrganges der philologischen Monatschrift "Handes Amsorya" (1887–1911). Wien 1911, S. 344–352. zum Teil und hielt nun die Miniaturen am Anfang für im 10. Jahrhundert angefertigte Kopien der Originale des 6. Jahrhunderts. Für das 10. Jahrhundert plädierte auch Frédéric Macler in seinem Vorwort zur Faksimile-EditionFrédéric Macler, 1920, S. 12. von 1920.Sirarpie Der Nersessian, 1933, S. 328.
Die Forschungen von Sirarpie Der Nersessian schafften letztlich Klarheit über die Entstehungsgeschichte. Demnach entstanden die Miniaturen am Anfang zeitgleich mit dem Text im Jahr 989, während die Randzeichnungen im 11. oder 12. Jahrhundert hinzukamen, als das Evangeliar in einzelne Perikope aufgeteilt wurde. Nach Der Nersessian sind die vier abschließenden Miniaturen in vorarabischer Zeit – also vor der ersten arabischen Eroberung der Hauptstadt Dvin 640 – entstandene, armenische Schöpfungen.Thomas F. Mathews, S. 199.
Die Elfenbeindeckel stammen nach einhelliger Ansicht aus dem 6. Jahrhundert und nach heutiger Erkenntnis aus einem Teil des Byzantinischen Reiches. Die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts angestellten Mutmaßungen über die Herkunft aufgrund der ikonografischen Analysen reichten von Ravenna (Strzygowski, 1891), Syrien (Strzygowski, 1902; Oskar Wulff, 1912) und aus dem östlichen Byzanz (Wolfgang Fritz Volbach, 1952). Ferner wurden Ägypten und Kleinasien genannt.Pieter Singelenberg, 1958, S. 106.
Entstehung und Struktur mini|Tempietto, fol. 5v Laut dem ersten Kolophon fertigte der Schreiber Hovhannes (Johannes) im Kloster Norawank im Auftrag des Priesters Ter Stepanos im Jahr 989 eine Abschrift von einer alten und „originalen“ Vorlage an.Text des Kolophons teilweise übersetzt in: Strzygowski, S. 18f. Aus dem Kolophon geht nicht hervor, welches von den vier Norawank („neues Kloster“) benannten Orten gemeint war. Am bekanntesten ist heute das Norawank in der Provinz Wajoz Dsor. Josef Strzygowski ging 1891 noch von diesem Norawank als dem Herstellungsort aus.Josef Strzygowski, S. 20. Bis 1933 war der Nachweis erbracht, dass es sich um das kleinere Norawank im Distrikt Bgheno in der Nähe von Goris handelt.Sirarpie Der Nersessian, 1933, S. 327. Das dortige Kloster wurde 935/936 von einem Priester Ter Stepanos gegründet. Wie es in einem zweiten Kolophon von 1213 heißt, brachte Gurzhin, der Sohn von Vahram, das Evangeliar zur Kirche des heiligen Stephanus, des ersten christlichen Märtyrers, in das Magharda-Kloster (heute in der iranischen Provinz West-Aserbaidschan). Von dort nahm es Makar Petrosian (zu der Zeit Wardapet, von 1885 bis 1891 Katholikos) 1847 nach Etschmiadsin, wo sich der Sitz der Armenisch-Apostolischen Kirche befindet.