Die Mispel (Mespilus germanica), Echte Mispel oder Gemeine Mispel ist eine Pflanzenart der Kernobstgewächse (Pyrinae) in der Familie der Rosengewächse (Rosaceae). Sie ist ein sommergrüner Baum (genannt auch Mispelbaum) mit krummem Stamm und breiter Krone, der essbare Früchte trägt. Weitere deutsche Namen sind: Deutsche Mispel, Mispelche; Asperl, Aschperln, Hespelein; Dürgen, Dörrlitzen, Dürrlitzen; Hundsärsch, auch nespelbaum,Georg August Pritzel, Carl Jessen: Die deutschen Volksnamen der Pflanzen. Neuer Beitrag zum deutschen Sprachschatze. Philipp Cohen, Hannover 1882, S. 116 (). in der Innerschweiz Näschpli.

Beschreibung Vegetative Merkmale mini|Älterer Mispelbaum Die Mispel ist ein kleinwüchsiger, bis zu 5–6 Meter hoher, laubabwerfender Baum mit unregelmäßig geformtem Stamm, der einen Durchmesser von 20 bis 25 Zentimeter (BHD), selten bis zu 50 Zentimeter erreicht. Die Krone ist ausladend und annähernd rund. Meist sind die Bäume breiter als hoch. Die etwas raue Borke ist bräunlich-grau und blättert im Alter in kleineren Platten ab. Mispeln haben eine stark verzweigte, weitreichende und eher flache Bewurzelung.

Das Holz ist sehr hart, zerstreutporig und von feiner Textur. Das Splintholz ist weiß mit leicht rosa Tönung, das Kernholz ist bräunlich. Die Jahresringe sind gut zu erkennen. Das Verzweigungssystem ist in Lang- und Kurztriebe unterteilt, wobei nur letztere Früchte hervorbringen. Die schwach filzig behaarten Jungtriebe der Wildform tragen Dornen, die bei Kulturformen fehlen.Schütt et al.: Enzyklopädie der Laubbäume. S. 335.

Die Winterknospen sind spitz eiförmig, werden 3 bis 5 Millimeter lang und haben gekerbte, rötlichbraune, am Rand fast schwarze, aber hell bewimperte Knospenschuppen (Tegmente). Die wechselständigen, einfachen und kurz gestielten Laubblätter sind eilanzettlich bis verkehrt-eilanzettlich oder elliptisch bis lanzettlich und abgerundet bis rundspitzig oder spitz bis zugespitzt. Die Oberseite ist dunkelgrün, die Unterseite etwas heller und filzig behaart. Die Blattspreite ist 6 bis 12 Zentimeter lang und 2 bis 4 Zentimeter breit, der Blattrand ist ganz bis teils gesägt. Die Blattstiele sind kurz und haarig. Die zwei eiförmigen, haltbaren Nebenblätter besitzen eine aufgesetzte Stachelspitze und einen drüsig bewimperten Rand.

Generative Merkmale Blüten mini|Blüte mini|Mispelfrucht Die Blüten sind die normalen zwittrigen, radiärsymmetrischen Blüten mit doppelter Blütenhülle der Rosengewächse. Sie stehen einzeln an den Kurztrieben und sind auffallend groß, mit einem Durchmesser von 3 bis 5 Zentimeter. Die fünf Kelchblätter sind schmal, eilanzettlich bis pfriemlich und auf der Außen- und Innenseite behaart. Sie stehen zwischen den deutlich kürzeren Kronblättern. Die fünf freien, rundlichen Kronblätter sind weiß oder etwas rosafarben. Die 30 bis 40 freien Staubblätter besitzen gelbe bis rote Staubbeutel (Antheren). Es sind üblicherweise fünf freie bis an der Basis verwachsene Griffel vorhanden. Der mehrkammerige Fruchtknoten ist unterständig. Es ist ein Diskus vorhanden. Selbstbestäubung ist die Regel. Die deutsche Mispel blüht im Mai und Anfang Juni.Schütt, Schuck, Stimm: Lexikon der Baum- und Straucharten. 2007, ISBN 3-933203-53-8.

Früchte Die orange-braunen bis braunen Apfelfrüchte werden gegen Ende Oktober, Anfang November reif. Die Früchte sind kugelig und teils etwas abgeflacht, mit den deutlich erkennbaren langen Kelchblättern an der Spitze. Auch können Griffel- und Staubblattreste vorhanden sein. Die Früchte sind oben „offen“ und im oberen Bereich ohne Schale und nur von Diskus- und Achsengewebe bedeckt. Die Frucht ist stark von Stützgewebe (Sklerenchym) durchsetzt, was ihr den Namen „Steinapfel“ einbrachte. Die kleineren Früchte der Wildform haben einen Durchmesser von 1,5 bis 3 Zentimeter und eine Länge von 1,6 bis 2,4 Zentimeter, bei Kulturformen beträgt der Durchmesser 3 bis 6,5 Zentimeter, selten 7 bis 8 Zentimeter. Die Früchte sind mehr oder weniger behaart und feinwarzig. Es werden 2–5 runzlig-rippige, orange-braune und eiförmige, sehr harte „Steinkerne“ gebildet, die vom fleischigen Gewebe umschlossen bleiben. Sie sind bis etwa 8–10 Millimeter lang. Die kantigen Samen darin sind bis 6 Millimeter lang.Karl Tubeuf: Samen, Früchte und Keimlinge. Springer, 1891, ISBN 978-3-642-52146-1 (Reprint), S. 70.

Als Chromosomenzahl werden 2n = 32 oder 2n = 34 angegeben.Schütt et al.: Enzyklopädie der Laubbäume. S. 336.

Verbreitung und Standortansprüche Da die Mispel bereits früh kultiviert wurde, kann das natürliche Verbreitungsgebiet nicht mit Sicherheit angegeben werden. Als natürliches Areal gelten Westasien (Iran, Irak, Türkei), der Kaukasus, Turkmenistan, die Ukraine, Griechenland, Bulgarien und Italien.[ Eintrag bei GRIN] (engl., Zugriff am 4. Mai 2008). Kultiviert wurde die Art auch außerhalb ihres natürlichen Areals, so in Mittel- und Südeuropa, im Süden Englands und auf den Kanalinseln. Sie wurde auch in den USA, in Südamerika, in Nord- und Südafrika, Australien und Neuseeland angebaut. Heute werden die Mispeln zur Obstgewinnung wieder in größerem Umfang um den Vierwaldstättersee in der Innerschweiz angebaut. In Deutschland werden mehrere Mispelvorkommen durch die Stadt Heidelberg in einem Erhaltungsprogramm gefördert. Die Mispel entwickelt sich am besten unter temperaten und submediterranen Klimabedingungen. Sie stellt nur geringe Standortansprüche und kann unter günstigen Bedingungen alt werden. Es sind mehrere über 70 Jahre alte Bäume bekannt, in England auch über 300 Jahre alte Bäume. Als für das Wachstum günstige Lufttemperaturen werden 18 bis 20 °C genannt, Kälte von bis zu −20 °C wird vertragen. Spätfröste richten kaum Schaden an. In Italien wächst die Wildform in Gebieten mit Jahresniederschlägen von 700 Millimeter in Höhen von 0 bis 1100 Metern. Die Art wächst auf verschiedenen Böden, sofern der pH-Wert zwischen 6 und 8 liegt, sie wächst aber meist auf kalkarmen Böden und bevorzugt frische, gut drainierte Lehmböden.Schütt et al.: Enzyklopädie der Laubbäume. S. 337. Sie gedeiht hauptsächlich in Gesellschaften der Ordnung Prunetalia, kommt aber auch in Gesellschaften der Verbände Carpinion oder Quercion roboris-petraeae vor.

Die ökologischen Zeigerwerte nach Landolt & al. 2010 sind in der Schweiz: Feuchtezahl F = 2 (mäßig trocken), Lichtzahl L = 3 (halbschattig), Reaktionszahl R = 3 (schwach sauer bis neutral), Temperaturzahl T = 4+ (warm-kollin), Nährstoffzahl N = 3 (mäßig nährstoffarm bis mäßig nährstoffreich), Kontinentalitätszahl K = 2 (subozeanisch).

Vermehrung Die Wildformen vermehren sich generativ, die Samen bleiben 18 bis 20 Monate keimfähig. Sie werden durch Vögel und Eichhörnchen verbreitet, wahrscheinlich auch durch Rehe und Wildschweine. Kulturformen werden durch Okulation und durch Pfropfen auf verschiedenen Unterlagen wie Weißdorne, Birnen, Quitten, Ebereschen vermehrt.

Pflanzenkrankheiten Die Mispel wird nur selten von Krankheiten befallen oder von Insekten geschädigt. In Plantagen können die Larven der blattminierenden Schmetterlingsart Lithocolletis blancardella Schäden anrichten. Der Pilz Monilinia fructigena (nach der Nebenfruchtform besser bekannt als Monilia) ruft Fruchtfäule hervor, der Mehltau-Erreger Podosphaera clandestina führt zum Welken von Blättern und Knospen. Die Mispel ist anfällig gegen Erwinia amylovora, den Erreger des Feuerbrands.

Systematik Die Gattung Mespilus wurde lange Zeit, und heute wieder, als monotypisch angesehen. Im zwanzigsten Jahrhundert wurde in Arkansas (USA) eine vermutete zweite Art gefunden und Mespilus canescens benannt.J.B.Phipps: Mespilus canescens a new Rosaceous endemic from Arkansas. Systematic Botany 15, 26–32, 1990 (Zitiert nach Schuck et al.: Enzyklopädie der Laubbäume). Später stellte sich heraus, dass es sich um eine spontane Gattungs-Hybride zwischen eingeführten Mispeln aus Europa und einer amerikanischen Weißdornart handelte, sie wurde daraufhin, vom Erstbeschreiber selbst, in die Nothogattung xCrataemespilus transferiert und Crataemespilus x canescens benannt.James Phipps (2016): Studies in Mespilus, Crataegus, and ×Crataemespilus (Rosaceae), I. differentiation of Mespilus and Crataegus, expansion of ×Crataemespilus, with supplementary observations on differences between the Crataegus and Amelanchier clades. Phytotaxa 257 (3): 201–229. doi:10.11646/phytotaxa.257.3.1.

Nach phylogenomischen Untersuchungen, bei denen die Verwandtschaft anhand des Vergleichs homologer DNA-Sequenzen ermittelt wird, ist die Mispel nächstverwandt zur Gattung Weißdorn (Crataegus). Ihre genaue Position und ihr Schwestergruppenverhältnis sind noch umstritten, sie steht aber in jedem Falle sehr basal in der gemeinsamen Klade, möglicherweise mit allen Weißdornen als Schwestergruppe. Möglich wäre aber auch ein Schwestergruppenverhältnis zur nordamerikanischen Weißdornart Crataegus brachyacantha.Eugenia Y. Y. Lo, Saša Stefanovič, Knud Ib Christensen, Timothy A. Dickinson: Evidence for genetic association between East Asian and western North American Crataegus L. (Rosaceae) and rapid divergence of the eastern North American lineages based on multiple DNA sequences. In: Molecular Phylogenetics and Evolution. 51, 2009, 157–168, doi:10.1016/j.ympev.2009.01.018. Nach einer darauf begründeten, immer noch umstrittenen, Auffassung wäre die Mispel einfach eine weitere Weißdornart, dann Crataegus germanica (L.)K.Koch, in der (monotypischen) Sektion Mespilus.Eugenia Y. Y. Lo, Saša Stefanovič, Timothy A. Dickinson: Molecular Reappraisal of Relationships Between Crataegus and Mespilus (Rosaceae, Pyreae)—Two Genera or One? In: Systematic Botany. 32(3), 2007, 596–616, doi:10.1600/036364407782250562. Mespilus ist morphologisch sehr ähnlich zu verschiedenen Arten der artenreichen und vielgestaltigen Gattung Crataegus. Differenzierende Merkmale sind: Früchte braun (nicht rot, schwarz oder gelb), Blüten und Früchte viel größer, Blütenstände in der Regel immer einblütig, Kerne in der reifen Frucht vom Gewebe des Blütenbechers vollständig umhüllt.

Innerhalb der Art Mespilus germanica werden 23 Taxa unterschieden. Darunter die Varietäten: Mespilus germanica var. gigantea mit sehr großen Früchten Mespilus germanica var. abortiva mit Früchten ohne Samen Mespilus germanica var. argenteo-variegata mit weiß panaschierten Blättern als Zierpflanze Mespilus germanica var. aureo-variegata mit gelb panaschierten Blättern als Zierpflanze und die Sorten: Dutch Medlar, Common Medlar mit besonders großen Früchten (etwa um 1800) Early Medlar mit früh reifenden, hochwertigen Früchten (etwa um 1800) Royal, eine sehr ertragreiche Sorte. Seedless mit samenlosen Früchten geringer Qualität

Etymologie „Mispel“ (mittelhochdeutsch mespel / mispel geht über althochdeutsch mespila auf lateinisch mespilum zurück, das auf griechisch méspilon beruht.Friedrich Kluge, Alfred Götze: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 20. Auflage. Hrsg. von Walther Mitzka. De Gruyter, Berlin / New York 1967; Neudruck („21. unveränderte Auflage“) ebenda 1975, ISBN 3-11-005709-3, S. 481. Der lateinische Gattungsname Mespilus wurde unter anderen von Plinius dem Älteren (23–79 n. Chr.) und Palladius (4. Jh. n. Chr.) verwendet, der genaue Anweisungen zur Kultur der Mispel in Opus agriculturae anführt. Bei den Griechen wurde der Baum mespile, die Frucht mespilon genannt. Sie wurde unter anderen von Theophrastos (371–287 v. Chr.) und Dioscurides (1. Jh. n. Chr.) erwähnt. Der Ausdruck ist jedoch in beiden antiken Sprachen ein Fremdwort unbekannter Herkunft.Helmut Genaust: Etymologisches Wörterbuch der botanischen Pflanzennamen. Birkhäuser, Basel/Stuttgart 1976, ISBN 3-7643-0755-2, S. 383 (3. Auflage ISBN 3-937872-16-7).